Der Buschläufer. Erzählung aus Deutsch-Südwestafrika, von Richard Schott

Der Buschläufer. Erzählung aus Deutsch-Südwestafrika, von Richard Schott. Union Deutsche Verlagsanstalt. Stuttgart, 1941
Auf der Militärstation. Ein Auszug aus Der Buschläufer - Erzählung aus Deutsch-Südwestafrika von Richard Schott.
Als Lerse den furchtbaren Sprung in die Tiefe gewagt hatte, waren ihm bei der Wucht des Falles die Sinne geschwunden. Sekundenlang wußte er nicht, was mit ihm vorging. Er fühlte nichts davon, wie das von der Hererokugel zu Tode verwundete Pferd auf den Boden aufschlug, der von den letzten Regengüssen mehrere Fuß breit mit Wasser bedeckt war. Er fühlte auch nicht, wie er selbst von dem ungeheuren Aufprall zurückgeschleudert wurde. Tiefe Nacht umfing seine Sinne, nur einmal hatte er ein Gefühl, als stiege er wie ein Vogel durch die Lüfte. Bald aber erholte er sich und sah sich nun im Grund der Kluft im Wasser liegen, dessen kühlende Flut ihn vor einer Ohnmacht bewahrt hatte. Kopf und Beine schmerzten ihn, aber er konnte befriedigt feststellen, daß er sich keinerlei ernstlichen Schaden zugefügt hatte. [...] Kaum vermochte er sich weiterzuschleppen. Aber hier liegen bleiben, kurz vor dem Ziel? In dieser Fieberhölle, wo die Luft allein schon den Tod brachte, wenn man auch von den wilden Tieren und Schlangen verschont blieb. Und doch wäre es so schön gewesen, sich jetzt niederzulegen und zu schlafen und zu träumen. Es war doch überhaupt alles nur ein Traum gewesen, was er heute erlebt zu haben glaubte, so wirbelte es ihm durch das Gehirn. Die Herero waren gar nicht auf dem Kriegsfuß. Ach, Marie, mein gutes Weib, was für ein Glück, daß ich das alles nur geträumt habe! Daß ich in Wirklichkeit bei dir bin — bei dir und den Kindern! Wenn ich einmal Zeit habe, will ich euch erzählen ... Aber jetzt ... habe ich keine Zeit... Ich muß schlafen ... ja ... schlafen! Mit jähem Schreck fuhr Lerse in die Höhe. Ihm war, als habe etwas eisig Kaltes ihn berührt. Er streckte die Hände aus und fühlte ganz deutlich ein rauhes Fell. Eine Hyäne! Ohne Zweifel eine Hyäne! Sie mochte ihn für tot gehalten haben, und da sie nun merkte, daß er noch lebte, zog sie sich mit wütendem Knurren scheu zurück. Jetzt sah Lerse deutlich ihre grünlich funkelnden Lichter, und nun erst kam ihm zum Bewußtsein, daß er wirklich geschlafen und geträumt hatte. Erschrocken sprang er auf. Was wäre geworden, wenn das Tier nicht gekommen wäre? Die kurze Rast hatte Lerse etwas erfrischt. Leichter waren die Glieder und freier der Kopf. Rüstiger schritt er vorwärts und erreichte bald eine Stelle, wo die Schlucht durch einen von Menschenhand aufgeworfenen Erdwall unterbrochen war. „Die Bahn! Die Bahn!" jubelte es in Lerse. And richtig; gleich darauf stand er oben zwischen den Schienen. Nun war das Schlimmste überstanden. Nun war er wenigstens auf sicheren Wegen. Bald machte sich Westwind auf und vertrieb das Gewölk. Die Sterne kamen zum Vorschein und endlich ging auch hinter den Kaiser-Wilhelms-Bergen der Mond auf. Die frische Nachtluft wehte Lerse um das Gesicht und kühlte seine Stirn. Aber sein Herz war trotz alledem schwer. Mit der Lebenskraft waren auch die Sorgen wieder gekommen, die bangen Gedanken um das Geschick der Seinen. „Kaspar, halte dich wacker!" rief er wiederholt vor sich hin, und immer, wenn seine Gedanken bei diesem Punkt angelangt waren, begann er zu laufen, bis ihm der Atem ausging und ihn zwang, wieder im Schritt zu gehen. Der Weg wollte kein Ende nehmen. Bei der wilden Flucht querfeldein war er doch weiter nach Norden abgekommen, als er gedacht. Einförmig zog sich die Strecke zwischen den ausgesprengten Felswänden hin, und wieder fühlte er die Kräfte nachlassen. Da endlich machte die Bahnlinie eine Biegung, und nun sah er in der Ferne einen Kirchturm in den hellen Nachthimmel auftagen.[...]
Dies ist ein Auszug aus: Der Buschläufer. Erzählung aus Deutsch-Südwestafrika, von Richard Schott.
Titel: Der Buschläufer
Untertitel: Erzählung aus Deutsch-Südwestafrika
Autor: Richard Schott
Union Deutsche Verlagsanstalt
32.-36. Tausend. Stuttgart, 1941
Originalkartoneinband und Schutzumschlag, 15 x 21 cm, 285 Seiten, 25 Federzeichnungen im Text, Frakturschrift
Schott, Richard im Namibiana-Buchangebot
Der Buschläufer. Erzählung aus Deutsch-Südwestafrika
Der Buschläufer ist eine Jugenderzählung über das Leben und Farmen in Deutsch-Südwestafrika zur Zeit des Hereroaufstandes 1904-1907.
