Südafrika. Katerstimmung am Kap, von Renate Wilke-Launer

Südafrika. Katerstimmung am Kap, von Renate Wilke-Launer.

Südafrika. Katerstimmung am Kap, von Renate Wilke-Launer.

In ihrem Vorwort ihres Buches Südafrika, Katerstimmung am Kap, gibt Herausgeberin Renate Wilke-Launer einen Einblick in die politischen und sozialen Verhältnisse, die, sechzehn Jahre nach der Unabhängigkeit Südafrikas, nicht besser geworden sind.

Renate Wilke-Launer  

Am 27. April 2010 ist das neue Südafrika 16 geworden. Es gab einen Festakt in Pretoria, Präsident Jacob Zuma hielt eine Rede. Ein Routinetermin. Die feierliche Wahl von 1994, die Aufbruchstimmung, die Amtseinführung Nelson Mandelas als Präsident - das ist noch nicht lange her, aber auch schon Geschichte. Jetzt herrscht Katerstimmung am Kap, das kann auch die Vorfreude auf die Fußballweltmeisterschaft nicht überdecken. Zum Geburtstag gab es deshalb keine Ständchen, sondern Standpauken. Zehn kritische Stimmen aus Südafrika sind mit eigenen Beiträgen in diesem Buch zu finden, viele weitere liegen den bilanzierenden Kapiteln der Herausgeberin zugrunde. Sie kommen von Menschen aller Hautfarben, die aufgeatmet haben, als das Apartheidregime endlich kapituliert hatte und mit der Befreiungsbewegung Afrikanischer Nationalkongress (ANC) ein neuer, vielversprechender, euphorisch stimmender Anfang möglich wurde.

Niemand hat erwartet, dass die Regierung die schwierige Hinterlassenschaft der Apartheid in wenigen Jahren würde bewältigen können, zu tief war sie in allen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bereichen verankert, zu sehr auch in den Köpfen und Herzen der Menschen präsent. 16 Jahre später bestreitet kaum jemand, dass die Regierung genuin daran interessiert war, die Lebensbedingungen der schwarzen Bevölkerungsmehrheit zu verbessern und auch eine Menge dafür getan hat. Warum ist dann die Stimmung dann so schlecht, wieso ist die Kritik so scharf?

Wer an das Südafrika der Touristen denkt oder sich an der aufwändigen Inszenierung der Fußballweltmeisterschaft erfreut, sieht ein anderes, ein schönes, ein beeindruckendes, ein liebenswertes Südafrika. Wem das eine oder andere in diesem Buch als Schwarz-Weiß-Malerei oder hysterische Panikmache erscheint, der mag sich - wie die Südafrikanerinnen und Südafrikaner - an die hehren Ideale und die hohen Standards des Neubeginns erinnern. Wenn die Autoren Missstände attackieren oder scharfe Kritik formulieren, dann deshalb, weil sie den ANC an dem messen, für das er einst stand: eine noble Bewegung für Menschen aller Hautfarben und für eine demokratische, solidarische Gesellschaft. Sie sind in Sorge über eine veränderte Regierungspartei und eine demoralisierte Gesellschaft.

Sie wissen auch - da brauchen sie nur einen Blick über die Grenze nach Simbabwe werfen oder mit den vielen Simbabwern sprechen, die als Flüchtlinge oder Migranten in ihrem Land leben -, dass es keine Garantie dafür gibt, dass dieser Aufbruch in eine bessere und stabile Zukunft fuhrt. Befreiungsbewegungen, das lehrt die afrikanische Geschichte, regieren meist ziemlich lange, weil sie über mehrere Legislaturperioden von der Loyalität der Bevölkerungsmehrheit zehren können, auch dann, so paradox ist diese Loyalität, wenn ihre Leistungen miserabel sind und die Freiheit eingeschränkt wird. Das macht die Debatten in Südafrika, das großartige Schriftsteller, kluge Professoren und mutige Journalisten hat, so leidenschaftlich.

Moeletsi Mbeki, der Bruder des früheren Präsidenten und wie er lange im Exil, übt grundsätzliche Kritik an der Politik des black empowerment, einem der Aushängeschilder der ANC-Regierung. Der Publizist William M. Gumede sieht Anzeichen dafür, dass der ANC sich auf den gleichen abschüssigen Pfad begibt, auf dem schon andere afrikanische Befreiungsbewegungen zu selbstgerechten Autokraten oder zu Raubtieren geworden sind. Der Historiker und Pädagoge Neville Alexander erinnert an die befreiende Kraft der Black Consciousness-Bewegxing und plädiert für eine Rückkehr zu derem selbstbewussten Gemeinsinn. Die Ärztin, Geschäftsfrau und Aktivistin Mamphela Ramphele fragt sich, wie es kommen kann, dass so viele Angestellte des neuen Staates das Volk, dem sie dienen sollen, so schäbig behandeln. In den gut gemeinten, aber schlecht gelungenen Umstrukturierungsversuchen sieht der Sozialwissenschaftler Ivor Chipkin die Schwäche des Staatsapparates.

Der Publizist Jonny Steinberg vermittelt am Beispiel eines Polizisten, warum dieser in seinem Bemühen, ein ordentliches Leben zu fuhren, fast zwangsläufig irgendwann bestechlich werden muss. Weil die Polizei die Bewohner der besseren Vorworte nicht schützen kann, organisieren sie ihre Abwehr selber, arbeitet Steinberg in einer weiteren Reportage heraus: Jeder Fremde wird mit kalter Effizienz als Eindringling erfasst und muss erst mal einen Anfangsverdacht entkräften. Ebenfalls grundsätzlich verdächtig sind die zugewanderten Afrikaner. Sie sind den gerade erst von der ungerechten weißen Herrschaft befreiten schwarzen Südafrikanern ein Dorn im Auge, weil doch nun endlich ihnen im Land etwas zusteht. Das ist die kalkulatorische Logik hinter den brutalen Attacken auf Ausländer. Diese Logik beunruhigt auch die schon lange im Land lebenden Minderheiten. Der Autor Imraan Coovadia analysiert in seinem Essay, wie sich das Lebensgefühl der indischen Minderheit verändert hat und wie die lauter gewordenen nativistischen Stimmen im ANC sie verunsichern.

Mit Machtverlust hat auch die weiße Minderheit zu kämpfen. Was abstrakt als gerechte, aber doch sehr milde Strafe für die böse Hybris der Apartheid bewertet wird, entpuppt sich, wenn man sich denn die Mühe macht zuzuhören, als verunsichernde Erinnerung an alte Traumata der Burengeschichte. Der Pädagoge und Professor Jonathan D. Jansen öffnet den Blick für eine sympathische Sicht auf die Kinder dieses weißen afrikanischen Stammes. Zu diesem Stamm gehört auch die Schriftstellerin Antjie Krog, die sich gegen das Apartheidregime engagiert hat und bei der Rückkehr in das Kroonstad ihrer Kindheit irritierende Veränderungen notiert. Es ist vieles anders, aber es ist nicht wirklich besser und die Verständigung mit dem früheren Mitkämpfer schwierig geworden.

Welche Barrieren und Wahrnehmungsmuster immer noch mit der Hautfarbe verbunden sind, analysiert der Akademiker und Autor Njabulo S. Ndebele in einem Essay. Um die Gefangenschaft der Vergangenheit zu überwinden und die Zwangsjacken der Gegenwart abzulegen, müssen die Schwarzen die Führung übernehmen und an Standards arbeiten, die die Hautfarbe verblassen lassen. Um gemeinsam zu überlegen, wie es an diesem kritischen Punkt in der südafrikanischen Geschichte weitergehen soll, haben sich unter Leitung von Mamphela Ramphele 35 prominente Südafrikanerinnen und Südafrikaner Gedanken gemacht. Die in drei Szenarien skizzierten Entwicklungen bündeln die »kollektive Weisheit« der Gruppe. Sie plädieren angesichts der Schwäche und Zerstrittenheit der Regierung für einen Neuanfang - ein inspirierendes Miteinander von Staat, Privatwirtschaft und Zivilgesellschaft.

Dies ist das Vorwort des Buches: Südafrika. Katerstimmung am Kap, von Renate Wilke-Launer

Buchtitel: Südafrika. Katerstimmung am Kap
Herausgeberin: Renate Wilke-Launer
Brandes & Apsel-Verlag
Frankfurt, 2010
ISBN 978-3-86099-644-7
Broschur, 15x21 cm, 252 Seiten

Wilke-Launer, Renate im Namibiana-Buchangebot

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