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Genozid und Gedenken

Genozid und Gedenken

Namibisch-deutsche Geschichte und Gegenwart
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Herausgeber: Henning Melber
Verlag: Brandes & Apsel
Frankfurt am Main, 2005
Broschur, 15x21 cm, 208 Seiten


Verlagsankündigung:

1904 begann im damaligen »Deutsch-Südwestafrika«, dem heutigen Namibia, ein Vernichtungsfeldzug gegen Teile der einheimischen Bevölkerung, die sich gegen die deutsche Fremdherrschaft gewehrt hatten. Ein Jahrhundert danach setzen sich die Beiträge dieses Bandes aus europäischer nachkolonialer und kolonialismuskritischer Perspektive mit diesem ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts anhand verschiedener Themenschwerpunkte auseinander.

Historiker, Politikwissenschaftler, Soziologen und Juristen rekapitulieren die geschichtlichen Ereignisse und hintertragen Formen des Umgangs mit dem kolonialen Genozid in Namibia und Deutschland. Dieser Erinnerung und Aufarbeitung eines unerledigten (geschweige denn bewältigten) Kapitels deutscher und namibischer Geschichte kommt tagespolitische, soziokulturelle Bedeutung in beiden Gesellschaften zu.

Die inhaltliche Auseinandersetzung rührt an Identitäten und fordert zu deren selbstkritischer Prüfung heraus. Ein Beitrag zur aktuellen Standortsuche und -bestimmung der deutsch-namibischen Beziehungen im Schatten kolonialer deutscher Altlast.


Rezensionshinweis:

Allgemeine Zeitung:
Eberhard Hofmann: Genozid-These findet Niederschlag


Inhalt:

Vorwort

Henning Melber
Ein deutscher Sonderweg?
Einleitende Bemerkungen zum Umgang mit dem Völkermord in Deutsch-Südwestafrika

Jürgen Zimmerer
Rassenkrieg und Völkermord
Der Kolonialkrieg in Deutsch-Südwestafrika und die Globalgeschichte des Genozids

Reinhart Kößler
Im Schatten des Genozids
Erinnerungspolitik in einer extrem ungleichen Gesellschaft

Jan-Bart Gewald / Henning Melber
Genozid, Herero-ldentität(en) und die Befreiungsbewegung an der Macht

Janntje Böhlke-ltzen
Die bundesdeutsche Diskussion und die Reparationsfrage
Ein »ganz normaler Kolonialkrieg«?

Malte Jaguttis
Koloniales Unrecht im Völkerrecht der Gegenwart

Christoph Marx
Entsorgen und Entseuchen
Zur Diskussionskultur in der derzeitigen namibischen Historiographie - eine Polemik

Joachim Zeller
Genozid und Gedenken
Ein dokumentarischer Überblick

Literaturgesamtverzeichnis
Autorenverzeichnis


Vorwort von Henning Melber:

[…] Vor über zehn Jahren (1994) formierte sich in Namibias Hauptstadt Windhoek innerhalb der deutschsprachigen Minderheit ein ob seiner politischen Vielfalt und Breite ungewöhnliches ad hoc Bündnis, das als »Reiterinitiative« bekannt und zum feststehenden Begriff wurde. Es setzte sich aus Personen des öffentlichen Lebens zusammen, die nahezu das gesamte institutionalisierte gesellschaftspolitische Spektrum innerhalb der deutschen Sprachgruppe im Lande (mit Ausnahme des »rechten Randes«) verkörperten. Zielsetzung der Initiative war die Ergänzung des Reiterdenkmals, das in ungebrochen verherrlichender Mythologisierung über den in einem Tal liegenden Innenstadtbereich wacht und an die Zeiten der kolonialen Unterwerfung der Bevölkerung durch die deutschen Schutztruppen erinnert. Das Monument ist auch heute noch ein markantes Geschichtssymbol und wesentliches visuelles Element zur Illustration des deutschen Erbes im Lande. Es ist beliebtes Ausflugsziel und Motiv insbesondere für die zahlreichen Touristen aus Übersee, die bei dessen Anblick nicht allzu selten in der irrigen, nostalgisch-verklärenden Erinnerung an »gute alte Zeiten« des deutschen Kaiserreichs schwelgen.

Kaum jemand unter den Touristen wie Einheimischen weiß darum, dass dieser Reiter ein Novum in der deutschen Denkmalsgeschichte darstellt, insofern er erstmals einen gewöhnlichen Soldaten in dieser Positur darstellt (bis dahin war die Abbildung zu Pferde ausschließlich ein Herrscherprivileg) und somit nachgerade eine »demokratische Errungenschaft« dokumentiert. Viele unter denen, die sich vor diesem Standbild photographisch ablichten lassen, sind sich auch nicht darüber im klaren (oder wollen sich nicht eingestehen), dass der wackere Reitersmann vermeintlich zivilisatorische Leistungen würdigt, die den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts zum Ergebnis hatten und billigend in Kauf nahmen.

Auch unter den Initiatoren der »Reiterinitiative« war die Meinung über die historischen Bezüge und deren Einordnung alles andere als einheitlich und die hier vertretene Auslegung wäre in ihrer Eindeutigkeit auf vehemente Gegenrede der meisten Beteiligten gestoßen. Einigkeit bestand unter den diversen Meinungsträgern aber in dem einen Punkt, dass der allzu offensichtliche Anachronismus des Standbildes mit der Aufgabe einer Neubestimmung und Standortsuche des lokalen »Deutschtums«, das dem Versöhnungsgedanken im nachkolonialen Namibia gerecht zu werden trachtet, kollidiert.

Also einigten sich die Initiatoren auch namens der von ihnen vertretenen kulturpolitischen Organisationen darauf, die zeitgeschichtlichen und gesellschaftspolitischen Veränderungen durch die Ergänzung des Denkmals aus heutiger Perspektive zu dokumentieren. Dies sollte durch die Platzierung eines naturbelassenen Felsens in die unmittelbare Nähe des Monuments geschehen. Eine darauf befestigte Schrifttafel sollte den folgenden Text (auch in englischer Übersetzung) den künftigen Besuchern des Reiterdenkmals als von den deutschsprachigen Landesbewohnern verfasste gemeinsame Grundposition dokumentieren:

»Als Beteiligte und Erben von über hundert Jahren neuerer Landesgeschichte gedenken wir im Geiste der Versöhnung aller Opfer kriegerischer Auseinandersetzungen von Beginn der Kolonisierung bis zur staatlichen Selbständigkeit. Als Bürger dieses Landes wissen wir uns verpflichtet, die friedliche Zukunft unserer Heimat Namibia in Gerechtigkeit und Freiheit gemeinsam zu gestalten.«

Dieses Bekenntnis sollte als kleinster gemeinsamer Nenner der Initiativgruppe daran erinnern, dass Namibias neuere Geschichte alles andere als ein friedliches Idyll war. Trotz der relativ vagen (und damit zugleich auch relativ weit gehenden) Bezugnahme auf Gewalt und die Distanzierung von dieser als Form der Auseinandersetzung, gab es in der deutschsprachigen Minderheit wenige aber lautstarke reaktionäre Stimmen, die das als Verhöhnung der Pionierleistungen ihrer Vorväter und -mütter empfanden und sich dem Ansinnen widersetzten, diese Initiative als Geste der Versöhnung zu unterstützen. Dessen ungeachtet führte die spontane und überwältigende Zustimmung der Mehrheit dieser Bevölkerungsgruppe dazu, dass eine entsprechende Spendenkampagne bereits innerhalb weniger Wochen die keinesfalls unerheblichen Gelder zur Finanzierung des Vorhabens aufbrachte.

Der Verwirklichung der - trotz Widerständen und hitzigen Diskussionen sowie z.T. massiver Kritik von politisch unterschiedlichen Seiten - unerwartet erfolgreichen Initiative stand nunmehr nur noch die offizielle Zustimmung des nationalen Denkmalrates im Wege. Scheinbar eine Formsache. Doch ein offizieller und endgültiger Bescheid ließ trotz mehrfacher und hartnäckiger Nachfragen nahezu zehn Jahre auf sich warten.

Erst zum Jahresende 2004, zu einer Zeit als sich der Beginn des Völkermords zum hundertsten Male gejährt hatte und das Thema die Gemüter mehr denn je zuvor bewegte, wurde das Ansinnen mit der Begründung abgelehnt, dass aus prinzipiellen Erwägungen keinerlei Änderungen an bestehenden historischen Monumenten genehmigt werden könnten. Nach wie vor blickt so der Schutztruppenreiter zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Bandes uneingeschränkt hegemonial über die Windhoeker Innenstadt, durch die inzwischen nicht mehr die Kaiserstraße, sondern die Independence Avenue führt. Dem Gedenken an den Genozid vor einem Jahrhundert ist also die Gestaltung des öffentlichen Raumes in diesem konkreten und besonders prominenten Fall nicht einmal in der angeregten bescheiden-indirekten Form näher gekommen.

Demgegenüber vollzog sich in relativer Nähe zum Reiterstandbild, ein paar hundert Meter die Robert-Mugabe-Avenue entlang (die bis Mitte der 1990er Jahre nach Theodor Leutwein, dem ersten kaiserlichen Gouverneur Deutsch-Südwestafrikas benannt war) ein demonstrativ sichtbarer Wandel in der Wahrnehmung des kolonialherrschaftlichen Symbols. Auf der großflächigen Fassade der Seitenwand einer Theaterschule nahm sich ein Maler die künstlerische Freiheit, den Schutztruppenreiter explodierend und in Bruchstücken durch die Luft fliegend abzubilden sowie an dessen Stelle ein weißes Kaninchen auf den Denkmalssockel zu setzen. Passanten können nunmehr binnen kurzer Frist die Deutung von historischen Ereignissen im zur Ende der deutschen Kolonialzeit errichteten, zeitgenössischen, verklärend-distanzlosen Original und der spielerischen Perspektive darauf aus heutiger Sicht rechts und links einer zentralen Wegführung durch die Hauptstadt der einstigen deutschen Kolonie gewahr werden. Dass die Titelgestaltung des vorliegenden Bandes den Schutztruppenreiter in den fiktiven Einzelteilen der letzteren Version abbildet, ist selbstverständlich kein Zufall.

Seine Entstehung verdankt dieses Buch einer Konferenz, die im Oktober 2004 gemeinsam vom Nordischen Afrikainstitut in Uppsala und der Germanistik-Abteilung der Süddänischen Universität auf dem Campus in Odense zum Thema »Völkermord und Kolonialliteratur - Historische, völkerrechtliche und literarische Aspekte deutscher Kolonialherrschaft in Südwestafrika« veranstaltet wurde. Fast alle Autoren des vorliegenden Bandes fanden sich dort zu anregenden Diskussionen zusammen und setzten die Befassung mit dem Thema in die folgenden Beiträge um. Damit wird das Ziel verfolgt, die hundertjährige Wiederkehr des kolonialen Völkermords aus heutiger Perspektive zum Anlass vertiefter Auseinandersetzung mit einem unerledigten Kapitel deutscher und namibischer Geschichte zu nehmen. Wir reklamieren dabei weder Neutralität noch Unparteilichkeit, sondern das genaue Gegenteil:

Engagement und Betroffenheit, die dazu führen, uns mit einem Thema auseinander zu setzen, das auch noch ein Jahrhundert nach den historischen Ereignissen mehr mit uns selber zu tun hat, als uns zumeist bewusst ist. Wir führen diese Auseinandersetzung geleitet von unserer europäisch geprägten Perspektive und zuvorderst für uns selber, um Vergangenheit in der Gegenwart der Zukunft willen zu bearbeiten. Eine Stellvertreterfunktion für anders von den Folgen der Geschehnisse Betroffene maßen wir uns dabei nicht an. […]


Die Autorinnen und Autoren:

Janntje Böhlke-ltzen
(geb. 1978) studierte Sozialökonomie in Ham burg und schloss 2003 als Diplom-Sozialwirtin mit einer als Buch veröffentlichten Arbeit zur aktuellen Auseinandersetzung um den Völkermord in Deutsch-Südwestafrika ab. Im Rahmen eines Master-Studiengangs Internationale Beziehungen in Berlin und Potsdam absolvierte sie 2005 ein Auslandsstudium in Kapstadt.

Jan-Bart Gewald
(geb. 1963) studierte Geschichte und Politikwissenschaften an der Rhodes Universität in Grahamstown/Südafrika und der Universität Legon in Ghana. Er arbeitet als promovierter Historiker am African Studies Centre in Leiden/Niederlande u.a. mit den Forschungsschwerpunkten Genozid und Kolonialgeschichte, derzeit zu Transport und Mobilität in Sambia. Zahlreiche einschlägige Veröffentlichungen, insbesondere zum Südlichen Afrika, der kolonialen Gesellschaft Namibias und den Herero. Er ist stellvertretender Geschäftsführer des European Network of Genocide Scholars (EnoGS).

Malte Jaguttis
(geb. 1976) studierte Rechts- und Geschichtswissenschaft in Hamburg und war Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes. Derzeit arbeitet er als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Internationale Angelegenheiten der Universität Hamburg. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Völkerrecht sowie im deutschen Verfassungs- und Verwaltungsrecht.

Reinhart Kößler
(geb. 1949) studierte Soziologie, Osteuropäische Geschichte, Ethnologie und Chinakunde in Heidelberg, Leeds und Münster. Er ist promovierter und habilitierter Soziologe und api. Professor in Soziologie an der Universität Münster. Seit Gründung 1980 ist er Redaktionsmitglied der »Peripherie - Zeitschrift für Politik und Ökonomie in der Dritten Welt«. Zahlreiche Veröffentlichungen u.a. zu sozioökonomischer Entwicklungstheorie, Marx’scher Theorie, politischer Soziologie und der Region des Südlichen Afrika

Christoph Marx
(geb. 1957) studierte in Freiburg i. Br. Geschichte und Musikwissenschaft. Er ist promovierter und habilitierter Historiker und Professor für außereuropäische Geschichte an der Universität Duisburg/Essen. Er arbeitet insbesondere zur Region Südliches Afrika. Seit 2003 gibt er die Zeitschrift »Periplus. Jahr buch für außereuropäische Geschichte« heraus. Zahlreiche Veröffentlichungen zu afrikanischer und insbesondere südafrikanischer Geschichte

Henning Melber
(geb. 1950) studierte an der FU Berlin. Er promovierte und habilitierte in Bremen in Politische Wissenschaften bzw. Entwicklungssoziologie. Von 1992 bis 2000 leitete er die Namibian Economic Policy Research Unit (NEPRU) in Windhoek und ist seither Forschungsdirektor am Nordiska Afrikainstitutet in Uppsala/Schweden. Zahlreiche Veröffentlichungen insbesondere zu Namibia und der Geschichte des Rassismus bzw. Fragen internationaler Solidarität. Er ist Vize-Präsident des European Network of Genocide Scholars (EnoGS).

Joachim Zeller
(geb. 1958) studierte Geschichte, Kunst und Deutsch in Berlin und Frankfurt a. M. Er ist promovierter Historiker und lebt in Berlin, wo er sich der Forschung kolonialhistorischer Themen widmet. Zahlreiche Veröffentlichungen, insbesondere zur kolonialen Denkmal- und Fotogeschichte.

Jürgen Zimmerer
(geb. 1965) studierte Geschichte, Politikwissenschaft und Germanistik in Regensburg, Oxford und Freiburg i. Br. und ist promovierter Historiker. Seit 2005 ist er Lecturer für Internationale Geschichte an der Universität Sheffield. Zu seinen Arbeits- und Publikationsschwerpunkten gehören die deutsche Kolonialgeschichte in Südwestafrika sowie andere Formen kolonialer Massengewalt, der Zusammenhang von Kolonialismus und Nationalsozialismus sowie Vergangenheits- und Erinnerungspolitik in globaler Perspektive. Er ist Präsident des European Network of Genocide Scholars (ENoGS) und Mitherausgeber des »Journal of Genocide Research«.