Südwest. Liebe auf den ersten Blick. Erlebnisse auf Gochaganas, von Joachim F. Warning

Südwest. Liebe auf den ersten Blick. Erlebnisse auf Gochaganas, von Joachim F. Warning

Südwest. Liebe auf den ersten Blick. Erlebnisse auf Gochaganas, von Joachim F. Warning

Unter vielen anderen, sind die Erlebnisse auf Gochaganas interessante Momentaufnahmen aus dem Buch von Joachim F. Warning, Südwest: Liebe auf den ersten Blick. Das Farmhaus lag an einem breiten Rivier, dem Usib, dahinter erhob sich eine Reihe hoher Berge. Wie viele alte Farmhäuser in Südwest war auch Gochaganas von schattenspendenden Bäumen umgeben.

Joachim F. Warning  

In dem gepflegten, mit viel Geschmack angelegten Garten gab es zu jeder Jahreszeit etwas Blühendes. Als ich dort eintraf, blühten gerade die Rosen in verschwenderischer Pracht. Gegen das Rivier hin wurde Mais und Luzerne angebaut, um neben der natürlichen Weide noch genügend zusätzliche Futtermittel für die bekannte Pferdezucht meines Schwagers zur Verfügung zu haben. Das erforderliche Wasser für diese Anlagen wurde aus einem in unmittelbarer Nähe des Riviers gelegenen Brunnen in weitverzweigte Bewässerungsrinnen gepumpt. Man bediente sich damals für solche Zwecke noch des Göpels, eines von einem Zugtier betriebenen Becher-Schöpfverfahrens, das ebenso langsam wie zuverlässig war, sofern das Maultier, das mit verbundenen Augen jeweils einen halben Tag im Kreis herumgehen mußte, nicht stille stand, was wiederum von dem Fleiß des Negerknaben abhing, der das bemitleidenswerte Tier beständig antreiben mußte.

Zwei Maultiere und zwei Agarobs, wie diese Knaben auch genannt wurden, förderten auf diese billige Weise in 2 Halbtagsschichten genügend Wasser zutage, um eine kontinuierliche Bewässerung durchführen zu können. Das Trinkwasser für Mensch und Vieh sowie das für die Käserei benötigte Wasser wurde aus einem zweiten Brunnen mit Hilfe eines starken Dieselmotors in ein Hochbassin gepumpt, von wo aus es den verschiedenen Zwecken zugeführt wurde. Auch ein Schwimmbad war vorhanden, das gleichzeitig als ein zusätzlicher Wasserspeicher diente. Man erreichte dieses durch einen längeren, laubenartigen Gang, ein Weinspalier, an dem bereits die ersten Trauben reiften.

Auf dem Wege dorthin machte ich die ersten bösen Erfahrungen mit den berüchtigten Omongongua, einer besonders angriffslustigen Wespenart. Sie sind dreimal größer als ihre europäischen Vettern, die vorzugsweise auf dem Zwetschgenkuchen herumkriechen; ihr Stich ist dementsprechend schmerzhafter, etwa mit dem einer Hornisse vergleichbar. Manche Leute schwellen nach einem solchen Stich nilpferdartig an, einzelne können daran sogar zugrundegehen, anderen macht es weniger aus. Im Inneren des Hauses war es kühl und gepflegt, kühler und gepflegter als in vielen anderen Farmhäusern, die ich in späteren Jahren kennenlernte.

Die Einrichtung war gediegen und von bestem europäischen Stil, die von meiner Schwester mitgebrachten alten Möbelstücke ergänzten das übrige Mobiliar auf glückliche Weise. Man ging sicher nicht fehl in der Annahme, daß die Inneneinrichtung dieses wohlbestellten Hauses in seiner Umgebung Seltenheitswert besaß. Gochaganas war eine „Oase in der Wüste", ein Platz, wo man sich wohlfühlen konnte, denn es war alles vorhanden, was man sich wünschen konnte, mit Ausnahme des elektrischen Lichtes, welches es damals in den allerwenigsten Farmhäusern gab. Man mußte sich außerdem damit abfinden, daß die Europapost vier Wochen unterwegs war und man infolgedessen die Nachrichten von drüben erst dann erhielt, wenn sie gewöhnlich längst überholt waren, es sei denn, daß man sich, wie in dringenden Fällen üblich, eines Morsetelegramms bediente.

Schon dies gab einem das Gefühl, am Ende der Welt zu sein, was noch dadurch bestärkt wurde, daß es damals noch keine Rundfunkgeräte gab, die geeignet waren, diesen Mangel zu überbrücken. Man saß also in dieser und anderer Hinsicht buchstäblich „auf dem Trockenen", doch gab es dafür andere Freuden, die einem in Europa versagt waren. Allein die Vorstellung, auf einem Areal von 20.000 Hektar tun und lassen zu können, was einem beliebte, war herzerfrischend, wenn man aus dem engen, übervölkerten Europa kam, wo man an allen Ecken und Enden auf Verbotstafeln stieß. Hier durfte man frei umherstreifen, kampieren, Feuer anzünden, jagen, wilde Tiere fangen, lauter Dinge, denen ich mich in Europa hatte enthalten müssen.

Für das leibliche Wohl sorgte Herr Weyermüller, eigentlich Koch von Beruf, der sich schon in jungen Jahren einen guten Namen durch seine Kenntnisse der französischen Küche gemacht hatte. Nebenbei leitete er noch die umfangreiche Käserei und betätigte sich als Farmverwalter oder Tierarzt, wo immer er gebraucht wurde. „Weyer" verstand es wahrlich, mit dem Messer umzugehen, gleichgültig, ob er in atemberaubender Geschwindigkeit Zwiebeln zerhackte, Fleisch auseinandertrennte oder Kater kastrierte! Die Käserei war ein wahrer Musterbetrieb und brachte gutes Geld ein. Jeden Nachmittag wurde die Tagesernte auf langen Brettern in die Käsekammer getragen, wo die blassen Käse in schöner Regelmäßigkeit solange gedreht, gesalzen und gewendet wurden, bis sie eines Tages als wohlgefällige leuchtendgelbe Halbkugeln nach Windhoek zum Verkauf gelangten.

Als Assistenten dienten Herrn Weyermüller 2 farbige Helfer, „Käsehans" und „Käsefritz", freundliche, hilfreiche Zeitgenossen, wie die meisten der schwarzen oder braunen Angestellten auf der Farm. Da war „Floors", der Jäger, der das Wild und seine Gewohnheiten so gut kannte, daß er einen fast immer zu Schuß brachte, und „Esau", der Maurer, der den ganzen Tag mit Mauern und Ausbessern von Krippen, Brunnen, Steinfußböden oder irgendwelchen anderen Baulichkeiten zubrachte und alles dies mit einem Auge schaffte, denn das andere war ihm bei irgendeiner Rauferei abhanden gekommen. Soweit ich es beurteilen konnte, sah Esau mit einem Auge besser und mauerte gerader, als mancher weiße Maurer mit zwei Augen, und mein Freund „Helmut", der inzwischen seine Gesellenprüfung abgelegt hatte, hätte von Esau, seinem schwarzen Kollegen, sicher noch eine Unmenge lernen können.

Zu den Erwähnenswerten gehörte auch noch „Sackab", der Gärtner, und „Schmiedejohannes", der in seinem Fach genauso tüchtig war, wie Floors, Esau und Sackab. Er konnte schweißen, schmieden, Pferde beschlagen, Sensen dengeln, zerrissene Ketten reparieren, Achsen und Buxen der Donkeykarren richten, die damals noch häufig für kleinere Lasten gebraucht wurden, Reifen aufziehen und was sonst noch so alles zum Schmiedehandwerk gehörte. „Kutty" Hausbambuse und Silberdiener, verstand es vortrefflich, die unentbehrlichen Petroleumlampen zu putzen, mit gutem Geschirr umzugehen, ein Auge auf die weiblichen Hausangestellten zu halten und beim Kochen einen guten Handlangerdienst zu versehen. Auch was das Servieren betraf, war Kutty unübertrefflich.

Er kannte alle Finessen und versah sich nie, weder in der Richtung, noch in der Reihenfolge! In seiner blauweiß gestreiften Livree wirkte der große, schlanke Hererobastard weit ansehnlicher und er war auch zuvorkommender, als unser Potsdamer Kammerdiener „Becke", der sich eher einmal vertat und nur ein freundliches Gesicht machte, wenn er ein fürstliches Trinkgeld erhielt oder mit unserem Dackelrüden „Mummi" in der Augustastraße spazieren ging. Unter den dazugehörigen Frauen gab es immer einige, die je nach Lust und Eignung bei der Wäsche, im Haus, in der Küche oder beim Geflügel tätig waren. Sie trugen sich noch immer nach der viktorianischen Mode mit hohen, bis an den Hals geschlossenen Miedern und langen, bis zum Boden reichenden Röcken, mit denen sie den Staub ein- und ausschleppten! Dazu trugen sie ein Kopftuch, eine Art von Turban, das Zeichen der verheirateten Frau. Sie kamen teuer, diese Frauen, denn für jedes ihrer Kleider wurden 12-13 Meter Stoff benötigt. […]

Erlebnisse auf Gochaganas ist ein Auszug aus dem Buch Südwest. Liebe auf den ersten Blick, von Joachim F. Warning.

Buchtitel: Südwest. Liebe auf den ersten Blick
Untertitel: Erinnerungen an das alte Südwest
Autor: Joachim F. Warning
Kuiseb-Verlag
Windhoek, Südwestafrika 1985
ISBN 0949995398
Originalbroschur, 17x24 cm, 252 Seiten, zahlreiche sw-Fotos

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Für Dr. Warning war es 1929 Liebe auf den ersten Blick und seine Erinnerungen an das alte Südwest haben hohen Informations- und Unterhaltungswert.

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