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Zwischen Nationalsozialismus und Apartheid. Die deutsche Bevölkerungsgruppe Südwestafrikas 1915–1965

Zwischen Nationalsozialismus und Apartheid. Die deutsche Bevölkerungsgruppe Südwestafrikas 1915–1965

Die Geschichte der Deutschen in Namibia nach dem Ende der deutschen Kolonialherrschaft bis 1965
Eberhardt, Martin
13059
978-3-8258-0225-7
neu

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Weitere Empfehlungen zu Zwischen Nationalsozialismus und Apartheid. Die deutsche Bevölkerungsgruppe Südwestafrikas 1915–1965

Autor: Martin Eberhardt
Reihe: Periplus Studien, Band 10
Lit-Verlag
Münster, 2007
ISBN 978-3-8258-0225-7
Broschur, 16x24 cm, 584 Seiten


Beschreibung:

Die Studie untersucht auf Grundlage neu erschlossener Quellen aus namibischen und deutschen Archiven erstmals umfassend die Geschichte der Deutschen in Namibia nach dem Ende der deutschen Kolonialherrschaft.

Der Autor befasst sich eingehend mit den Gründen für die überschwängliche Begeisterung vieler deutscher Siedler über Hitlers Machtübernahme 1933 und fragt nach Widerstand gegen das NS-Regime im damaligen Mandatsgebiet Südwestafrika. Zudem geht er möglichen Verbindungen des deutschen Kolonialismus und des Nationalsozialismus zur auch in Namibia eingeführten südafrikanischen Apartheid nach.


Inhalt:

Teil 1 - Konfrontation
Die "abhängigen Herren": Deutsche Siedler und die Macht in Deutsch-Südwestafrika
Südafrikanische Annexionsbestrebungen und Völkerbundsmandat
Weiße Gegensätze (1915 - 1922)
Besatzung und koloniale Herrschaft
Streitfragen: Schule, Amtssprache und Bürgerrechte
Koloniale Bedrohungen und weiße Gemeinsamkeiten
Das Londoner Abkommen (1923 - 1925)
Südwestafrikas Deutsche, Kolonialfrage und Weimarer Republik
Kolonialrevision und Weimarer Republik
Die Kolonialpolitik der Weimarer Republik
Deutsch-südafrikanische Beziehungen 1919 - 1933
Deutsche Siedlungsaktivitäten in Südwestafrika
Parlamentarismus im Mandatsgebiet Südwestafrika (1924 - 1931)
Das politische System Südwestafrikas und der "Deutsche Bund"
Der Richtungsstreit im "Deutschen Bund"
Der "Deutsche Bund" in der politischen Auseinandersetzung
Deutsche und Buren: Die feindseligen Vettern
Weltwirtschaftskrise und Kapstädter Abkommen (l 931 - 1933)
Die Gesellschaft Südwestafrikas und der Aufstieg des Nationalsozialismus

Teil 2 - Eskalation
1. NS-Machtübernahme und Gleichschaltung in Südwestafrika (1933/34)
1.1 Nationalsozialistische Offensive
1.2 Die Gleichschaltung des "Deutschen Bundes"
2. Die eskalierende Konfrontation (1933/34)
3. "Deutsche Front" gegen "Deutschen Bund" (1934 - 193 6)
4. In der Defensive: Von der "SWA Commission" zur "Proclamation 51" (1935-1937)
5. Das "Dritte Reich", Kolonien und das südliche Afrika
5.1 Nationalsozialismus und Kolonien
5.2 Das "Dritte Reich", Südafrika und die Südwestafrikafrage
6. Die Deutschen Südwestafrikas und der Nationalsozialismus
6.1 Alteingesessene gegen Neueinwanderer? Die Anhänger der NSDAP
6.2 Zwischen Anpassung und Widerstand
6.3 Kolonialrassismus und NS-Rassenlehre
7. Zwischen Entspannung und Eskalation (1937 - 1939)
7.1 Der "Deutsche Südwest-Bund" und seine Gleichschaltung
7.2 Die "Landwirtschaftskammer von Südwestafrika"
7.3 Widerstand und "Deutsch-Afrikanische Partei"
7.4 Auf dem Weg zum Krieg
8. Der Zweite Weltkrieg in Südwestafrika (1939 - 1948)
8.1 Kriegsjahre und Internierung
8.2 Ungewissheit und Ausweisungsgefahr
9. Nationalsozialismus im Ausland: Der Fall Südwestafrika

Teil 3 - Kooperation
1. Südafrika, die UNO und die Südwestafrikafrage
2. Der Machtwechsel von 1948 und die Apartheid
3. Neuorientierung (1947 - 1950)
4. Zwischen burischem Nationalismus und Eigenständigkeit (1950 - 1958)
5. Zwischen Apartheid und afrikanischem Widerstand (1950 - 1965)
5.1 Die sicheren Jahre
5.2 Afrikanischer Widerstand und Dekolonisation
6. Die Deutschen Südwestafrikas, Deutschland und die deutsche Geschichte
7. Apartheid, Zukunftsangst und Dankbarkeit
Zusammenfassung
Anhang
Abkürzungen
Bibliographie

1. Quellen
1.1 Archivalien
1.2 Gedruckte Quellen
1.3 Zeitgenössische Publikationen
1.4 Memoiren und Erinnerungen
1.5 Periodika
2. Literatur


Einleitung:

Rund neunzig Jahre nach dem faktischen Ende der deutschen Kolonialherrschaft und mehr als hundert Jahre nach dem Kolonialkrieg gegen Herero und Nama ist die deutsche koloniale Vergangenheit in Namibia noch überall präsent.

Einige zehntausend Touristen aus der Bundesrepublik bestaunen jedes Jahr das Reiterdenkmal vor der Alten Feste in Windhoek, die gegenüberliegende Christuskirche und die aus dem Jahr 1913 stammende alte Windhoeker Turnhalle.

Sie bewundern das Hohenzollernhaus in Swakopmund, Kapps Ballsaal in Lüderitz und fahren durch das von-Lindequist-Tor in den Etosha-Nationalpark, der einer der wichtigsten Anziehungspunkte für jeden Namibia-Urlauber ist und seine Existenz dem deutschen Gouverneur Friedrich v. Lindequist verdankt. Sie bestaunen alte deutsche Straßennamen in den Städten Namibias, deutsche Ortsnamen wie Mariental und Grünau und deutsche Farmnamen, von denen "Deutsche Erde" wohl der deutscheste ist.

Es sticht jedoch nicht alleine die deutsche koloniale Vergangenheit ins Auge. Auch in der Gegenwart Namibias sind Deutschstämmige nach wie vor präsent. Sie arbeiten wie ihre Vorfahren als Handwerker und Farmer, betreiben Autohäuser und Autovermietungen, Gäste- und Jagdfarmen, Reise- und Safariuntemehmen, Restaurants und Cafes, in denen es nach dem deutschen Reinheitsgebot gebrautes "Windhoeker Bier" und Schwarzwälder Kirschtorte gibt.

Das größte namibische Unternehmen ist die "Ohlthaver und List Gruppe".' In Windhoek gibt es nach wie vor die von der Bundesrepublik zu einem großen Teil finanzierte "Deutsche Höhere Privatschule", die bis zum Abitur fuhrt. Die Windhoeker "Allgemeine Zeitung" ist die einzige deutschsprachige Tageszeitung auf dem afrikanischen Kontinent. Die staatliche Rundfunkgesellschaft NBC strahlt täglich ein deutschsprachiges Radioprogramm aus.

Obwohl bereits seit 1919 nicht mehr deutsche Kolonie, erlangte Namibia erst 1990 die staatliche Unabhängigkeit und leidet auch heute noch unter den Folgen der Kolonialherrschaft und der mehr als siebzig Jahre währenden Verwaltung durch die Südafrikanische Union bzw. der Republik Südafrika.

Sie hatte von den alliierten Siegermächten 1919 das Völkerbundsmandat über die frühere deutsche Kolonie zugesprochen bekommen und ihr Modell der Rassentrennung, das nach dem Zweiten Weltkrieg unter der Bezeichnung "Apartheid" perfektioniert wurde,2 auch im damaligen Südwestafrika eingeführt.

Das südafrikanische Bildungssystem etwa gewährte Schwarzen nur eine Minimalbildung und Lehrer waren geringer qualifiziert als an Schulen für Weiße üblich. 1990 verdiente die weiße Bevölkerung pro Kopf umgerechnet durchschnittlich US$ 16.500, die in das Wirtschaftsgeschehen direkt eingebundene schwarze Bevölkerung dagegen nur rund US$ 750 pro Kopf und die große Mehrheit der in den "Kommunalgebieten" lebenden Schwarzen musste sich gar mit US$ 85 pro Kopf bescheiden.3

Sieben Jahre nach der Unabhängigkeit verfügten 10% der Bevölkerung über zwei Drittel des Volkseinkommens und 40% der Bevölkerung lebten unter der absoluten Armutsgrenze.4 57% der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche Namibias waren 1990 so genanntes kommerzielles Farmland, das bis dahin nur von Weißen bewirtschaftet werden durfte. Es herrscht zwar unter Vertretern aller Parteien Konsens, dass die Ungleichverteilung von Land eine Gefahr für die namibische Demokratie darstellt, die Umverteilung von Land kam aber nur schleppend in Gang.

Im Jahr 2000 waren immer noch 84% des kommerziellen Farmlandes im Besitz weißer Farmer5 und obwohl schwarze Gewerkschafter offen mit Landbesetzungen nach dem Vorbild Simbabwes drohen, herrscht auch unter deutschstämmigen Farmern ein ausgeprägter Unwille, die Landreform zu beschleunigen.6

Zur nicht vorhandenen Bereitschaft, bei der Landreform mitzuwirken, kommt ein unter Deutschstämmigen stark ausgeprägter Pessimismus. Eine von der Befreiungsbewegung SWAPO (South West Africa People's Organization) gestellte Regierung des unabhängigen Namibia lehnten 1989 viele Deutschstämmige ab. Blickten in diesem Jahr, als viele noch eine Regierung der gemäßigten "Demokratischen Turnhallen Allianz" (DTA) wünschten und für möglich hielten, nur 24% wenig hoffnungsvoll in die Zukunft, waren es zwei Jahre später, nach dem Sieg der SWAPO bei den ersten demokratischen Wahlen, schon 38%.

Bei den afrikaanssprachigen Weißen sank dagegen die Zahl derer, die wenig Hoffnung für die Zukunft hatten, von 22 auf 19%. Glaubten 75% der Deutschsprachigen 1989, die Beziehungen zwischen den Rassen würden sich künftig verbessern, waren es zwei Jahre später nur noch 54%. Bei den Afrikaanssprachigen stieg der Wert dagegen von 66 auf 72%.7

Das Misstrauen der Deutschstämmigen gegen eine schwarze Regierung überrascht nicht völlig. Sie konnten auf eine lange Erfahrung mit dem Leben in einer kolonialen Gesellschaft zurückblicken. Nachdem die südafrikanische Mandatsmacht, die nach dem Ersten Weltkrieg nur Hoheitsträger der ehemaligen deutschen Kolonialverwaltung und Unerwünschte auswies,8 keine freie und demokratische Ordnung für alle Einwohner errichten konnte, da in der Union selbst die afrikanische Bevölkerung diskriminiert wurde, lebten sie weiterhin in einer vom Kolonialismus geprägten Gesellschaft, d.h. in einer Gesellschaft, in der eine kulturell andersartige und nicht anpassungswillige Minderheit von Kolonialherren über die Lebensweise der Kolonisierten entschied und dabei externe Interessen, also primär Interessen des weißen Südafrika, vorrangig berücksichtigte.9

Mitte der 1980er Jahre stellten Deutschstämmige immer noch etwa ein Drittel der kommerziellen Farmer, obwohl sie weniger als 2% der Gesamtbevölkerung ausmachten.10 Dass sie als Weiße viel mehr verdienen als die schwarze Bevölkerung, muss nicht weiter ausgeführt werden.

Die Deutschstämmigen profitierten also noch Jahrzehnte lang von der fortgesetzten kolonialen Gesellschaft sowie der damit einhergehenden Ungleichverteilung des Wohlstands und taten sich schwerer als andere Weiße, von ihren Privilegien zu lassen. Es ist somit angebracht, ihre Rolle in der bzw. ihr Verhältnis zur nachdeutschen kolonialen Gesellschaft Namibias näher zu untersuchen und dabei besonders nach dem Verhältnis der deutschen Siedler zur afrikanischen Bevölkerungsmehrheit zu fragen.

Einerseits waren sie mit dem Denken in Rassenkategorien, in denen Menschen aufgrund äußerer Merkmale höher- bzw. minderwertige Eigenschaften zugesprochen werden, seit der deutschen Kolonialzeit vertraut. Andererseits waren die Deutschen 1919 selbst unter Fremdherrschaft geraten. Sie konnten also wissen, wie es sich in einem Land lebte, das als das eigene betrachtet wurde, über dessen Zukunft aber andere entschieden.

Die Geschichte der deutschsprachigen Bevölkerungsgruppe in Namibia verdient zudem Aufmerksamkeit, weil es erstaunlich ist, dass es Jahrzehnte nach dem Ende der deutschen Kolonialherrschaft überhaupt noch eine deutschsprachige Bevölkerungsgruppe gab. Sie hatte offenbar über zahlreiche Brüche deutscher Geschichte hinweg überlebt. Von der Niederlage des Kaiserreichs 1918 in die Zeit der Weimarer Republik, über das nationalsozialistische "Dritte Reich" und den Zweiten Weltkrieg zum völligen staatlichen Zusammenbruch 1945 und zur deutschen Teilung.

Wie hielten es die Deutschen in Südwestafrika mit der Weimarer Republik, der ersten deutschen Demokratie, und dem nachfolgenden nationalsozialistischen Deutschland, die beide die Bedingungen des Versailler Vertrags revidieren wollten?

Wie gelang es den Deutschen, den Zweiten Weltkrieg, der in Europa die Existenz erheblich größerer deutscher Minderheiten beendete, zu überstehen? Wie gestaltete sich das Verhältnis der Deutschen zu den burischen Nationalisten, die 1948 in der Union an die Macht gelangten und unter der Bezeichnung Apartheid ein international geächtetes rassistisches Gesellschaftsmodell realisierten? Wie konnten die Deutschstämmigen bis heute ihre kulturelle Eigenständigkeit erhalten und verhindern, dass sie sich mit den aus der Union kommenden weißen Siedlern vermischten? Wie gestaltete sich das Verhältnis von deutschen und südafrikanischen Siedlern nach 1919?

Das Ausbleiben einer Assimilierung deutet auf ein eher schlechtes Verhältnis hin. Andererseits weisen der Pessimismus nach der Unabhängigkeit des Landes und der mangelnde Wille, die Landreform energisch voranzutreiben, darauf hin, dass sich die Deutschen in der südafrikanisch dominierten kolonialen Gesellschaft des Landes gut eingerichtet hatten und sie die südafrikanische Apartheid gar nicht so schlecht fanden. Was stand im Vordergrund, der Erhalt der Eigenständigkeit oder die gemeinsamen Interessen von deutschen und südafrikanischen Siedlern als Kolonialherren?

Die Geschichte der deutschen Siedler in der ehemaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika und besonders ihr Verhältnis zum "Dritten Reich" fand bereits mehrfach die Aufmerksamkeit der Forschung. Bereits 1953 erschien im ersten Band der Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte ein kurzer Aufsatz über den Nationalsozialismus in der früheren deutschen Kolonie.

Heinrich Stuebel erklärte ohne jeden Beleg, die "überwältigende Mehrheit der Deutschen" sei nach 1933 "mit fliegenden Fahnen zum Nationalsozialismus" übergegangen, da sich die deutschen Siedler die Rückkehr des Landes zum Deutschen Reich gewünscht hätten." Stuebel behauptete weiter, der Anteil der Nationalsozialisten sei auf 80 bis 95% geschätzt worden, wobei die letztere Zahl wahrscheinlicher sei. Nur etwa 400 Deutsche hätten eine "Volksdeutsche Gruppe" gegründet.12

Seine Thesen stützte er weitgehend auf den Bericht einer von der südafrikanischen Unionsregierung eingesetzten Untersuchungskommission, die festgestellt zu haben glaubte, ein Abgesandter der NSDAP sei 1933 nach Südwestafrika gekommen, der die gesamte deutsche Bevölkerungsgruppe gleichschaltete. '3

Mehr als zwanzig Jahre später zeigte der Missionshistoriker Lothar Engel in seiner Studie zu "Kolonialismus und Nationalismus im deutschen Protestantismus" im heutigen Namibia, in der er den bis dahin umfassendsten Abriss über die Geschichte des Nationalsozialismus in der ehemaligen Kolonie lieferte, dass offenbar doch nicht fast alle Deutschen mit fliegenden Fahnen zur NSDAP übergingen. Er schilderte heftige Konflikte in der deutschen Gemeinschaft nach der NS-Machtübemahme in Deutschland 1933.

Obwohl Engel auf Akten im Bundesarchiv und im Politischen Archiv des Auswärtigen Amts zur Geschichte des Nationalsozialismus in der früheren deutschen Kolonie hinwies und wegen seiner heftigen Kritik am nationalsozialistischen evangelischen Landesprobst Andreas Wackwitz,15 die ihm Jahre später Kritik von Wackwitz' Sohn einbrachte,'6 apologetischer Tendenzen völlig unverdächtig ist, wurden seine Darstellung und vor allem seine Quellen-hinweise von der Forschung nicht aufgenommen.

Werner Berteismann interpretierte die Konflikte in der deutschen Bevölkerungsgruppe nach 1933 in seiner 1970 fertiggestellten und 1979 veröffentlichten juristischen Untersuchung über den Kampf der Deutschen um ihre Minderheitenrechte zwischen 1915 und 1970 als einen Konflikt zwischen alteingesessenen Siedlern und erst neu eingewanderten, die eher der NSDAP zugeneigt gewesen seien. Er stützte sich dabei auf Akten des früheren Geschäftsführers des "Deutschen Bundes", Erich v. Schauroth, die ihm damals exklusiv zur Verfügung standen.

Viele Deutsche hätten die beginnenden Aktivitäten der "NSDAP-Landesgruppe" abgelehnt, da sie gefürchtet hätten. Parteipolitik könnte die wegen des deutsch-südafrikanischen Konflikts so bedeutende Einheit gefährden, zumal sich ältere deutschnational orientierte Siedler wegen der besonderen Situation im Mandatsgebiet hätten taktisch zurückhalten wollen, um der Administration keinen Vorwand zu liefern, gegen die Deutschen vorzugehen.

Dies habe zu Konflikten geführt, nachdem die erst neu eingewanderten NS-Anhänger trotzdem versucht hätten, den Machtanspruch der Partei rücksichtslos durchzusetzen. Andererseits hätten sich viele Deutsche loyal zum "Dritten Reich" verhalten, weil sie sich von ihm die Kolonialrevision erhofft hätten, und sie hätten im Deutschen Bund, der zentralen politischen Vertretung der Deutschen, das Führerprinzip eingeführt.17

Die These von den eindeutig pronationalsozialistischen Siedlern in Südwestafrika stellte auch Albrecht Hagemann in seiner umfangreichen Untersuchung der deutsch-südafrikanischen Beziehungen während des "Dritten Reiches" in Frage. Lediglich etwa 10% der deutschen Siedler seien Mitglieder in der NSDAP-Landesgruppe gewesen.18 Selbst wenn man unterstellt, dass Anhängerschaft und Mitgliedschaft nicht ein und dasselbe sind, gehen Stuebels und Hagemanns Angaben weit auseinander.

Hagemann vertrat ebenfalls die These eines "Generationenkonflikts" zwischen alteingesessenen Siedlern, die dem "Dritten Reich" eher skeptisch gegenüber gestanden seien, und jüngeren, erst während der 1920er Jahre eingewanderten Deutschen, die den auf Ausgleich setzenden Kurs der Älteren abgelehnt und sich vom NS-Regime eine schnelle Kolonialrevision versprochen hätten.

Er stützte seine Aussagen erstmals auf im damaligen Staatsarchiv lagernde Akten ehemaliger deutscher Organisationen, die von den südafrikanischen Behörden während der 1930er Jahre und während des Zweiten Weltkrieges beschlagnahmt wurden, und auf einen unveröffentlichten südafrikanischen Untersuchungsbericht von 1940.'9

Während über das Ausmaß der NS-Begeisterung Uneinigkeit herrscht, wobei sich die Generationenkonfliktsthese hier durchgesetzt hatte, gab es über die Ursachen für die Hinwendung zum Nationalsozialismus kaum Differenzen. Die Deutschen Südwestafrikas fühlten sich von Südafrika in "ihrem" Land diskriminiert und warteten auf die Rückgabe der unter Mandatsverwaltung stehenden Kolonie an das Deutsche Reich.20

Nach Berteismann, der die umfangreichste Darstellung der Konflikte während der 1920er Jahre vorlegte, kam es vor allem auf drei Gebieten zu Auseinandersetzungen, dem Schulwesen, der Frage politischer Partizipation und der Forderung, Deutsch zur dritten Amtssprache zu erheben.

Zwar sei der Status der Deutschen 1923 im "Londoner Abkommen" zwischen der Reichsregierung und der Unionsregierung abgesichert worden, so dass die Union die Neueinwanderung von Deutschen gestattet und jenen Deutschen politische Partizipation gewährt habe, die die britisch-südafrikanische Staatsbürgerschaft annahmen, die Deutschen hätten gerade letzteres nie innerlich akzeptiert, da sie davon überzeugt gewesen seien, das Wahlrecht müsse allen Weißen ohne Rücksicht auf die Staatsangehörigkeit zugestanden werden und sie seien verärgert gewesen, dass Deutsch nicht als dritte Amtssprache anerkannt wurde.2'

Diese älteren Arbeiten leiten den Erfolg des Nationalsozialismus unter den deutschen Siedlern nicht nur ausschließlich aus dem deutsch-südafrikanischen Konflikt her, sie lassen bis auf die Arbeit Engels auch die Fragen nach dem Verhältnis der Deutschen zur afrikanischen Bevölkerung sowie ihrer Rolle in der kolonialen Gesellschaft des Landes außer Acht.

Erst ab den 1990er Jahren erschienen einige wissenschaftliche Arbeiten über die Deutschen im heutigen Namibia, die die Fragen nach ihrem Verhältnis zu Rassismus und Apartheid einbezogen und die ein methodisch fundierteres Bild der Deutschen zeichneten als die vielen populärwissenschaftlichen Werke verschiedener politischer Couleur und unterschiedlicher Qualität, kolonialapologetischen Darstellungen, Memoiren und aus Anlass von Gedenktagen aller Art herausgegebenen Festschriften, die das historische Bild der deutschen Bevölkerungsgruppe in Namibia bis heute beherrschen.22

Allerdings handelt es sich nicht um historische Arbeiten im engeren Sinn, Identität und Ethnizität der deutschen Bevölkerungsgruppe stehen im Vordergrund.

Die einflussreichste Arbeit der letzten Jahre ist die 1993 erschienene Studie "Die Namibia-Deutschen" von Klaus Rüdiger, dem es um einen spezifischen "deutsch-südwester Nationalismus", seine Zutaten und seine Entstehung geht. Er übernimmt in einem historischen Abriss die These vom Generationenkonflikt, eine grundlegende Ablehnung des Nationalsozialismus will er dabei jedoch nicht erkennen. Es sei ausschließlich um taktische Fragen gegangen, denn grundsätzlich hätten alle Deutschen das Mandatssystem als "temporäres Übel" angesehen, nachdem sie sich diskriminiert sahen und die südafrikanischen Siedler die Eingliederung des Landes in die Union angestrebt hätten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, den über 1.300 Deutsche wegen ihrer NS-Begeisterung in südafrikanischen Internierungslagem verbrachten, hätten sich die Deutschen wegen der schlechten Erfahrung der 1930er Jahre weitgehend politischer Betätigung enthalten.23

Nach 1945 hätten sich die Deutschen den nationalistischen Buren, die 1948 in der Union an die Macht kamen und die zunächst geplante Ausweisung von 234 Deutschen stoppten, politisch bedingungslos untergeordnet und seien somit Anhänger der Apartheid geworden. Von der afrikanischen Bevölkerungsmehrheit hätten sich die Deutschen wie immer abgegrenzt.

Afrikaner hätten ihnen seit der deutschen Kolonialzeit als untergeordnete, je nach Zusammenhang unmündige, brutale, kultur- und geschichtslose Wesen gegolten, die letztlich nur ein Teil der Landesnatur gewesen seien. Die Dominanz der Weißen in Südwestafrika sei den Deutschen natürlich erschienen, sodass die Dekolonisation lange als fernes Phänomen verdrängt und erst nach dem Ende der portugiesischen Kolonialherrschaft als Bedrohung wahrgenommen worden sei.24

Problematisch an Rüdigers Darstellung des Verhältnisses von Deutschen und Afrikanern ist, dass er es beinahe vollständig enthistorisiert. Die Frage, ob es besondere Ereignisse gab, die dieses Verhältnis immer wieder neu erschufen, stellt Rüdiger nicht. Rassismus und Abgrenzung werden bei ihm so zu einer anthropologischen Konstante der Deutschen. Ein zweites Problem von Rüdigers Arbeit ist, dass er nur wenige Archivalien herangezogen hat und sich zu einem großen Teil auf Publikationen aller Art stützt.

Einige Jahre nach Rüdiger interessierte sich auch Daniel J. Walther in seiner Studie "Creating Germans Abroad" für die Entstehung einer spezifischen Identität der deutschen Siedler seit der deutschen Kolonialherrschaft.25 Zum Nationalsozialismus und seinen Ursachen liefert aber auch Walther nichts Neues. Er übernimmt ebenfalls die Generationenkonfliktsthese und auch er schildert den Konflikt etwa um die Anerkennung des Deutschen als dritter Amtssprache, der zu großer Unzufriedenheit unter den Deutschen geführt habe.26

Anders als Rüdiger hat Walther umfangreiche Aktenbestände des Bundesarchivs in Berlin herangezogen. Um so verwunderlicher ist daher, dass er die Akten des ehemaligen deutschen Konsulats in Windhoek, die heute im Archiv des Auswärtigen Amtes verwahrt werden, und die sich in den National Archives in Windhoek befindenden beschlagnahmten Akten ehemaliger deutscher Organisationen unbeachtet ließ. Schade ist vor allem, dass Walther mit dem Kriegsbeginn 1939 abbricht und sich nicht mit dem Zweiten Weltkrieg und der möglichen Kontinuität zur Apartheid sowie dem Verhältnis von Deutschen und burischen Nationalisten befasst.

Unterdessen bestätigte Brigitta Schmidt-Lauber mit ihren 1993 und 1998 erschienen ethnologischen Arbeiten über die deutschsprachige Bevölkerungsgruppe Namibias Thesen Rüdigers.27 Sie beschreibt die große Distanz der Deutschen zur afrikanischen Bevölkerung, die auch nach der namibischen Unabhängigkeit noch als untergeordnet angesehen werde, als "Muster verinnerlichter Apartheid".28 Zur eigenen Geschichte als Kolonialherren hätten die Deutschen ein ungebrochenes Verhältnis, was sie jedoch vom alten Mutterland und seiner liberalen Gesellschaftsordnung entfremdet habe.29

Zum Thema Nationalsozialismus haben die neueren Arbeiten über die Deutschen Südwestafrikas keinerlei neuen Ergebnisse geliefert, sondern nur ältere Thesen aufgenommen. Offen bleibt dabei, ob der koloniale Rassismus der deutschen Siedler zum (umstrittenen) Erfolg der NSDAP 1933 beitrug; also ob die Begeisterung über den rassistischen Nationalsozialismus durch die koloniale Herrschaftserfahrung begünstigt worden war.

Unklar bleibt zweitens - obwohl sich mit den neueren Studien insgesamt klarer die Konstanz eines rassistischen Bildes der afrikanischen Bevölkerung abzeichnet, was angesichts der Einführung der Apartheid im südafrikanisch kontrollierten Südwestafrika nicht verwundert - ob die Unterstützung der Buren wegen ihrer Apartheid erfolgte, weil die Deutschen letztlich nur das unterstützten, was ihnen seit der deutschen Kolonialzeit vertraut gewesen war, weil es den Buren zu verdanken war, dass die Deutschen den Krieg einigermaßen problemlos überstanden, oder weil sich beide Motive miteinander vermischten.

Nach einem möglichen Zusammenhang von NS-Begeisterung und kolonialer Herrschaftserfahrung bzw. rassistischem Denken bei den Deutschen im heutigen Namibia zu fragen, kann entscheidende Antworten in einer Kontroverse geben, die in den letzten Jahren immer intensiver geführt wurde, obwohl die Grundfrage schon wesentlich älter ist.

Ausgehend von der von Hannah Arendt in "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" formulierten These, wonach die totale Herrschaft ihre Ursprünge auch in der bürokratisierten und auf Rassentheoremen beruhenden kolonialen Herrschaft habe,30 werden Kontinuitätslinien von der deutschen Kolonialherrschaft vornehmlich in Südwestafrika bis zu nationalsozialistischen Herrschaftspraktiken gezogen, um zu zeigen, dass die koloniale Erfahrung den Nationalsozialismus geprägt hat. Der deutsche Kolonialismus wird dabei zum "kolonialen Frühfaschismus"3'.

Obwohl Helmut Bley in seiner 1968 erschienenen Studie über "Kolonialherrschaft und Sozialstruktur in Deutsch-Südwestafrika" mit der dortigen Herrschaftspraxis zwar die Grenze zum Totalitären überschritten sah, darin aber keine Kontinuität zum "Dritten Reich" erkennen wollte32 und dies in der englischsprachigen Neuausgabe seines Werkes von 1996 bekräftigte,33 wurde seitdem mehrfach eine Kontinuität von deutschem Kolonialismus zum Nationalsozialismus hergestellt.

Peter Schmitt-Egner kam 1975 zu dem Ergebnis, Kolonialismus sei ein "Faschismus an der Peripherie". Die nach bzw. noch während den Aufständen der Herero und Nama erlassenen Eingeborenenverordnungen drückten den "Charakter des Kolonialsystems als totales Herrschaftssystem" aus, da die kolonisierten Menschen in Südwestafrika auf ihren wirtschaftlichen Wert reduziert worden seien, von welchem letztlich ihr Überleben abgehangen habe.34

"Der deutsche Imperialismus verband erstmals das Prinzip der kolonialen Zwangsarbeit mit einer Politik der integriert geplanten Massenvemichtung", meinte Karl Heinz Roth 1990 und behauptete zu den Rückwirkungen kolonialer Herrschaft auf das Mutterland ohne jeglichen Quellenbeleg, ohne die koloniale Erfahrung wäre die Einführung von Zwangsarbeit in Polen während des Ersten Weltkrieges unmöglich gewesen.35

Henning Melber stellte eine Verbindung von kolonialem Rassismus und nationalsozialistischem Antisemitismus her. So wie die sich überlegen wähnenden deutschen Kolonialherren Afrikaner zu Menschen zweiter Klasse gemacht und dies mit Rassenideologie rechtfertigt hätten, "projizierten sie ihr eigenes (Angst-) Bild auch auf die jüdischen Mitmenschen im eigenen Land." Einen Beleg für die Behauptung, jene Deutschen, die im Zweiten Weltkrieg Juden und Polen ermordeten, hätten in den Kolonien ihr Handwerk erlernt, blieb Melber indes schuldig.36

Seit einige Jahren vertritt vor allem Jürgen Zimmerer vehement die Kontinuitätsthese. Es habe zahlreiche "Rezeptionskanäle" gegeben, durch die die koloniale Herrschaftserfahrung in die Gedankenwelt des Nationalsozialismus gelangt sei. Am eindeutigsten sei die Rezeption, so Zimmerer, im Falle persönlicher Erfahrung, etwa bei Franz Ritter v. Epp, Hermann Erhardt und Paul Rohrbach.37

In der Tradition des Kolonialkrieges in Deutsch-Südwest stehe dann auch der Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion. In beiden Fällen seien Konzepte von "Rasse" und "Raum" zum Tragen gekommen und die Schaffung eines riesigen wirtschaftlich abhängigen Gebietes angestrebt worden. Zudem sei ebenfalls in beiden Fällen der massenhafte Tod der ansässigen Bevölkerungen mit deren angeblicher Unfähigkeit zu höheren Kulturleistungen legitimiert worden.38

Als Beleg für die Rückwirkung der kolonialen Herrschaftserfahrung auf die Metropole werden gerne die "Mischehenverbote" herangezogen. 1905 untersagte das Gouvernement von Deutsch-Südwestafrika die standesamtliche Trauung von deutschen Siedlern mit Afrikanerinnen und Basterinnen,39 was zu der mal mehr oder weniger deutlich formulierten These führte, die "Nürnberger Gesetze" von 1935, die die Eheschließung von "arischen" und "jüdischen" Deutschen verboten, stünden in kolonialer Tradition und seien gewissermaßen letzte Evolutionsstufe eines auf Rassereinheit zielenden deutschen Staatsangehörigkeitsrechts.40

Andreas Eckert führte die intensive Beschäftigung mit den Mischehen jüngst zu der sarkastischen Zuspitzung, zuweilen bestehe fast die Tendenz, den deutschen Kolonialismus auf die deutsch-südwestafrikanischen Mischehenverbote zu reduzieren.41

Dieter Gosewinkel bestritt Rückwirkungen des kolonialen Rassenrechts auf das deutsche Staatsbürgerrecht. Zwar habe es vor der Novellierung des Reichs- und Staatsangehörigkeitsrechts 1913 Forderungen gegeben, rassenbiologische Kategorien heranzuziehen, um zu verhindern, dass Kinder von Weißen und Schwarzen durch Geburt die Reichsangehörigkeit erhielten, der Gesetzgeber sei jedoch bei der patrilinearen Vererbung der Staatsbürgerschaft geblieben und habe im Reich die Schließung von "Rassenmischehen" weiterhin gestattet.

Zudem habe das neue Staatsangehörigkeitsrecht bekräftigt, auch "Eingeborene" in den Kolomen einbürgern zu können, die dann gemäß dem "ius sanguinis" ihre Staatsbürgerschaft vererben konnten.42

Auch Birthe Kundrus betonte, dass der Weg von Windhoek nach Nürnberg nicht nur geografisch weit war. Gerade der Anthropologe Eugen Fischer, der 1913 gezeigt hatte, dass Rassenmischung nicht nur zur Vererbung von negativen Eigenschaften führe, sich aber trotzdem gegen sie gewandt hatte, tauge nicht als Bindeglied zwischen kolonialem und nationalsozialistischem Rassismus. Viel zu selektiv hätten sich die NS-Rassenstrategen bei Fischer bedient, um ihre Vorstellungen abzustützen, zumal dieser einräumte, Rassenmischung könne auch zu hohen kulturellen Leistungen führen. Zudem seien die deutschen kolonialen Mischehenverbote in der Vorbereitung zum "Kolonialblutschutzgesetz" kritisiert worden, in das dann wohl auch südafrikanische und italienische Regelungen eingegangen seien.43

Kundrus wandte sich auch grundsätzlich gegen die Kontinuitätsthese. Sie wies darauf hin, dass unkontrollierte Gewalt in Kolonien nichts spezifisch Deutsches sei und warnte davor, Kontinuitäten und Parallelen miteinander zu verwechseln. Der Völkermord an Juden und Herero weise drei Parallelen auf. Die Deutschen hätten sich unschuldig in einen Rassenkrieg verwickelt gesehen, Gewalt sei nach und nach eskaliert und die Opfer seien entmenschlicht worden. Diese drei Parallelen ließen sich aber auch in zahlreichen anderen bewaffneten Konflikten finden, etwa im Pazifikkrieg 1941 bis 1945, im Vietnamkrieg und während des Krieges im ehemaligen Jugoslawien.44

An dieser Stelle muss zunächst offen bleiben, welche Position die besser untermauerte ist, denn die kolonialen Mischehenverbote leiten über zu einer zweiten Kontinuitätsthese: zwischen deutscher Kolonialherrschaft und südafrikanischer Apartheid und somit zu der Frage nach dem Verhältnis der Deutschen zu den burischen Nationalisten.

Henning Melber suggerierte, das südafrikanische "Prohibition of Mixed Marriages Act" von 1949 basiere auf dem deutschen Mischehenverbot von 1905, wenn er ein Kapitel über dieses Verbot unter die Überschrift "Apartheid" stellte und sich auf den deutschstämmigen Missionar Heinrich Vedder berief, der 1958 gesagt haben soll. Südwestafrika sei das einzige Land der Welt, in dem Apartheid seit über 50 Jahren bestehe.46

Melber ging jedoch noch über die Analogie der Mischehenverbote hinaus. Auch das auf Wanderarbeit basierende südafrikanische Industriearbeitssystem beruhe auf dem auf Wanderarbeit fußenden Zwangsarbeitssystem Deutsch-Südwestafrikas. So seien es nicht die Buren gewesen, die ihr System nach Südwestafrika exportierten, denn schon in Deutsch-Südwestafrika seien die Strukturen der Apartheid vorbereitet und geschaffen worden. Das spezifisch südafrikanische Modell der Rassentrennung sei in Wahrheit eine deutsche Erfindung.47

Die Geschichte der Deutschen in Südwestafrika/Namibia ist also nicht nur interessant wegen der Frage nach ihrer Rolle in der kolonialen Gesellschaft nach 1919 und wegen ihres Überlebens über die Brüche deutscher Geschichte im 20. Jahrhundert, sondern auch weil sie am Schnittpunkt zweier nicht unumstrittener Kontinuitätsthesen stehen, eine Untersuchung ihrer Geschichte nach 1919 hierzu neue Einsichten liefern kann. Wer waren aber die Deutschen Südwestafrikas oder wer gehörte zur deutschen Bevölkerungsgruppe?

Die Deutschen in Südwestafrika waren keine soziale Klasse, keine Schicht und kein Stand. Unter ihnen gab es Wohlhabende und Arme, Angehörige aller Berufe, sie stammten aus allen Regionen Deutschlands. Sie bildeten eine Bevölkerungsgruppe in einer heterogenen, aus einer Vielzahl von Gruppen bestehenden Gesamtbevölkerung.

Zusammengehalten wurden sie vor allem durch den Umstand, dass sie sich als Deutsche fühlten. Sie verband die gemeinsame deutsche Sprache und Kultur, die Auswanderung aus Deutschland, also die Abstammung, äußerlich erkennbar an der gemeinsamen deutschen Staatsbürgerschaft. Gerade die Abstammung war ein wesentliches Kriterium für die Zugehörigkeit zur deutschen Bevölkerungsgruppe. Alleine die Beherrschung der deutschen Sprache oder der Wunsch, zur deutschen Bevölkerungsgruppe zu gehören, reichten als "Aufnahmekriterium" nicht aus.

Menschen, die auch wegen der Erinnerung an Kolonisation und Wanderung an gemeinsame Abstammung glauben, nennt Max Weber ethnische Gemeinschaft. Gerade bei der Erinnerung an "friedliche Abspaltung und Fortwanderung [...] aus einer Muttergemeinschaft" sei das ethnische Gemeinschaftsgefühl sehr stark.48

Wichtig war zudem die ethnische Ehre der Deutschen, nach Weber die "Ueberzeugung von der Vortrefflichkeit der eigenen und der Minderwertigkeit fremder Sitten",49 die von den alliierten Siegern, die 1918/19 dem deutschen Kolonialismus Unmenschlichkeit und allgemein Versagen vorgeworfen hatten, herausgefordert worden war. Dies schuf die Gemeinsamkeit sich ungerecht behandelt und verunglimpft fühlender Deutscher.

Fredrik Barth zufolge, der von ethnische Gruppen spricht, definieren diese sich durch vier Merkmale. Sie sorgen selbst für ihren biologischen Fortbestand, sie teilen fundamentale kulturelle Werte, sie bilden ein Feld der Kommunikation und Interaktion und sie identifizieren sich selbst, wie sie durch andere identifiziert werden, indem sie von anderen unterscheidbare Kategorien erschaffen, die über Kategorien der selben Ordnung verfügen.

Da solche wechselseitigen Zuschreibungen an Akteure gebunden sind, unterliegt die Entstehung ethnischer Gruppen ganz klar dem Kontakt und der Interaktion mit anderen Gruppen. Wie Barth betont, ist nicht Isolation das entscheidende Kriterium für Entstehung und Erhalt einer Gruppe, sondern der Kontakt mit anderen Gruppen. In der Interaktion mit anderen kommt folglich der Aufrechterhaltung von Grenzen für die Erhaltung einer ethnischen Gruppe entscheidende Bedeutung zu. Grenzen definieren ethnische Gruppen, "not the cultural stuff that it encloses."50 Ob diese Erkenntnis allgemein für die Analyse des Begriffs der "Kultur" von Bedeutung ist, soll hier offen bleiben, indes ist diese Definition für das Thema von Bedeutung.

Da die völkerrechtliche Neuheit des Völkerbundsmandats suggerierte, dass sie nicht endgültig sei, mussten sich die Deutschen von den ins Land strömenden Südafrikanern abgrenzen, also eine Assimilierung verhindern, denn in deren Fall wäre die scheinbar möglich gebliebene politische Revision unmöglich geworden. Die vermeintlich offene Zukunft Südwestafrikas erzwang die Ethnisierung der Deutschen. Schaffung und Erhalt von Grenzen waren für die deutschen Siedler folglich doppelt bedeutsam, denn sie mussten sich ohnehin von den schwarzen Kolonisierten abgrenzen, da in kolonialen Gesellschaften Grenzen für den Erhalt der Gruppe der weißen Kolonialherren lebenswichtig waren, wie weiter unten eingehend erörtert werden wird.

Umgekehrt förderte die Ethnisierung den politischen Gegensatz. Weil, wie Barth sagt, Grenzen und Zuschreibungen entscheidende Merkmale sind und nicht vermeintlich objektive Unterschiede zu anderen Gruppen, rückt in den Fokus, was die Handelnden selbst als relevante Unterschiede erachteten.5' Die Deutschen grenzten sich selbst gerne von den zumeist burischen Südafrikanern ab, die sie als faul und träge einschätzten, während sie sich selbst als strebsam und fleißig ansahen.

Für die politische Entwicklung des Mandatsgebietes war dies sehr bedeutsam, da die den Buren entgegengebrachte Verachtung maßgeblich zur Verschlechterung des deutsch-südafrikanischen Verhältnisses beitrug, was wiederum die politische Konfrontation verschärfte. Die Frage, ob die Buren wirklich faul waren, ist dabei irrelevant, da es eben auf die Zuschreibung ankommt und sich die Akteure von Beispielen, die ihrer Einschätzung widersprachen, kaum überzeugen ließen.

Entstehung und Erhalt ethnischer Gruppen als Ergebnis von Kontakt und Interaktion zu sehen heißt, Ethnizität als Resultat historischer Prozesse zu begreifen. Die Deutschen wurden sich, wie die Ethnologin Schmidt-Lauber hervorhebt, erst nach dem Ersten Weltkrieg, nachdem das ehemalige Deutsch-Südwestafrika vom benachbarten Südafrika kontrolliert und sie immer mehr zu einer Minderheit wurden, ihres Deutschseins bewusst, während bis dahin berufsständische und regionale Gruppen ein wesentliches soziales Organisationskriterium waren."

Diese These ist sicherlich zutreffend, es muss jedoch betont werden, dass trotz der Ausbildung einer deutschen Ethnizität ab 1919 bereits zuvor bestehende Gegensätze fortlebten. Ethnizität war im Fall der Deutschen das, worauf Max Weber hingewiesen hatte: eine geglaubte Gemeinsamkeit."

Auch nach 1919 gab es unter den deutschen Siedlern verschiedene sozioökonomische Interessengruppen. Die Deutschen waren bei weitem nicht eine so homogene Gruppe, wie sie zumeist selbst glaubten und wie die Literatur hin und wieder unterstellte. Den einen "deutschen Standpunkt", der von radikalen Wortführern der 1920er und 1930er Jahre gerne betont wurde, gab es nicht.

Es gab Interessen, die gerade für die politische Orientierung Deutscher und damit für Konflikte innerhalb der deutschen Bevölkerungsgruppe ein wesentlicher Faktor waren. Insofern muss hinter die ethnische Fassade geblickt werden, also nach sozialen und ökonomischen Faktoren gefragt werden, wenn etwa die Frage beantwortet werden soll, warum die NSDAP 10.000 Kilometer von Deutschland entfernt zeitweilig sehr erfolgreich war.

Problematisch ist überhaupt der Terminus "Ethnie" bzw. "ethnisch". Schon Weber wies auf die Nähe der ethnischen Gemeinschaft zur "Nation" hin54 und auch Schmidt-Lauber räumt die Disziplingebundenheit beider Begriffe ein.55 Klaus Rüdiger interpretierte die Deutschen Südwestafrikas dann auch als eine "Nationalität im Werden". Die Deutschen Südwestafrikas, die sich erst im ständigen Kontakt mit einer stetig wachsenden Gruppe südafrikanischer Siedler ihres Deutschseins bewusst wurden, erinnern in der Tat an die "Ruritanier" in Emest Gellners Nationalismustheorie, die sich in der Fremde gegen die Entfremdung von ihrer eigenen Kultur wehrten.

Der Unterschied ist nur, dass die deutschen Siedler nicht freiwillig in die Fremde zogen, sondern sie in Gestalt der südafrikanischen Besatzungsmacht und der Mandatsvergabe 1919 zu ihnen kam.56 Die Begriffspaare "Ethnie/ethnisch" und "Nationalität/national" werden hier dann auch weitgehend deckungsgleich gebraucht, auch wenn dies die Trennschärfe der Begriffe nicht gerade fördert.

Nicht nur der Gebrauch mancher Termini ist heikel. In einer Zeit, in der die Geschichtswissenschaft sich in eine kaum noch zu überschauende Vielzahl von Teildisziplinen aufgelöst hat, die alle nicht mehr beanspruchen können oder dürfen, der leitende Ansatz zu sein, die etwas neuere "Kulturgeschichte" die feststehenden Größen der etwas älteren "Sozialgeschichte" wie etwa die "Struktur" und die "Modernisierung" einer heftigen Kritik unterzogen hat und der "linguistic turn" nach den Grenzen der Erkenntnisbemühung gefragt hat, ist es schwierig, einen methodischen Zugang zum Untersuchungsgegenstand zu rechtfertigen.

Die Arbeit fragt gleichermaßen nach politischen, sozialen und auch ökonomischen Faktoren, die alle die Geschichte der Deutschen Südwestafrikas bestimmten. Politische Aspekte werden dabei großes Gewicht haben, auch wenn die Politikgeschichte hin und wieder hochmütig als "Ereignisgeschichte" und wenig innovativ kritisiert wird. Politische Geschichte zu schreiben heißt hier zweierlei.

Erstens, die Bedeutung der politischen Konfrontation zu akzeptieren, in der hitzigen Situation der 1920er wurde jede noch so geringfügige Streitfrage wie die Verstaatlichung einer privaten deutschen Schule zu einer politischen Frage, da sie als Versuch der Assimilierung deutscher Kinder und damit wiederum als Teil der Auseinandersetzung um die staatliche Zukunft des Landes begriffen wurde.

Politische Geschichte heißt zweitens, mit einem politikwissenschaftlichen Verständnis an Aspekte des Themas heranzugehen. Das politische System des Mandatsgebiets Südwestafrika, dessen spezifische Konstruktion zu einem Quell des Unmuts der Deutschen wurde, muss politologisch analysiert werden, denn dann wird ein Motiv deutlich, warum zu Beginn der 1930er Jahre viele Deutsche ihre Hoffnungen auf die im Reich aufstrebende NSDAP setzten. Auf gewisse Weise ist die vorliegende Arbeit das, was als "Gesellschaftsgeschichte" bezeichnet wird, auch wenn es nur um eine Gruppe geht.

Trotz aller Kritik der Kulturgeschichte soll auch im Sinne eines sozialgeschichtlichen Verständnisses nach Strukturen und Prozessen gefragt werden, die das Handeln der Betroffenen leiteten. Strukturen einer kolonialen Gesellschaft, Strukturen des internationalen Staatensystems, ökonomische Strukturen, um nur einige zu nennen. Dies heißt nicht, die handelnden Personen zu Gefangenen dieser Strukturen zu machen.

Der Kritik der Kulturgeschichte muss Rechnung getragen werden, denn gerade bezüglich einer kolonialen Gesellschaft kann die Frage, wie sehr soziale Strukturen konstruiert sind, nicht ignoriert werden. Das bedeutet, kolonialen Rassismus nicht als gleichsam naturgegeben zu begreifen, sondern zu fragen, wie die koloniale Gesellschaft immer wieder neu erschaffen und dadurch am Leben erhalten wurde. Umgekehrt ermöglicht dies die Frage nach Menschen, die versuchten die koloniale Gesellschaft in Frage zu stellen und ihre Grenzen zu überwinden.

Andererseits war nicht alles von den agierenden Subjekten gemacht. Deutsche konnten die wirtschaftliche Abhängigkeit Südwestafrikas von der südafrikanischen Mandatsmacht nur wenig beeinflussen. Die ökonomische Ausrichtung einer Kolonie auf die Metropole war von einer kleinen Bevölkerungsgruppe kaum zu verändern, sodass die Wirtschaftsstruktur eben als solche zu begreifen ist.

Und gerade wirtschaftliche Faktoren spielten, wie zu sehen sein wird, eine nicht unerhebliche Rolle in der politischen Entwicklung. Auch das Mandatssystem des Völkerbundes war nicht Ergebnis eines sozialen Aushandlungsprozesses, an dem alle relevanten Akteure mehr oder weniger gleichberechtigt beteiligt gewesen wären. Es wurde von den Siegermächten geschaffen und die deutschen Siedler mussten mit den damit geschaffenen Regeln und Institutionen klar kommen, die ihre Existenz fortan ganz erheblich bestimmten, während sie kaum darauf Einfluss nehmen konnten. Von der kolonisierten Bevölkerung ist hier gar nicht die Rede.

Vielleicht kommt es jenseits aller Theoriedebatten auch mehr auf die Grundvoraussetzung der Analyse durch die Geschichtswissenschaft an, den kritischen Umgang mit den Quellen. Sehe man von den radikalen Ansprüchen des "linguistic turn" ab, wonach alle Geschichtsschreibung sowieso nur noch Propaganda und das Kausalprinzip ganz unmöglich ist, führe er, so Lynn Hunt, zurück zur charakteristischsten Eigenschaft der Geschichtswissenschaft, der Skepsis gegenüber den Quellen, und damit zu kritischen Fragestellungen, Methoden und Ansätzen. Skeptizismus mache historische Forschung nicht unmöglich, so Hunt, sondern könne eingesetzt werden, um die Kategorien besser zu verstehen, die in der Vergangenheit von Menschen geschaffen wurden, um ihre eigenen sozialen und kulturellen Erfahrungen zu organisieren.57

Der kritische Umgang mit den Quellen ist so wichtig, weil mittlerweile viele Quellen zur Geschichte der Deutschen Südwestafrikas zugänglich sind. Hervorzuheben sind die Bestände der National Archives of Namibia (NAN). Hier finden sich Akten früherer deutscher Organisationen wie dem "Deutschen Bund für Südwestafrika" oder der "NSDAP Landesgruppe Südwestafrika", die während der 1930er Jahre und des Zweiten Weltkrieges von den Behörden beschlagnahmt wurden und nach dem Zweiten Weltkrieg mangels Nachfolgeorganisationen nicht zurück-, sondern an das Archiv in Windhoek abgegeben wurden.

Sie erlauben einen tiefen Einblick in die damaligen Vorgänge und sind umfangreich auszuwerten. Abgerundet wird dieser Bestand deutsch-südwestafrikanischer Provenienz durch Material, das Privatpersonen den National Archives zur Verfügung stellten. In Windhoek befinden sich außerdem die Akten der ehemaligen Administration von Südwestafrika, die über die südafrikanische Politik gegenüber der deutschen Bevölkerungsgruppe Aufschluss geben.

Handakten verschiedener Administratoren, mehrere tausend personenbezogene Akten, die die Polizei zwischen 1933 und 1951 über NS-verdächtige Deutsche anlegte und die Dank des benutzerfreundlichen namibischen Archivgesetzes eingesehen werden können. Hinzu kommen einige kleinere amtliche Bestände.

Die Akten der Kolonialabteilung im Auswärtigen Amt, die heute im Bundesarchiv in Berlin (BArch) als Teil des Bestandes des früheren Reichskolonialamtes verwahrt werden, gewähren einen Einblick in die deutsche Kolonialpolitik nach 1919, in Vorgänge innerhalb der deutschen Bevölkerungsgruppe und in das deutsch-südafrikanische Verhältnis.

Hinzu kommen die Akten der "Deutschen Kolonialgesellschaft" (DKG) und andere Bestände des Bundesarchivs, die über koloniale Angelegenheiten, die Aktivitäten der NSDAP im Ausland und über ihre kolonialen Ziele Auskunft geben. Im Politischen Archiv des Auswärtigen Amts in Berlin (PA/AA) liefern die Akten des deutschen Konsulats in Windhoek einen ausführlicheren Einblick als dessen Berichte an das AA, da sich hier oft Vorschläge und Denkschriften von deutschen Organisationen finden und das Konsulat nach 1933 Drehscheibe für die nationalsozialistische Einflussnahme auf die deutsche Bevölkerungsgruppe war.

Die Akten der für die Union und Südwestafrika zuständigen Politischen Abteilungen des Auswärtigen Amtes (AA), die Akten dessen Referat Völkerbund und die wenigen erhaltenen Akten der "Auslandsorganisation der NSDAP" (AO) geben ebenfalls Einblick in die deutsche Kolonialpolitik nach 1919 und in die deutsch-südafrikanischen Beziehungen.

Die deutschsprachigen Zeitungen Südwestafrikas sind eine Quelle, die unbedingt herangezogen werden muss. Leitartikel und Leserbriefe bieten einen insgesamt größeren und differenzierteren Einblick in die deutsche Bevölkerungsgruppe, in ihre Einstellung zur afrikanischen Bevölkerung, zum Nationalsozialismus, zur Weimarer Republik, etc., da sie mehr Stimmen zu Wort kommen lassen als zeitgenössische Publikationen von in Südwestafrika lebenden Deutschen, auf die sich die Forschung bisher stark stützte.

Dies heißt nicht, dass auf letztere verzichtet werden kann, im Gegenteil sind sie unbedingt einzubeziehen. Auch die nichtwissenschaftlichen Texte von Deutschen, etwa im 1985 anlässlich des 100. Jahrestags der deutschen Inbesitznahme Südwestafrikas erschienenen Werk "1884 - 1984. Vom Schutzgebiet bis Namibia",58 gewähren hin und wieder gute Einblicke in bestimmte Probleme und Perspektiven von Deutschen, sodass auch sie ergänzend herangezogen wurden.

Schließlich existiert eine Unzahl publizierter Materialien zur Geschichte der Deutschen, wie zeitgenössische Propagandaschriften, die Sitzungsprotokolle der südwestafrikanischen Legislative Assembly, die jährlichen Berichte des Administrators an die Mandatskommission des Völkerbundes und weitere südafrikanische Untersuchungskommissionsberichte, auf die die Forschung sich bisher zumeist stützte. Wenn es um die Untersuchung des Nationalsozialismus in Südwestafrika geht, ist der Wert amtlicher südafrikanischer Berichte als Quellen jedoch zu hinterfragen, denn es ist unklar, ob es den Behörden gelungen ist, die nötigen Einblicke in die Vorgänge in der deutschen Bevölkerungsgruppe zu gewinnen, um den Nationalsozialismus und die politische Orientierung der Deutschen angemessen beurteilen zu können.

Zudem steht die Frage im Raum, ob in zeitgenössischen Publikationen nicht übertrieben wurde, um Maßnahmen gegen die NSDAP zu rechtfertigen. Zwar kann etwa auf die Jahresberichte des Administrators nicht verzichtet werden, da sie notwendiges statistisches Datenmaterial liefern, den Archivalien ist jedoch nach Möglichkeit der Vorzug zu geben, denn eine Untersuchung der Deutschen Südwestafrikas muss sich vorrangig auf bisher nicht genutztes Archivmaterial stützen, um zu neuen Erkennmissen zu gelangen. Die Arbeit ist in drei Teile - Konfrontation, Eskalation und Kooperation - gegliedert, die chronologisch aufeinander folgen.

Die Teile selbst sind jedoch systematisch aufgebaut, obwohl dem zeitlichen Ablauf Rechnung getragen wurde. Dies verlangt dem Leser hin und wieder etwas Geduld bzw. die Bereitschaft zum Blättern ab, was allerdings das kleinere Übel zu sein scheint im Vergleich zu einer rein chronologisch aufgebauten Darstellung. Sie wäre hoffnungslos unübersichtlich und würde mehr Verwirrung stiften als Klarheit schaffen.

Im ersten Teil der Arbeit geht es zunächst um Entstehung und Bestimmungen des Mandatssystems, das für lange Zeit das völkerrechtliche Fundament der deutschen Bevölkerungsgruppe werden sollte. Anschließend wird untersucht, zu welchen Konflikten es zwischen den Deutschen und der Union, ihrer Administration in Windhoek sowie den aus Südafrika einwandernden Siedlern kam und wie Konflikte ausgetragen wurden. Breiten Raum wird dabei die Analyse des politischen Systems einnehmen, in dem die Konflikte formal ausgetragen wurden, und wie die Deutschen in ihm agierten.

Dies geschieht hinsichtlich der Frage, wie es 1933 zu der erörterten NS-Euphorie kommen konnte, wobei betont wird, dass die Entwicklung der 1920er Jahre durchaus offen war, die zunehmende Konfrontation der Deutschen mit Südafrika und folglich die Hinwendung zur radikalsten deutschen Partei ihrer Zeit nicht zwangsläufig war.

Der Suche nach Motiven für die NS-Begeisterung dient auch die Analyse des deutschen Kolonialrevisionismus der Zwischenkriegszeit und die Untersuchung der Einstellung der deutschen Siedler gegenüber der Weimarer Republik. Der Zeit der Weltwirtschaftskrise wird viel Platz eingeräumt, da sie Südafrika und Südwestafrika nicht aussparte und sie in Deutschland den Aufstieg der NSDAP förderte.

Schließlich geht es in Teil l auch um die Entwicklung der kolonialen Gesellschaft, die durch den Ersten Weltkrieg in Bewegung geraten war. Dabei steht im Vordergrund, wie die 1919 als Kolonialherren diskreditierten Deutschen die südafrikanische "Eingeborenenpolitik" bewerteten und wie die gemeinsamen kolonialen Interessen das konfliktreiche deutsch-südafrikanische Verhältnis beeinflussten.

Im zweiten Teil werden die von der Forschung bisher georteten Konflikte innerhalb der deutschen Bevölkerungsgruppe untersucht. Dabei soll geklärt werden, wie groß die NS-Begeisterung der deutschen Siedler war, wie eine Gleichschaltung 10.000 Kilometer von Deutschland entfernt bewerkstelligt wurde und was NS-Anhänger sich vom "Dritten Reich" versprachen. Untersucht werden deshalb auch die Ziele des NS-Regimes im südlichen Afrika, denn diese Weltregion ist nicht als Hauptstoßrichtung nationalsozialistischer Expansionspläne bekannt.

War die ganze Begeisterung über die "Machtergreifung" am Ende umsonst? Große Bedeutung hat die Frage nach Widerstand gegen das NS-Regime. Es soll geklärt werden, ob es sich bei den entstandenen Gegensätzen in der deutschen Bevölkerungsgruppe um prinzipielle Ablehnung des Nationalsozialismus handelte oder ob es nur um "formale" Differenzen ging.

Die Generationenkonfliktsthese soll umfassend auf den Prüfstand gestellt werden, da es nicht ganz einleuchtet, auch im Hinblick auf die Rassismusfrage, warum nur die erst während der 1920er Jahren eingewanderten Deutschen Nationalsozialisten geworden sein sollen, wenn andererseits die Bedeutung der Kolonialrevision hervorgehoben wird. Denn gerade ältere Siedler mussten doch am ehesten die Rückgabe der Kolonie an Deutschland gewünscht haben. Zudem soll geprüft werden, ob die NSDAP wegen ihrer rassistischen Programmatik unterstützt wurde, wie es die erste erläuterte Kontinuitätsthese nahelegt.

Dazu werden grundlegende Unterschiede von kolonialem und nationalsozialistischem Rassismus diskutiert. Nicht zuletzt geht es um die Reaktion der südafrikanischen Mandatsmacht auf die NS-Begeisterung, um die Frage, wie sich das deutsch-südafrikanische Verhältnis nach 1933 und vor allem nach dem Beginn des Zweiten Weltkrieges entwickelte.

Im dritten Teil wird beleuchtet, wie es mit den Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg weiterging, denn nach der totalen Niederlage des Reiches hatten die Deutschen erstmals seit 1919 keine Großmacht mehr im Rücken, die sie hätte unterstützen können und das Ende des Zweiten Weltkrieges hatte das Ende aller revisionistischen und irredentistischen Bestrebungen gebracht.

So soll hier untersucht werden, ob und wie sehr sich die deutschen Siedler den seit 1948 in Südafrika regierenden burischen Nationalisten unterordneten. Hier kommt die Apartheid ins Spiel und bringt die Frage nach der Rolle der Deutschen in der kolonialen Gesellschaft wieder deutlicher in den Fokus. Es gilt herauszufinden, ob die Deutschen die Apartheid unterstützten, weil sie eigentlich von Deutschen "erfunden" worden war, sie von der Unterlegenheit der Afrikaner überzeugt waren, wie die zweite Kontinuitätsthese unterstellt, oder ob sie sich zur Apartheid loyal verhielten, weil sie dank der Nationalisten nicht ausgewiesen wurden, oder ob es eine Synthese aus beiden Motiven gab.

Es wird aber auch geprüft, welche Funktion die einsetzende Dekolonisation bei der Treue zum Apartheidsstaat spielte, denn es erscheint doch möglich, dass Deutsche in Anbetracht der Ereignisse im Kongo lieber auf der sicheren Seite blieben, auch wenn dies fortgesetzte Unterdrückung der Bevölkerungsmehrheit bedeutete.

Den einen oder anderen Leser wird enttäuschen, dass die ureigentlich kolonialen Aspekte und die Rolle der Deutschen in der kolonialen Gesellschaft vergleichsweise kurz kommen, während dem deutsch-südafrikanischen Konflikt sehr viel Raum gegeben wird. Jedoch dominierte die eskalierende Konfrontation mit Südafrika bis 1939 das Leben der deutschen Siedler, während das Verhältnis zur afrikanischen Bevölkerung ein Randaspekt war.

So überrascht die Auswertung der deutschsprachigen Zeitungen Südwestafrikas auch den Historiker, denn aus ganzen Jahrgängen ist nicht zu entnehmen, dass 90% der Bevölkerung Afrikaner waren. Dies lag auch daran, dass ab Mitte der 1920er Jahre die koloniale Herrschaft gefestigt war, der Widerstand der Kolonisierten mehr als zwanzig dunkle Jahre erlebte.59 Das Übersehen der Afrikaner und das folgliche Fehlen der schwarzen Bevölkerung in der Geschichte einer weißen Bevölkerungsgruppe ist indes ein bemerkenswertes Indiz für deren Selbstverständnis. Schwarze waren untergeordnet in der kolonialen Gesellschaft und auf ihre Interessen kam es nicht an, sodass sie allenfalls Objekte waren.

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg und dem forcierten Aufbau der Apartheid, die immer noch mehr Restriktionen für die Afrikaner brachte, drängten diese dann deutlicher ins Geschehen, sodass auch die Deutschen sie nicht mehr ignorieren konnten. Dies schlägt sich in der Begrenzung des Untersuchungszeitraumes nieder. Obwohl es reizvoll ist, die Geschichte der deutschen Bevölkerungsgruppe von 1915 bis 1990 zu schreiben, wird mit dem Jahr 1965 geendet und dies nicht weil fünfzig Jahre ein runde Zahl sind.

1964 empfahl der "Odendaal-Plan" die Einrichtung von "Homelands" in Südwestafrika,60 womit die Apartheid in der ehemaligen deutschen Kolonie einen vorläufigen Höhepunkt erreichte. 1966 wies der Internationale Gerichtshof die Klage Liberias und Äthiopiens ab, die Anwesenheit Südafrikas in Südwestafrika für illegal zu erklären.6' Im gleichen Jahr begann der Guerillakrieg gegen die weiße Herrschaft,62 der schließlich 1989 zu den ersten allgemeinen und freien Wahlen in Namibia sowie zur Unabhängigkeit des Landes führte.

Während also der Krieg unter den Weißen den Beginn der Arbeit darstellt, wird ihr Ende vom Beginn des namibischen Befreiungskampfes markiert. Die Verhältnisse hatten sich binnen fünfzig Jahren entscheidend geändert.

Abschließend ein Hinweis zur Terminologie. Es wird ausschließlich die alte Landesbezeichnung Südwestafrika gebraucht. Die während der 1960er Jahre aufgekommene Bezeichnung Namibia wird nicht verwendet, denn es würde zu großer Verwirrung führen, wenn neben den drei damals üblichen und in den Quellen anzutreffenden Bezeichnungen Südwestafrika, South West Africa, Suidwes Afrika auch noch von Namibia oder vom kolonialen Namibia die Rede wäre.

Damit soll nicht in Frage gestellt werden, dass das Land heute Namibia heißt und ein souveräner Staat ist. Die Bezeichnung Afrikaner wird ausschließlich für schwarze Afrikaner gebraucht, da sie die ersten sind, die diese Bezeichnung für sich beanspruchen können. Die südafrikanischen Buren, die sich selbst als weiße Afrikaner bezeichnen, werden hier, um keine Verwirrung zu stiften, Buren genannt, auch wenn sie schon seit langem nicht mehr nur Bauern sind.

Wo in Quellenzitaten von Afrikanern die Rede ist, aber Buren gemeint sind, ist dies klar zu erkennen oder es wird darauf hingewiesen. Ebenso wird von den Deutschen Südwestafrikas oder den deutschen Siedlern gesprochen. Der Ausdruck "Deutschsprachige" wird zur sprachlichen Vereinfachung und weil sich damals viele primär als Deutsche fühlten, nicht gebraucht, ebenso die Eigenbezeichnung "Südwester", um Distanz zum Untersuchungsgegenstand zu schaffen.


Rezension:

Eberhard Hofmann, Allgemeine Zeitung, Windhoek/ Namibia

Zwischen Hakenkreuz und Apartheid. Dem Zeitgeist ausgeliefert, den Zeitgeist mitgestaltet – ein Geschichtsausschnitt

Als sich die Interessengemeinschaft Deutschsprachiger Südwester (IG) Anfang der neunziger Jahre aufgelöst hat, ist eine rund 70 Jahre lange Epoche Namibias zu Ende gegangen, die von der Wechselwirkung „rein deutscher“ politischer Gruppierungen und ihren südafrikanisch geprägten Gegenspielern bestimmt war.

In Reih und Glied bei einem Turnfest in Lüderitzbucht in den dreißiger Jahren.
Als sich die Interessengemeinschaft Deutschsprachiger Südwester (IG) Anfang der neunziger Jahre aufgelöst hat, ist eine rund 70 Jahre lange Epoche Namibias zu Ende gegangen, die von der Wechselwirkung „rein deutscher“ politischer Gruppierungen und ihren südafrikanisch geprägten Gegenspielern bestimmt war.

Nach der Unabhängigkeit Namibias 1990 hat sich die Sprachgruppe nicht mehr rein kulturpolitisch organisiert. Von den 70 Jahren hat der Autor Martin Eberhardt fünf Jahrzehnte – 1915 bis 1965 – herausgetrennt, um den Weg der Deutschsprachigen Namibias vom Zeitpunkt der südafrikanischen Besatzung 1915, vom Beginn der Mandatszeit ab 1920, hin zur Anpassung an die südafrikanische Verwaltung, dann unter dem Einfluss des Nationalsozialismus und bis zum Höhepunkt der Apartheid Mitte der sechziger Jahre über fünf Jahrzehnte hinweg nachzuzeichnen. Es handelt sich um eine Dissertation, die Eberhardt 2005 an der Universität von Konstanz vorgelegt hat, die in zugänglicher Gestaltung als Geschichtswerk mit 584 Seiten, davon fast 40 Seiten Quellenangaben, erschienen ist.

Kann über die deutschsprachige Namibier noch etwas Neues geschrieben werden, nachdem andere wie Brigitte Schmidt-Lauber und Klaus Rüdiger das Thema erschöpft haben, könnte man fragen. Martin Eberhardt hat eine gewaltige Menge an deutschen, südafrikanischen und namibischen Quellen herangezogen, die bisher unbeachtet geblieben waren, darunter viele Polizeiakten, die die südafrikanische Polizei über Südwester angelegt hat, die unter Verdacht standen, Nazi-Aktivitäten zu betreiben oder die einfach als feindlicher Untertan (enemy subject) klassifiziert waren. Die Eingrenzung, beziehungsweise der Abbruch der Aufarbeitung kommt abrupt 1965, was wohl der akademischen Themenstellung zuzuschreiben ist. Aber gerade weil das Werk auf dem populärwissenschaftlichen Markt erscheint, hätte der Autor dennoch eine Brücke zur Gegenwart (2007) schlagen können.

Die Generation deutschsprachiger Südwester/Namibier, die sich in den zwanziger und dreißiger Jahren kulturpolitisch voll engagiert hat, hat nach dem 2. Weltkrieg und in vielen Fällen nach ihrer Internierung in Südafrika wenig über die dreißiger Jahre erzählt. Nur die Internierung hat in kleineren Publikationen Niederschlag gefunden. Der Autor Eberhardt füllt mit seinem Beitrag vor allem durch sorgfältig recherchierte Aufarbeitung der Situation und Aktivitäten der Deutschsprachigen in den zwanziger und dreißiger Jahren eine Lücke.

Sonstige Überlieferung aus den zwei Jahrzehnten beschränkt sich meistens auf persönliche Aufbau- oder Pionierarbeit, aber die hoch-brisante politische Dimension blieb häufig mit dem Hinweis ausgegrenzt, dass man sich durch die Politik die Finger verbrannt habe und deshalb arbeiten, Steuer zahlen, aber ansonsten politische Abstinenz üben müsse. Dabei waren die zwei Jahrzehnte von harter Auseinandersetzung zwischen den Deutschsprachigen und der südafrikanischen Verwaltung sowie von erbitterten Richtungskämpfen in eigenen Reihen gekennzeichnet, die unter Anderem durch direkten und indirekten Eingriff, auch Einmischung aus Nazi-Deutschland, übrigens auch in die Redaktion der Allgemeinen Zeitung, gezeichnet und manipuliert waren, wie der Autor aufzeigt.

Die deutschsprachige Gruppe war in der Zeit nie einheitlich gleichgeschaltet, wie es die NS-Gesellschaft in Deutschland zum Vorbild gegeben hatte, aber war im Zeitgeist mehrheitlich deutsch-national ausgerichtet und klammerte sich an den Gedanken der Kolonialrevision, der bei der Hitler-Regierung wiederum keinen hohen Rang einnahm.

Dieses Werk spricht zwei Leserkreise getrennt an. Zum Einen deutschsprachige Namibier. Sie entdecken überraschend viele bekannte Namen und bisher nur erahnte Zusammenhänge. Gleichzeitig werden sie falsche zeitliche Einordnung und Fehlbeurteilungen des Autors beanstanden, z. B. wenn er den „Deutschstämmigen“ unterstellt, dass sie „bis heute“ eine politische Mythologie pflegten, dass die „Sozialdemokratie die Deutschen in Stich gelassen habe“. Solchen Gedankengang hat es gegeben, ist aber längst aus dem Alltagswissen und Empfinden verschwunden. Den zweiten Leserkreis findet der Autor im Interessierten reiner Geschichte.

Zum Sprachstil des Buches: hier und da stirbt der Genitiv, wie auch in Deutschland beklagt, an der Verwendung des Dativs. Manch namibischer Ausdruck ist dem Autoren fremd geblieben, so dass er Location anstatt den unverwechselbaren Begriff Alte Werft benutzt. Was soll „englisch-burische Cleavage“ wohl aussagen? Gemeint ist wahrscheinlich die Polarisierung zwischen Buren und Engländern und nicht die Spaltung von Mineralien oder die Erotik des Dekolletés.

Nach dem 2. Weltkrieg und nach dem Abschied vom Gedanken, dass in Südwestafrika eine eher internationale Mandats- oder gar deutsche Verwaltung erhalten könne, arrangiert sich die deutsche Sprachgruppe zunächst unter der Apartheidsregierung. In diesem Abschnitt des Buches ist es bedauerlich, dass der Autor als Quelle fast ausschließlich die Allgemeine Zeitung zitiert, anstatt die Recherche mit den noch überall anzutreffenden Zeitzeugen der Apartheid vor 1965 zu ergänzen.

Student und Leser finden aufschlussreiche Einblicke, die auch die Gegenwart erhellen.