Felsgravierungen in Suedwest-Afrika, Dr. Ernst-Rudolf Scherz (1965)

Felsgravierungen in Suedwest-Afrika, Dr. Ernst-Rudolf Scherz (1965). Hier bei Twyvelfontein.

Felsgravierungen in Suedwest-Afrika, Dr. Ernst-Rudolf Scherz (1965). Hier bei Twyvelfontein.

Dr. Ernst-Rudolf Scherz veröffentlichte diesen Beitrag über Felsgravierungen in Suedwest-Afrika im SWA Annual 1965 / SWA Jaarboek 1965 / SWA Jahrbuch 1965.

Wer in Suedwest-Afrika von Felszeichnungen spricht, denkt immer zunaechst an die „Weisse Dame" oder die anderen herrlichen Felsmalereien im Brandberg. Auch die „Philipp-Hoehle" und andere bemalte Waende im Erongo sind manchem bekannt. Immer aber wird Felszeichnung mit Felsmalerei gleichgesetzt. Dass es neben den farbigen Bildern auch noch unzaehlige, nur in den Felsen eingeschlagene Felsgravierungen gibt, wissen nur Wenige. Da diese wegen ihrer Technik naturgemaess viel weniger Einzelheiten zeigen koennen, als die fein gemalten Farbbilder, werden sie als „uninteressant" wenig geachtet. Ein voellig unbegruendetes Vorurteil.

Am haeufigsten kommen Besucher noch nach Twyfelfontein noerdlich des Brandberges. Einmal ist es doch ein „Monument" und muss deshalb schon interessant sein. Dann liegt es so bequem zwischen dem versteinerten Wald und dem verbrannten Berg. Das herrliche Tal zwischen den steilen, dunkelroten Sandsteinwaenden begeistert die meisten Besucher, wenn ihnen nicht die Hitze zu schlimm wird. Von den ueber das weite Tal verstreuten Gravierungen finden sie meist sehr wenig, wenn ihnen nicht der liebenswuerdige Besitzer D. Levin oder seine Kinder den Fuehrer machen. Das ist schade, denn ein Teil der 2500 Bilder dieses Fundortes ist künstlerisch besonders hochwertig. Neben den Gravierungen findet man in Twyfelfontein auch bedeutende Malereien. Hier wird ein gedruckter Fuehrer besonders benoetigt.

Die Fundstelle Kamanjab, auf einem kleinen Hoehenruecken noerdlich des Weges zum Ort, ist bisher nur von wenigen Kennern Suedwests aufgesucht worden. Mit wenigstens 2000 Gravierungen ist sie aber nicht weniger interessant als Twyfelfontein und es ist sehr zu begruessen, dass die Denkmal-Schutz-Kommission sie dem Publikum erschliessen will. Eine dritte grosse Fundstelle, auch fast 2000 Gravierungen, wenn auch weniger reich an Motiven, liegt im Schutzgebiet des Brandberges. Sie wurde vor einigen Jahren von Herrn H. Roth gefunden. Neben diesen Grossfundstellen gibt es in Suedwest Orte mit weniger zahlreichen Gravierungen. Sie sind keineswegs gleichmaessig ueber unser Land verteilt. Sie sind nicht weniger wichtig als die grossen, denn die Schoenheit der Arbeiten und die wissenschaftliche Wichtigkeit haben natuerlich nichts mit der Zahl der Gravierungen zu tun.

Wie zu vermuten, draengen sich diese Stellen zwischen Twyfelfontein und Kamanjab. Bis suedlich Outjo ziehen sie sich den Ugab hinauf und reichen bis in die Paresisberge. Das Land um den Etjo, oestlich von Omaruru, bildet eine weitere Provinz von Gravierungen. Im zentralen Erongo finden sich drei weitere reiche Plaetze. Seit man dort die Ekuta-Hoehle mir ihren zahlreichen, herrlichen Malereien fand, kann man nicht mehr sagen, dass die Gravierungen im Zentralerongo liegen, alle Malereien aber an seinem Fuss. Seltsam ist diese Verteilung aber doch. Erstaunlich ist auch, dass die aeltesten Berichte ueber Gravierungen in Suedwest sich nicht auf die Hauptfundorte beziehen. Vor 1910 wurde schon mehrmals ueber die Gravierungen von der Missionsstation Gaub bei Tsumeb berichtet. Wir kennen heute kaum mehr Bilder hier als damals.

Weitere gedruckte Berichte erzaehlen von den Gravierungen bei Stampriet, oestlich Gobabis. Hier wissen wir heute von einer ganzen Kette von Fundorten, die sich von der Betschuanaland-Grenze bis ins Rehobother Gebiet erstreckt. Am schoensten und reichsten finden sie sich auf Farm Margarethental bei Witvlei. Th. Hahn und andere Reisende in den fruehen Tagen unseres Landes wussten schon von Gravierungen im Sueden, die z.T. vergessen wurden und auf Wiederentdeckung warten. Mit den Malereien haben die Gravierungen hauptsaechlich die Darstellung unseres Wildes gemein. Gleich kuenstlerisch wertvoll und alle Eigenheiten zeigend sind hier wie dort Giraffen und Zebras, Elefanten wie Nashoerner und alle Boecke unseres Landes auf den Stein gebannt. Menschen aber, so zahlreich und interessant in unseren Hoehlen an die Waende gemalt, erscheinen nur im Osten um Gobabis haeufiger, sonst sehr selten.

Dagegen finden wir in grosser Zahl in den Fels graviert die Spuren unserer Wildtiere, gelegentlich auch des Menschen. Sie sind von einer unsere Jaeger immer wieder begeisternden Naturtreue, so als haetten diese Tiere ihre Trittsiegel in den noch weichen Fels gedrueckt, was natuerlich unmoeglich ist. Noch eine zweite Art Darstellung finden wir bei den Gravierungen, die die Felsmalerei nicht kennt. Zahlreiche abstrakte Formen sind in den Fels geschlagen. Kreise mit und ohne Zentralpunkt, konzentrische Kreise, Spiralen, grade und geschlaengelte Linien. Manchmal bedeckt ein ganzes Muster die Felsplatte. Eine Erklaerung ist unmoeglich, der durch nichts begruendeten Phantasie des Beschauers sind keine Grenzen gesetzt.

Oft ist nur die feine Umrisslinie des Tieres, der Faehrte, in den Stein gearbeitet. Oft ist die ganze Flaeche herausgeschlagen. Dann erscheint das Tier als Silhouette, hell auf dem dunklen Hintergrund des Steines. Auch Zwischenloesungen gibt es. Bei besonders fein gearbeiteten Gravierungen sind die Maehne und die Streifung beim Zebra, das Netzwerk der Giraffe, die hellen Linien des Kudus dargestellt. Eine eindrucksvolle und bisher unbekannte Technik fanden wir auf Farm Harmonie. Hier hat man das Tier unberuehrt im urspruenglichen Fels stehen lassen und breit herum den Stein fortgeschlagen, so sorgfaeltig aber, dass alle Einzelheiten der Tiersilhouette zu erkennen sind und das Bild nun dunkel und erhaben auf dem helleren Untergrund steht.

Durch mehr als fuenfundzwanzig Jahre habe ich alle meine freie Zeit, viel Kraft und Unkosten darauf verwandt, die Felsbilder unseres Landes zu erforschen. Seit zwei Jahren ist es mir durch die Grosszuegigkeit der Deutschen Forschungsgemeinschaft und des Institutes fuer Vorgeschichte der Universitaet Koeln moeglich, meine volle Zeit dieser Arbeit zu widmen. Naturgemaess kann ich nur solche Fundstellen bearbeiten, die mir bekannt werden. Deshalb geht die herzliche und dringende Bitte an alle Leser dieses Artikels, die etwas ueber Felsmalereien oder Gravierungen in Suedwest-Afrika wissen, mir das mitzuteilen (Dr. Ernst-Rudolf-Scherz, Windhoek, Box 180). Jeder Hinweis kann von groesster Wichtigkeit sein.

Der Beitrag: Felsgravierungen in Suedwest-Afrika, Dr. Ernst-Rudolf-Scherz, erschien im SWA Annual 1965 / SWA Jaarboek 1965 / SWA Jahrbuch 1965.


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