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Bausteine eines zukünftigen deutschen Mittelafrika

Bausteine eines zukünftigen deutschen Mittelafrika

Deutscher Imperialismus und die portugiesischen Kolonien
Tschapek, Rolf Peter
50015
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Untertitel: Deutscher Imperialismus und die portugiesischen Kolonien. Deutsches Interesse an den südafrikanischen Kolonien Portugals vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis zum ersten Weltkrieg
Autor: Rolf Peter Tschapek
Beiträge zur Kolonial- und Überseegeschichte, Band 77
Franz Steiner Verlag
Stuttgart, 2000
Broschur, 17x24 cm, 475 Seiten


Geleitwort von Wolfgang J. Mommsen:

Die nachstehende Untersuchung ist einem Thema gewidmet, das gleichsam in den Windschatten der historischen Forschung geraten ist, nämlich den Anstrengungen des Deutschen Reiches, Teile der portugiesischen Kolonien Mozambique und Angola zu erwerben, als Bausteine des großen Projekts eines "deutschen Mittelafrika" zu dem gegebenenfalls auch der belgische und Teile des französischen Kongo hinzugehören sollten, sofern die Zeitläufte eine Erwerbung dieser Territorien ermöglichen würden. Friedrich von Bemhardi hatte 1912 in einem weithin gelesenen und äußerst wirksamen Buch "Deutschland und der nächste Krieg" dafür plädiert der auf Dauer unvermeidlichen Konflagration durch einen Präventivkrieg zuvorzukommen, durch welchen die Weltstellung des Deutschen Reiches begründet und auf Dauer gestellt werden sollte.

Die Reichsleitung unter der Kanzlerschaft Bethmann Hollwegs hatte diesen Vorstellungen das Programm einer "deutschen Weltpolitik und kein Krieg" entgegengestellt, mit anderen Worten, eines deutschen Imperialismus, der geduldig und in langen Fristen denkend den Ausbau eines deutschen Kolonialreiches in Zusammenarbeit mit Großbritannien anstrebte. Der Angola-Vertrag von 1913, dessen die Reichsleitung allerdings erst unmittelbar vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges zugestimmt hatte und der damit de facto nicht mehr wirksam geworden ist, war das wichtigste Bauelement dieser "Weltpolitik ohne Krieg."

Fritz Fischer hat 1961 in seinem bahnbrechenden Werk "Der Griff nach der Weltmacht" die These vertreten, daß die deutsche Weltpolitik vor 1914 in eine Sackgasse geraten sei und daß die Reichsleitung deshalb zielbewußt den Durchbruch zur Weltmacht in einem großen europäischen Kriege - vorzugsweise eines solchen zu viert, bei Neutralität Großbritanniens, herbeigeführt habe. Die nachstehende Untersuchung zeigt, daß der deutsche Imperialismus sich bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges keineswegs in einer Sackgasse befand, sondern, was die portugiesischen Kolonien angeht, durchaus gute Aussichten bestanden, die Teilungspläne bezüglich des afrikanischen Kolonialbesitzes Portugals auf mittlere Frist zu realisieren.

Die Reichsleitung verfolgte diese Pläne demgemäß mit großer Energie. Wie die von Tschapek mustergültig vorgenommene Sichtung der einschlägigen Aktenbestände ergibt, hat die Reichsleitung nicht nur in der Ära Bülow, sondern insbesondere in den letzten Jahren vor 1914 energische Anstrengungen unternommen, um durch eine Politik der"penetration pacifique" mit ökonomischen Mitteln Anwartschaften zu begründen, die einem späteren Erwerb der mit Großbritannien vereinbarten deutschen Interessenzonen in Mozambique und Angola als Unterpfand hätten dienen können. Der deutsche Finanzimperialismus in jenen Regionen, der unter der Hand und ohne die Öffentlichkeit davon zu unterrichten, betrieben werden mußte, zielte auf den Erwerb von Konzessionen ab, die mit damals üblichen territorialen Hoheitsrechten ausgestattet waren und einer späteren formellen Annexion als Grundlage hätten dienen können, sei es, daß diese auf diplomatischem Wege, sei es daß er durch begrenzte Gewaltanwendung vermittels eines bei passender Gelegenheit zu inszenierenden "Zwischenfalls" erreicht werden sollte.

Rein ökonomisch war dies keinesfalls sinnvoll; alle diese Unternehmen waren hoch defizitär und nur wegen der Rechte, die diese besaßen, von Interesse. Demnach gelang es der Reichsleitung auch nicht, in nennenswertem Umfange deutsche Banken oder Unternehmen dazu zu veranlassen, Kapitalinvestitionen in den deutschen Interessenzonen vorzunehmen; ökonomisch rechnete sich dies nicht. Am Ende setzte das Deutsche Reich eigene Mittel ein, um seinem Ziel, nämlich eine finanzimperialistische Grundlage für die beabsichtigte spätere Landnahme in den beiden afrikanischen Kolonien Portugals zu begründen, näher zu kommen. Die Ergebnisse der Untersuchung sind auch unter dem Geschichtspunkt der Imperialismusforschung als solcher von großem Interesse; hier zeigt sich einmal mehr mit großer Deutlichkeit, daß die Politik, und nicht die Wirtschaftsinteressen, das Präveniere spielten.

Zugleich erlaubt die Untersuchung Einblick in das komplexe Beziehungsgeflecht zwischen der Reichsleitung und den deutschen Großbanken vor 1914; von Fügsamkeit der Banken gegenüber der Reichsleitung kann demnach nicht die Rede sein, und noch weniger davon, daß die Reichspolitik sich von konkreten wirtschaftlichen Interessen habe leiten lassen, oder gar sich von den Großbanken das Leitseil habe überwerfen lassen. Der Erste Weltkrieg ist über diese Bestrebungen dann hinweggegangen, und nach Kriegsende war nicht daran zu denken, die hier gesponnenen Fäden, die ohnehin zwischenzeitlich abgerissen waren, wieder aufzunehmen.

Über Wert und Unwert kolonialer Besitzungen denken wir heute anders als die Zeitgenossen. Vermutlich war es aus heutiger Sicht ein Glück und ein Vorteil, daß das Deutsche Reich nach dem Ende des Ersten Weltkrieges seine Kolonien an seine Konkurrenten auf weltpolitischem Feld hat abtreten müssen, samt der daran hängenden Verpflichtungen. Andererseits erweist sich, daß die mächtepolitischen Konstellationen vor dem Kriegsausbruch 1914 für mögliche deutsche weltpolitische Erwerbungen günstiger gewesen sind, als man lange angenommen hat. Dies wirft nicht zuletzt auch neues Licht auf die Forschungen zur Entstehung des Ersten Weltkrieges. Vor allem aber gibt es Einblick in die Methoden und Strukturen des informellen Imperialismus der Epoche vor 1914.