Aufbruch nach Namibia. Der lange Weg von Reiner und Gillian Stommel zur Farmschule Otjikondo, von Michael Schnurr

Aufbruch nach Namibia. Der lange Weg von Reiner und Gillian Stommel zur Farmschule Otjikondo, von Michael Schnurr.

Aufbruch nach Namibia. Der lange Weg von Reiner und Gillian Stommel zur Farmschule Otjikondo, von Michael Schnurr.

Der hier gewählte Auszug aus dem Buch von Michael Schnurr, Aufbruch nach Namibia: Der lange Weg von Reiner und Gillian Stommel zur Farmschule Otjikondo, beschreibt die Eindrücke von Reiner Stommel, nachdem er erst kurze Zeit in Namibia angekommen ist.

Michael Schnurr  

Zweieinhalb Jahre später wacht Bruder Stommel mitten in Südwestafrika auf. Seine erste Nacht im afrikanischen Busch wird er so schnell nicht vergessen. Er hat kein Auge zugetan. Das mit einem Bett notdürftig ausgestattete Zimmer verfügt über kein elektrisches Licht. Stockfinstere Nacht umgibt den jungen Mann, nachdem er die Kerze gelöscht hat. Großen Spinnen und anderem Getier rückt Reiner Stommel mit dem Kopfkissen zu Leibe, doch immer wieder krabbelt etwas im Zimmer herum. Dazu rauben die zahlreichen unbekannten Geräusche der afrikanischen Nacht ihm den Schlaf. Das Schlimmste ist allerdings der Gestank, der über allem liegt. Bettzeug und Räume werden mit Seife aus Eselfett gewaschen. So riecht nicht nur das ganze Haus danach, sondern auch Decken und Kissen strömen diesen penetranten Duft aus. Als Bruder Stommel aus den Federn kriecht, hat der Erzbischof schon die Rückfahrt nach Windhoek angetreten. Die Arbeiter begrüßen Bruder Stommel auf Afrikaans. Der junge Missionar versteht wenig. Darf er mit den Männern und Frauen überhaupt reden? Wo sind die Grenzen? Da der Priester fehlt und der Erzbischof wieder abgereist ist, entscheidet er sich seinem Glauben entsprechend dafür, die Schwarzen wie jeden anderen Mitmenschen zu behandeln. Noch vor der Abreise aus Deutschland hatten die Oblaten ihren Brüdern aufgetragen, Afrikaans zu lernen, die Sprache der Buren, auf der sich zu dieser Zeit die Weißen und Schwarzen auf den Farmen verständigen. So hat Bruder Stommel ein Worterbuch in Afrikaans im Gepäck und versucht sich in ersten Sprechübungen. Doch mehr als Goeiemöre (Guten Morgen) und Hoe gaan dit met julle? (Wie geht es Euch?) kriegt er zunächst nicht zustande. Und als er dann unter den Arbeitern einem begegnet, der stottert, ist es mit der Verständigung vollends vorbei.

Hinzu kommt für den jungen Missionar die Unsicherheit, wie er mit den schwarzen Frauen auf der Missionsstation umgehen soll. Die jungen, oft attraktiven Frauen, begegnen ihm offen und es kommt auch schon einmal vor, dass eine von ihnen mit großen Augen durch sein Zimmerfenster schaut. Doch bald wird klar, dass die eigentliche Gretchenfrage beim Essen auf den jungen Missionar wartet. Bruder Stommel isst kein Fleisch und ist damit vermutlich der erste Vegetarier im Land. Auf der Mission gibt es eine Frau, die Brot bäckt, auch Reis und Nudeln werden bevorratet, doch Gemüse ist Mangelware. In einem Land, in dem heute noch Vegetarier ungefragt Hühnchenfleisch vorgesetzt bekommen, wenn sie bekennen, dass sie kein Fleisch essen, ist Reiner Stommel also ein absoluter Exot, dessen Einstellung für die Schwarzen völlig unverständlich ist.

Nach wenigen Tagen geht das Fleisch auf St. Michael zur Neige. Den jungen Missionar, der seine Rationen immer ausgesondert und den Tieren gegeben hat, stört das nicht. Die Arbeiter aber werden ungeduldig und beginnen zu murren. Sie geben ihm zu verstehen, dass er dafür sorgen muss, dass Wild geschossen wird. Einer der Schwarzen bringt ihm ein Gewehr. Die Flinte sei zwar schon ziemlich ausgeschossen, meint er, aber eine Antilope werde er damit schon erlegen können. So bricht Bruder Stommel an einem der ersten Tage seiner Missionarstätigkeit in Südwestafrika mit geschultertem Gewehr auf einer klapprigen Eselskarre zusammen mit fünf Farmarbeitern Zur Jagd in den afrikanischen Busch auf. Die Tiere sind es nicht mehr gewohnt, eingespannt zu sein, und lassen sich kaum lenken. Die Männer werden auf der Karre hin- und hergeschüttelt.

Dann sichtet ein Arbeiter die ersten Antilopen: „Kudu! Kudu!" ruft er, doch Bruder Stommel hat noch nie einen Kudu gesehen und weiß nicht, worauf er zielen soll. Dennoch legt er an, ein Schuss kracht, die Tiere stieben auf und davon, getroffen hat er keines. Durch den Knall haben sich auch die Maultiere erschrocken und ziehen an. Alle bis auf den Wagenlenker, stürzen von der Karre. Glücklicherweise verletzt sich keiner.
Weiter geht die wilde Hätz. Schließlich steht wenige Meter von Bruder Stommel entfernt ein Kudu, den der Jäger wider Willen einfach nicht verfehlen kann. Nachdem er dem Tier den Gnadenschuss gesetzt hat, kehren die Schwarzen mit dem erlegten Kudu und Bruder Stommel im Schlepptau zurück nach St. Michael. Das Fleisch wird über offenem Feuer zubereitet.

Der Bann zwischen den Schwarzen und Bruder Stommel ist gebrochen, der 20-Jährige wird wegen seines ersten Jagerfolges wie ein Held gefeiert. Als Pater Lamm von seiner Reise zur Station zurückkehrt, bringt er einen 80-jährigen Ordensbruder mit. Die drei Geistlichen verstehen sich auf Anhieb gut. Die Mission besteht zu dieser Zeit aus einem Gebäude mit drei Zimmern und einer offenen Veranda mit Regal, Tisch und zwei Stühlen sowie einem Esstisch. In einem der Zimmer wohnt Pater Lamm, ein anderes wird als Kapelle genutzt. Die Missionare haben eine Betonplatte auf zwei kleine Holzsäulen gelegt, darauf stehen ein Kreuz und ein Tabernakel. Auf einigen Bänken finden die Gläubigen Platz, wenn sie zum Gottesdienst in die Kapelle kommen.

ruder Stommel und der alte Ordensbruder sind in einem Außengebäude untergebracht, einem Schuppen mit Wellblechdach, der aus zwei Räumen besteht, jeder vielleicht 2,5 Meter breit und 4,5 Meter lang. Dort stellen die Missionare jeweils ein Bett hinein, für den Rest müssen die Bewohner selbst sorgen. Bruder Stommel zimmert eine kleine Nachtkommode und mauert sich einen Schrank, den er mit einer Gardine versieht. Zum Essen, daß in Dosen zubereitet wird, da die Mission über keine Töpfe vefügt, gehen die Ordensbrüder ins Priesterhaus, Es gibt zu der Zeit nur eine Toilette außerhalb.

18 Jungen leben auf der Missionsstation. Ihre Eltern hoffen, dass ihr Nachwuchs ausgebildet wird, und mehr noch, dass er genügend zu Essen bekommt. Die Kinder wohnen, zunächst noch spärlich mit Fellschürzen bekleidet, in einer Lehmhütte. Die Mission verpflichtet kurz nach der Ankunft von Bruder Stommel einen Lehrer, der zwar selbst kaum fünf Jahre die Schule besucht hat und nur über rudimentäre Grundschulkenntnisse verfügt, aber immerhin den Kindern Rechnen, Schreiben und Lesen beibringt. Der Unterricht wird unter freiem Himmel abgehalten. Zu dieser Zeit haben die Oblaten noch nicht entschieden, welche Bedeutung die Schule für die Mission bekommen soll. Im Vordergrund stehen zunächst der Ausbau der Landwirtschaft und des Gartens sowie die missionarische Tätigkeit in diesem Teil des Landes.

Dann fällt die Entscheidung, dass die weiblichen Geschwister der 18 Jungen, die zunächst nach Otjiwarongo zur Missionsstation gebracht worden waren, auch auf St. Michael ein Zuhause finden sollen. Bruder Stommel erhält den Auftrag, ein Heim für die Mädchen zu bauen. Nun kommt ihm sein handwerkliches Geschick als gelernter Werkzeugschleifer zugute und als besonders wertvoll erweisen sich seine Kenntnisse des Maurerhandwerks, die er sich während seines Klosteraufenthaltes in Deutschland angeeignet hatte. Hier in Südwestafrika sind solche Fähigkeiten nicht mit Gold aufzuwiegen. Das Gebäude wird viereinhalb Meter breit und zehn Meter lang, gebaut wird mit selbst gefertigten Steinen, die in einer Form aus Sand, Lehm und etwas Zement gepresst werden. [...]

Dies ist ein Auszug aus dem Buch: Aufbruch nach Namibia. Der lange Weg von Reiner und Gillian Stommel zur Farmschule Otjikondo, von Michael Schnurr.

Buchtitel: Aufbruch nach Namibia
Untertitel: Der lange Weg von Reiner und Gillian Stommel zur Farmschule Otjikondo
Autor: Michael Schnurr
Herausgeber: Produktionsbüro Michael Schnurr
Sipplingen, 2011
ISBN 978-3-941602-07-6
Broschur, 14x21 cm, 173 Seiten, zahlreiche sw-Fotos

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