Jägerinnen, von Beatrix Sternath
58 Frauen, 58 Jägerinnen. Mein geliebter eigensinniger Gatte würde sagen, 58 geht gar nicht, denn er liebt die Primzahlen. Also 59. Es müssen 59 sein. So leitet Beatrix Sternath das letzte der insgesamt 59 Porträts ein.
So können wir noch über Anna Katharina Kaufmann sprechen. Sie ist meine Tochter. Sie ist die Gattin eines konservativen, traditionsbewussten, manchmal vielleicht sogar etwas klotzigen Berufsjägers. Und sie ist Jägerin, sensibel, reflektiert, mit allen Selbstzweifeln kämpfend, und doch selig, wenn sie das Haupt des erlegten Bockes in ihren Schoß betten kann. Wie viel Weiblichkeit liegt darin schon? Wieviel Jäger (in)? Und ich? Aufgewachsen neben einem dominanten, jähzornigen Vater, der mich an seinem leidenschaftlichen Jagen nur ganz am Rande teilhaben ließ, nicht verstand, wer ich hätte sein können, erst in den letzten Lebensjahren sah, was wir beide versäumt hatten. Das Letzte, was ich vor seinem Tod von ihm gehört habe, war, nachdem ich ihm von meiner Hahnenjagd berichtet hatte, ein leises, aber sehr gekonntes Birkhahn-Blasen. Ich jage erst seit wenigen Jahren. Wenn man es Jagen nennen darf. Aber warum? Warum jagt meine Tochter, in der doch die allergrößte Liebe zu Tieren steckt? Warum jagen und jagten all die 58 anderen Frauen, die ich die Ehre hatte, hier ein Stück weit zu begleiten? Wo liegen die Zugänge, die Motivationen, die Voraussetzungen? Fassen wir sie zusammen: Da gab es wohl Frauen, die aus der Not heraus gejagt haben, die eine Aufgabe zu erfüllen hatten, oder einfach die Berufung verspürten, die Jagd zu ihrem Lebensinhalt zu machen. Da gab und gibt es aber auch die Kämpferischen, die Kriegerischen, voller Leidenschaft und Begeisterung. Da sind Frauen, die etwas erleben wollen, die Sehnsucht nach Abenteuern verspüren, ihre Energie einsetzen wollen, mutig sein, Strapazen auf sich nehmen, an ihre Grenzen gehen, sich selbst erfahren. Oder die Ruhigen, die Stimmungen in sich aufsaugen, ihren Platz in der Natur finden und mit ihr eins sein wollen. Manche drängen nach draußen, befriedigen ihre Bewegungslust, suchen den Nervenkitzel. Andere brauchen eine Bühne, um zu repräsentieren oder auch nur sich selbst darzustellen, ihrem Geltungsdrang Raum zu geben. Für viele war und ist die Jagd aber auch eine Gegenwelt, eine Fluchtmöglichkeit in die Einsamkeit, aus der Enge, aus Zwängen hin zu Selbstbestimmung, zu Unabhängigkeit, zu Freiheit. Tradition spielt eine Rolle, in der Familie, in der Gesellschaftsschicht, in der man sichh bewegt, in dem Land, in dem man seine Heimat hat. Das kann Freude am Gemeinsamen bedeuten, am Zusammensein mit Gleichgesinnten. Frauen, die jagen, trauen sich etwas zu. Zupacken, beherzte Entscheidungen treffen, Willensstärke zeigen, Hartnäckigkeit, Flexibilität, Erfindungsgeist: das alles kann dazu gehören. Neugier, Wissen und Können müssen dazugehören. Sollten. Und dann ist da noch der Zwiespalt. Die große, gewichtige, emotionsbeladene Aufgabe, mit dem Tod umzugehen. Das große, gewichtige Privileg, sich zwischen den grundlegendsten und einfachsten Prinzipien überhaupt zu bewegen, zwischen Leben und Tod. Jagd gibt Raum zu denken, sich und die Welt zu erfühlen. Ja, ab und zu bietet sie wohl auch ein Ventil für Gefühle, einen Ort, um sich von etwas loszulösen. Gelegenheit, sich in etwas hineinzustürzen mit Temperament und Lebensfreude. Gute und schlechte Motive? Gute und schlechte Voraussetzungen? Ich habe in allen „meinen" Frauen alles gefunden. Und nun stelle ich eine letzte Frage, die bedeutendste, die entscheidende: wo liegt nun der Unterschied zu männlichen Jägern? Zu ihren Zugängen, Motivationen, Freuden? - Richtig. Es gibt keinen. Ein Jäger ist einfach nur ein Jäger.
Dies ist ein Auszug aus: Jägerinnen, von Beatrix Sternath.
Titel: Jägerinnen
Autorin: Beatrix Sternath
Verlag: Sternath Verlag
Mallnitz, Österreich 2020
ISBN: keine gemeldet
Leineneinband, 14 x 22 cm, 176 Seiten, einige sw-Illustrationen
Sternath, Beatrix im Namibiana-Buchangebot
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