Von Windhuk nach Auschwitz? Beiträge zum Verhältnis von Kolonialismus und Holocaust, von Jürgen Zimmerer

Von Windhuk nach Auschwitz? Beiträge zum Verhältnis von Kolonialismus und Holocaust, von Jürgen Zimmerer.  LIT-Verlag, 2011. ISBN 9783825890551 / ISBN 978-3-8258-9055-1

Von Windhuk nach Auschwitz? Beiträge zum Verhältnis von Kolonialismus und Holocaust, von Jürgen Zimmerer. LIT-Verlag, 2011. ISBN 9783825890551 / ISBN 978-3-8258-9055-1

Aus dem Vorwort zu: Von Windhuk nach Auschwitz? Beiträge zum Verhältnis von Kolonialismus und Holocaust (Jürgen Zimmerer). 2003 veröffentlichte ich den ersten einer Reihen von Aufsätzen zum Verhältnis von Kolonialismus und Holocaust'. Darin nahm ich Fragen auf, die seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges immer wieder von so unterschiedlichen Personen wie Hannah Arendt, Raphael Lemkin, Ahne Cesaire oder W. E. B. DuBois gestellt, jedoch nie ernsthaft von der historischen Fachwissenschaft diskutiert wurden.

Jürgen Zimmerer  

Die Reaktionen überraschten, vor allem die Vehemenz vieler Antworten. Hatte mein Buch zur „Deutsche(n) Herrschaft über Afrikaner"2 überwiegend wohlwollende Kritik erfahren und trotz der darin nachgewiesenen deutschen Unterdrückungs- und Ausbeutungspolitik sowie der detaillierten Schilderung der Versuche der Schaffung eines totalen Herrschaftsstaates auf Grundlage einer rassenstaatlichen Ideologie keinen inhaltlichen Widerspruch erfahren, so war dies bei meinen Arbeiten zur postkolonialen Interpretation des Holocaust anders. Vor allem die Aufgeregtheit der Debatte, das sofortige Abgleiten in persönlich-diffamierende Attacken bei gleichzeitigem Fehlen jeglicher inhaltlicher Auseinandersetzung, verwundert. Meine Aufsätze hatten offenbar einen wunden Punkt getroffen. Gerade der Vergleich mit den überaus positiven internationalen Reaktionen4 auf meine Beiträge bestätigt dies. Dies legte den Verdacht nahe, dass es im Kern nicht nur um eine wissenschaftliche Frage ging, sondern auch um die deutsche nationale Identität. Wenn Verbrechen des Dritten Reiches in Traditionen standen und Vorläufer hatten, die über den Antisemitismus und die unmittelbare Vorgeschichte der Nazi-Herrschaft in der Weimarer Republik hinausgingen, dann konnten die 12 Jahre des Nazi-Herrschaft nicht mehr länger gleichsam aus der deutschen Geschichte herauspräparieren. Die strikte Scheidung der Geschichte des Dritten Reiches vom Rest der deutschen Geschichte hatte vielen geholfen, sich mit der deutschen Geschichte zu arrangieren, sie in Frage gestellt zu haben, erklärt zumindest die Emotionen, die meine Argumente weckten. Dass meine Argumente im Detail kaum von jemanden zur Kenntnis geonmen wurden, gehört ebenfalls zu den Absonderlichkeiten dieser Debatte. Viele stützen sich auf einen kurzen Artikel über den Hererokrieg Genozid in einem 2003 erstmals erschienenen Sammelband, in dem ich in nur wenigen Sätzen die mannigfaltigen Beziehungen zu den späteren Verbrechen skizzierte, nicht ohne im Apparat auf mehrere Aufsätze verweisen, welche weitere Überlegungen und Belege beinhalteten. Mit wenigen Ausnahmen wurde dies geflissentlich ignoriert. Stattdessen wurde immer wieder die fehlende Differenzierung in meiner Argumentation moniert. Bei der lückenhaften Rezeption meiner Aufsätze mag eine Rolle gespielt haben, dass sie zum einen in Zeitschriften und Sammelwerken zur deutschen, zum anderen aber auch der afrikanischen oder generell verbalen Geschichte erschienen waren: Vertreter der einen wie der anderen Region pflegen aber offenbar Organe aus dem anderen Feld einfach nicht wahr zu nehmen. Dies ist nicht unbedingt bösem Willen geschuldet, verweist jedoch auf ein strukturelles Problem einer geographisch hoch ausdifferentierten Disziplin. Aus all diesen Gründen habe ich mich entschlossen, die wichtigsten meiner Beiträge selbst in einem Band zur Verfügung zu stellen. Da es sich auch um die Belege einer Debatte handelt, habe ich bewusst auf Überarbeitungen verzichtet, auch wenn das zu einigen Redundanzen fuhren mag. Die hier versammelten Beiträge sind sicherlich nicht das letzte Wort in dieser Debatte, und wollen es auch gar nicht sein. In Zusammenschau ergeben sie jedoch ein Bild der vielfältigen Beziehungen zwischen Kolonialismus und Nationalsozialismus, die über Sonderwege, Kausalitäten oder rein zufällige Ähnlichkeiten hinausgehen. Sie umfassen sowohl die Kriegsführung als auch die Ausbeutungs- und Umerziehungspolitik im Nicht-Krieg sowie die ideologische Öffnung von Möglichkeitsräumen für Genozid und Vernichtungskrieg ebenso wie für die Neuordnung von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft auf ,rassischer' Grundlage. [...]

Dies ist ein Auszug aus dem Vorwort zu 'Von Windhuk nach Auschwitz? Beiträge zum Verhältnis von Kolonialismus und Holocaust', von Jürgen Zimmerer.

Titel: Von Windhuk nach Auschwitz?
Untertitel: Beiträge zum Verhältnis von Kolonialismus und Holocaust
Reihe: Periplus Studien, Band 15
Autor: Jürgen Zimmerer
Verlag: LIT-Verlag
Münster, Berlin, Wien, Zürich, London, 2011
ISBN 9783825890551 / ISBN 978-3-8258-9055-1
Broschur, 16 x 23 cm, 352 Seiten

Zimmerer, Jürgen im Namibiana-Buchangebot

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Von Windhuk nach Auschwitz? fragt nach dem Verhältnis von Kolonialismus und Nationalsozialismus und nimmt Genozid, Rassenstaat und Zwangsarbeitsregime als Ausgangspunkt einer vergleichenden Betrachtung.

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