SWAPO und die Menschenrechte: Das Eltern-Komitee in Namibia (1986)

SWAPO und die Menschenrechte: Das Eltern-Komitee in Namibia (1986)

SWAPO und die Menschenrechte: Das Eltern-Komitee in Namibia (1986)

Das Eltern-Komitee, Hinterbliebene verschwundener SWAPO-Opfer in Namibia, trat 1986 mit der Enthüllung der Zustände in den Folter-Lagern der SWAPO an die Öffentlichkeit, nachdem sie von den Kirchen und den politischen Unterstützern in Europa ignoriert worden waren.

Hinweise auf die Zustände in den Flüchtlings- und Konzentrationslagern der SWAPO, ungeklärte Fälle von verschwundenen SWAPO-Anhängern und die sich verdichtenden Nachrichten über organisationsinterne Säuberungen, die offensichtlich zahlreiche Todesopfer forderten, erzeugten Widerstand innerhalb der SWAPO gegen die Führer. Vor allem das "Parents Committee" Eltern-Komitee brachte die Mißstände an die Öffentlichkeit und stieß auf großes Interesse, sowohl in SWA / Namibia wie auch in Europa.

Das Eltern-Komitee in Namibia: eine kurze Geschichte in Stichworten

4. 6. 1976: Erica Beukes, Angestellte des Namibischen Kirchenrates (CCN), wird gemeinsam mit ihrem Bruder Walter Thiro Mitglied der SWAPO in Khomasdal, dem farbigen Viertel von Windhuk.
1979: Walter Thiro verläßt Namibia und geht nach Botswana, später nach Sambia, um am dortigen - SWAPO-nahen - UN-Institut zu studieren.
1981-1982: Erica Beukes sieht ihren Bruder in Botswana - bis heute zum letzten Mal.
März 1984: Erica Beukes hört, ihr Bruder sei nach Angola gegangen, um dort für die SWAPO zu kämpfen.
August 1984: Sie erhält die Kopie eines Briefes von der Evangelischen Kirche in Deutschland, adressiert an den Windhuker Bischof Fredericks (Evangelisch-Luther. Kirche), in dem die Namen von Vermißten aufgeführt werden. Darunter befindet sich auch ihr Bruder Walter. Ein Freund von Walter schreibt seiner Mutter, Walter sei von der SWAPO zum Flüchtlingslager des UN -Hochkommissars übergelaufen und befinde sich jetzt in einem Gefängnis.
Februar-März 1984: Erica Beukes wendet sich an örtliche Geistliche und an SWAPO-Führer Toivo Ya-Toivo und bittet um Aufklärung des Schicksals ihres Bruders. Sie erhält jedoch keinerlei Auskunft. Erica Beukes und ein weiterer (mit ihr nicht verwandter) CCN-Angestellter, Attie Beukes, reisen für den Namibischen Kirchenrat nach Westeuropa (England, Norwegen, Niederlande, Belgien, Westdeutschland), um Gelder für ein Entwicklungsprogramm zu sammeln.

Erica Beukes: "Und in allen Ländern trafen wir viele Namibier, die uns über ihre Not in Angola und Sambia bei der SWAPO erzählten. Vor allem zwei junge Mädchen erzählten uns schreckliche Geschichten, die wir kaum glauben konnten, über Hunger, Krankheit, über Menschen, die starben, und von der Korruption der SWAPO-Führer."

Unmittelbar nach der Rückkehr gründen Erica und Attie Beukes zusammen mit Stella-Maria Boois (ihr Sohn, Martin von Lüttichow, gehört zu den Verschwundenen) und Stella Gaes (ihr Bruder gehört zu den Verschwundenen) das "Eltern-Komitee". Sie gehen aus Sorge, das Ansehen der von ihnen nach wie vor unterstützten SWAPO zu schädigen, nicht an die Öffentlichkeit, sondern bemühen sich lediglich um ein Treffen mit den namibischen Kirchenführern (Anmerkung: Der CCN ist personell und ideologisch eng mit der SWAPO verbunden. Daher schien der Versuch, über die Geistlichen an Informationen zu gelangen, sehr erfolgsversprechend.)

Juni 1985: Das Eltern-Komitee richtet ein Memorandum an namibische Kirchenführer, in dem die Vorwürfe wiedergegeben werden. Es gibt keine Reaktion.
9. 7. 1985: Das Eltern-Komitee wendet sich mit einem ähnlichen Memorandum an namibische Solidaritätsgruppen in Westeuropa. Wieder erfolgt keine Reaktion.
9. 9. 1985: Nach monatelangen Bemühungen kommt das Treffen mit den Kirchenführern, darunter auch CCN-Generalsekretär Dr. Abisai Shejavali, endlich zustande.

Erica Beukes: "Es brachte wenig. Wir waren sehr enttäuscht,weil man uns lediglich sagte, man werde für uns beten."

19. 9. 1985: Stella-Maria Boois erhält von Dr. Shejavali einen 8-zeiligen Brief, in dem er für das Treffen dankt und erklärt: "Unsere Türen stehen offen und werden immer offen sein, wenn unsere Hilfe benötigt wird."

Erica Beukes: "Nach dem Brief wußten wir, daß der CCN uns nicht helfen würde, daß wir allein etwas tun müßten."

20. 9. 1985: Das "Eltern-Komitee" geht immer noch nicht an die Öffentlichkeit, schreibt aber Briefe an SWAPO-Präsident Sam Nujoma, die Staatspräsidenten von Sambia, Angola und Kuba, Dr. Kenneth D. Kaunda, Jose dos Santos und Fidel Castro, sowie an UNO-Generalsekretär Perez de Cuellar, in denen es die ihm bekannt gewordenen Fälle von Menschenrechtsverletzungen zusammenfaßt:

"Wir, Eltern und Verwandte namibischer Flüchtlinge, haben seit einiger Zeit Informationen erhalten über die schrecklichen Bedingungen, denen sich unsere Leute in den SWAPO-Lagern gegenübersehen. Hunderte von Familien, Verwandten und Freunde haben die erschütterndsten Nachrichten über Morde, erzwungene Geständnisse, sexuellen Mißbrauch von Frauen und jungen Mädchen und eine grundsätzliche Mißachtung jeglicher Menschenrechte dieser Flüchtlinge gehört.

Folgende Vorwürfe werden erhoben:

1) Mißhandlung namibischer Flüchtlinge und Vorenthaltung grundsätzlicher Menschenrechte.
2) Trennung von Familien und die Geiselnahme von Frauen und Kindern.
3) das Verschwindenlassen und die Ermordung unter anderem von Lukas Stefanus, Ben Boois, Eric Biwa, Benny Petrus, Tauno Hatuikulipi und anderer... Völkermord und brutale Gefangennahme.
4) Psychologischer Terror der SWAPO-Militärpolizei, vergleichbar mit Koevoet.
5) Vorenthaltung der Essensrationen, was viele Mütter zwingt, sich zu prostituieren, um Essen für ihre Kinder zu bekommen.
6) Viele unserer Kinder haben den Verstand verloren.
7) Erzwungene Geständnisse wie beispielsweise von Ben Boois, der auf einem 6-stündigen Videoband ein Geständnis ablegen mußte, das von Moses Garoeb in den Hauptstädten vorgeführt wird. Er (Boois) hatte zu gestehen, er sei zusammen mit anderen in Benoni (Südafrika) ausgebildet worden, bevor er das Land verließ.
8) Religiöser Glauben wird lächerlich gemacht, vor allem im UN-Institut. Unschuldige, kritisch und zu selbständig Denkende würden, so das Eltern-Komitee, eliminiert oder eingesperrt. Nujoma wird daher aufgefordert, zuzulassen, daß eine Kommission, bestehend aus Komitee-Mitgliedern und UNO-Offiziellen, die Bedingungen in diesen Lagern untersucht. Des weiteren fordern wir Sie (Sam Nujoma) auf, den Flüchtlingen, die dies wünschen, zu gestatten, die (SWAPO-)Lager zu verlassen, um in die UNO-Lager zu gehen".

Die Angeschriebenen antworteten bis heute nicht.

Februar 1986: Nachdem auch weitere Versuche, von offizieller Seite Unterstützung oder Auskunft zu erhalten, gescheitert waren, beginnt das Eltern-Komitee, durch Mundpropaganda auf seine Arbeit aufmerksam zu machen und weitere betroffene Eltern und Verwandte von Vermißten zu sammeln. Rund 400 Personen finden sich zusammen. Die SWAPO stellt nun auch in Europa (London) das in dem Brief an Nujoma vom Eltern-Komitee bereits erwähnte Videoband vor, auf dem die angeblichen Geständnisse südafrikanischer Agenten in der SWAPO festgehalten sind. Theo Ben-Gurirab (SWAPO-Sekretär für auswärtige Beziehungen) erklärt dazu, ein südafrikanisches Spionagenetz sei zerschlagen worden und rund 100 Spione, darunter vier Mitglieder des ZK, seien in den letzten beiden Jahren verhaftet worden.

26. 2. 1986: Das Eltern-Komitee wendet sich in Windhuk mit einer Presseerklärung erstmals an die Öffentlichkeit, erläutert sein Anliegen, wiederholt seine Vorwürfe und weist daraufhin, daß laut SWAPO-Videoband "nur 100" Mitglieder wegen angeblicher Spionage verhaftet worden seien, es aber in Wirklichkeit um die Aufklärung von "viel mehr" Vermißtenschicksalen gehe.

8./9.3. 1986: Drei Mitglieder des Eltern - Komitees, Stella-Maria Boois, Stella Gaes und Thalida Schmidt, berichten auf der Jahrestagung der IGFM in Königstein/Taunus über ihre Organisation und ihr Anliegen. Sie betonen dabei, es gehe ihnen um die Menschenrechte, nicht jedoch um politische Fragen oder Ideologien. Im Anschluß an die Tagung der IGFM treffen die Vertreterinnen des Parents Committee in Frankfurt mit Mitarbeitern der EKD, in Straßburg mit Mitgliedern der "Intergroup Namibia" des Europäischen Parlaments und in Bonn mit Mitarbeitern des Auswärtigen Amtes und der Bundestagsfraktion der Grünen zusammen, um ihr Anliegen vorzustellen und zu erläutern.

Besondere Enttäuschung löst bei den Frauen dabei die offizielle Mitteilung der GRÜNEN aus, dem Eltern-Komitee bei seinen menschenrechtlichen Bemühungen nicht helfen zu wollen. Es handele sich, so der stellvertretende Fraktionsgeschäftsführer der GRÜNEN, Thomas Fues, um eine "innernamibische Angelegenheit", in die sich die GRÜNEN nicht einmischen wollten. Sehr viel ermutigender ist die Reaktion der Europaparlamentarier, die den namibischen Gästen konkrete Hilfeversuche zusagen.
Der Auftritt der drei Damen vor der IGFM stößt bei anderen Mitgliedern des Eltern-Komitees auf Kritik, weil die SWAPO-nahe Presse in Namibia die Menschenrechtsorganisation seit der Dokumentation "Menschenrechte im Konflikt um SWA/Namibia" (1985) als Pretoria-freundlich diffamiert hat.

13. 3. 1986: Attie Beukes (bislang der Direktor der Entwicklungsabteilung des CCN) und Erica Beukes (Mitarbeiterin in dieser Abteilung) erhalten ihre fristlose Kündigung überreicht. Darin heißt es:

"Die Entscheidung, Ihr Arbeitsverhältnis mit dem Namibischen Kirchenrat zu beenden, wurde erst nach sorgfältigen Beratungen über Ihre führende Rolle im 'Eltern-Komitee' und über die verschiedenen Erklärungen, herausgegeben und veröffentlicht im Namen des Komitees 'per Adresse namibischer Kirchenrat', getroffen. Der Rat nimmt vor allem Anstoß an dem Weg, den Sie gewählt haben, um die schwerwiegenden Vorwürfe des Komitees darzustellen. Er betrachtet den Angriff gegen die Glaubwürdigkeit der örtlichen Pastoren und Priester als schwerwiegend, unberechtigt und unpassend...Der Rat betrachtet Ihre Aktion als einen sehr ernsthaften Bruch Ihrer Verpflichtung gegenüber dem Rat, nicht gegen ihn zu arbeiten oder die Interessen des Rates oder die Interessen irgend eines Mitgliedes zu verletzen. Als Angestellter des Rates waren die Satzung und allgemeinen Arbeitsbedingungen des Rates verbindlich für Sie. Obwohl für Sie die klare Verpflichtung bestand, ehrlich und treu dem Namibischen Kirchenrat zu dienen, zogen Sie es vor, keinen Vorgesetzten im Kirchenrat zu konsultieren, bevor Sie die betreffenden Erklärungen abgaben..."

25. 4. 1986: Vor dem Arbeitsgericht Windhuk beginnt ein Prozeß, in dem Erika und Attie Beukes gegen den CCN wegen der nach ihrer Meinung unrechtmäßigen Entlassung klagen.
15. 5. 1986: Stella-Maria Boois veröffentlicht im Namen des Eltern-Komitees ein weiteres Memorandum, in dem die Vorwürfe gegen die SWAPO bekräftigt werden. An die SWAPO wird appelliert, "Mord und Mißhandlung an Unschuldigen" zu stoppen: "Falls einer der Dissidenten irgendwelche Verbrechen begangen haben sollte, laßt dies in einem öffentlichen Gerichtsverfahren untersucht werden und informiert deren Angehörige durch geeignete Kanäle."
9. 6. 1986: Auf der Grundlage des u. a. von der IGFM und dem Eltern-Komitee zur Verfügung gestellten Materials befassen sich Europaparlamentarier in Straßburg in einer Sitzung mit den Vorwürfen gegen die SWAPO. In diesem Zusammenhang teilte die "Namibia-Gruppe" des Parlaments der Presse mit: "Mehr als 500 Personen werden im Lager Etale (phonetische Namenswiedergabe) nahe bei Muukulumbashe, 16 km von Lubango (Angola) entfernt, laut Informationen aus einer Quelle in der Umgebung des Zentralkomitees der SWAPO gefangengehalten." Dies, so heißt es weiter, scheine Berichte zu bestätigen, "daß mindestens 1000 Personen in einer SWAPO-Säuberungsaktion festgenommen worden seien..."

Dies ist ein Auszug aus einer 1986 veröfentlichten Dokumentation der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte in Frankfurt a. M.: SWAPO und die Menschenrechte.

Buchtitel: SWAPO und die Menschenrechte
Untertitel: Augenzeugenberichte und Dokumente aus Angola, Sambia und SWA/ Namibia
Herausgeber: Internationale Gesellschaft für Menschenrechte Deutsche Sektion e.V.
Frankfurt am Main, 1986
ISBN 3-89248-007-9


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