Tiere im Veld. Lebensbilder aus der Tierwelt Südwestafrikas. Der Löffelhund, von Fritz Gaerdes

Tiere im Veld. Lebensbilder aus der Tierwelt Südwestafrikas. Der Löffelhund, von Fritz Gaerdes.

Tiere im Veld. Lebensbilder aus der Tierwelt Südwestafrikas. Der Löffelhund, von Fritz Gaerdes.

Auf eine reizende, selbst für Kinder gut geeignete Weise, beschreibt Fritz Gaerdes den Löffelhund in seinem Buch Tiere im Veld. Lebensbilder aus der Tierwelt Südwestafrikas.

Fritz Gaerdes  

Der Löffelhund

Otocyon megalotis Fam.: Canidae
Englisch: Delalande's Fox
Afrikaans: Bakoorjakkals
Herero: Okata-ka-ha

Länge: Kopf und Rumpf etwa 55 cm
Schwanz: 30 cm
Schulterhöhe: 35-40 cm
Gewicht: 3-4 kg.

Die Farmerfamilie sitzt auf der offenen Veranda am Abendbrottisch. „Wo nur Rowdy bleibt?" sagt die Mutter; „um diese Zeit ist er meistens hier." Da erscheint auch schon auf der Treppe ein dunkler Schatten. Es ist Rowdy, der zahme Löffelhund. Den Tag verschlief er irgendwo in der Nähe des Hauses unter einem der hohen Bitterbüsche. Vor den Hunden braucht er sich nicht zu fürchten. Die kennen ihn und lassen ihn ganz in Ruhe. Jetzt kommt er, um sich einige Leckerbissen zu holen. Seine Seher glühen rötlich auf, als er in den Lichtschein der Lampe tritt. Die übergroßen, rundlichen Lauscher, die ihm den Namen Löffelhund gegeben haben, sind nach vorn gerichtet. Weiße Haarspitzen geben der düstergrauen Decke einen silbrigen Schimmer. Tief schwarz ist der untere Teil der Läufe, schwarz auch die Spitze der buschigen Lunte.

„Rowdy, Rowdy," lockt die Mutter und hält ihm eine Wurstpelle hin. Die spitze Schnauze faßt vorsichtig zu. Einen Augenblick sieht man die vielen feinen Zähne; 46 bis 50 hat der Löffelhund, mehr als irgend ein Tier unseres Landes. Die Mutter ist die besondere Vertraute von Rowdy. Als winziges Tier brachte ihn ein Eingeborener zum Farmhaus. Er hatte beobachtet, wie ein Löffelhund in eine Erdhöhle schlüpfte, und die Töne der Jungen gehört. Aber die Fähe hatte ihn auch bemerkt. Als er mit einem Spaten zurückkam, um die Tiere auszugraben, war nur noch ein Junges da; die andern zwei oder drei Welpen hatte die Fähe bereits in ein anderes Versteck geschleppt.

Unter der sorgsamen Pflege der Mutter entwickelte sich der kleine Wollklumpen zu einem niedlichen Löffelhund. Es dauerte eine Zeit, bis die Hunde ihn als Hausgenossen anerkannten; aber dann durfte er sich überall frei bewegen. Eine warm ausgepolsterte Kiste in einer dunklen Ecke war sein Schlafplatz und sein Versteck. Er wurde größer und begleitete die Mutter und die Kinder auf ihren abendlichen Spaziergängen. Neugierig untersuchte er dabei alles und machte seine ersten Jagdversuche. Auf Heuschrecken und Termiten hatte er es besonders abgesehen. Man konnte ihn nur mit Mühe von den Stellen wegbekommen, wo die Grasschneidetermiten tätig waren. Die Eidechsen, die er greifen wollte, waren ihm meistens zu flink.

Einmal erlebten die Kinder, wie er eine Maus fing. Er steckte die spitze Schnauze in ein Mauseloch, schnüffelte etwas und fing an, eifrig zu graben. Gespannt sahen die Kinder ihm zu. Die Pfoten warfen den Sand immer schneller zur Seite. Plötzlich schnappte er zu, und eine Maus hing in seinen Zähnen. Den Hühnern und Enten beim Haus schenkte er keine Beachtung. „Löffelhunde sind sehr nützlich," belehrte die Mutter die Kinder. „Ihr habt gesehen, wie Rowdy die schädlichen Termiten und Heuschrecken frißt. Es mag sein, daß Löffelhunde ein Lerchennest auf der Erde ausrauben, wenn sie bei der Eidechsen- oder Mäusejagd darauf stoßen. Aber das sind Ausnahmen."

Die Kinder liebten Rowdy. Er machte nie den Versuch sie zu beißen. Manchmal keckerte er etwas, wenn sie ihn beim Fressen störten; sonst war er still und leise. Rief man seinen, Namen, so kam er langsam in Erwartung eines Bissens herbei. Früchte verschmähte er nicht, wie er auch im Veld an Beeren naschte.  Auf der Farm waren viele Löffelhunde. Sie wurden geschont, und in die Schakaleisen gingen sie nicht; sie sind keine Aasfresser. Manchmal sah man vier bis sechs am späten Nachmittag zusammen auf der großen Fläche. Sie waren eigentlich Nachttiere; aber hier fühlten sie sich sicher.

Ein Erlebnis, das den Kindern zeigte, wie treu die kleinen Tiere zusammenhalten, konnten sie nie vergessen. Mit einem Freunde, der einen Foxterrier bei sich hatte, machten sie einen Spaziergang zum nahen Damm. Auf einer wenig bewachsenen Fläche vor dem Damm war ein einzelner Löffelhund eifrig mit der Heuschrecken jagd beschäftigt. Sobald der Terrier ihn sah, fuhr er mit lautem Gekläff auf den kleinen Kerl los. Der Löffelhund flüchtete; aber der Hund kam immer näher. Vergebens war Rufen und Pfeifen; In seinem Jagdeifer hörte der Hund nicht. Die Kinder jammerten : „Der arme Löffelhund!" Plötzlich tauchte seitlich vom Terrier ein zweiter Löffelhund auf, kreuzte die Fluchtrichtung und lenkte den Hund auf sich.

Der erste Löffelhund erreichte sein Fluchtloch und verschwand darin. Ihm folgte der zweite, plötzlich einen Haken schlagend. Die Kinder klatschten vor Freude in die Hände. ,,Wahrscheinlich ist es ein Pärchen," meinten sie. Als sie die Geschichte später dem Vater erzählten, sagte der: „Ich selber habe so etwas noch nicht gesehen; aber ich habe gehört, daß Löffelhunde einander helfen. Kürzlich beobachteten Leute im Gemsbockpark in der Kalahari, wie ein Schakal einen Löffelhund angriff und töten wollte. Der wehrte sich und keckerte dabei laut und böse. Auf einmal kamen ihm fünf andere Löffelhunde zur Hilfe und stürzten sich auf den Schakal, der sich schleunigst in Sicherheit brachte.

Ihr müßt übrigens vorsichtig sein, wenn ein wilder Löffelhund keine Furcht vor euch zeigt und euch vielleicht angreifen will. Es kann sein, daß er seine Jungen beschützt. Es kann aber auch sein, daß er die Tollwut hat. Löffelhunde bekommen sie ebenso wie Schakale, Wildkatzen und Mangusten. Paßt auf, wenn sich draußen im Busch eins von diesen Tieren sonderbar benimmt." Rodwy war jetzt erwachsen. Seinen Schlafplatz in der Ecke suchte er nicht mehr auf. Am Tage sah man ihn kaum, und er zeigte sich auch nicht, wenn man ihn rief. Erst beim Abendessen erschien er für kurze Zeit auf der Veranda und verschwand dann wieder im Busch. Seine Besuche wurden seltener. Eines Abends, als er gerade gekommen war, ertönte nicht weit vom Haus der Ruf eines andern Löffelhundes. Rowdy spitzte die Lauscher; dann glitt er in die Dunkelheit. Die Natur hatte gerufen. Er kam nicht wieder.

Löffelhunde kann man überall in Südwestafrika außer an der Küste zu Gesicht bekommen. Obwohl diese nützlichen Tiere gesetzlich geschützt sind, ist ihre Zahl in manchen Gebieten sehr zurückgegangen. Dazu beigetragen hat die Heuschreckenbekämpfung. Wie andere nützliche Tiere sind auch Löffelhunde ein Opfer der vergifteten Heuschrecken geworden.

Weitere Auszüge aus Tiere im Veld: Lebensbilder aus der Tierwelt Südwestafrikas, von Fritz Gaerdes:

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Buchtitel: Tiere im Veld
Untertitel: Lebensbilder aus der Tierwelt Südwestafrikas
Autor: Fritz Gaerdes
Verlag: SWA Wissenschaftliche Gesellschaft
2. Auflage, Südwestafrika; Windhoek, 1977
ISBN 0949995142
Orignal-Leineneinband,Orignal-Schutzumschlag, 14x22 cm, 240 Seiten, 15 Verbreitungskarten, 60 Fotos auf 30 Tafeln

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