Namibische Gedenk- und Erinnerungsorte, von Bernd Heyl et al.

Namibische Gedenk- und Erinnerungsorte. Postkolonialer Reisebegleiter in die deutsche Kolonialgeschichte, von Bernd Heyl et al. Brandes & Apsel. Frankfurt am Main, 2021. ISBN 9783955583064 / ISBN 978-3-95558-306-4

Namibische Gedenk- und Erinnerungsorte. Postkolonialer Reisebegleiter in die deutsche Kolonialgeschichte, von Bernd Heyl et al. Brandes & Apsel. Frankfurt am Main, 2021. ISBN 9783955583064 / ISBN 978-3-95558-306-4

Aus dem Namibia-Reiseführer 'Namibische Gedenk- und Erinnerungsorte' von Bernd Heyl et al. stammt der folgende Auszug aus der Einleitung.

Werner Hillebrecht  Henning Melber  Joachim Zeller  

Wohin geht die Reise?

Getrieben vom Wunsch nach Weltgeltung brachte das Deutsche Kaiserreich ab 1884 Länder in Übersee unter seine Herrschaft, so auch das Gebiet des heutigen Namibia. Hier begann jedoch der deutsche Einfluss bereits Jahrzehnte früher durch die Tätigkeit der Rheinischen Mission, und er endete keineswegs mit dem Ende des Ersten Weltkriegs. Als Ziel der deutschen Kolonisatoren kristallisierte sich heraus, auf dem Gebiet des heutigen Namibia ein »neues Deutschland« zu gründen. Die afrikanische Bevölkerung sollte diesem rassistischnationalistischen Vorhaben weichen oder sich unterordnen. Hier sollte »Lebensraum« für mindestens 100.000 deutsche Siedlerinnen und Siedler geschaffen werden, ca. 14.000 waren es bei Beginn des Ersten Weltkriegs. Nach dem Deutsch-Namibischen Krieg (1904-1908) wurden die Widerstand leistenden afrikanischen Gemeinschaften völlig entrechtet. Es begann der »Aufbau« einer deutschen Kolonie, die sich architektonisch, technisch und kulturell am Deutschen Reich orientierte und eine im Kern rassistische Apartheid-Struktur schuf. Bereits zu dieser Zeit wurden zahlreiche Denkmäler für »koloniale Helden« errichtet und auch die Architektur manifestierte auf vielfältige Weise den deutschen Machtanspruch. Im Jahr 2018 besuchten ca. 120.000 deutsche Touristinnen und Touristen Namibia. Touristische Reisemotive sind vielfältig: die Sehnsucht nach einem Ortswechsel; ein romantisches Bedürfnis, fremde Welten zu erkunden; auf Safari zu gehen; der Realität der modernen Industriegesellschaft, ihrer Enge und ihren Zwängen zu entfliehen; Weite und Natur genießen. Motive, die denen der Kolonisator*innen von einst durchaus ähneln. Afrikareisen gelten immer noch als etwas Besonderes, verbunden mit Nervenkitzel und Gefahr. Da kommt es den Reisenden entgegen, dass Namibia die Sehnsucht nach Ferne mit einer eigentümlichen Nähe kombiniert. Vieles wirkt bekannt: Schwarzwälder Kirschtorte im Swakopmunder Cafe Anton, ein »Deutscher Grillteller« im Keetmanshooper Schützenhaus, deutsch geführte Gästefarmen, nach deutschem Reinheitsgebot gebrautes Bier und nicht zuletzt eine lokale deutschsprachige Tageszeitung verbinden Vertrautes mit einem exotischen Reiz. Viele Menschen reisen aber auch mit dem Wunsch, den eigenen Horizont zu erweitern, Neues zu erfahren, Geschichte zu verstehen, sich also zu bilden. Nicht nur, aber vor allem für sie ist dieses Buch.

Geteilte Erinnerung

Der renommierte DuMont Verlag stellt seine 1968 gestartete Reiseführerreihe unter das Motto »Man sieht nur, was man weiß...« Dies gilt vor allem auch für die kolonialen Spuren in Namibia. Niemand reist voraussetzungslos. Der »touristische Blick« hat eine Geschichte. Die heutige postkoloniale Weltordnung ist immer noch geprägt von imperialen und neokolonialen Herrschaftsverhältnissen. Koloniale Herrschaft hinterlässt auch bei den Kolonisierenden Spuren. Menschen, die in einer postkolonialen Gesellschaft leben, setzen sich mit ihrer Geschichte zwangsläufig und unterschiedlich auseinander. Sie können sich mit ihr identifizieren und »nationale Größe« oder »zivilisatorische Leistung« glorifizieren, sie können Geschehenes ignorieren oder verdrängen, sie können sich ihrer Geschichte aber auch kritisch stellen. In der Bundesrepublik Deutschland wie in Namibia gibt es noch immer eine »geteilte Erinnerung« an die koloniale Vergangenheit. Der französische Historiker Pierre Nora prägte gar den Begriff vom »Krieg der Erinnerungen«. Insbesondere zur deutschen Kolonialherrschaft in Namibia gibt es eine Fülle von kritischen wissenschaftlichen Publikationen, deren Inhalte auch die Grundlage dieses Buches bilden. In der Geschichtswissenschaft besteht heute weitgehend Konsens, dass der Deutsch-Namibische Krieg (1904-1908) zum Völkermord an Ovaherero und Nama führte und die deutsche koloniale Herrschaft von Anbeginn auf die Zerstörung afrikanischer Kulturen zielte. Ganz in diesem Sinne setzt sich in der Bundesrepublik seit einigen Jahren eine breitere Öffentlichkeit mit der Thematik auseinander. So arbeiten beispielsweise zivilgesellschaftliche Initiativen die deutsche Kolonialgeschichte auf lokaler Ebene auf, hinterfragen Straßennamen oder Sammlungen und Ausstellungen von Museen. [...]

Dies ist ein Auszug aus: Namibische Gedenk- und Erinnerungsorte, von Bernd Heyl et al.

Titel: Namibische Gedenk- und Erinnerungsorte
Untertitel: Postkolonialer Reisebegleiter in die deutsche Kolonialgeschichte
Autor: Bernd Heyl
Beiträge: Helga Roth, Henning Melber, Hans-Martin Milk, Werner Hillebrecht, Joachim Zeller
Verlag: Brandes & Apsel
Frankfurt am Main, 2021
ISBN 9783955583064 / ISBN 978-3-95558-306-4
Broschur, 16 x 23 cm, 284 Seiten, zahlreiche Abbildungen

Heyl, Bernd und Roth, Helga und Melber, Henning und Milk, Hans-Martin und Hillebrecht, Werner und Zeller, Joachim im Namibiana-Buchangebot

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