26.06.2012

Die versunkenen Schätze der Karavelle 'Bom Jesus' im Südwesten von Namibia

Die versunkenen Schätze der Karavelle 'Bom Jesus' im Südwesten von Namibia.

Die versunkenen Schätze der Karavelle 'Bom Jesus' im Südwesten von Namibia.

Dass im Diamanten-Sperrgebiet im Südwesten von Namibia versunkene Schätze verborgen liegen, ist ein offenes Geheimnis. Zufällig stieß man beim Schürfen auf das 500 Jahre alte Wrack der portugiesischen Karavelle 'Bom Jesus'.

Der 1. April 2008 sollte für Kranführer Kaapanda Shatika eigentlich ein Arbeitstag wie jeder andere werden. Es galt, den Meeresboden vor Oranjemund an der namibischen Südatlantikküste, inmitten des Diamanten-Sperrgebiets, der so genannten Mining Area 1, für eine weitere Offshore-Exploration vorzubereiten. Ein reiner Routinejob für den Angestellten des halbstaatlichen Diamantkonzerns Namdeb, der letzten Endes Einzug in die Geschichtsbücher des Wüstenstaates hielt. Denn was Shatika an diesem Tag vom trockengelegten Grund des atlantischen Ozeans ans Tageslicht förderte, sollte wenig später Archäologen aus aller Welt im Kollektiv frohlocken lassen. Anstatt des edlen Minerals schimmerten an diesem Morgen inmitten verrotteter Holzreste kaputte Messingrohre, goldene Metallstücke und merkwürdig abgerundete Steine im Schlamm. Schnell war klar, dass es sich dabei um keinen alltäglichen Fund handelte. „Mein Chef, der Geologe Bob Burrel, informierte daraufhin unseren Archäologen Dr. Dieter Noli, der auch umgehend aus Kapstadt anreiste“, erinnert sich der 38-Jährige. An der Fundstelle angekommen identifizierte Noli, seines Zeichens Wüstenarchäologe in Diensten der Minengesellschaft, die Messingrohre als Hinterlader-Kanonen aus Bronze und die runden Steine als die dazugehörige Munition. Die glänzenden Metallstücke entpuppten sich derweil als Goldmünzen portugiesischer und spanischer Herkunft und die vermeidlichen Baumstämme als Überreste eines alten Segelschiffes aus dem 15. oder 16. Jahrhundert. Einen Moment, auf den der Wissenschaftler seit nunmehr zwei Dekaden gewartet hatte: „Betreibt man vor der Küste Abbauarbeiten, dann stößt man früher oder später auf ein Wrack“. Besonders die namibischen Gewässer gelten seit jeher als tückisch und unberechenbar. Der Benguela-Strom mit seinen heftigen Stürmen und gefährlichen Nebeln wurde in den vergangenen Jahrhunderten bereits unzähligen Schiffen zum Verhängnis – nicht umsonst trägt ein großer Küstenabschnitt des Landes den Namen Skelettküste (Skeleton Coast). Nach genauem Inspizieren der Fundstelle waren die Stürme der Begeisterung nicht minder heftig.

Immer mehr Goldmünzen wurden aus dem trockengelegten Meeresgrund gegraben und doch bildeten diese lediglich die Spitze des Eisbergs. Silber, tonnenweise Kupferbarren, so genannte Ingoten, und Elfenbein legten der Forscher und Namdeb-Arbeiter allein am ersten Tag frei. Hinzu kamen Waffen wie Überreste von Musketen, Schwertklingen und weitere Kanonen aus geschmiedetem Eisen sowie Navigationsausrüstung. Vor allem drei Astrolabien wussten aus wissenschaftlicher Sicht zu begeistern. Die Sternhöhenmesser und Vorgänger des Sextanten sind vermutlich die einzig erhaltenden Exemplare aus dieser Epoche. Aber auch die vermeidlich unspektakulären Gegenstände aus dem Schiffsalltag wie Essgeschirr, medizinische Ausrüstung, Läusekämme, Kleidungsreste aus Leder und persönliche Besitztümer der Besatzungsmitglieder sind für die Wissenschaft von unschätzbarem Wert, da sie einen Blick auf den damaligen Alltag auf hoher See ermöglichen. Ob die ebenfalls gefundenen Knochenstücke die sterblichen Überreste der Besatzung sind, konnte bis jetzt noch nicht spezifiziert werden.

„Ein komplett erhaltendes Schiffswrack inmitten des Sperrgebietes… ich dachte zunächst, es wäre ein klassischer Aprilscherz“, erzählt Dr. Bruno Werz, der von seinem Kollegen Noli an eben jenen ersten des Monats über den Fund telefonisch in Kenntnis gesetzt wurde. Für den Meeresarchäologen vom Institut für maritime archäologische Forschungen in Kapstadt kam dies einem Lotteriegewinn gleich. Kein Zugang für selbsternannte Schatzsucher und Hobbytaucher - niemand hatte das nasse Grab des Schiffes sieben Meter unter dem Meeresspiegel stören oder gar plündern können - ein über die Jahrhunderte konservierter Schatz wartete auf die Forscher, entdeckt zu werden, als sei es an der Zeit, seine Geheimnisse preiszugeben. Schnell machten Spekulationen um Bartolomeu Diaz die Runde, der 1488 auf der Suche einer Seepassage von Europa nach Indien als erster Europäer seinen Fuß in der Bucht von Angra Pequena – dem heutigen Küstenort Lüderitzbucht - auf namibischen Boden setzte. Handelte es sich bei dem Schiffswrack etwa um die Karavelle des legendären portugiesischen Entdeckers, der während einer weiteren Mission im Jahre 1500 auf dem Weg zum Kap der Guten Hoffnung spurlos verschwand?

Internationale Forscherteams gaben sich im sonst so beschaulichen 6000-Einwohner-Örtchen Oranjemund im Niemandsland an der Grenze zu Südafrika die Klinke in die Hand. Werz, der die Leitung der weiteren Ausgrabungen übernahm, folgten Archäologen aus aller Herren Länder. Darunter auch Webber Ndoro vom African World Heritage Fund. „Dieses Wrack gewährt uns einen neutralen Einblick in die Welt vor 500 Jahren, in eine Zeit in der europäische Seefahrer die Südspitze des Kontinents entdeckten und erstmals mit dessen Bevölkerung in Kontakt traten“, berichtet der Archäologe und Konservator aus Simbabwe, der die Leitung des „Oranjemund Schipwreck“-Projektes innehat, freudestrahlend. Auch für ihn stellt die Unversehrtheit des Fundes einen Glücksfall dar. Der Großteil der Artefakte sei in einem Areal von gerade einmal 16 mal 18 Metern gefunden worden. „In den antiken Stätten von Great Zimbabwe, wo ich bis vor kurzem tätig war, lagen zum Teil Kilometer zwischen zwei Fundstücken – das war fast schon richtiger Sport“, schmunzelt Ndoro, der den Fund in Oranjemund für den wohl wichtigsten in der gesamten SADC-Region, ja gar in gesamt Schwarzafrika hält.

Insgesamt 2194 Goldmünzen sowohl portugiesischer, spanischer als auch arabischer Herkunft förderten die zwei Ausgrabungen zwischen April und Oktober zu Tage. 21,15 Kilogramm Gold – mit Ausnahme von Ägypten wurden bis dato auf dem ganzen Kontinent noch nie solche Mengen des edlen Metalls gefunden. Doch damit nicht genug: 109 Silbermünzen, 5,5 Tonnen Zinn (teils als Geschirr), 67 Stoßzähne aus Elfenbein, die zusammen mehr als 600 Kilogramm auf die Waage bringen und 2288 Kupferingoten mit einem Gewicht von rund 20 Tonnen komplettierten einen sagenhaften Schatz, welcher auf einen Gesamtwert von weit über 70 Millionen Euro geschätzt wird. Viel kostbarer jedoch wiegt der wissenschaftliche Wert des Fundes. „Auf kultureller Ebene ist diese Entdeckung unbezahlbar“, sagt ein sichtlich begeisterter Francisco Alves, Meeresarchäologe aus Lissabon, der mit einem Team der portugiesischen Denkmalschutz-Behörde der zweiten Ausgrabung beiwohnte. Es sei das besterhaltene Wrack außerhalb Portugals und somit ein offenes Buch, in welchem es wichtige Aufschlüsse über die einstige Seemacht von der iberischen Halbinsel und den seinerzeitigen Handel zwischen den Kontinenten nachzuschlagen gelte.

Doch wem gehört der Schatz schlussendlich? Portugal oder etwa gar den Nachfahren der Fugger? Die namibische Regierung beansprucht das Wrack samt Ladung für sich und bezieht sich dabei auf das Gesetz Nr. 27, dem „Nationalen Erbrecht“. Gemäß diesem 2004 erlassenen Gesetz werden alle Schiffsüberreste, die älter als 35 Jahre sind, als historische Wracks und damit als Staatseigentum betrachtet. Bis jetzt hat noch nichts das Sperrgebiet verlassen – mit Ausnahme der Goldmünzen, die sicher in den Tresoren der Bank of Namibia in Windhoek lagern. Nachdem am 10. Oktober die letzten Wrackteile von der Fundstelle geborgen und diese wieder dem Atlantik überlassen wurde, lagert das Wrack nun in den Hallen der Mining Area 1. Auch was den Informationsfluss anbelangt, so versiegt dieser spätestens am Ausgang an den strengen Sicherheitskontrollen. Die Zeit jedoch arbeitet gegen die Wissenschaftler. Um den Fund auch für kommende Generationen zu erhalten, müssten eher heute als morgen entsprechende Konservierungs-Maßnahmen ergriffen werden. Die Uhr tickt und Überlegungen gibt es viele. So zum Beispiel die eines „aktiven“ Museums in Oranjemund. Dort könnten das Wrack und die Artefakte gleichzeitig konserviert und ausgestellt werden. Der größte Schatz des Sperrgebiets und von einem Diamanten fehlt jede Spur… die besten Geschichten schreibt immer noch das Leben… und die Geschichte selbst!

Eike Nienaber

Mit freundlicher Genehmigung der Allgemeinen Zeitung Windhoek-Namibia, veröffentlicht das Namibiana Buchdepot die Pressemeldung: Die versunkenen Schätze der 'Bom Jesus' im Südwesten von Namibia.

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