Erinnerungen an die Internierungszeit 1939-1946, von Rolf Kock

Erinnerungen an die Internierungszeit 1939-1946. Berichte, Erzählungen, Fotos und Zeichnungen von Kameraden, die dabei waren, von Rolf Kock.

Erinnerungen an die Internierungszeit 1939-1946. Berichte, Erzählungen, Fotos und Zeichnungen von Kameraden, die dabei waren, von Rolf Kock.

H. Herre aus Stellenbosch schrieb den Beitrag: Erinnerungen an die Internierungszeit in Andalusia. Es ist sehr zu bedauern, daß bis heute noch nichts über das Internierungslager Andalusia veröffentlicht worden ist, wenn man von dem kleinen Büchlein unseres Kameraden L. Weichardt „Agter Doring-draad" und Dr. H. Erbes „Stacheldrahtreime" absieht.

Andalusia ist auf den heutigen Karten Südafrikas nicht mehr zu finden, sondern durch den Namen Jan-Kemp-Dorp ersetzt worden, aber wie einst ist es von dem Nationalen Wege von Kimberley nach Johannesburg, von Warrenton aus, leicht zu erreichen. Der von der Teerstraße Warrenton-Vryburg abzweigende Weg ist freilich auf andalusischem Gebiet noch immer der alte, sandige Weg, der aber gleich hinter dem Ort in die Teerstraße nach Christiana mündet. Nicht weit von diesem Übergang in die Teerstraße befinden sich zur rechten die 17 Gräber, die die einzige Erinnerung an das ehemalige Internierungslager darstellen. Erst im Jahre 1965 ist ein zur Größe dieser Anlage passendes Teakholzkreuz errichtet worden, dessen weiße Atlasschleife folgende Widmung enthält: „Zum Gedenken an die Kameraden, die 1940-45 im Internierungslager Andalusia starben." Durch die richtige Planung der Gräber, die auf mit Natursteinen gemauerten Seitenwänden von einer schön geformten und getönten Zementplatte überdeckt sind, auf die die Namen und Daten mittels einer weißen Masse angebracht sind, macht die Gesamtanlage mit dem dahinter ansteigenden Akazienhügel einen vorzüglichen Eindruck. Eine kleine, freie Fläche trennt diese Anlage von dem Friedhof des kleinen Ortes Jan-Kemp-Dorp.

Vor einem Vierteljahrhundert „blühte" das Lager Andalusia, das bis zu 2000 Internierte aufnehmen könnte, gewaltig auf und war neben dem Lager Baviaanspoort bei Pretoria das größte Lager in der damaligen Südafrikanischen Union. Seine Insassen lebten aber nicht in steinernen Häusern wie bei Pretoria, sondern in mit Holz verschalten Wellblechbaracken, die mit 11 Mann belegt wurden. Die Bewohner jeder dieser Wellblechhütten wählten sich einen Namen, der in irgendeiner Form außen an der Hütte angebracht wurde. Einige kennzeichnende Namen seien hier genannt: „Ferien vom Ich", „Fähnlein der sieben Aufrechten", „Götz von Berlichingen", „Zur Wanzenburg", „Zur blauen Grotte", „Parole Heimat", „Graue Kolonne", „Lagerschreck" usw. Die Straßen und Wohnviertel hatten ebenfalls Namen und Kamerad Kurt Kock, der Architekt, hat einen ausgezeichneten Plan des Lagers aufgenommen, auf dem alles zu finden ist, was man sucht.

Den ältesten Teil bildete das sogenannte Regierungsviertel, das einige wenige Steingebäude besaß, die früher schon irgendwelchen Zwecken gedient hatten, da ja die Gesamtanlage in das Vaal-Harts-Berieselungsgebiet eingegliedert worden war; denn ohne genügend Wasser wäre es nicht zu machen gewesen. Eßhalle 1 und die dazugehörige Küche befanden sich ebenfalls hier. Gruppe 1 setzte sich aus Südwester Landsleuten zusammen, die zuerst in Windhoek im alten Funkturm Gebäude interniert worden waren und seit Juni 1940 das Lager Andalusia füllten. Wir aus der Union kamen erst ab Juli 1940 nach Andalusia, nachdem „unser" Lager in Baviaansport außer von den Deutschen der Union auch von vielen Seeleuten der inzwischen gekaperten deutschen Schiffe angefüllt worden war.

In der Nähe der Eßhalle 1 befand sich auch der Haupteingang des Lagers, neben dem die Arrestzellen lagen, die wohl fast ständig, wenn auch nicht immer voll, besetzt waren, da Fluchtversuche und Übertretungen von Kommandantur-Regeln immerzu vorkamen. Diese Zellen waren nicht verschalt und daher am Tage heiß und nachts kalt. Ihre Insassen erhielten aus eigener Lagerküche eine besonders gute Verpflegung, damit sie die Zeit, die sie dort zubringen mußten, gut überstanden.

Ein Lagerhospital wurde von der Lagerführung mit Hilfe der Kommandantur eingerichtet. Internierte Ärzte zunächst aus Südwest, und später aus Ostafrika standen den Internierten zur Verfügung und halfen den Kranken, so gut sie konnten und so gut es die kargen Hilfsmittel erlaubten. Besonders die vielen älteren Kameraden wußten die lagerärztliche Hilfe hoch einzuschätzen. Hier seien deshalb Dr. Möbius und Dr. Teichler genannt, die jahrelang auf Dienst waren, Später wurde draußen bei der Kommandantur ein großes Hospital gebaut, welches schwere Fälle behandelte und wo Operationen durchgeführt wurden. Der Regierungsarzt besuchte außerdem das Lager und das Lagerhospital täglich und war behilflich so gut er konnte.

An dieser Stelle sei auch besonders des Zahnarztes Dr. Hubert Leitner gedacht, der all die langen Jahre in Andalusia in seiner kleinen Notpraxis für die Internierten auf Dienst war und den Kameraden zur Verfügung stand, die behandelt werden mußten, und es waren ihrer viele! Als ich Anfang August 1940 in das Lager eingeliefert wurde, war es noch längst nicht fertig. Es wurde dauernd vergrößert. Die neu geschaffenen Wohnviertel waren sehr dicht bebaut und die Straßen wurden alphabetisch benannt, so daß wir, aus der Union, in einer Wellblechhütte der J-Straße landeten, die wir einigen unserer Insassen zu Ehren „Ostmark" tauften. Diese engen, sandigen Straßen machten anfangs einen sehr nüchternen, ja trostlosen Eindruck, wie sie die Bilder unseres Lagerfotografen aus jenen Tagen deutlich erkennen lassen.

Mit den Jahren wurde es aber besser, da Büsche angepflanzt und Beete angelegt wurden. Unser Wohnviertel wurde später „China Town" genannt und ein findiger Kopf schrieb die „Tagesneuigkeiten" mit Kreide an die Barackentür unter dem Zeitungsnamen: „Shanghai Latest". Nach Osten zu gab es noch einige Baracken, darunter auch die unseres Haarschneiders, dann kamen die großen Waschhallen der Gruppe 2, sowie die große Eßhalle 2 mit ihrer Küche. Hier waren vor allem die Internierten von Tanganjika untergebracht, während ihre Frauen und Kinder in einem Lager bei Salisbury in Rhodesien interniert waren. Das Lager war in jener Gegend ganz offen und nur an den Hauptverkehrsstraßen gab es Anschläge, die den Internierten verboten, weiter zu gehen.

Die ersten Internierungsmonate waren bei weitem die fröhlichsten. Das brachte schon die Kriegslage mit sich, die doch zu der Hoffnung berechtigte, daß die Internierung nicht zu lange dauern würde, und wir bald wieder daheim sein würden. Daher wurde alles nicht so schwer genommen. Frühmorgens, vor dem Frühstück wurde Frühsport getrieben und große Abteilungen trabten im Dauerlauf durch das Lager. Das Wecken geschah durch unseren Fotografen und Stabstrompeter, der sein Signal von verschiedenen Stellen im Lager blies, damit niemand im Zweifel sein mochte, daß es Zeit sei aufzustehen. Wir eilten dann in unsere Waschhalle, die ebenfalls leicht aus Blech gebaut, mit Zementwaschbecken versehen war, in denen wir uns wuschen. Dazu gab es nur kaltes Wasser. Wollte man später seine Wäsche dort waschen, mußte man sich selbst warmes Wasser zubereiten oder von der Waschhalle holen.

Die Kleidung bestand meist nur aus Hemd und langer oder kurzer Hose, Strümpfen und Schuhen oder Sandalen, die natürlich ohne Strümpfe getragen wurden. Im Winter wurden Jacken und Mäntel getragen. Bei Tisch wünschte der Lagerführer jeden so angezogen zu sehen, daß nicht dem Nachbarn „die Brusthaare in der Suppe hingen". Sonntags wurden auch leichte Waschanzüge getragen, die tadellos gebügelt waren und da geschah .es dann einmal einem solchen, wie aus dem Ei gepellten Kameraden, daß sich plötzlich eine Tür auftat und von kräftiger Hand ein ganzer Eimer Schmutzwasser herausgeschleudert wurde und sich über ihn ergoß. Die darauf folgende Entschuldigung nützte ihm nichts mehr. Er mußte heim und sich umkleiden und hatte dann die Freude alles wieder zu waschen und zu bügeln.

In der großen Eßhalle saßen wir zumeist stubenweise zusammen an langen Tafeln, die auf Böcken ruhten. Jede Tafel hatte ihren Tischältesten, der darauf zu achten hatte, daß jeder seine ihm zustehende Menge richtig erhielt und ein starker Esser nicht alles verputzte. Der Lagerführer - Kamerad Gutknecht - wetterte trotzdem bei jeder Gelegenheit über die „Tischhaie und Schüsselhechte". In einer der Bastelstuben wurden dann auch schön bunt bemalt solche Haie angefertigt und notfalls dem Sünder an seinen Platz gestellt. Das wirkte meist sofort. […]

Dies ist ein Auszug aus dem Buch: Erinnerungen an die Internierungszeit 1939-1946. Berichte, Erzählungen, Fotos und Zeichnungen von Kameraden, die dabei waren, von Rolf Kock.

Buchtitel: Erinnerungen an die Internierungszeit 1939-1946
Untertitel: Berichte, Erzählungen, Fotos und Zeichnungen von Kameraden, die dabei waren
Herausgeber: Rolf Kock
Selbstverlag: 'Andalusia'
Erstauflage. Windhoek Südwestafrika, 1975
ISBN 0620001674 / ISBN 0 620 00167 4
Original-Ledereinband, Original-Schutzumschlag, 15 x 21 cm, 210 Seiten, 87 sw-Abbildungen

Kock, Rolf im Namibiana-Buchangebot

Erinnerungen an die Internierungszeit 1939-1946

Erinnerungen an die Internierungszeit 1939-1946

Berichte, Erzählungen und Erinnerungen an die Internierungszeit deutscher Männer von 1939-1946 im südafrikanischen Lager Andalusia.

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