Springe zum Hauptinhalt »

Seiten durchsuchen

0 Artikel, 0,00 €
zum Warenkorb »

Your Shopping cart is empty.

 

Kritische Traditionen

Kritische Traditionen

Afrika. Philosophie als Ort der Dekolonisation
Lölke, Ulrich
al0507
neu

sofort lieferbar

22,80 €
inkl. 7% MwSt., zzgl. Versandkosten

Untertitel: Afrika. Philosophie als Ort der Dekolonisation
Autor: Ulrich Lölke
Reihe: Denktraditionen im Dialog: Studien zur Befreiung und Interkulturalität, Band 10
IKO-Verlag
Frankfurt, 2001
Broschur, 15x21 cm, 250 Seiten


Verlagsankündigung:

Die Gewalt, die die Geschichte der Beziehungen Europas zu Afrika von Beginn an prägt, spiegelt sich im Denken insbesondere der abendländischen Philosophie wider. Im westlichen Diskurs ist Afrika Stellvertreter einer radikalen Differenz, des ganz Anderen. Es symbolisiert in seiner "abnormalen Differenz die Identität des Eigenen" (V. Y. Mudimbe). Wie reagiert die Philosophie in Afrika auf ein Denken, daß die eigene Wahrnehmung so nachhaltig beeinflußt hat?

Welche unterschiedlichen Perspektiven auf die europäische Geistesgeschichte wurden entwickelt und welche Auswege aus der damit verbundenen epistemologischen Falle gefunden? Mit welchen Mitteln läßt sich die für die afrikanische Entwicklung so fatale Dichotomie von Tradition und Moderne auflösen?


Aus der Einleitung des Autors:

Vor wenigen Jahren war in einer „Zeitschriften für europäisches Denken" zu lesen: „Sie heißen Kagame, Towa, Ntumba, Mbiti, Oruka, Bodunrin, Hountondji, Sodipo, Wiredu oder Nkrumah. Sie stellen Theorien auf, schreiben Bücher, lehren an Universitäten, diskutieren auf Symposien in aller Welt. Sie stammen aus Ghana, Nigeria, Benin, Zaire, Senegal, Kenia und Ruanda. ... Sie verstehen sich als afrikanische Philosophen. Sie wollen Gott und die Welt und vor allem sich selbst unter neuen Blickwinkeln sehen."

Dies ist offenbar der Stil in dem in Deutschland die philosophischen Debatten des afrikanischen Kontinents rezipiert wurden. Ein Stil der seine eigene Geschichte hat und sich nicht bemühen muß diese zu verbergen. Der
Autor kommt zu dem abschließenden Urteil: „Inhaltlich aber, substantiell, ist so etwas wie afrikanische Philosophie nicht in Sicht, nicht einmal, wenn man den ohnehin nachgiebigen Philosophiebegriff ins Beliebige ausdehnt." (ebd., S. 341).

Warum wird in Deutschland das Denken und Wissen, das in anderen Kulturen auf anderen Kontinenten entsteht und entstanden ist, so verschwommen wahrgenommen, auf diese Weise abgewertet und häufig in den Bereich der Folklore abgetan? Woher bezieht das abendländische Denken seinen hegemonialen Anspruch auf das Gebiet der Vernunft? Die historische Blockade in der europäischen Philosophiegeschichte wird der Geist als ein geschlossener Strom wahrgenommen, der im antiken griechischen Denken seinen Ursprung hat und seitdem einen Prozeß der Aufklärung vollzieht. Dabei befindet er sich auf einer Wanderung von Osten nach Westen.

Von anderen wird die Antike als die Vollendung eines Denkens verstanden und ihre weitere Geschichte als ein Prozeß der Interpretation dieses Denkens. So etablierte sich das Bild einer Philosophie, die sich auf bestimmte Begriffe und Methoden konzentriert und ihre Wahrnehmung auch regional, also auf das Gebiet des Okzidents, beschränkt.

Die beiden angedeuteten abendländischen Traditionen haben eine gemein same Voraussetzung. Sie nehmen an, daß es einen Ursprung ihres Denkens gibt, der nach rückwärts nicht überschritten werden kann. Im weiteren trennen sich ihre Ansichten. Die einen glauben an eine fortschreitende Geschichte, die in ihrer Entwicklung zu einem qualitativen sowie quantitativen Erkenntniszuwachs führt.

Der zugrunde liegende lineare Geschichtsbegriff macht sich dabei selbst zum Maßstab anderer Entwicklungen. Vertreter der zweiten Position bestreiten diese für sie nicht plausibel belegbare Annahme einer Vermehrung und Verbesserung unseres Wissens und bestehen statt dessen auf einer jeweiligen Neuinterpretation eines unveränderlichen Weisheitskernes. Beide Strömungen haben eine Gemeinsamkeit. Sie lokalisieren den Ursprung ihres Denkens zeitlich und räumlich. Damit stehen sie in einer kontinuierlichen, ununterbrochenen Selbstinterpretation. Sie sind in einem Diskurs mit sich selbst und sind einem Denken eines sich selbst Gleichen verhaftet.

Dieser „Solipsismus“ basiert historisch auf der dem abendländischen Denken wichtigen Annahme eines nach rückwärts nicht überschreitbaren Ursprunges. Dabei ignoriert die abendländische Philosophie nicht nur ihre eigenen Wurzeln in den afrikanischen Kulturen, vermittelt über die antiken Hochkulturen am Nil, nicht nur den arabischen Einfluß, ohne den Aristoteles in Europa vielleicht unbekannt geblieben wäre, sondern genauso konsequent ihre Wurzeln in den Kulturen, die vom römischen Imperium in Mittel- und Nordeuropa kolonisiert worden sind. Erst die Krisen des abendländischen Denkens und ihre Auswirkungen im zwanzigsten Jahrhundert haben die Grenzen und Horizonte wissenschaftlicher Diskurse neu öffnen können. Hier steht an erster Stelle, den Blick auf außereuropäische Traditionen neu zu bewerten.

Der senegalesische Philosoph und Historiker Cheik Anta Diop verletzte den Mythos eines voraussetzungslosen Denkens in den 1950er Jahren mit der Frage, aus welchen Quellen die griechische Philosophie schöpfe. Daß unter anderen die ägyptischen Philosophen die geistigen Väter und Mütter der griechischen Antike sind, steht heute nicht mehr in Frage. Daß die Gebiete um den Nil auch schon vor 2500 Jahren auf dem afrikanischen Kontinent lagen, scheint doch manchmal in Frage gestellt zu sein. Man wollte den heute für die Afrikastudien bedeutenden Forscher mit seiner These vom schwarzafrikanischen Einfluß auf das antike Ägypten in Frankreich nicht promovieren. Europa versuchte seinen exklusiven Anspruch auf das Denken aufrechtzuerhalten. Bruno Snell formulierte etwa zeitgleich programmatisch:

“Unser europäisches Denken hebt an bei den Griechen, und seitdem gilt es als die einzige Form des Denkens überhaupt...Die Griechen haben...was wir Denken nennen erst geschaffen."

Unklar bleibt, warum diese creatio ex nihilo nicht „hinterfragbar" ist. [...]