Völker ohne Schrift und Geschichte, von Christoph Marx

Völker ohne Schrift und Geschichte, von Christoph Marx.

Völker ohne Schrift und Geschichte, von Christoph Marx.

Die Studie Völker ohne Schrift und Geschichte untersucht das Bild des vorkolonialen Schwarzafrika in der deutschen Forschung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts.

Christoph Marx  

Aus der Einleitung von Christoph Marx: Der deutsche Afrikareisende Georg Schweinfurth behauptete in seinem Reisebericht "In Herzen von Afrika" er habe sich bewegt unter "Völkern ohne Oberhaupt, ohne Schrift und Geschichte". Aus diesem Zitatausschnitt wurde der Titel der vorliegenden Arbeit entnommen. Aus Schweinfurths eigenem Reisebericht geht hervor, daß er sich durchaus darüber in klaren war, daß die meisten Völker ein "Oberhaupt" besaßen, politische Herrschaft kannten. Die Bemerkung zum Fehlen von Schrift und Geschichte meist dagegen über Schweinfurths Werk hinaus - weswegen ich auch nur sie zum Titel gewählt habe - und bringt eine Einstellung zum Ausdruck, die unter Wissenschaftlern, Missionaren und Kolonialverwaltern weit verbreitet gewesen ist. Die in der vorliegenden Arbeit untersuchten Reiseberichte zeigen zum großen Teil eine solche Haltung, mit Ausnahme der beiden ersten. Aber gerade sie, wird man einsehen können, hatten schriftliche Quellen zur Verfügung. Demnach scheint es tatsachlich einen Zusammenhang zu geben zwischen dem Vorhandensein von Schrift und Geschichte. Dazu ist zunächst zu sagen, daß über viele Völker Afrikas schriftliche Quellen vorliegen, aber in den meisten Fallen Berichte von Außenstehenden, Arabern oder Europäern. Die hier untersuchten Reiseberichte haben für uns heute selbst einen Wert als historische Quellen, wobei in der vorliegenden Arbeit aber nur ihr Wert als eigenständige historische Forschungen zum Thema gemacht wurde. Gerade für diese Forschungen war in der Regel das Fehlen interner schriftlicher Quellen das entscheidende Kriterium für das Feststellen auch von Geschichtslosigkeit.

Die Geschichtsschreibung hatte sich vor allen durch die philologisch-kritische Methode zur Wissenschaft entwickelt. Die meisten ihrer Vertreter lehnten darum eine Einbeziehung schriftloser Kulturen in ihre Untersuchungen ab. da das für sie zentrale Ouellenmaterial, schriftliche Aufzeichnungen, Berichte und Urkunden, scheinbar nicht vorlag, wegen der Schriftlosigkeit der in Frage stehenden Völker gar nicht vorliegen konnte; an die externen Quellen dachte damals kaum jemand. Schrift war der Garant, Ereignisse der Vergänglichkeit zu entreißen, Schrift war für eine von Historischen geprägte Zeit wie das 19. Jahrhundert darum auch eine Voraussetzung für Kultur. In diesen Sinn nachte Eduard Meyer die Ausgrenzung der schriftlosen Völker deutlich.

In der Regel interessierten sich Afrikareisende prinzipiell dennoch für die Vergangenheit der von ihnen besuchten Völker, und sei es auch nur, um ihre Geschichtslosigkeit darzutun. In einem Zeitalter, das wie kein anderes von historischem Denken geprägt war sah sich auch die neuentstehende Wissenschaft der Völkerkunde vor die Frage gestellt, ob sie die Gleichsetzung von Schrift- und Geschichtslosigkeit so einfach hinnehmen könne. Wie das vorangestellte Zitat des Geographen Ratzel zeigt, versuchte sie vor allem in Deutschland, dem Dilemma zu entkommen, indem sie nicht-schriftliche Quellen fand und verstärkt in ihre Untersuchungen einbezog.

Die kulturhistorische Ethnologie, hier unter den zusammenfassenden Namen Kulturkreislehre untersucht , errichtete aus den neuen Quellenmaterial, das sie in allen Lebensäußerungen der "Naturvölker" fand, ein historisches Gebäude, das schließlich in Universalgeschichte einmünden sollte. Dabei überspannte sie den Bogen indem sie die schriftlichen Quellen ihrerseits zu vernachlässigen neigte. Das und die Tatsache, daß sie sich als Kulturgeschichte begriff und darum die politische Geschichte, über die die meisten schriftlichen Nachrichten vorlagen, weniger beachtete war dazu angetan, der Ethnologie zwar ein eigenes Profil zu verleihen, andererseits aber auch die schriftlichen von den schriftlosen Kulturen abzugrenzen. In der deutschen Geschichtswissenschaft sind darum die afrikanischen Kulturen relativ wenig bekannt, obwohl in beiden Wissenschaften große Veränderungen hinsichtlich Methoden und Ergebnissen erfolgt sind. [...]

Dies ist ein Auszug aus dem Buch: Völker ohne Schrift und Geschichte, von CHristoph Marx.

Buchtitel: Völker ohne Schrift und Geschichte
Untertitel: Zur historischen Erfassung des vorkolonialen Schwarzafrika in der deutschen Forschung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts
Autor: Christoph Marx
Reihe: Beiträge zur Kolonial- und Überseegeschichte, Band 43
Verlag: Franz Steiner Verlag
Stuttgart, 1988
ISBN 978-3-515-05173-6
Broschur, 15x23 cm, 492 Seiten

Marx, Christoph im Namibiana-Buchangebot

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