Verborgenes Afrika. Alltag jenseits von Klischees, von Reimer Gronemeyer und Matthias Rompel

Verborgenes Afrika. Alltag jenseits von Klischees, von Reimer Gronemeyer und Matthias Rompel.

Verborgenes Afrika. Alltag jenseits von Klischees, von Reimer Gronemeyer und Matthias Rompel.

Reimer Gronemeyer und Matthias Rompel versuchen, europäische Klischees über Afrika aufzuheben und beschreiben in Verborgenes Afrika die Kraft eines Kontinents, die sich aus der Familie, der Nachbarschaft, der Subsistenzwirtschaft speist.

Reimer Gronemeyer  Matthias Rompel  

Raima und die Kraft der Großmütter: Vom sozialen Reichtum Afrikas

Ich war gekränkt, als mich im Alter von fünfundfünfzig Jahren ein schwarzer Bergführer in Namibia als »Opa« ansprach. Mit dem Ovambobegriff tate kulu ging es mir besser. Das heißt zwar auch Großvater, aber es klingt nicht so schlecht. Ich habe erst später begriffen, dass »Opa« einfach die Afrikaansübersetzung von tate kulu war. Und dass diese Anrede eine Auszeichnung darstellt, die jeder respektablen älteren Person zusteht, und nicht mit Hinfälligkeit, sondern mit Würde verbunden wird. Selbst in abgerissenen Kleidern, mit einzelnen verbliebenen Zähnen strahlen alte Männer auf dem Lande - Chief oder Bauer - eine aufrechte Würde aus, die ich bei europäischen Greisen selten finde. Und erst die Frauen: Ich sehe Gesichter von einer umwerfenden Altersschönheit, in die sich ein Leben eingegraben hat, das vom Notwendigen, vom Einfachen, vom Bäuerlichen geprägt ist. Großmütter, die auf der Schwelle ihrer Hütte, ihres Hauses, sitzen, müde bisweilen, energisch, sehnig, oft kraftvoll. Ob sie das Feld in gebückter Haltung hacken. Ob sie mit ausgestreckten Beinen auf dem Boden sitzend Früchte sortieren. Ob sie eine Schale flechten. Ob sie Enkel im Arm halten - sie sind da und sie sind wach und meistens mit etwas beschäftigt. Ich erinnere mich an die alte Frau, die in Botswana hinter einer Dornenhecke stand, die sie ausbesserte; eine Dornenhecke, die den Kraal für die Ziegen und Rinder bildet. Sie sprühte Stärke aus, als sie mit uns sprach und dabei ihre Arbeit fortsetzte - als könne sie Berge versetzen. Viele dieser Großmütter sind inzwischen - angesichts der AIDS-Katastrophe - in eine neue Rolle hineingewachsen. Sie sorgen für ihre zu Waisen gewordenen Enkel. Ich kenne Großmütter, die fünfzehn, zwanzig ihrer Enkel mit einer Rente von 25 Euro am Leben zu halten versuchen. Sie haben - der Gedanke drängt sich manchmal auf - gar nicht die Gelegenheit, zu Pflegefällen zu werden.

Ndeshivela ist ein kleines Mädchen im Alter von acht Jahren. Sie wirkt schüchtern, schmal und kränklich. Das Kind lebt bei ihren Großeltern mütterlicherseits, der Familie Hangula in Ontunda in Nordnamibia. Die Großeltern hatten sechzehn Kinder, fünf von ihnen sind an AIDS gestorben. Auch Ndeshivelas Mutter, ihr Kind war damals einen Monat alt. Insgesamt leben drei Waisenkinder im Haushalt der Hangulas. Ndeshivelas Mutter arbeitete, bis sie krank wurde, in Windhoek und kehrte dann zu ihren Eltern aufs Land zurück. In gleicher Weise haben die Eltern auch ihre anderen, inzwischen gestorbenen Kindern versorgt, die bis dahin in den Städten des Südens lebten: Als sie krank wurden, kamen sie zu ihrer Herkunftsfamilie zurück, wo sie gepflegt wurden, wo sie starben und wo ihre Kinder nun versorgt werden.

Den Vater von Ndeshivela kennen die Großeltern nicht, es gibt keinen Kontakt. »Wir kennen ihn nicht. Er war auch nicht bei der Beerdigung. Wir haben ihn nie gesehen und kennen auch sein Gesicht nicht« - so der Kommentar der Großmutter. Der Großvater Hangula erhält eine staatliche Alterspension von 250 Namib-Dollar, knapp 30 Euro. Die Familie lebt vor allem von der Subsistenzlandwirtschaft, vom Anbau von Hirse und anderen Feldfrüchten. Insgesamt leben heute sechzehn Personen im Haushalt. In früheren Jahren lebte der Großvater als Arbeitsmigrant in Walvis-Bay, Windhoek und Tsumeb und ging dort verschiedenen Beschäftigungen nach.

Vor zwei Jahren - als Ndeshivela sechs Jahre alt war - ging das Mädchen zunächst noch wie die anderen Kinder zur Schule. Bald aber kämpfte sie ständig mit verschiedenen Krankheiten, nach einem halben Jahr blieb sie schließlich ganz zu Hause. Die Großeltern unterzogen sie einem HIV-Test, der das befürchtete Ergebnis - HIV-positiv - bestätigte. An den Vormittagen ist Ndeshivela in der Regel das älteste Kind im Haus, da die anderen in der Schule sind. Sie spielt dann mit den jüngeren Kindern. Im Haushalt helfen, wie beispielsweise Wasser holen, kann sie wegen ihres körperlichen Zustandes kaum, was zu einer größeren Arbeitsbelastung für die sorgenden Großeltern führt. […]

Dies ist ein Auszug aus dem Buch: Verborgenes Afrika. Alltag jenseits von Klischees, von Reimer Gronemeyer und Matthias Rompel.

Buchtitel: Verborgenes Afrika
Untertitel: Alltag jenseits von Klischees
Autoren: Reimer Gronemeyer; Matthias Rompel
Verlag : Brandes & Apsel 
Frankfurt, 2008
ISBN 978-3-86099-730-7 
Broschur, 15x21 cm, 184 Seiten, zahlreiche sw-Fotos

Gronemeyer, Reimer und Rompel, Matthias im Namibiana-Buchangebot

Verborgenes Afrika. Alltag jenseits von Klischees

Verborgenes Afrika. Alltag jenseits von Klischees

Verborgenes Afrika ist ein Buch über Afrika und über Europa. Es lädt ein zu einer Pilgerreise in ein weithin unbekanntes Afrika, in einen Alltag jenseits der üblichen Klischees.

Living and Dying with AIDS in Africa

Living and Dying with AIDS in Africa

New Perspectives on an Modern Disease

So stirbt man in Afrika an Aids

So stirbt man in Afrika an Aids

Warum westliche Gesundheitskonzepte im südlichen Afrika scheitern

Weitere Buchempfehlungen

Seven Letters. HIV/AIDS Stories from Namibian Children

Seven Letters. HIV/AIDS Stories from Namibian Children

Seven Letters tells the stories of Namibian children infected by or in conflict with HIV/AIDS.

Challenging the Namibian perception of Sexuality

Challenging the Namibian perception of Sexuality

Ovahimba and Ovaherero cultural-sexual models in Kunene North in an HIV/AIDS context

Ubuntu: In der Gemeinschaft Lösungen finden und Entscheidungen treffen

Ubuntu: In der Gemeinschaft Lösungen finden und Entscheidungen treffen

Ubuntu als Ansatz in der Mitarbeiterführung bedeutet, in der Gemeinschaft Lösungen zu finden und Entscheidungen zu treffen.