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Krieger des Geistes

Krieger des Geistes

Befunde und Berichte zur Deutschen Kolonialgeschichte, Band 2
Steffan, A.W. (Hg.)
13001
neu

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Krieger des Geistes

Untertitel: Zerstörer eingeborenen Wesens und Wegbereiter kolonialer Unterdrückung oder Künder christlichen Glaubens und Mittler europäischer Kultur?
Herausgeber: A.W. Steffan
Befunde und Berichte zur Deutschen Kolonialgeschichte 1. Jg; Band 2/2001
Windhoek; Wuppertal, 2001
Broschur, 16x23 cm, 96 Seiten, zahlreiche sw-Abbildungen und Fotos


Beiträge:

- Steffan, A. W.: Krieger des Geistes
- Haupt, W.: Deutsches Schulwesen in Westafrika
- Steffan, A. W.: Schulunternehmen und Schulgebäude im früheren Deutsch-Kamerun
- Steffan, A. W.: Irrtum, Irreführung oder Geschichtsfälschung
- Damman, E.: Erinnerungen eines ostafrikanischen Lehrers an den Krieg im Digoland
- Apelt, W.: Kirchliche und schulische Erfahrungen mit der ostafrikanischen Sprache Suaheli
- Bruchmann, R.D.K.: Die Herrnhuter Missionsstation Genadental in Südafrika
- Engels, H.: Gesellschaftlicher Wandel bei südwestafrikanischen Völkern infolge vorkolonialer Bildungsarbeit durch die Rheinische Misson


Aus dem Beitrag "Krieger des Geistes" von A.W. Steffan:

Geschehnisse der Kolonialzeit, behördliche Maßnahmen der damaligen europäischen Kolonialmächte und ebenso die durch freiwillig ausgewanderte oder durch die von ihren Regierungen und Gesellschaften in überseeische Länder entsandte „Kolonisten“ vorgenommenen Einwirkungen auf zu „Kolonisierende“, müssen nach dem seinerzeit herrschenden Zeitgeist bewertet werden. Die militärischen, zivilisatorischen, kulturellen und wissenschaftlichen Leistungen, und ebenso die von Einzelpersonen, Interessengruppen oder von „Gemeinschaften“, Behörden und Regierungen begangenen Fehlleistungen jedoch bedürfen einer Betrachtung und Beurteilung auch nach heute gültigen Wertvorstellungen. Die Auswirkungen jener geschichtsgewordenen Maßnahmen und Ereignisse auf die derzeitigen Gegebenheiten in den Nachfolgestaaten ehemaliger Kolonien, und so auch der deutschen Schutzgebiete, erheischen eine objektive und kritische Würdigung.

In diesem Sinne befassen sich die in vorliegender Ausgabe zusammengestellten Aufsatze mit Beispielen der Entwicklung des Kolonialschulwesens in den ehemaligen deutschen Schutzgebieten während einer etwa dreißig Jahre dauernden Zeit deutscher und deutschsprachiger „offenbarender“, „belehrender“ und „erzieherischer“ Einwirkung auf die dort lebenden Menschen. Absichten und Arbeiten ihrer vermittelnden Amtsträger der Reichsschullehrer und der teils bereits vor Beginn der Schutzgebietszeit dort wirkenden Missionsschullehrer und ihrer Trägergesellschaften, sollen hier besprochen werden, ebenso auch möglicherweise zugehörige bauliche Hinterlassenschaften ihrer Tätigkeiten.

Mit der hier erfolgenden Hervorhebung von Mühsal, Fürsorge und opferbereiter Wissensverbreitung der Kolonialschullehrer, jener „Krieger des Geistes“, soll sie keinesfalls geschmälert werden, die Anerkennung von Einsatzfreude und Heldenmut der Soldaten und Frontoffiziere der kaiserlichen Schutztruppen, die in den verschiedenen überseeischen Einsatzgebieten ihren Dienst verrichteten, die in der ihnen fremden Umgebung bei oft extremen Witterungs- und Geländebedingungen, unter Entbehrungen und Krankheiten tapfer für ihr Vaterland kämpften und oft ihr Leben hingaben, wenn auch überwiegend für Zielvorstellungen, die von heutigen Auffassungen gänzlich abweichen.

Ähnliches gilt für die Polizei- und Verwaltungsbeamten, die ebenso wie nach Ablauf ihrer Dienstverpflichtung unversehrt in die Heimat zurückkehrende Schutztruppler damit rechnen konnten, im Berufsleben schneller vorwärts zu kommen und für ihren Ruhestand vorgesorgt zu haben. Mit größerem Eigennutz verbunden war die Tätigkeit der Kaufleute und landwirtschaftlichen Ansiedler in den Schutzgebieten, die sich nur hier oder hier zumindest schneller und (wenn auch oft nur vermeintlich) leichter eine eigene Erwerbsgrundlage aufzubauen erhofften.

Anders aber gestaltete sich das Leben für diejenigen, die hinauszogen oder hinausgeschickt wurden, um den christlichen Glauben zu verkünden und fortschrittliches Wissen und Können zu mehren. Allein oder gemeinsam mit ihren Familien hatten sie wie Soldaten und Siedler den gleichen ungewohnten Unbilden zu widerstehen und waren denselben Gefahren ausgesetzt, oftmals aber, um ihnen nach kurzer, entbehrungsvoller Wirkungszeit zu unterliegen. Sie, die Lehrer im Dienste der verschiedenen christlichen Missionsgesellschaften oder der kaiserlichen Reichsregierung, sie arbeiteten oft „für Gotteslohn" - Orden, Ehrenzeichen und eine öffentliche Anerkennung blieben ihnen meist versagt.

Zwei unterschiedliche Gruppen von zu Belehrenden waren ihnen anempfohlen: Einerseits die deutsch sprechenden und meist schon im Elternhaus christlich erzogenen Kinder deutscher (und weniger anderer europäischer) Kolonisten, andererseits die noch dem jeweiligen Naturglauben verbundenen und ihrer einheimischen Muttersprache, aber nicht einer europäischen Sprache mächtigen Kinder der zu missionierenden und teilweise bereits kolonisierten Bevölkerung.

Die Unterrichtung der deutschsprachigen Kinder in den Schutzgebieten entsprach - wenn auch zunächst unter oft einfacheren Bedingungen - weitgehend derjenigen in der Heimat. Die christliche Unterweisung einheimischer Kinder, ihre spätere Einführung in die deutsche Sprache, das Nahebringen „fortschrittlicheren'' europäischen Gedankengutes, die Vermittlung geographischer, geschichtlicher und naturwissenschaftlicher Grundkenntnisse oder die Vermittlung handwerklich-technischer Fertigkeiten, und vor allem das Einüben von Lesen und Schreiben setzte seitens der Lehrenden voraus, daß sie sich zuvor selbst Kenntnisse der jeweiligen Stammessprachen angeeignet hatten. Erst dann konnten sie der vorgesehenen Aufgabe gerecht werden.

Hierbei leisteten „ganz nebenbei“ viele von ihnen zwangsläufig und häufig auch über das durch ihre Arbeit vorgegebene notwendige Maß hinaus freiwillige Forschungsarbeit: Sie befaßten sich nicht nur mit der Aufdeckung und Aneignung der jeweiligen volkssprachlichen Eigenheiten ihrer Zöglinge und meist auch mit der wissenschaftlichen Durchdringung und Aufzeichnung jener Sprachen. Häufig ergründeten und dokumentierten sie auch stammesgeschichtliche Geschehnisse, Lebensverhältnisse und alltägliche Besonderheiten der verschiedenen bis dahin ohne schriftliche Hinterlassenschaften existierenden Völkerschaften.

Es geschah dies zwar zunächst im Eigeninteresse und aus Wissensdurst oder zur Mehrung des dem europäischen Kulturstreben eigenen Kenntnis- und Erkenntnisdranges. Darüberhinaus aber erbrachten sie mit ihrer Dokumentation des sonst verlorenzugehen drohenden Könnens und Wissens wertvolle Vorarbeiten für die moderne Geschichtsschreibung der einzelnen Völker und für die Identitätsfindung der später aus den Schutzgebieten oder Kolonien hervorgegangenen heutigen Nationalstaaten.

Was aber waren die ursächlichen und vielleicht doch vordergründigen Anlässe ihrer - zwar auf die einzelne Lehrperson bezogen - meist selbstlosen Lehrtätigkeit ? (Wiederum muß die Beurteilung ihres Bemühens um die Unterrichtung der deutschen Siedlerkinder außen vorbleiben: Ihnen sollten ja in den Schutzgebieten die gleichen Wissensgrundlagen und Fähigkeiten zur späteren beruflichen Laufbahn vermittelt werden wie ihren gleichaltrigen Schulkameraden im Mutterland. Dies war die gesetzliche Verpflichtung des Staates, der diese Lehrer in seinem Auftrag als Staats- oder auch als Ordensdiener nachzukommen hatten).

Anders aber war die Zielsetzung, die hinter der schulischen Betreuung der einheimischen Kinder stand: So weit sie von Missionaren geleistet wurde, war damit zumindest zunächst unmittelbar die Gewinnung „neuer Seelen“ für die von den einzelnen Missionsgesellschaften vertretenen christlichen Glaubensrichtungen verbunden, und das geschah fast ausschließlich in der jeweiligen Muttersprache der „eingeworbenen“ Zöglinge. Ohne Einführung in die kommunikativen Grundfähigkeiten des Lesens und Schreibens, zunächst ebenfalls in der jeweiligen Muttersprache, dann aber meist in deutscher (gebietsweise auch in einer anderen europäischen) Sprache oder auf Kisuaheli, war eine gleichzeitige oder spätere Vermittlung von Grundwissen und Fähigkeiten im europäisch-zivilisatorischen Sinne und eines Mindestmaßes abendländischen Denkens kaum möglich.

Obwohl bei den vom Kaiserreich in den Schutzgebieten eingerichteten Schulen für einheimische Kinder die christliche Unterweisung nicht völlig im Hintergrund stand, dienten sie doch in erster Linie einer Vermittlung von geistigen und praktischen Fähigkeiten, die zur Ausübung nachgeordneter Verwaltungsaufgaben bei den Kolonialbehörden sowie zu Hilfstätigkeiten in Kontoren von Handels- und Pflanzungsgesellschaften oder in Werkstätten und Farmbetrieben befähigte, und auch zur eigenen Nutzanwendung verhalf.

Für die erfolgreichen Absolventen sowohl der Missions- als auch der Regierungsschulen war mit dem Erwerb von Wissen und Fähigkeiten auch ein höherer Lebensstandard sowie ein größeres gesellschaftliches Ansehen verbunden - verglichen mit dem ihrer gleichaltrigen und älteren noch „ungebildeten“ Stammesgenossen. Für die Kolonialbehörden und -gesellschaften ergab sich dabei aus der Investition „Wissensvermittlung“ jedoch ein zumindest gleich großer Nutzen. [...]