Südafrika, von Arthur Keppel-Jones

Südafrika, von Arthur Keppel-Jones.

Südafrika, von Arthur Keppel-Jones.

Dies ist die Einleitung zu dem Buch von Professor Dr. Arthur M. Keppel-Jones, Südafrika.

Arthur Keppel-Jones  

1488: An einem Februartag weideten einige Hottentotten ihre Rinder in der Nähe des Strandes der Mossel-Bay, an der Südküste Afrikas. Diese Hottentotten waren Hirten, denen die Kenntnis der Bodenbestellung fremd war. Sie lebten in Lagern mit transportablen Hütten, die sie zusammenpackten, wenn die "Weiden abgegrast waren oder das Wasser versiegte und die Menschen mit ihren Rindern und fettschwanzigen Schafen, mit ihren Hunden und sonstigem Besitz zu einem neuen Lagerplatz zu ziehen zwang. Ihre Haut war hellbraun oder gelblich, und sie trugen ihr Haar zu kleinen Büscheln zusammengebunden. In Zukunft sollten unfreundliche Kritiker sie als lügnerisch, übelriechend und diebisch bezeichnen, ihre Sprache sollte dem Gackern der Hennen ähneln, und ihr Name war dazu bestimmt, ein sprichwörtliches Synonym für ein kulturloses Volk zu werden. Und doch waren sie die eigentlichen Eroberer des Landes, in dem sie jetzt lebten, sie waren die Träger der höchsten Zivilisation, die es bisher gegeben hatte. Vielleicht zwei Jahrhunderte früher hatten ihre Vorfahren aus der Gegend der Großen Seen (Great Lakes) her die Westküste des tropischen Afrika erreicht. Seitdem waren sie ständig weiter nach Süden getreckt, immer der Küste entlang, bis sie die südlichste Spitze des Kontinents erreicht hatten. Und von hier aus drangen sie weiter nach Osten vor. Auf diesem langen Treck waren sie auf nur einen menschlichen Feind gestoßen - die Pygmäenrasse der Buschmänner. Diese von Statur kleineren Menschen waren sonst den Hottentotten so ähnlich im Aussehen, daß die Weißen auf den ersten Blick keinen Unterschied wahrnahmen; doch es waren Jäger, keine Hirten. Jeder Stamm der Buschmänner hatte seine Jagdgründe, die von keinem Fremden betreten werden durften. Wenn die Hottentot-teneindringlinge es in ihrer Verwegenheit doch wagten - wie konnten sie da Gnade erwarten?

Der vergiftete Pfeil, den ein unsichtbarer Gegner voller List abschoß, verteidigte die Rechte der wahren Besitzer des Bodens. Und es war für die gewandten Jäger der schnellen und furchtsamen Antilope ein Kinderspiel, die hilflosen, sich langsam bewegenden Herdentiere, von denen die Hottentotten begleitet waren, zu fangen. Die Hottentotten wieder waren besser organisiert und sehr wohl fähig, diese Überfälle zu rächen. Die Buschmänner waren auch nicht die ältesten Einwohner des Landes, sondern Nachfolger von anderen, von denen wir nur durch die Funde ihrer Knochen und Geräte Kunde bekamen. Und jetzt wurden diese Buschmänner von den Hottentotten vertrieben. Einige zogen sich in die trockenen und steinigen Ebenen im Inneren zurück. Andere blieben im Hottentottenland nahe der Küste, suchten aber die Sicherheit im Bergland. Dort, in den tiefen, bewaldeten Klüften, wo Flüsse über Geröll und Kiesel strömten, oder in den Höhlen unter steilen Bergabhängen, verbargen sich die Pygmäen.

Gleich Leoparden und Pavianen, die ihre Verstecke auch dort hatten, wagten sie sich erst nachts heraus, um die Ansammlungen und die Herden der Hottentotten zu überfallen. Auf beiden Seiten kannte man kein Erbarmen. Das war der politische und wirtschaftliche Hintergrund, vor dem sich das Leben der Hirten, die sich im Februar 1488 an der Mossel-Bay befanden, abspielte. Eines Tages erblickten sie, seewärts schauend, plötzlich etwas ihnen ganz Neues, Unbekanntes, Erschreckendes. Zwei große Ungetüme, wie sie solche noch nie zuvor gesehen hatten, schwammen dort auf dem Wasser und kamen in geringer Entfernung vor der Küste zum Halten. Es waren portugiesische Karavellen unter dem Kommando des Bartolomeo Diaz. Ihre Ankunft bedeutete, daß es portugiesischen Seeleuten schließlich nach einem halben Jahrhundert fortgesetzter Bemühungen gelungen war, den südlichsten Punkt des Erdteils zu umsegeln und vom Atlantik aus den Indischen Ozean zu erreichen.

Diaz war längs der Westküste so lange gefahren, bis ein Sturm ihn weit nach Süden abgetrieben hatte. Als er nach dem Sturm Kurs nach Osten hielt, sah er kein Land mehr und hoffte, daß er gefunden hatte, was so viele gesucht hatten. Die Schiffe drehten auf nördlichen Kurs, sichteten wieder Land und warfen die Anker vor der Mossel-Bay. Die Hottentotten ahnten nicht, daß dieses Ereignis zum Untergang ihrer Rasse führen sollte; zunächst waren sie so erschrocken, daß sie sofort mit ihren Rindern in das Innere flohen. Während die Fremden ihre Wasserbehälter an Land füllten, faßten die zurückgebliebenen Hottentotten Mut und griffen die Eindringlinge mit Steinen an. Der aufgebrachte portugiesische Kommandant ergriff eine Armbrust und erschoß einen der Angreifer. Die Seeleute setzten danach ihren Weg nach Norden, der Küste entlang, fort, fanden aber nichts Bemerkenswertes und bestanden deshalb darauf, heimzukehren.

Diaz gab ihren Wünschen nach, ließ aber einen Padrao im Vorgebirge von Kwaaihoek zurück, um die Rechte des Königs zu proklamieren; auf seinem Rückweg entdeckte er dann das Kap der Guten Hoffnung, das er in dem Sturm übersehen hatte, und gab ihm seinen Namen. Das gegenseitige Mißtrauen und die Feindseligkeiten zwischen Hottentotten und Portugiesen in der Mossel-Bay wurden bei viel späteren Gelegenheiten erneuert. 1497 folgte auf die Reise von Diaz die Fahrt des Vasco da Gama, der das Werk seines Vorgängers zu Ende führte und Indien erreichte. Die Mannschaft Vasco da Gamas hatte in der Bucht von Sankt Helena ein Scharmützel mit den Hottentotten. Weitere Entdeckungsreisen folgten. Antonio da Saldanha entdeckte die Tafel-Bay, erstieg den Tafelberg und bestand vor seiner Rückreise ein Gefecht mit einigen Hottentotten. [...]

Dies ist ein Auszug aus dem Buch: Südafrika, von Arthur Keppel-Jones.

Buchtitel: Südafrika
Autor: Arthur Keppel-Jones
Übersetzung: Isolde Anger
Verlag: Safari-Verlag
Berlin, 1952
Original-Leinen, Original-Schutzumschlag, 14x22 cm, 297 Seiten, 66 Fotos auf Kunstdrucktafeln, 2 Karten

Keppel-Jones, Arthur im Namibiana-Buchangebot

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