Von Dresden nach Otjiwarongo, von Lisa Kuntze

Von Dresden nach Otjiwarongo, von Lisa Kuntze.

Von Dresden nach Otjiwarongo, von Lisa Kuntze.

In ihrem Buch Von Dresden nach Otjiwarongo, beschreibt Lisa Kuntze im Kapitel Grausame Wirklichkeit, den Kulturschock den die aus Dresden nach Otjiwarongo verpflanzte, verwöhnte junge Frau erlitt. Doch sie kämpft, gewinnt die Oberhand und gestaltet ihr Leben neu und gewinnt Südwestafrika lieb.

Lisa Kuntze  

Es war am zweiten Weihnachtsfeiertag, wir, die ganze große Familie saßen abends auf der offenen Terrasse, und zu meiner Überraschung, hatte meine Schwiegermutter einen großen breiten Florentinerstrohhut aufgesetzt. Als mein Mann mein erstauntes Gesicht sah, warf er nur einen Blick nach oben, und dort stand groß und wunderbar der Vollmond. Jetzt begriff ich, daß hierzulande nicht alle Menschen längere Zeit ungeschützt im Schein dieses Gestirns sitzen sollten. Schlaflosigkeit ist die harmloseste Folge. Aber meine Schwägerinnen, die sich allerdings mehr in den Schatten begeben hatten, trugen keinen Schutz. Wunderbar sahen die Oleanderbüsche aus, die weißen und rosa Blüten schienen durch das Mondlicht ein inneres Leuchten auszustrahlen.

Da sagte mein Schwiegervater in die Stille hinein: „Jetzt müßt Ihr beiden Euch überlegen, wo Ihr Euch eine Stellung suchen wollt." Er sprach sehr langsam, denn er hatte schon zwei Schlaganfälle gehabt, genau wie Eberhards Mutter. Ich blickte erstaunt meinen Mann an, der ein seltsam trauriges Gesicht zeigte. War es denn möglich, daß wir hier gar keine Heimat gefunden hatten, nachdem ich die meinige mit so schweren Herzens verlassen mußte? Warum ließ ich dann meine armen Eltern in der russischen Zone zurück, wo sie meiner so dringend bedurft hätten? Hatte nicht meine ältere Schwägerin während des einzigen Anrufes, der uns erreichte, dringend erklärt, wir müßten kommen, sonst wären wir der Nagel zum Sarg der Eltern? Da ich diesen Ausdruck nicht kannte, ist er mir bis heute im Gedächtnis geblieben.

Mein Mann war tief schockiert über diese Worte gewesen. Wir waren ja damals noch keineswegs fest entschlossen, die Reise in seine Heimat zu diesem Zeitpunkt anzutreten. Wir hatten endlich angefangen, in Deutschland, in Hamburg gut zu verdienen. Und wir lebten in einer wunderschönen Wohngemeinschaft mit der Bergedorfer Pfarrersfamilie. Außerdem konnte ich von da aus doch in Abständen mit dem Interzonenzug zu meinen, unter der Trennung leidenden, Eltern fahren. Es lagen damals schwere Wochen vor uns, bevor wir uns endgültig entschlossen hatten. Als dann sogar die Schiffskarten von Afrika aus bestellt und bezahlt worden waren, mußten wir den schweren Entschluß treffen. Selbst meinem Mann, der ja Sehnsucht nach seiner Familie und seiner Heimat hatte, fiel dieser Schritt schwer.

Hatten wir uns nicht, solange für Deutschland alles so gut aussah, in Träumen gewogen, ob wir nach einem siegreichen Ende, wenn uns die Welt offenstehen würde, nach Paris oder - wohin es meinen Mann zog - auf die Krim-Insel ziehen sollten? Dort hatte ihn die Landschaft tief beeindruckt. Doch jetzt wußten wir ja, daß solche Illusionen für immer begraben werden mußten. Nun also waren wir auf der Farm, und wenn wir uns im Kreise umsahen und zu zählen anfingen, dann mußten wir begreifen, daß diese wirtschaftlich sichtlich so daniederliegende Farm nie und nimmer drei Familien ernähren konnte. Freilich hatte ich von drüben aus gar nicht verstanden, daß fünftausend Hektar keineswegs Reichtum bedeuteten, vor allem, wenn der Besitz durch Hypotheken hoch verschuldet war.

Es wurde meinem Schwager schon sehr schwer, die anlaufenden Zinsen zu begleichen. Ich brachte es nicht fertig, die nun im Raume stehende Frage zu beantworten. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, wohin ich von der Farm aus fahren sollte, um mir eine Stellung zu suchen. Dasselbe galt ja für Eberhard. So erhoben wir uns bald und gingen in unser bescheidenes Schlafzimmer, das wir mit unserem kleinen Sohn teilten. Nun da diese Worte gefallen waren, erkannte ich die ganze traurige Realität. Es stimmte, es war unmöglich, daß wir hier alle mit Kindern, für die in Otjiwarongo Schulgeld, Heimgeld, Kleidung etc. etc. bezahlt werden mußten, neben allen anderen Ausgaben sorglos, ohne eigene Einkünfte, zusammen leben konnten.

Die Krankheit meiner so geduldigen Schwiegermutter, die berühmte Parkinson'sche, außer anderen zusätzlichen Leiden, verlangte medizinische Behandlung und öfter längere Aufenthalte im Krankenhaus, zu dem man ja auch nur mit dem Auto, die 20 Meilen Entfernung, fahren konnte. Krankenkassen gab es damals noch nicht. Also Unkosten mußten getragen und sofort bezahlt werden. Mein Mann, als der geliebte jüngere Sohn, war freilich mit Sehnsucht zurückerwartet worden, aber daß er nun als Familienvater sein Auskommen anderswo suchen mußte, das hatten wir nicht geahnt, und es war uns auch nie angekündigt worden. So lagen also die Dinge. Und ich dachte mit noch größerem Kummer an meine einsamen Eltern zurück, die, das wußte ich, ihre Verlassenheit nie ganz würden verkraften können. Es kam natürlich eine schlaflose Nacht für uns. [...]

Dies ist ein Auszug aus dem Buch: Von Dresden nach Otjiwarongo, von Lisa Kuntze.

Buchtitel: Von Dresden nach Otjiwarongo
Autorin: Lisa Kuntze
Kuiseb Verlag
2. Auflage, Windhoek, Namibia 2002
ISBN-10: 9991640258 Namibia
ISBN-10: 3-936858-45-4 Deutschland
ISBN-13: 9783936858457 Deutschland
Broschur, 15x21 cm, 208 Seiten, 16 sw-Fotos

Kuntze, Lisa im Namibiana-Buchangebot

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