SWAPO und die Menschenrechte: Stellungnahme von SWAPO-Repräsentant Anton Lubowski

SWAPO und die Menschenrechte: Stellungnahme von SWAPO-Repräsentant Anton Lubowski.

SWAPO und die Menschenrechte: Stellungnahme von SWAPO-Repräsentant Anton Lubowski.

SWAPO und die Menschenrechte (1986): Ansgar Graw sprach mit SWAPO-Repräsentant Anton Lubowski. Dessen Stellungnahme zu den Vorwürfen, die SWAPO unterhalte Folterlager, ist nachfolgend als Interview wiedergegeben.

Gespräch mit Anton Lubowski:

(Im Gespräch, aus dem wir wegen seiner Länge nur die Passagen wiedergeben können, die sich auf die Thematik der vorliegenden Dokumentation beziehen, behauptet Anton Lubowski, die südafrikanische Besatzungsmacht schmeisse die gesamte soziale Struktur der Verhältnisse im Ovambo-Land um (das ist das nördliche, an Angola grenzende Gebiet von SWA/Namibia,in dem die SWAPO operiert).)

Frage: Wer schmeißt die soziale Struktur um?
Anton Lubowski: Südafrika.
Frage: Ich habe andererseits mit Headmen gesprochen, die uns erzählten, daß ihre Kraale in den vergangenen vier, fünf Jahren bis zu siebenmal von der SWAPO angegriffen wurden, weil man die Position der Headmen aus den alten Traditionen herausbrechen und die Stammeshierarchie beseitigen will.
Anton Lubowski: Die Headmen versuchen, ihre eigene Macht zu erhalten, die sie sowieso nicht mehr haben. Sie haben sowieso nicht mehr die Unterstützung der Leute. Gerade diese Headmen.
Frage: Warum werden sie dann angegriffen?
Anton Lubowski: Wie meinen sie das, von wem 'angegriffen'?
Frage: Die Kraale wurden ja mehrfach von der SWAPO angegriffen.
Anton Lubowski: Ja, weil sie keine Unterstützung mehr haben, verstehen Sie das nicht? Deswegen geben sie jetzt die Schuld der SWAPO, sie sagen, sie haben keine Unterstützung mehr, weil die SWAPO sie angreift. Das ist, weil sie keine Unterstützung mehr haben, nicht weil die SWAPO sie angreift. SWAPO kämpft mit der Masse von Namibia, wir haben keine Probleme mit Soldatenmangel, wir haben Tausende von Leuten.
Frage: Aber wenn die Headmen keine Macht hätten, wäre es doch aus SWAPO-Sicht nicht nötig, sie anzugreifen.
Anton Lubowski: Das stimmt nicht.
Frage: Heißt das, die Headmen lügen?
Anton Lubowski: Die Headmen benutzen das (die Behauptung, von der SWAPO angegriffen zu werden, d. Red.) als Entschuldigung, weil sie keine Unterstützung in der Bevölkerung haben.
Frage: Diese Angriffe existieren gar nicht?
Anton Lubowski: Ach, warum sollten wir denn?! Mit unserem Guerillakrieg können wir nur Erfolg haben, wenn wir die Unterstützung der Bevölkerung besitzen.
Frage: Ja, die Frage ist nur: Wie bekommt man Unterstützung? Halten Sie es beispielsweise für legitim, daß Schulklassen oder Schulkinder entführt und gezwungen werden...
Anton Lubowski: ...sagen Sie mir doch, warum sollten wir?
Wir haben 80000 Leute in Flüchtlingslagern. Mein Gott, was wollen wir noch Leute entführen? Wir brauchen nicht so viele Leute. Die ganze internationale Welt muß uns helfen, diesen Leuten zu helfen. Warum werden wir Leute entführen? Wozu?
Frage: Das heißt,diese Entführungsbehauptungen sind Propaganda Südafrikas?
Anton Lubowski: Das sind Leute, die kommen zu uns, die laufen zu uns, viele dieser Kinder. Freiwillig laufen die zur SWAPO.

(Das Gespräch dreht sich schließlich um die SWAPO-Camps)

Anton Lubowski: Wir haben jetzt wieder die ganze Presse der Bundesrepublik eingeladen. Wir haben gesagt: Kommt, schaut euch das an. Ein ARD-Team war voriges Jahr (1985) in den Flüchtlingslagern. Die haben einen Film über Cuanza-Sul gemacht, den können Sie gucken bei der ARD, einen 15- oder 20-minütigen Film. Und da haben diese Filmleute gesagt, die Südafrikaner können lernen von den hygienischen Zuständen in den SWAPO-Hospitälern. Das ist die Realität.
Frage: Aber entsprechende Vorwürfe kommen ja nicht nur von Südafrika, sondern beispielsweise hier in Windhuk auch von dem Eltern-Komitee. Und die führenden Leute dieses Eltern-Komitees, die jetzt beim CCN gefeuert wurden, sind ja seit Jahren aktive SWAPO-Mitglieder...
Anton Lubowski: Das sagen die! Haben die Ihnen jemals Beweise gezeigt?
Frage: Nun die SWAPO könnte ja sicherlich leicht das Gegenteil beweisen...
Anton Lubowski: Warum sollten wir mit so einem Quatsch uns aufhalten? Jeder weiß, daß das Propaganda ist, jeder.
Frage: Aber in der Tat sind viele Eltern und Verwandte da, die sagen, unsere Kinder haben sich seit so und soviel Jahren nicht gemeldet - sind verschwunden...
Anton Lubowski: ... Natürlich! Das ist doch ein Krieg, mein Gott, verstehen Sie das denn nicht?!
Frage: In einem Krieg wird in der Regel mitgeteilt, wer gefallen ist. Oder wenn, wie Gurirab in London angekündigt hat, 100 Leute als Spione erkannt oder verdächtigt wurden, dann könnte man ja von diesen 100 Leuten beispielsweise die Namen veröffentlichen.
Anton Lubowski: Die einzigen Namen, die dieses Eltern-Komitee hat, sind Namen, die wir veröffentlicht haben, Ben Boois, Lucas Stephanus, all die Namen, die wir veröffentlicht haben.
Frage: Aber sie haben keine Liste dieser 100 Namen veröffentlicht.
Anton Lubowski: Nein, das haben wir nicht. Die Untersuchungen laufen noch. Aber einige Leute haben sich schon als Spione bekannt.
Frage: Sie haben eben unterstellt, daß Headmen, die behaupten, sie seien von der SWAPO angegriffen worden, oder Schulkinder, die behaupten, entführt worden zu sein, von Südafrika unter Druck gesetzt wurden. Mit der gleichen Berechtigung kann man aber sagen, es beweist gar nichts, wenn irgendjemand auf einem Videoband erscheint und sagt:'Ich bin ein Spion'. Neben dem kann jemand mit der Pistole stehen. Warum werden diese Leute nicht in der Öffentlichkeit neutralen Personen vorgeführt?
Anton Lubowski: Das haben wir doch jetzt angeboten. Wir haben doch selbst dieser lächerlichen Menschenrechtsorganisation aus Frankfurt (gemeint ist die IGFM, d. Red) gesagt, sie kann eine Delegation senden. Die schicken ja jetzt auch acht Leute. Was sollen wir mehr machen? Was können wir mehr machen, als alle Journalisten einzuladen, die in die Camps kommen und sich die Leute ansehen? Die kommen jetzt ja auch (gemeint ist wieder die IGFM, d. Red.). Da sind zwei Parlamentarier, ein deutscher und ein englischer, die jetzt im Namen dieser Menschenrechtsorganisation nach Angola und Sambia gehen, um die Flüchtlinge zu interviewen. (1)
Frage: Wenn die SWAPO in Namibia an die Macht kommen sollte, wie sehen Sie die Probleme des Tribalismus? Ist es für die Minderheiten in Namibia eine Gefahr, wenn eine von den Ovambos dominierte Organisation an die Macht kommt?
Anton Lubowski: Die SWAPO will einen Einheitsstaat haben, wo alle Völker und Personen gleiche Rechte haben.
Frage: Also ohne Minderheitenschutz?
Anton Lubowski: Ohne Minderheitenschutz! Ich persönlich bin total gegen Minderheitenschutz. Warum soll man Minderheitenschutz haben, wenn man schon ein parlamentarisches Gesetz über Menschenrechte hat, das wir machen werden, in dem wir Menschenrechte, regelmäßige Wahlen (2) garantieren, wo jeder, der diskriminiert wird, vor Gericht gehen kann, wo Pressefreiheit herrscht, Versammlungsfreiheit... warum sollte man da noch Minderheitsrechte haben, wozu? Das würde wieder Gruppenbildung verursachen, eine Trennung. Das Volk von Namibia hat unter der Apartheid gelebt, die Leute haben die Nase voll von dieser Teilung. Warum müssen verschiedene Gruppen verschieden behandelt werden? Wie können die Weißen, die die Schwarzen unterdrückt haben, jetzt plötzlich Minderheitenrechte fordern? Was gibt den Weißen eine solche Arroganz?
Frage: Es sind aber nicht nur die Weißen. Es gibt ja auch unter den Schwarzen derartige Forderungen. Zum Beispiel gibt es unter den Capriviern die Forderung nach Minderheitenschutz.
Anton Lubowski: Deshalb sage ich Ihnen: Sie haben eine Meinung, ich habe eine Meinung. Darum muß eine freie Wahl zeigen, wohin die SWAPO kommt. Warum machen wir das nicht und gucken, was passiert? Wo ist die Mehrheit? Ob das jetzt die Ovambos sind oder Caprivianer oder Kavango oder Weiße oder was weiß ich. (3) Warum können wir nicht einen Einheitsstaat bilden, eine Nation bilden?

Anmerkungen zum Anton Lubowski-Interview:

(1): Hier ging Anton Lubowski von einer Falschmeldung aus, die in der Windhuker Allgemeinen Zeitung vom 24.3.1986 veröffentlicht worden war. Tatsächlich sah die Realität wie folgt aus: Sam Nujoma hatte öffentlich alle Beschuldigungen gegen die SWAPO in Bezug auf Verletzung der Menschenrechte von sich gewiesen und erklärt, die SWAPO-Camps in Angola und Sambia stünden jederzeit und jedermann für eine Untersuchung offen. Daraufhin wandte sich die IGFM in einem Schreiben an die SWAPO und bat um die Besuchserlaubnis für eine Delegation, der unter anderem der Bundestagsabgeordnete Hans Graf Huyn und der britische Parlamentarier David Atkinson angehören sollten. Über diese Besuchsabsicht wurden neben der SWAPO auch die Regierungen Angolas und Sambias informiert. Keiner der drei Adressaten reagierte bisher auf diese Schreiben. Die IGFM hatte ihr Reisevorhaben allerdings an konkrete Bedingungen geknüpft, ohne deren Erfüllung sie nicht zu einem Besuch der SWAPO-Lager bereit sei:

  • Die Delegationsmitglieder müßten innerhalb Angolas und Sambias ohne Beschränkungen und ohne längerfristige Vorankündigungen an jeden Ort ihrer Wahl reisen dürfen.
  • Den Delegationsmitgliedern sollten ohne Teilnahme von SWAPO- oder angolanischen bzw. sambischen Militäroder Regierungsvertretern unbeeinflußte Gespräche mit jedem Gesprächspartner ihrer Wahl ermöglicht werden.

(2): Die Zusicherung, einen Staat mit regelmäßigen Wahlen zu errichten, relativiert Anton Lubowski an anderer Stelle des gleichen Interviews, indem er erklärt, auch die Entwicklung Namibias zu einem Einparteienstaat könne nicht ausgeschlossen werden,sollte das Volk ein dementsprechendes Votum erteilen.

(3): Die Frage nach Mehrheitsentscheidung im Zusammenhang mit der Diskussion um Minderheitenschutz ist insofern sinnwidrig, als die Ovambos, die die SWAPO eindeutig dominieren, etwa die Hälfte der Gesamtbevölkerung von SWA/ Namibia ausmachen. Vgl. in diesem Zusammenhang auch die entsprechenden Passagen aus den in dieser Dokumentation wiedergegebenen Aussagen von ehemaligen Insassen der SWAPO-Camps,in denen mehrfach auf die Rivalität zwischen Ovambos einerseits und den übrigen Namibiern andererseits hingewiesen wird.

Dies ist ein Auszug aus einer 1986 veröfentlichten Dokumentation der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte in Frankfurt a. M.: SWAPO und die Menschenrechte.

Buchtitel: SWAPO und die Menschenrechte
Untertitel: Augenzeugenberichte und Dokumente aus Angola, Sambia und SWA/ Namibia
Herausgeber: Internationale Gesellschaft für Menschenrechte Deutsche Sektion e.V.
Frankfurt am Main, 1986
ISBN 3-89248-007-9


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