Arme blankes

Diese Fotos stammen aus den 1930er Jahren Südafrikas und wurden von E.G. Malherbe (oben, Mitte) und einem uns unbekannten Fotografen aufgenommen. Oben: Hütte weißer Bywooner auf einer Farm. Mitte: Afrikaaner-Familie lebt in einer Schilfmattenhütte in der Wildnis, Unten: Verelendete Afrikaaner, Arme blankes, vor ihrem Verschlag in einem Armenviertel bei Johannesburg.

Diese Fotos stammen aus den 1930er Jahren Südafrikas und wurden von E.G. Malherbe (oben, Mitte) und einem uns unbekannten Fotografen aufgenommen. Oben: Hütte weißer Bywooner auf einer Farm. Mitte: Afrikaaner-Familie lebt in einer Schilfmattenhütte in der Wildnis, Unten: Verelendete Afrikaaner, Arme blankes, vor ihrem Verschlag in einem Armenviertel bei Johannesburg.

'Arme blankes' ist die landläufige afrikaanssprachige Bezeichnung, die ursprünglich für die im Nachgang des Zweiten Anglo-Burenkrieges (1899-1902) massenhaft verarmten und verelendeten Weißen in Südafrika geprägt wurde.

Der im Afrikaans geprägte Begriff der 'Arme blankes', der 'armen Weißen', kam erstmals um 1890 auf und fand erst zu Anfang des 20. Jahrhunderts als Vokabel weitere Verbreitung. Im Unterschied zu der selbstgewählten kargen, bestenfalls einfachen Lebensführung ihrer Vorfahren, der Voortrecker und Grenzfarmer, war die Situation der Mehrheit der erstmals als 'Arme blankes' bezeichneten Landsleute, eine direkte Nachwirkung des Zweiten Anglo-Burenkrieges (1899-1902). Diese führten, als Folge der britischen Kriegstaktik der verbrannten Erde, die im gesamten Kriegsgebiet Ernten, Farmen und produzierende Familienverbände vernichtete, in breiten Schichten ehemals landwirtschaftlich tätiger weißer Südafrikaner zu bitterer Armut, Verelendung und Hunger. Ferner führten etliche der von den siegreichen Briten eingeführten Gesetze zu einem extremen Arbeitskräftemangel in der Landwirtschaft, in deren Folge landesweite Hungersnöte, dramatische soziale Umschichtung und ein weißes Proletariat entstanden. Dürren, die Rinderpest, veraltete Agrar- und Zuchtmethoden und eine weitverbreitete Unfähigkeit zur Anpassung taten ihr Übriges dazu. Die 'Arme blankes', nachdem diese als gesellschaftliches Phänomen aufgekommen waren, wurden 1906 erstmals durch die Transvaal Indigency Commision sozialwissenschaftlich untersucht. Eine gewisse Entlastung brachte die Eroberung des benachbarten Deutsch-Südwestafrikas im Jahr 1915, wo in der Folge große Teile der deutschen Bevölkerung in mehreren Wellen ihres Landes und Besitzes beraubt und ausgewiesen wurden. Das behördlich beschlagnahmte Land sollte auch der Ansiedlung südafrikanischer 'Arme blankes' dienen. Es dauerte bis 1927, bis sich die Carnegie Corporation New York, die Regierung der Republik Südafrika und die Nederduitse Gereformeerde Kerk zur Finanzierung einer groß angelegten Untersuchung entschlossen, deren Ergebnis 1932, wonach bis 1930 etwa 300.000 Menschen, die rund 17% der berufstätigen weißen Bevölkerung ausmachte, in Vorstadtslums oder als abhängige Heuerlinge auf dem Land wirtschaftlich gutgestellter Farmer lebten, präsentiert wurde. Daß diese soziale Schieflage über drei Jahrzehnte nicht beherrscht wurde, wird heute auf den Stolz, aber auch Apathie der meisten Betroffenen zurückgeführt, die weder um Hilfe bitten noch sich und ihren Mitmenschen ihr Elend eingestehen wollten. Entsprechend gering ist deren Situation in der zeitgenössischen und gegenwärtigen Literatur repräsentiert. 1929 investierte die Regierung 13% ihres Staatshaushaltes in die Bekämpfung der schlimmsten Auswüchse unter den meist afrikaanssprachigen weißen Armen. Bildungsangebote, Sozialhilfe und sozialer Wohnsbau waren die wichtigsten Mittel dieser Zeit. Letztendlich zeigte die Weltwirtschaftskrise ab 1930 auf, daß es keine gesicherte Zukunft für ungelernte und ungebildete Weiße im südlichen Afrika mehr gab und läutete zum Ende der 1930er Jahre einen allmählichen demographischen Wandel in dieser Hinsicht ein, der durch den Arbeitskräftebedarf während des Zweiten Weltkriegs verstärkt wurde und Massen von armen Weißen Tätigkeiten in der Rüstung und an verwaiseten Arbeitsplätzen zuführte. In den Jahren nach 1945 verschärfte sich das Armutsproblem jedoch wieder. Von der Geschichtsschreibung weitgehend ignoriert, wurzelten die späteren Ausprägungen des radikalen Afrikaaner-Nationalismus tief in den traumatischen Erfahrungen der Erlebnisgeneration des Zweiten Anglo-Burenkrieges, aus der 120.000 Frauen, Kinder und Alte von den Briten in Konzentrationslagern gehalten wurden, von denen etwa 26.000 darin umkamen, zahllose andere, durch die Zerstörungstaktik der britischen Invasionstruppen, Farmen, Heimat oder die Früchte ihrer Lebensarbeit verloren und in der Folge und oft ohne eigene Schuld, 'Arme blankes' wurden. Die Führer nationalistischer Politik dieser Zeit erkannten das Potential schnell und rekrutierten unter den ungezählten Opfern und Verlierern des 1902 beendeten Krieges, rückhaltlose Unterstützer. Haß auf alles Englische, Mißtrauen, nicht nur gegen die Schwarzen, sondern generell gegen Fremde, wurde Programm, erreichte bald die Mittelschichten der Afrikaaner-Gesellschaft und führte 1948 zur Machtübernahme der Nasionale Party (National Party), die diese bis 1994 innehaben sollte. Die Reservierung von Arbeitsplätzen, auch solchen mit einfachsten Ansprüchen an das Personal, für weiße Arbeitnehmer während der Apartheidsepoche von 1948 bis 1994, war weitgehend der Vermeidung eines erneuten Aufkommens von Arme Blanke zuzurechnen. Ein weitere Sorge der Zeit war, daß die Masse solcherart entwurzelter Weißer auf oder sogar unter das soziale Ansehen der schwarzen Südafrikaner sinken könnten und es zu Solidarisierungseffekten zwischen diesen Gruppen kommen könnte. Die in Folge der Urbanisierung entstandenen zweiten und dritten Generationen weißer Unterschichten ab den 1950er Jahren wurden zwar auch als 'Arme blankes' oder 'Arm-blanke' bezeichnet, jedoch in ihrer jeweiligen Lebenssituation einem Milieu, wie den Drogenszenen, der Kleinkriminalität, den 'Sozialschmarotzern', den Berufsunfähigen oder subversiven Kreisen zugeordnet, und konnten keinesfalls auf eine ideelle Form der Solidarisierung wie mit den historischen 'Arme blankes' zählen. Eine neue Generation armer Weißer entstand durch die Entlassungswellen nach der Machtübernahme des ANC im Jahr 1994 und betraf die meisten weißen Mitarbeiter im Öffentlichen Dienst, staatlichen Einrichtung und in halbstaatlichen Unternehmen Südafrikas. Seitdem liegt die Arbeitslosenrate weißer Südafrikaner mit 450.000 Menschen ohne Beschäftigung bei etwa 10%, die in den letzten Jahren jedoch einer jährlichen Zuwachsrate von 15% unterliegt. Es mutete wie ein Treppenwitz der Geschichte an, daß im Jahr 2008 der damalige Präsidentschaftskandidat, Jacob Zuma, in heruntergekommenen Vororten und illegalen Siedlungen von Pretoria, der früheren Hochburg des Afrikaanertums, vor rund 2.000 'Arme blankes' sprach, diesen sein Mitgefühl ausdrückte und versprach, gelegentlich auf geeignete Weise zu helfen. Immerhin stehen diese, wie alle Bürger Südafrikas, im Genuß einer rudimentär funktionierenden, kostenlosen medizinischen und sozialen Betreuung, die das direkte Überleben sichern. Die südafrikanische Gesellschaft muß sich im Zusammenhang mit den heutigen weißen und schwarzen Armen, mit den weltweit gleichen Auswüchsen gesellschaftlicher Degeneration auseinandersetzen, die von Drogen, Alkohol, Prostitution, Rassengewalt jeglicher Couleur, häuslicher Gewalt, Kriminalität und Kapitalverbrechen, darunter tausende Farmmorde, begleitet wird. Dies ist längst im gesellschaftlichen Diskurs Südafrikas angekommen und spiegelt sich in der Literatur, in Presse- und Internetberichten, in der Kunst und sogar in der gegenwärtigen Musik wieder, wie z.B. in den modernen Protestliedern des südafrikanischen Liedermachers und Dichters Koos Kombuis.

Literatur über die 'Arme blankes':

  • E.G. Malherbe, in The Poor White Problem in South Africa:  Report of the Carnegie Commission, Vol. III, Education and the Poor White (1932).
  • Tiffany Willoughby-Herard: South Africa's Poor Whites and Whiteness Studies: Afrikaner Ethnicity, Scientific Racism, and White Misery1
  • Max du Preez: The Super-Afrikaners. Inside the Afrikaner Broederbond

Internetseiten über  'Arm-blankes':

  • johnedwinmason.typepad.com/john_edwin_mason_photogra/2010/10/poor-whites-south-africa-backstory.html

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