Ich habe einen der letzten Kolonialherren Afrikas geheiratet. Ein namibisches Tagebuch, von Christine von Garnier.

Ich habe einen der letzten Kolonialherren Afrikas geheiratet. Ein namibisches Tagebuch, von Christine von Garnier.

Ich habe einen der letzten Kolonialherren Afrikas geheiratet. Ein namibisches Tagebuch, von Christine von Garnier.

Christine von Garnier hat während der 20 Jahre, die sie in Südwestafrika lebte und 1986 verließ, Tagebuch geführt. 1987 schrieb Christine von Garnier auf dessen Grundlage ein Buch, das, auf Deutsch übersetzt, den Titel trug: Ich habe einen der letzten Kolonialherren Afrikas geheiratet. Ein namibisches Tagebuch.

Christine von Garnier  

Der Sprung ins Unbekannte. Welgelegen, Juli 1967. Lieber Michel, Deine Tränen neulich am Zürcher Flughafen haben mich erschüttert. Du und ich, wir haben zusammen eine sehr liebevolle Kindheit verbracht, die wohl deswegen besonders innig war, weil wir nicht nur einfach Geschwister, sondern Zwillinge sind und unsere Spiele und ersten Verliebtheiten miteinander geteilt haben. Erinnerst Du Dich noch, wie wir im nahegelegenen Wald Indianer gespielt haben? Hunderte von Raben hausten darin, deren rauhes Krächzen uns bei Einbruch der Dunkelheit vor Schreck erstarren ließ. Beide hatten wir «unseren Baum», wir haben uns drum geschlagen oder dahinter versteckt. Immer war ich gegen Dich. Und dann die Skiwettkämpfe! Du und die andern, Ihr wolltet mich nicht dabeihaben, weil ich ein Mädchen war und Euch trotzdem immer wieder schlug. Du warst so schweigsam während dieser endlosen Warterei auf dem Flughafen. Sicher wirst Du Dich gefragt haben, welcher Teufel Deine kleine Schwester wohl reite - bestellt Euch alle an den Flughafen und vergießt keine einzige Träne, im Gegenteil, sie scheint noch glücklich über ihre Abreise zu sein. Das muß Dir sehr weh getan haben. Wie nur soll ich Dir diese Flucht erklären - denn es war wirklich eine Art Flucht. Im Augenblick bin ich dazu noch nicht in der Lage; aber eines Tages werde ich vielleicht alles besser begreifen.

Schon seit einigen Monaten spürte ich, wie ein schwer erklärbares Unbehagen in mir hochkam. Ich nahm dieser Gesellschaft übel, in der ich lebe, daß sie mir erst eine - doch sehr anspruchsvolle - Ausbildung ermöglicht und mir dann noch nicht einmal eine Arbeit verschaffen kann. Hinzu kommt, daß ich eine Frau bin, und in der Schweiz ist das nicht gerade eine rosige Aussicht; ich habe noch nicht einmal das Wahlrecht! Aber das ist nicht das eigentliche Problem. Eher schon, daß ich immer mit Männern konkurrieren mußte, wenn ich Arbeit suchte, denen letztlich immer der Vorzug gegeben wurde. «Wir fürchten, daß Sie doch bald heiraten werden», erklärte mir ein Arbeitgeber, ohne sich etwas Böses dabei zu denken. Als ob Leben zu geben weniger Wert hätte! Wo wäre er denn jetzt, wenn er keine Mutter gehabt hätte? Ja, so ist es, ich bin weggegangen, weil ich mich als Frau verwirklichen möchte: in der Liebe und in der Arbeit.

Aber noch eine ganze Menge anderer, weniger klarer Gründe haben mich zum Gehen bewogen. Ich zögere ein wenig und weiß nicht genau, wie ich es sagen soll. Meine Kommilitonen haben mich allmählich mit ihren Entwicklungs- und Revolutionstheorien, mit ihren großartigen Ideen, die Welt neu zu erschaffen, angeödet. Dabei sind sie unfähig, zur Tat zu schreiten, auf die Straße zu gehen und zu sagen: «Wir haben die Nase voll, wir wollen eine neue Gesellschaft, mit anderen Werten als Geld und Profit.» Die Studenten, die ich am meisten bewundert habe, waren jene, die von weit her kamen und in ihrem Land die Revolution vorbereiteten.

Und dann diese geistige Trägheit der Schweizer, diese Selbstzufriedenheit über das Erreichte, dieser Mangel an Phantasie und die Resignation bei den meisten Frauen. Ich habe mich von allen Bindungen frei gemacht, um einen Mann aus der Dritten Welt zu heiraten. Er ist zwar kein Revolutionär, aber ich glaube, daß er mir eher die Möglichkeit zu meiner Entfaltung geben kann als ein Schweizer, den ich doch eines Tages verprellt hätte. Es ist doch bekannt, daß die Schweizer intellektuelle Frauen nicht gerade lieben. Ich habe also den Sprung ins Unbekannte gewagt. Ob es richtig oder falsch war, werde ich wohl nie wissen.

Ich kann Dir versichern, Unbekanntem bin ich hier wirklich ausgesetzt. Ich lebe mit Piet auf einer ganz entlegenen Farm; im Umkreis von 20 km ist das Land um uns herum menschenleer. Wir leben hier auf unserer Farm mit etwa zwanzig schwarzen Angestellten und ihren Familien, allein mit dieser unermeßlichen Einsamkeit um uns, die ich langsam zu zähmen lerne. Anfangs hat mich diese Stille erschreckt, habe ich doch bisher immer nur in der Stadt gelebt. Die Schweiz paßt zwanzigmal in dieses Land, in dem nicht einmal eine Million Menschen leben. Du kannst Dir vorstellen, daß ich nicht mal eben bei der Nachbarin von gegenüber klingeln oder bei unseren Eltern anrufen kann, wenn ich einen Ehekrach habe.

Hier hat das Paar noch eine ganz andere Bedeutung: es ist auf Leben und Tod miteinander verbunden; der eine ist ganz natürlich die Ergänzung des anderen. Ohne Piet könnte ich nicht einmal ein paar Tage überleben, und ohne mich würde er physisch und moralisch schnell zugrunde gehen, denn hier findet man Frauen nicht an jeder Straßenecke! Wir sind also allein, umgeben von 5000 ha Land und 600 Rindern, die ebenfalls eigenartig geräuschlos sind. Bei uns zu Hause habe ich nie eine Kuh ohne ihre schöne Glocke gesehen, deren Klang man schon von weitem vernehmen konnte. Hier geht man nur um einen dieser stachligen Sträucher herum und steht plötzlich Nase an Nase mit den wunderbaren weißen Brahmanen-Kühen, deren Hörner an eine große Leier erinnern. Es geht etwas Zarteres und Sanfteres von ihnen aus als von unseren Kühen, die aussehen, als hätten sie es immer eilig mit der Milchproduktion.

Als ich mich aus dem Fenster der Boeing lehnte, um nach zwölf Stunden Non-Stop-Flug endlich meine Wahlheimat in Augenschein zu nehmen, sah ich zuerst nur Sanddünen, so weit das Auge reicht. Das Flugzeug hatte gerade den Atlantischen Ozean verlassen und überflog die Namib-Wüste von der Skelett-Küste (hübscher Name, nicht?) aus: Die Sonne Afrikas ging, einer großen Feuerkugel gleich, über dieser Landschaft von einer großen ursprünglichen Zartheit auf. Ich habe vor Bewunderung geweint.

Dann tauchte die Savanne mit ihrem gelben Gras, ihrer roten Erde und ihrem stachligen Strauchwerk unter uns auf. Ab und zu konnte man inmitten dieser grenzenlosen Weite einen weißen Hof erkennen. Eine beeindruckende Einsamkeit. Ich suchte nach Städten und Dörfern, wie es sie doch in allen Ländern gibt, aber hier herrschte das Nichts. Als ich zum erstenmal den Boden von Namibia betrat, fragte ich mich plötzlich, ob es nicht Wahnsinn gewesen war, mich in dieses Abenteuer einzulassen.

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Dies ist ein Auszug aus dem Buch: Ich habe einen der letzten Kolonialherren Afrikas geheiratet. Ein namibisches Tagebuch, von Christine von Garnier.

Buchtitel: Ich habe einen der letzten Kolonialherren Afrikas geheiratet
Untertitel: Ein namibisches Tagebuch
Autorin: Christine von Garnier
Reihe: rororo aktuell
Originalausgabe: Namibie. Les derniers colons d'Afrique
Rowohlt Taschenbuch Verlag
Reinbek bei Hamburg, 1987
ISBN 3-499-159910
Originalbroschur, 12x19 cm, 186 Seiten

von Garnier, Christine im Namibiana-Buchangebot

Ich habe einen der letzten Kolonialherren Afrikas geheiratet. Ein namibisches Tagebuch

Ich habe einen der letzten Kolonialherren Afrikas geheiratet. Ein namibisches Tagebuch

Christine von Garnier führt über 20 Jahre ihr namibisches Tagebuch, das in dem Buch Ich habe einen der letzten Kolonialherren Afrikas geheiratet wiedergegeben ist.

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