Untertitel: Originalbericht zur Geschichte des Herero-Aufstandes in Deutsch-Südwestafrika Autorin: Else Sonnenberg Neuauflage des 1905/06 erschienenen gleichnamigen Buches Verlag: Uwe Krebs Wendeburg, 2004 Broschur, 15x21 cm, 124 Seiten, 11 sw-Abbildungen Else Sonnenberg hat 1905 mit ihrem Buch durch wahrheitsgetreue Schilderungen ein Bild von dem Leben in der damaligen deutschen Kolonie Südwestafrika entworfen. Und das nicht auf Grund langjähriger Erfahrungen im Lande und mit den Einheimischen, sondern an Hand einer Reihe der wechselvollsten Ereignisse, wie sie sie in kurzer Zeit, nämlich während ihrer ersten Reisen durch das damalige Schutzgebiet, ihrer glücklichen Tage am Waterberg und bald darauf während des schreckenvollen Aufstandes, dort durchlebte. Sie schildert als Augenzeugin auch die vielen Zeichen, die dem Aufstand, der ihren Mann schließlich das Leben kostete, vorangegangen sind. Trotz alledem sieht sie bei allem auch das Gute im Menschen. Sie hat daher ein einzigartiges Zeitdokument geschaffen, das nun nach 100 Jahren in einer Neuauflage erschienen ist.
Als Ergänzung zu diesem Buch ist die Veröffentlichung „Das Schicksal der Else Sonnenberg im Herero-Aufstand" von Otto Pfingsten gedacht. Es ist eine Zusammenfassung der Ereignisse am Waterberg, bei der die Geschichte der Missionsarbeit, die Ankunft der ersten Händler und die Umstände, die später zum Aufstand geführt haben, behandelt werden. Dabei wird immer wieder der Bogen zu Else Sonnenberg gespannt. Zusätzlich wird die Berichterstattung durch die damalige Braunschweigische Landeszeitung dokumentiert. Außerdem erfährt man persönliches aus dem Leben der Autorin des Buches „Wie es am Waterberg zuging". Angefangen mit ihrer Kindheit, über ihre Erlebnisse in Afrika bis hin zu ihrem Lebensabend in Wendeburg. Bereichert wird das Ganze durch umfangreiches Fotomaterial und vor allen durch Landkarten, auf denen sich die Orte des Geschehens finden.
Else Täger wanderte aus, um ihr Glück in der Fremde zu finden. Vier Jahre wartete sie auf ihren Verlobten, der sich im fernen Deutsch-Südwestafrika ein neues Leben aufbaute. Dann 1902, war das von ihr Langersehnte wahr geworden, Gustav Sonnenberg war nach Deutschland gekommen, um seine Braut zu heiraten und in die Ferne zu führen. Else Sonnenberg war nicht unvorbereitet in dieses neue Leben gegangen. Mit großem Eifer war alles und jegliches von ihr aufgenommen worden, was er in seinen Briefen über das Land seiner Tätigkeit geschrieben hatte. Bestimmt hatte sie alles gelesen, was sie über diese deutsche Kolonie finden konnte.
Die Sonnenbergs waren nicht die Einzigen, die in der Fremde ihr Glück suchten. Allein zwischen 1884 und 1894 wanderten 1.109.389 Deutsche in alle Welt, vornehmlich in die Vereinigten Staaten von Amerika, aus. Schon bald nach der Reichsgründung 1871 wurde der alte Gedanke, die Auswanderung in nationale Bahnen, d.h. in eigene Kolonien zu lenken, wieder aufgenommen und durch kolonial-agitatorische Gesellschaften wie die Deutsche Kolonialgesellschaft (DKG) im Deutschen Reich verbreitet. Die Kolonialgesellschaften nahmen für sich in Anspruch, Wegbereiter für die Kolonialpolitik Bismarcks gewesen zu sein. Die seit 1884 von Deutschland besetzten Kolonialgebiete eigneten sich zwar nicht für die Massenauswanderung, zogen aber jene an, die für einige Zeit im Ausland leben und arbeiten wollten. So sind viele, die in den Statistiken als Auswanderer geführten wurden, lediglich Staatsbürger, die sich für eine bestimmte Zeit in den deutschen Schutzgebieten aufgehalten haben.
Die Sonnenbergs hatten eine Auswanderung nach Deutsch-Südwestafrika geplant. Sie wollten sich unter dem Kreuz des Südens eine neue, dauerhafte Existenz aufbauen. Am besten eine eigene Farm zur Rinderzucht. Für sie war Deutschland zu eng geworden. Die verbesserten hygienischen Verhältnisse hatte die Kindersterblichkeit stark zurückgedrängt. Die Bevölkerung im Deutschen Reich hatte um 1900 einen Zuwachs von 1,32 % pro Jahr. Gleichzeitig wurden durch die Mechanisierung der Landwirtschaft unzählige Menschen freigesetzt und durch die entstehenden Industrien aufgesogen. Die wuchernde Bürokratisierung im föderalen Deutschen Reich schränkte die Entfaltungsmöglichkeiten des Einzelnen ein. Wer sein Leben nicht vollständig anpassen wollte, wer seine persönliche Entscheidungsfreiheit behalten wollte und wer seines eigenen Glückes Schmied sein wollte, der wanderte aus. In Deutsch-Südwestafrika angekommen, lebten die Sonnenbergs in bescheidenen Verhältnissen, bis sie sich, relativ schnell am Waterberg selbständig machen konnten. Mit einem Store, einem Tante-Emma-Laden für die in der Region lebenden Europäer und Herero, war der erste Schritt zu einer eigenen Farm getan. Die wenigen Europäer, Missionare, Schutztruppensoldaten und Händler, lebten dort zusammen mit ihren Herero-Angestellten.
Die Herero waren um 1750 als Siedler mit ihren Rindern in das spätere Zentralnamibia eingewandert. Sie hatten die dort lebenden Ureinwohner, San und Damara, unterworfen und dienstpflichtig gemacht. Als Hirtenvolk lebten sie von und für ihre Rinder. Die politische Organisation war feudal und patriarchalisch. Der rinderreichste Herero wurde als Oberhaupt anerkannt. In der zeitgenössischen Literatur werden die Herero pauschal als hochmütig, geizig und anmaßend bezeichnet. Habgier und der Hang zur Unwahrhaftigkeit waren Eigenschaften, die ihnen unterstellt wurden. Else Sonnenberg unterläuft dieser Fehler nicht. Sie sieht den einzelnen Menschen und beurteilt ihn nach ihren eigenen Erfahrungen.
Auch die Europäer behandelten ihre Angestellten, der Zeit gemäß patriarchalisch. Sie belehrten, erzogen und straften sie, wie sie es aus Deutschland kannten. Reinlichkeit und gutes Benehmen, Pünktlichkeit und Höflichkeit, Beten und Arbeiten waren die erzieherischen Ziele der Europäer. Und die Herero paßten sich an ihre neuen Dienstherren an, vielleicht nur äußerlich, denn wer Nahrung hat, der konnte in diesem trockenen Land Befehle erteilen.
So kommt der Aufstand für die weißen Siedler am Waterberg überraschend. Einige wenige Führer der Herero lassen die Morde ausführen, die besitzlosen Herero nutzen die Stunde, um zu nehmen, was der ehemalige Dienstherr hinterlassen hat. Neben Mord und Plünderung gibt es auch Treue und Unterstützung. Ihre Dienstmädchen bringen sie vor dem plündernden Mob in Sicherheit.
Else Sonnenberg beschreibt diese Vorgänge aus eigenem Erleben. Sie verdammt nicht das ganze Volk der Herero, sondern sie unterscheidet nach schuldig und unschuldig. Richtig erkennt sie: „Die Treuen müssen leiden um der Sünden der Ungetreuen, ob sie schwarz oder weiß sind". Über die Verurteilung und Hinrichtung des Mörders ihres Mannes durch ein Kriegsgericht berichtet sie emotionslos und aus der Distanz, so wie sie zum Schluß über die Schicksale ihrer Leidensgenossen und Freunde schreibt. Für sie war dieses Buch eine Befreiung, mit der sie sich die Last von der Seele geschrieben hat. Und mit dem letzten Absatz endete für sie ein Kapitel ihres Lebens, in dem sie, wie sie schreibt, unendlich viel verloren hat. |