16.09.2014

Neues TUCSIN-Ausbildungs- und Kulturzentrum in Tsumkwe, Namibia

Neues TUCSIN- Ausbildungs- und Kulturzentrum in Tsumkwe, Namibia. Foto: Tanja Bause

Neues TUCSIN- Ausbildungs- und Kulturzentrum in Tsumkwe, Namibia. Foto: Tanja Bause

Am 24.07.2014 fand in Tsumkwe, 250 km östlich von Grootfontein und 60 km vor der Grenze Namibias zu Botswana gelegen, die Eröffnung eines weiteren TUCSIN-Ausbildungs- und Kulturzentrums statt.

Die Gebäude der bisherigen Tsumkwe Country Lodge, einfache zweckmäßige Bungalows und ein schönes Lapa-Restaurant bilden den baulichen Grundstock des TUCSIN-Ausbildungs- und Kulturzentrums. Mit dem Bau von Unterrichtsräumen, Werkstätten und Unterkünften wird nicht ein auswärtiges Unternehmen beauftragt, vielmehr sollen diese nach den Bedürfnissen der zukünftigen Nutzer aus der San-Gemeinde von diesen selbst mitentworfen und auch unter handwerklicher Anleitung gebaut werden: learning by doing. Handwerk und Kunsthandwerk werden wohl Schwerpunkte der Ausbildung sein. Unter den weit abgelegenen Ortschaften des Landes nimmt Tsumkwe schon jetzt eine Sonderstellung ein; der Ort hat ein autonomes Kraftwerk, im Inselbetrieb, d.h. ohne Verbindung zum nationalen Hochspannungsnetz wird es von langen Reihen von Solar-Modulen mit 200 kW peak power und, als back-up, zwei Diesel-Generatoren von je 180kVA gespeist. Finanziert wurde der Bau von der Europäischen Union (EU) unter Beteiligung u.a. von NamPower und dem Regionalrat. Der bisher zu kleine Batterie-Speicher soll noch in diesem Jahr so vergrößert werden, dass institutionelle Kunden wie die zwei Schulen, Gericht, Polizei, NBC, MTC sowie über 100 private Haushalte künftig auch in sonnenarmen Stunden überwiegend mittels Sonnenenergie versorgt werden können. Gefeiert wurde die TUCSIN-Eröffnung mit den Bewohnern des Tsumkwe-Distrikts, überwiegend Angehörige der Ju/‘hoan-Sprachgruppe der San-Bevölkerung, die hier ein Rückzugsgebiet gefunden hat. Es war ein ländliches Fest, an dem bis in den Nachmittag hinein vor allem Mädchen und Frauen allen Alters ernst und fröhlich teilnahmen, schön und farbig gekleidet, mit Kindern an der Hand, auf dem Arm, auf dem Rücken und dem Schoß und – noch gar nicht geboren. Ein Anlass für diese ganz unfeierliche Feier war die Vorstellung des ersten reich bebilderten Kinderwörterbuches, natürlich in der Ju/‘hoan Sprache sowie in Englisch und Afrikaans. Gemeinsam mit erfahrenen Lehrern und vielen einheimischen Mitwirkenden in Wort und Bild hat die junge Linguistin Kerry Jones dieses kinderfest auf laminiertes farbiges Papier wunderschön farbig gedruckte Buch mit praktischer starker Ringbindung gestaltet – eine vorbildliche Arbeit. Zu jedem Stichwort gibt es eine Illustration von einem der lokalen Maler. Die Bilder von Tieren, Pflanzen, Familienmitgliedern, von Gebräuchen und von Alltagsgegenständen zeigen in ihrer Vereinfachung jene Fähigkeit zur Abstraktion und Rückführung auf das Wesentliche, das uns an den Felsbildern und Gravuren von Brandberg, Spitzkoppe, Erongo, Twyfelfontein….. begeistert. Bilder, die ja zweifellos schon bei der Entstehung vor Jahrhunderten auch zur Unterrichtung der Kinder dienten. Cliff Olivier, Vorsitzender des Board von TUCSIN, stellte den Direktor, Dr. Andreas Wienecke vor und führte den Ehrengast Dr. Zed Ngavirue ein, der seit langem mit TUCSIN verbunden ist; der Dorfälteste, Chef Tsamkxao-BoBo bot TUCSIN im Namen der Ju/‘hoan-Gemeinde sein Willkommen. TUCSIN-Zentren gibt es neben Windhoek seit etlichen Jahren in Oshakati und in Rundu. Im Bereich Ausbildung war seit langem ein Schwerpunkt an allen Standorten ein „Nachschulungs-programm“ in den Fächern der Sekundarschulen, also in Mathematik, Naturwissenschaften, Wirtschaft und Umwelt, vor allem aber in Englisch. Von Kindern, in deren Zuhause niemand Englisch spricht, wird bekanntlich die Landessprache nach wie vor unzureichend erlernt, zumal etliche Lehrer die Sprache selbst bis heute nur mangelhaft beherrschen. Mit diesem Programm sieben-monatiger Intensivkurse in den genannten Fächern hat TUCSIN in den letzten drei Jahrzehnten Tausenden von Studierenden durch einen qualifizierten Schulabschluss den Weg zu einem Hochschulstudium oder einer vergleichbaren höheren Ausbildung eröffnet. Allerdings kamen naturgemäß nur wenige davon aus dem Randgebieten des Landes und aus den besonders benachteiligten ethnischen Gruppen. Menschen aus diesen „wenig entwickelten“ - d.h. noch nicht durchwegs kommerzialisierten - Regionen ist allerdings mit einer überwiegend akademisch orientierten Ausbildung ohnedies nur wenig geholfen. Mit dem Zentrum in Tsumkwe stellt sich nun eine neue, ganz andersartige Herausforderung: Lernen für eine moderne gewinnorientierte Gesellschaft zu ermöglichen, ohne den Zusammenhalt, die Bindungskräfte der Gemeinschaft zu zerstören. Die Verantwortung aller für die Gemeinschaft ist es ja, die es Gesellschaften wie den San ermöglicht hat, in der spendenden, aber stets auch bedrohlichen Natur zu überleben. Seit Jahrtausenden war ihre Lebensgrundlage, so wie teilweise bis heute auch die der Ju/‘hoan südlich des Okavango, die Jäger und Sammlerkultur, gewiss die älteste der Gattung Mensch. Diese Kultur kann zwar vorgeschichtlich genannt werden, primordial mit einem gelehrten Wort, doch ist sie keineswegs primitiv im abwertenden Sinne, sie setzt im Gegenteil ein von allen geteiltes hochdifferenziertes Wissen voraus über alles, was das Leben im Busch, in der Savanne und am Rande der Wüste möglich macht: Wissen über Wetter und Klima, über Pflanzen und Tiere, über die Jahreszeiten und den Gang der Gestirne. Die Weitergabe dieses Wissens von Generation zu Generation kann ohne Schrift nur durch mündliche Überlieferung und das heißt durch einen die ganze Lebensspanne aller Gruppenmitglieder erfassenden und durch-dringenden Austausch bewirkt werden. Melissa Heckler, die schon vor über 20 Jahren am Aufbau der ersten „Village Schools“ im Land der Ju/‘hoan beteiligt war, wird nun auch den Aufbau des Zentrums in Tsumkwe begleiten. In ihrem Essay: “In the Beginning, the Story Mind… Reflections on the Village School Project 1990 – 2014“ fasst sie die Bedeutung dieser Lebensform als Gegenbild zur heutigen kapitalistischen Welt von Konkurrenz und Ungleichheit zusammen: „In light of the depth of time Ju/‘hoansi are believed to have occupied the Kalahari, their traditional educational practices can be described as one of the oldest field-tested curricula on the planet. In addition, Ju/‘hoansi decision making processes epitomize direct democracy: one person, one vote, and a group consensus in decision making. The values underlying this system are communicated and practiced from childhood, and form the basis of their approach to education. These include the practice and idea of child autonomy – the importance of this approach in Ju/‘hoan culture cannot be over-emphasized. Although it is a deeply alien aspect to most Western top down educational practices, child autonomy makes logical sense: to be a thriving democracy, a society must give children autonomy to make decisions and experience the multiple consequences. In essence, democracy requires a problem-solving approach to classroom practices.” Da könnte unsere immer noch so starre top-down Pädagogik wieder etwas lernen von unseren ältesten Vorgängern. TUCSIN-Tsumkwe muss es offenbar gelingen, eine Ausbildung, etwa in Handwerk und Kunsthandwerk zu vermitteln, die für die heutige Gesellschaft in Namibia qualifiziert, ohne dass die Grundlagen der San-Gesellschaft, Autonomie, Gleichheit, Solidarität, verloren gehen.

Dr. Gustav Obermair, Swakopmund

Mit freundlicher Genehmigung der Allgemeinen Zeitung in Windhoek (Namibia), veröffentlicht das Namibiana Buchdepot die Pressemeldung: Neues TUCSIN- Ausbildungs- und Kulturzentrum in Tsumkwe, Namibia.

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