Heinrich Lotz: Der Erste Weltkrieg, Brasilien, Südwestafrika und Deutschland

Cleo Lotz, die Tochter von Heinrich Lotz, besuchte die Deutsche Schule Swakopmund im Jahr 1923 bis zur Rückkehr der Familie nach Deutschland.

Cleo Lotz, die Tochter von Heinrich Lotz, besuchte die Deutsche Schule Swakopmund im Jahr 1923 bis zur Rückkehr der Familie nach Deutschland.

Prof. Dr. Heinrich Lotz besuchte 1938 sein ehemaliges Wirkungsgebiet und alte Weggefährten und Kollegen in Südwestafrika noch ein letztes Mal.

Prof. Dr. Heinrich Lotz besuchte 1938 sein ehemaliges Wirkungsgebiet und alte Weggefährten und Kollegen in Südwestafrika noch ein letztes Mal.

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges strandete Dr. Heinrich Lotz in Brasilien. Dort harrte er über fünf Jahre aus, bis er wieder nach Südwestafrika zurückkehren konnte. Ab 1923 baute er eine neue Karriere in Deutschland auf.

Diesen Lebenslauf verfaßte Dr. Heinrich Lotz bald nach seiner Rückkehr aus Südwestafrika im Jahr 1923. Dies ist Teil 4 von 4.

Ich war draußen, versuchte aber noch mit dem letzten Woermanndampfer (Gertrud Woermann), der in Südwest Ende Juli, die Heimat zu gewinnen, aber vergebens. Die deutschen Schiffe hatten oder bekamen sämtlich die Order, nach Brasilien zu fahren, wo unser Schiff Mitte August in Rio de Janeiro ankam.  Ich bin dann bis zum Kriegsende in Brasilien geblieben, habe auf ausgedehnten Reisen alle deutschbesiedelten Gebiete im Staate Sao Paulo, in Parana, Santa Katharina und Rio Grande do Sul besucht, habe die bekannten Kolonien Blumenau, Joinville, Porto Alegre usw. monatelang durchstreift und bin auf zwei Reisen auch bis Buenes Aires und Montevideo vorgedrungen; auf einer späteren Reise habe ich Westbrasilien: Corumba und das anstoßende Bolivien besucht, habe die Flüsse Paraguay und Parana befahren, das Land Paraguay durchstreift und schließlich die am oberen Paranafluß gelegenen riesigen Wasserfälle Jgnattus und Lete Quedas besucht, die mir eine unauslöschliche Erinnerung sein werden. Von meiner Familie, Frau und Töchterchen, habe ich in diesen vier Jahren nur sehr spärlich Nachricht gehabt. Als auch das gastliche Brasilien mit Deutschland die Beziehungen abbrach und der Mob die deutschen Geschäfte in Sao Paulo, Porto Alegre und an anderen Plätzen stürmte und in Brand steckte, schien für uns der Zusammenbruch der Mittelmächte erschreckend nahe. Als endlich der Waffenstillstand abgeschlossen wurde, wütete in Brasilien die spanische Influenza mit riesigen Todesopfern. Wie in Brasilien, so war es auch in anderen Länden. Danach setzte der Schiffsverkehr wieder langsam ein. Zwar schien der Verlust aller Kolonien unvermeidlich, aber ein Lichtblick war es, daß Südafrika wenigstens den deutschen Besitz nicht antasten zu wollen schien. Die deutschen Diamantengesellschaften standen bereits mit englischen und südafrikanischen Interessenten in Verhandlungen, wobei von diesen erklärt wurde, die südafrikanische Regierung unterstütze sie und werde eine Erklärung abgeben, wonach den deutschen Interessenten der Verkaufserlös in barem Gold und Anteilen ausbezahlt werden konnte, er braucht nicht an den von Versailles vorgeschriebenen Custodian of enemy property zu gehen unter Gutschrift für das Reich und Entschädigung der deutschen Interessenten durch deutsche Papiermark. Die Verhandlungen begannen in Holland und endeten in Südafrika. Alle Betriebe der größeren Diamantengesellschaften gingen mit Inventar und deutscher Belegschaft unverändert an die neu in Kapstadt gegründete The Consolidated Dramono Mines of Südwestafrica über, der Verkaufserlös war im ganzen festgesetzt worden und mußte zwischen den Gesellschaften verhandelt und aufgeteilt werden. Im September 1919 kam meine Familie, Frau und Tochter, von Berlin über Holland nach Brasilien, ich hatte sie zuletzt gesehen Anfang April 1914, wir hatten uns also 5 1/2 Jahre nicht gesehen. Die Tochter war zum 9jährigen Mädchen herangewachsen, sie kannte ihren Vater nicht mehr. Ich versuchte, Passage nach Südafrika bei den japanischen Linien für uns zu bekommen, es waren die einzigen Linien, die direkt zwischen Südafrika und Südamerika verkehrten. Aber erst im Januar glückte dies, nachdem ich große Opfer an die Linie und die Zahlmeister bewilligt hatte. Frau und Tochter bekamen die Kajüte eines Offiziers, ich schlief im Raum eines unteren Ingenieurs zusammen mit einem Franzosen, der schon vor dem Krieg in Südafrika gelebt hatte. Die Fahrt mit den vielerlei Passagieren und feindlichen Nationen, die japanische Mannschaft, Offiziere und Stewards erwiesen uns und namentlich unserem Töchterchen vielerlei Freundlichkeiten, aber immer nur versteckte. Wir landeten nach 13 Tagen Fahrt in Kapstadt, weil die Einreiseerlaubnis ungenau war, täglich mußte ich mich auf der Po1izeldirektion melden, aber endlich konnten wir auf einem halbwracken Küstendampfer nach Lüderitzbucht weiterfahren, wo ich für kurze Zeit meine Geschäftsführerstellung wieder aufnahm, um dann alle Betriebe den neuen Herren zu übergeben und meine alte Gesellschaft zu liquidieren, es war schmerzlich, die selbst aufgebaute Organisation wieder abzubauen und sich von den zu Freunden gewordenen Mitarbeitern zu trennen. Dies wiederholte sich, als auch die Deutsche Kolonialgesellschaft für Südwestafrika liquidiert werden mußte, mit ihrem weitverzweigten Waren- und Bankgeschäft, zu welchem Zweck ich 1922 nach Swakopmund übersiedelte. In der gleichen Zeit kämpften wir für unsere deutschen Schulen gegen die Bestrebungen der neuen Regierung, mit Erfolg, kann man wohl sagen, die alle deutschen Kinder möglichst schnell in englisch-südafrikanischen Schulen unterbringen wollte bezw. unsere deutschen Schulen zu solchen umgestalten wollte. Anfang 1923 kehrte ich nach Berlin zurück nach 9jähriger Abwesenheit, welche Wandlung fand ich vor. Als ich in Rotterdam landete, galt die alte Mark 1 Million neue Papiermark. Ich war zunächst stellungslos, erst nach Jahresfrist kam ich als beratender Geologe bei der Otavi Minen und Eisenbahngesellschaft an, wo ich heute bin. Ich habe mich seitdem hauptsächlich der Beschaffung von Bauxit gewidmet und zu diesem Zweck viele Reisen nach Ungarn, Italien und den Balkanländern ausgeführt, heute führt mich diese Tätigkeit hauptsächlich nach Griechenland. Zweimal war ich wieder in Südafrika, einmal um ein Kohlevorkommen für Ölgewinnung zu studieren (1926) und danach 1929 um am Internationalen Geologenkongress in Pretoria mit seinen Exkursionen tei1zunehmen. Im gleichen Jahr bereiste ich auch Angola. Über all dem bin ich ein alter Mann geworden, der bald die Reisetätigkeit wird aufgeben müssen. Noch einmal im nächsten Jahr 1938, hoffe ich, Südafrika und Südwest und die zahlreichen Freunde, die dort noch tätig sind, wiederzusehen. Die Hoffnung, Deutsch-Südwestafrika als deutsche Kolonie wiederzusehen, werde ich wohl mit ins Grab nehmen müssen, aber aufgegeben ist diese Hoffnung damit noch lange nicht. Dafür haben wir dort zu lange gekämpft und gearbeitet. Als Schüler des klassischen Hersfelder Gymnasiums schließe ich mit: Quod deus bene vertat! *

* (Latein: Was Gott zum Guten wenden möge)


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