Schimpferei auf die Deutschen (3). Kaera und Leinhos

Schimpferei auf die Deutschen (3). Kaera und Leinhos.

Schimpferei auf die Deutschen (3). Kaera und Leinhos.

Dieser Beitrag von Dag Henrichsen wurde 2004 im Afrikanischen Heimatkalender veröffentlicht: Schimpferei auf die Deutschen. Erfahrungen von Kaera Ida Getzen-Leinhos während des Kolonialkrieges in Namibia, 1904-1908.

Dag Henrichsen

Die „Erkundigungen", die Leinhos am 11. Januar 1904 bei „einer Hererofrau" eingezogen haben will, fungieren in der Siedlerliteratur als festes Versatzstück in Erzählungen über den Vorabend des Kriegsausbruches. Ausgeblendet wird in den Erzählungen, warum Leinhos einen Kontakt zu der unbekannten Frau hatte. Einmal wird sie als „Hererofrau", mal als „Hereroweib", mal als „Eingeborenenmädchen" bezeichnet. Diese Bezeichnungen bilden letztlich Chiffren für eine Bandbreite von Beziehungsformen in einer „Situation erotique", die, so Wolfram Hartmann, Freundschaft, Liaison, Prostitution und vieles mehr bedeuteten. Die Mitteilungen der unbekannten Frau sind im übrigen die ersten von vielen weiteren Stimmen von Afrikanerinnen im Krieg, die bislang kaum analysiert wurden.(9) Angesichts der komplexen Beziehungsgeflechte zwischen deutschen Militärs und lokalen Frauen vor, während und nach dem Krieg, erstaunt dieses Desideratum. Es zeigt, wie wenig der Kriegsalltag in Namibia in seiner Vielschichtigkeit bislang Gegenstand von historischen Untersuchungen wurde. Es liegt nahe, die unbekannte Frau mit Kaera gleichzusetzen. Dies ist jedoch auszuschließen. Kaera hält sich zwischen Oktober 1903 und Februar 1904 in Grootfontein auf und kehrt erst anschließend nach Okahandja zurück. Die Rückkehr nach Okahandja zu diesem Zeitpunkt, wie überhaupt ihre Reise nach Ausbruch des Krieges durch ein vollständig von Herero kontrolliertes Gebiet, sind bemerkenswert. Ihre Reise musste den Herero signalisieren, dass sie sich zu einem Aufenthalt auf einer deutschen Militärstation entschloss. Sie hätte auch das Lager von Samuel Maharero östlich von Okahandja aufsuchen können, wohin zu dem Zeitpunkt Hunderte von Herero mit ihren Familien zogen angesichts der sich ausbreitenden Feindseligkeiten. Drei Monate später heiratet Kaera Kasper Leinhos, der inzwischen als Frachtfahrerfür die sich rüstende Schutztruppe fungiert. Warum? Es ist nicht bekannt, wann und wo die beiden sich kennenlernten und welche Art von Beziehung sich zwischen ihnen in den Wochen vor der Verheiratung entwickelte. Eruierbar ist jedoch die Alltagssituation in den Monaten nach Ausbruch des Krieges, die Aufschluss über mögliche Gründe zu der Verheiratung bietet. Kaera dürfte nicht entgangen sein, dass unter der Siedlerschaft eine radikale Stimmung herrschte, die sich in zahllosen Gerüchten von vermeintlichen Gewalttaten von Herero äußerte. (10) In Okahandja ist die Stimmung im Februar, also mit der Rückkehr von Kaera, „übel", wie Missionar Diehl notiert: „Sogar Frauen u. Kinder will man nicht schonen". Kaera dürfte ebenfalls vernommen haben, dass z.B. in Karibib zwei Afrikanerinnen hingerichtet wurden, sodass, so Missionar Kuhlmann im Mai 1904, „die übrigen Eingeborenen nachher gefragt [haben]: Führen die Deutschen denn auch mit Frauen Krieg?" Mit Bezug aufgefangene Herero in Swakopmund schreibt Kuhlmann: „Missionar Rautanen sagte [mir], die Frauen seien wie das Vieh geschlagen und beschimpft worden. Übrigens spotte die Grobheit in Swakopmund jeder Beschreibung. Und was hatten jene Frauen verbrochen? Nichts!!! Ihre schwarze Hautfarbe und Zugehörigkeit zur Hereronation genügte, um noch schlechter behandelt zu werden wie ein Vieh. ...". Heiratete Kaera im Mai Leinhos, um einer Gefährdung als Angehörige „zur Hereronation" entgehen zu können? Es fällt auf, dass Kaeras Tochter Susanna bereits im März in Karibib Karl Besser, der im Februar als Soldat in Omaruru kämpfte, heiratet. War es Zufall, dass Mutter und Tochter innerhalb kurzer Zeit nach Ausbruch des Krieges deutsche Männer heiraten? Im Übrigen bot die Verheiratung mit einem Deutschen theoretisch die Möglichkeit, die deutsche Staatsbürgerschaft zu erwerben, (11) eine Option, die mit dem sogenannten Mischehenverbot und der exemplarischen Klassifizierung von Kaera zur „Eingeborenen" 1907 gesetzlich unterbunden wurde. Die deutsche Staatsbürgerschaft dürfte 1904 für beide Frauen auch deshalb von Bedeutung gewesen sein, weil die Verwaltung in britischen Staatsangehörigen Rädelsführer und Waffenlieferanten von Herero vermutete. Kaera stand, wiederum theoretisch, die britische Staatsbürgerschaft zu aufgrund der Herkunft ihres Vaters und ihres ersten Ehemannes. Deutlich wird hier, dass Kaera und ihrer Tochter in einer eskalierenden Kriegssituation diverse Optionen offenstanden und sie sich zum eigenen Schutz für die Verheiratung mit deutschen Männern entschlossen. Was mögen die Motivationen von Kasper Leinhos und Karl Besser gewesen sein, diese beiden Frauen mitten im Krieg zu heiraten? Beiden dürfte bekannt gewesen sein, dass Kaera über Weidebesitz im Grootfonteindistrikt verfügte sowie über Verwandtschaftsbeziehungen zu den Ovahona Samuel Maharero und Kambazembi. Für Leinhos, mit dem Zusammenbruch seines Handelsunternehmens konfrontiert, dürfte Kaera, just im Hinblick auf eine zu dem Zeitpunkt völlig offene Nachkriegszeit, wirtschaftliche Aussichten geboten haben. Das galt wohl auch für Besser. Im Mai waren bekanntlich die bis dato geführten militärischen Auseinandersetzungen zwischen deutschen und Herero-Truppen zumeist zugunsten letzterer ausgegangen. Auch Leinhos und Besser standen im Kriegsalltag unterschiedliche Optionen zur Verfügung, und sie entschieden sich für die Verheiratung mit Frauen, die über familäre Beziehungen zu Herero Ovahona verfügten. Das Risiko einer Alltagsdiskriminierung war für die beiden Männer offenbar gering.

Zusammenleben

Die Ehe von Kaera und Leinhos ist nur von kurzer Dauer. Leinhos gibt im Zuge der Scheidungsverhandlungen an, dass Kaera ihn bereits im Dezember 1904 um die Scheidung bat. Kaera wiederum hält fest, seit Mitte 1905 nicht mehr mit ihm zusammenzuleben. Als Hauptgrund führen beide die gegenseitige Untreue an. Leinhos erklärt 1908 in einem mühsam verfassten Brief, dass Kaera ihn um die Scheidung bat, „weil ich Ihr auf den Pelz rückte Erlich zu sein was nadurlich nicht der Fall wahr sonder[n] [sie] Verkerte mit den Bohrleuten Schumann und mit dem Pollizist Horschig [sie]". Im Mai 1905 bringt Kaera eine Tochter, Magdalena, zur Welt, als deren Vater Leinhos im Taufbuch der Rheinischen Missionskirche angegeben wird. Leinhos bestreitet 1908 diese Vaterschaft mit dem Hinweis auf die Beziehungen seiner Frau zu anderen Männern. Er gibt ferner an, ein Kind mit einer Damara gezeugt zu haben. Kaera wiederum nennt Leinhos' Beziehung zu „Katumba" als Hauptgrund für eine Scheidung. Nach 1905 bringt sie nochmals eine Tochter, Maria, zur Welt, deren Vater ebenfalls ein unbekannter Europäer ist. Demzufolge leben beide Ehepartner weiterhin in jenen europäisch-afrikanischen Beziehungen, wie sie vordem Krieg üblich waren und auch auf weiteres, trotz zunehmender sozialer und gesetzlicher Diskriminierung, bleiben. Die Beziehung von Kaera und Leinhos ist ferner von physischer und verbaler Gewalt geprägt. Kaera gibt in der Scheidungsklage an, dass Leinhos sie mehrmals physisch misshandelte. Leinhos schreibt dagegen 1908, dass ihm „keine Schuld an der Ehescheidung" zukomme. Diese träfe seine Frau, „weil Sie ein Bastart ist und versteht nicht einen Deutschen. Sie ist nämlich Herero und bleibt es. Ich wahr... müde diese Schimpferei auf die Deutschen, [sie]" Ob Leinhos diese Sichtweise bereits im Mai 1904 hatte, als er mit Kaera eine Ehe einging? Sie selbst hält in der Scheidungsklage fest, dass Leinhos sie „wiederholt gröblich beschimpft und sie besonders Hure genannt." Kaeras „Schimpferei auf die Deutschen" kann als Reaktion auf die Zustände in der Kolonie nach 1904 gelesen werden. Diese müssen für sie und ihre Familie in jeder Hinsicht schwierig gewesen sein, wie ein Blick auf das Alltagsleben in Okahandja, wo die Familie weitgehend lebt, zeigt. [wird fortgesetzt]

Dieser Beitrag von Dag Henrichsen 2004 wurde im Afrikanischen Heimatkalender veröffentlicht: Schimpferei auf die Deutschen. Schimpferei auf die Deutschen (3). Kaera und Leinhos.


Empfehlungen

Afrikanischer Heimatkalender 2002

Afrikanischer Heimatkalender 2002

Seit 1930 Botschafter christlicher Werte mit vielen interessanten landeskundlichen Beiträgen

Afrikanischer Heimatkalender 2003

Afrikanischer Heimatkalender 2003

Seit 1930 Botschafter christlicher Werte mit vielen interessanten landeskundlichen Beiträgen