Der verkannte Hans Grimm, von Klaus von Delft

Der verkannte Hans Grimm, von Klaus von Delft. ISBN 3874181502 / ISBN 3-87418-150-2

Der verkannte Hans Grimm, von Klaus von Delft. ISBN 3874181502 / ISBN 3-87418-150-2

Prof. Dr. Klaus von Delft stellt Hans Grimm, nach intensiver Forschung zu seiner Person in den 1970er Jahren, als in seiner pauschalen Vorverurteilung verkannten Schriftsteller und Gesellschaftskritiker vor.

Klaus von Delft  

Die scharfe Kritik, die Hans Grimm in den Romanen Volk ohne Raum und Heynade und England an der englischen Deutschlandpolitik des frühen 20. Jahrhunderts übt, verdeckt die Tatsache, daß Hans Grimm ein großer Verehrer des englischen Wesens mit seiner in sich ruhenden Sicherheit beim Einzelnen und mit der klar ausgeprägten Identität des Volksganzen war. Auch das glückhafte Verhältnis des Engländers zur eigenen Geschichte, auch dort, wo diese rückblickend gar nicht so glückhaft verlaufen ist - man denke nur an den Ausverkauf des ehemals mächtigen Empire - hat Hans Grimm ja wiederholt in neidloser Anerkennung dargestellt - bei gleichzeitig schmerzhafter Trauer, daß dem Deutschen ein ähnliches oder auch nur vergleichbares Selbstverständnis der eigenen historischen Identität nie beschert worden ist. Hans Grimm war und ist mit Person und Werk ja selbst ein Opfer dieses Sachverhaltes. Er hat das die letzten 40 Jahre seines Lebens wiederholt allerdeutlichst zu spüren bekommen. Das Faszinierendste an seiner Biographie ist, daß er den Spannungen, die ihm aus diesem unerfüllten deutschen Selbstverständnis erwuchsen, auch nicht ein einziges Mal ausgewichen ist: weder im Kleinen noch im Großen, weder bei hagiographischer Verehrung noch bei rüdester Verunglimpfung, weder im völkischen Überschwang des Dritten Reiches, noch in der nationalen Demütigung nach 1945. Es war nicht die Eitelkeit des älter werdenden Mannes, wie er es etwas entschuldigend auslegt, sondern richtige Selbsterkenntnis, wenn er in der Autobiographie Suchen und Hoffen berichtet, "daß mir wenig Lob im Leben so viel Freude gemacht und mich so aufgefrischt hat, wie Kapitän Erhardts, des Marineoffiziers, knappes Wort an mich: "Sie haben immer Kurs gehalten. Das muß man von Ihnen sagen." (1934) (SuH 285). Kursschwankungen und -wechsel, obwohl ganz bestimmt kein Prärogativ der deutschen Geschichte, haben aber doch den deutschen politischen Weg des 20. Jahrhunderts und als Folge auch das historische Selbstverständnis bei den Deutschen stärker überschattet als bei anderen europäischen Völkern. Wie sollte da ein kursbeständiger Mann ein die wechselhaften Zeiten überdauerndes Verständnis finden können? Wenn das schon 1920-1939 nicht gelingen konnte, wo es doch bei aller Verwirrung die prinzipielle Grundkonstante der Suche nach nationaler Selbstverwirklichung gab, der sich ja auch Grimm unter anderem verpflichtet wußte, wenn also schon damals ein echtes Verständnis des Grimmschen Kurshaltens nicht gelang, wie hätte das nach 1945 gelingen sollen? Mußte es doch nach dem durchstandenen Inferno scheinen, es könnte irgendwelche Maßstäbe und grundsätzlichen Lebenshilfen weltweit nirgendwo und niemals mehr geben. Wir alle wissen, welche Folgen diese Ratlosigkeit nach 1945 für die Aufarbeitung der deutschen Geschichte hatte. Die Größe nicht nur des militärischen sondern auch des geistig-seelischen Zusammenbruchs zeigt sich nicht zuletzt darin, daß auch versierte Historiker den rückschauenden Blick nur an der Perspektive dieses Zusammenbruchs orientieren können. Alles Vorausgegangene scheint nur als ein ursächlicher Weg in den Untergang gedeutet werden zu können. Bei einer solchen eindimensionalen Betrachtungsweise, die nach dem Einbahnstraßenprinzip die früheren Zeiten am Maßstab und an der Faktenkenntnis späterer Zeiten mißt, ist der Sprung vom nüchternen Aufarbeiten des früher Geschehenen zur sittlichen Entrüstung darüber, daß es so und nicht anders geschah, eigentlich unausweichlich. Die deutsche Geschichte wird so - bei manchen schon seit Luther und dem mißglückten Bauernkrieg - zu dem traurigen Kaleidoskop eines konsequenten Weges in die Barbarei, wie die Kapitelüberschrift einer Literaturanthologie aus Göttingen heißt, unter welcher Überschrift auch Auszüge aus Hans Grimms Werk zu finden sind. (Killy, 10691149). Wir alle kennen aus Schule, aus Universität, aus den öffentlichen Medien und aus dem politischen Alltag die lähmenden Folgen dieses Geschichtsverständnisses zur Genüge: keine wirklich grundsätzliche Frage des öffentlichen Lebens heute, die nicht bewußt oder unbewußt daran gemessen wird, ob ihre Erledigung Reminiszenzen an frühere Epochen wachrufen könnte. Kann sie das, so erledigt sie sich von selbst. Not mit der eigenen Vergangenheit liegt wie Mehltau auf der deutschen Gegenwart. [...]

Dies ist ein Auszug aus der Festschrift: Der verkannte Hans Grimm, von Klaus von Delft.

Titel: Der verkannte Hans Grimm
Autor: Klaus von Delft
Verlag: Klosterhaus-Verlag Lippoldsberg
Wahlsburg-Lippoldsberg 1975
ISBN 3874181502 / ISBN 3-87418-150-2
Originalbroschur, 15x21 cm, 32 Seiten, 1 sw-Foto

von Delft, Klaus im Namibiana-Buchangebot

Der verkannte Hans Grimm

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Diese Denkschrift stellt den meist pauschal angefeindeten und verkannten Schriftsteller Hans Grimm aus einer ungewohnten Perspektive vor.

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