Die Erstgeborenen, von Giselher W. Hoffmann

Die Erstgeborenen, von Giselher W. Hoffmann.

Die Erstgeborenen, von Giselher W. Hoffmann.

In seinem Roman Die Erstgeborenen erzählt Giselher W. Hoffmann eine geheimnisvolle Geschichte und über das Dilemma der Ur-Einwohner Namibias, dem Volk der Buschmänner.

Giselher W. Hoffmann  

Vor einem Jahr war der letzte Sturzregen über der Kalahari niedergegangen. Die Sonne brannte auf die rostbraunen, nur spärlich mit Gräsern und Akazienbäumen bewachsenen Dünen herab, und der Wind spielte lustlos in dem staubigen Flußbett des Auob. An den Biegungen waren entwurzelte Bäume in den ausgetrockneten Wasserlauf gestürzt; Zeugen einer Flut, die sich damals nach dem Wolkenbruch gen Südosten gewälzt hatte: tosend und weitaus schneller als Benjamin, der mühsam durch den angeschwemmten Sand im Flußbett stapfte und sich mit einem Packesel abmühen mußte. Benjamin war ein Hottentotte. Er betätigte sich als wandernder Händler, der für Wochen, oftmals Monate in der Kalahari verschwand, angeblich, um bei den Buschmännern die von Touristen begehrten Pfeil und Bogen gegen Glasperlen, Blechtassen, Tabak und Taschenmesser einzutauschen. In Wirklichkeit aber war er im Auftrag eines gewissen Hermanus Johannes Ecksteen auf der Suche nach der berühmt-berüchtigten Verlorenen Stadt, die im Jahre 1885 ein Amerikaner namens Farini in der Wüste entdeckt hatte. Bisher war es niemanden vergönnt gewesen, einen zweiten Blick auf die Ruine zu werfen, denn Farini hatte der Welt nichts als eine Landkarte und die Skizze eines runden Monuments inmitten halb im Dünensand vergrabener Bausteine hinterlassen. Und Benjamins Auftraggeber, der einen Gemischtwarenladen in Gochas besaß, wollte der erste Weiße sein, der die Verlorene Stadt wieder zu Gesicht bekam. Nur ist es so, daß die Buschmänner einem Fremden selten etwas anvertrauen, und dem mageren Hottentotten im beigefarbenen Overall und der leuchtendroten Pudelmütze auf dem Kopf verrieten sie gleich gar nichts, weil sein ewiges Lächeln die Herzen der Gwi-Mädchen verwirrte und in seinen Augen die Lüge wohnte. Erst als Ecksteen dem Hottentotten billigen Branntwein mit auf die Reise gab, gelang es Benjamin, der Kalahari ein Geheimnis zu entreißen, zwar nicht das der Verlorenen Stadt, doch immerhin eines, so glaubte er, das ihm viel Geld einbringen würde. Obwohl er Durst hatte und seine Füße in den kuduledernen Schuhen schmerzten, gönnte er sich und dem Packesel keine Rast, denn er wollte die kurz vor der Jahrhundertwende von Missionar Rust gegründete Station Gochas vor Einbruch der Dunkelheit erreichen. Zwei Stunden später verließ er den Auob und kletterte die steile Anhöhe zu einem Kalkplateau hinauf. Dort, am Rande des Abgrunds, lag Gochas, ein winziger Ort im Südosten Südwestafrikas. Im März 1908 hatte Hauptmann von Erckert hier seinen vernichtenden Angriff auf Simon Kopper, den Kapitän der Fransmannhottentotten, gestartet. Benjamin humpelte an der Stelle vorüber, an der damals das Schutztruppenfort gestanden hatte, und bog in die Sandstraße ein, die breit und staubig den Ort in zwei Hälften teilte.

An diesem späten Nachmittag war die Straße wie leergefegt. Er blieb stehen, wehrte die blendende Sonne mit einer Hand ab und musterte die lückenhafte Häuserreihe zur Linken. Sein Blick blieb an einem gelben, flachgestreckten Gebäude am Ausgang des Ortes haften. Er konnte nicht lesen, aber in Gochas wußte jedermann, daß - "ECKSTEEN-ALGEMENE-HANDELAAR" - auf dem vom Verandadach baumelnden Schild geschrieben stand, und der Hottentotte lächelte, als er sah, daß der Gemischtwarenladen noch geöffnet hatte. Er band den Packesel am Verandapfosten an, stieg unter dem Schild hindurch auf den mit Brettern ausgelegten Bürgersteig und trat, nachdem er kurz an die Holztür gepocht hatte, in den Laden. Es dauerte eine Weile, ehe er im Dämmerlicht Ma Ecksteen erkannte, die auch heute hager und kerzengerade in einem bis zum Hals zugeknöpften Spitzenkleid an der Kasse stand. Hinter dem Ladentisch, den Ma im Laufe der Jahre so blank gescheuert hatte, daß die Linoleumplatte weiß geworden war, lehnten warenüberhäufte Regale an der Wand und boten dem Farmer und Dorfbewohner all das feil, was ein Mensch in der unwirtlichen Kalahari zum Überleben braucht. Der Hottentotte nahm grinsend seine Pudelmütze vom Kopf: "Ich bin wieder da, Missus."

"Das rieche ich", sagte Ma Ecksteen, denn Benjamin hatte sich auf seiner monatlangen Reise nicht einmal gewaschen. Zu ihrem Entsetzen trat der Hottentotte in seinem schmuddeligen Overall bis dicht an den Ladentisch heran. "Ich muß den Baas sprechen, Missus." Ma Ecksteen wich angeekelt an die Regale zurück. "Johan!" Ein rothaariger Junge steckte den Kopf durch die Verbindungstür, die in den angrenzenden Lagerraum führte. "Ma?" - "Ruf deinen Pa", befahl sie. "Und du...", sie wandte sich an Benjamin, "du wartest solange im Lager. Hier verscheuchst du mir die Kundschaft mit deinem Gestank." Im Lagerraum roch es nach Sackleinen, Maismehl, braunem Zucker, Tabak, Kaffee und Waschpulver, und selbst im hintersten Winkel hörte man vorn die alte Kasse bimmeln. Vor allem am Samstagmorgen, wenn die Farmer nach Gochas kamen, um Besorgungen zu erledigen.

Schon in der Früh sah man sie auf der Veranda stehen und ihre Pfeifen schmauchen, während die Frauen etwas abseits tuschelten, bis Ma die Türe öffnete. Dann strömten sie lärmend herein, wohl wissend, daß Ma Kaffee gekocht und Zwieback gebacken hatte. Und Pa Ecksteen mußte sich hinter dem Ladentisch die Klagen anhören. Ein Farmer schimpfte über den ausbleibenden Regen, der andere hatte seinen Zuchtbullen verloren, dem nächsten war das Bohrloch versiegt, und Oma Hester hatte es auf der Brust, und Tante Martha erwartete wieder ein Kind, und wenn Pa ihnen Kredit einräumte, sah man, wie sie sich aufrichteten, um der Kalahari erneut die Stirn zu bieten. Benjamin überlegte gerade, ob er sich vorsorglich ein Packet Zucker und etwas Tabak einstecken sollte, als Hermanus Johannes Ecksteen in das Lager trat. [...]

Dies ist ein Auszug aus dem Buch: Die Erstgeborenen, von Giselher W. Hoffmann.

Buchtitel: Die Erstgeborenen
Autor: Giselher W. Hoffmann
Verlag: Peter Hammer Verlag
Wuppertal, 1991
ISBN 3-87294-450-9
Kartoneinband mit Schutzumschlag, 15x21 cm, 438 Seiten

Hoffmann, Giselher W. im Namibiana-Buchangebot

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