Springe zum Hauptinhalt »

Seiten durchsuchen

0 Artikel, 0,00 €
zum Warenkorb »

Your Shopping cart is empty.

 

Treu bis in den Tod

Treu bis in den Tod

Von Deutsch-Ostafrika nach Sachsenhausen – Lebensgeschichte eines Askari
Bechhaus-Gerst, Marianne
43014
neu

sofort lieferbar

29,90 €
inkl. 7% MwSt., zzgl. Versandkosten
Treu bis in den Tod

Autorin: Marianne Bechhaus-Gerst
Reihe: Schlaglichter der Kolonialgeschichte 7
Ch. Links Verlag
Berlin, 2007
Broschur, 16x23 cm, 208 Seiten, 97 Abbildungen


Verlagsankündigung:

Der Sudanese Mahjub bin Adam Mohamed ließ sich 1914 als Söldner (Askari) der Kolonialtruppe in Deutsch-Ostafrika, dem heutigen Tansania, anwerben. 1930 kam er als Kolonialmigrant nach Deutschland.

Er arbeitete als Kellner im Kempinski, beteiligte sich als Kiswahili-Lehrer am Orientalischen Seminar an den Bestrebungen, die deutschen Kolonien zurückzugewinnen, und spielte in den dreißiger Jahren kleinere Rollen in mehr als 20 Spielfilmen.

Trotz der Bedrohung durch das nationalsozialistische Regime blieb er im Land. 1941 wurde der Unbequeme zum Schweigen gebracht, indem man ihn ohne Prozess in das KZ Sachsenhausen einwies, wo er drei Jahre später starb.

Die Afrikanistin Marianne Bechhaus-Gerst erzählt die außergewöhnliche Familien- und Lebensgeschichte dieser afrikanisch-deutschen Persönlichkeit.


Inhalt:

Einleitung oder Warum diese Geschichte erzählt wird
Das koloniale Projekt
Adam Mohamed und die »Wissmann-Truppe« im Dienste des Kaisers
Kindersoldaten – Mahjub zieht in den Krieg
»Treue Askari« – Mythos und Wirklichkeit
Nach dem Krieg
Afrikanische Migranten im Deutschen Reich
Mahjub und Maria – Eine deutsch-tansanische Familiengeschichte in Berlin I
Überleben im Rassestaat
Mahjub und Maria – Eine deutsch-tansanische Familiengeschichte in Berlin II
»Wir kämpfen für Kolonialbesitz bis zum Erfolge!«
Mahjub trifft Lettow-Vorbeck
Mahjubs Kampf mit den Behörden
»Askari bei uns zu Gast« – Die Deutsche Afrika-Schau
Askari und Diener – Mahjub als afrikanischer »Star« im deutschen Film
Mahjub und die Berliner Afrika-Wissenschaften
Sterben im Rassestaat
»Rassenschande«?
Drei Jahre im KZ Sachsenhausen
Was dann geschah
Gedenken
Deutsch-tansanische Erinnerungen
Anhang
Anmerkungen
Abkürzungen
Quellen- und Literaturverzeichnis
Danksagungen
Abbildungsnachweis
Register geographischer Namen
Personenregister
Zur Autorin


Einleitung oder Warum diese Geschichte erzählt wird:

Dieses Buch gehört zu jenen, die fast ebenso viel über die Autorin oder den Autor erzählen wie über die Personen, um die es eigentlich geht. Überspitzt könnte man formulieren, dass hier, in der tragischen Biographie einer tansanisch-deutschen Familie, eine lebenslange Obsession der Autorin ihren Ausdruck findet.

Dementsprechend muss diese Geschichte mindestens zwei Anfänge haben. 1889 lässt sich der Sudanese Adam Mohamed von dem Deutschen Hermann von Wissmann als Söldner für dessen Feldzug in das spätere Deutsch-Ostafrika anwerben. 1970 wird ein zwölfjähriges Mädchen vom Niederrhein mit der historischen Wirklichkeit des Holocaust konfrontiert. Es dauert aber noch knapp 25 Jahre, bis diese so unterschiedlichen Ereignisse in eine Begegnungsgeschichte münden. Und hier findet sich der eigentliche, der dritte Beginn der Geschichte.

Vor mehr als zehn Jahren erhielt ich einen Zufallsfund aus dem Bundesarchiv, das damals noch in Potsdam seinen Sitz hatte. In diesem Dokument, einem kurzen Schreiben der Geheimen Staatspolizei an die Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin vom 15. Oktober 1941, hieß es:

»Gegen Husen konnte ein Strafverfahren wegen Rassenschande nicht eingeleitet werden. Er wurde am 27. 9.1941 dem Konzentrationslager Sachsenhausen überstellt. Der Zeitpunkt seiner Entlassung ist unbestimmt.«

Aus weiteren begleitenden Archivalien ging hervor, dass es sich - trotz des deutschen Namens - bei Husen um einen Mann aus der ehemaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika, dem heutigen Tansania, handelte, der eigentlich Bayume Mohamed Hussein hieß und an der Berliner Universität als Kiswahili-Lehrer gearbeitet hatte.

Ich war wie vom Donner gerührt und hatte allen Grund dazu. Seit mir als Kind das erste Buch über den Holocaust in die Hände gefallen war, hatte mich das Thema nie mehr losgelassen. Streng katholisch erzogen, war ich damals überzeugt, hier die wahre Erbsünde der Deutschen gefunden zu haben, die es irgendwann einmal zu sühnen gelte.

Gut 25 Jahre später musste ich mir eingestehen, dass ich mir als fertige Afrikanistin noch nie Gedanken darüber gemacht hatte, was eigentlich mit Menschen afrikanischer Herkunft während des Nationalsozialismus geschehen war.

In Bibliotheken und Bibliographien suchte ich nach Literatur zum Thema. Überrascht, aber geradezu erleichtert konnte ich feststellen: Auch andere hatten sich bislang nicht mit dieser Frage beschäftigt; es gab keine Literatur zum Thema Afrikanerinnen und Afrikaner während des Nationalsozialismus.

Ich begann fieberhaft zu recherchieren - zu einer Zeit, als Internet und E-Mail noch in den Anfängen steckten und jede Anfrage mit Briefschreiben und scheinbar endlosem Warten auf Antwort verbunden war. Natürlich wollte ich wissen, ob jener Husen das Konzentrationslager wieder verlassen hatte. Im Bundesarchiv konnte ich Akten einsehen, die wertvolle Informationen über ihn und weitere Menschen afrikanischer Herkunft in Deutschland enthielten und für die sich offenbar noch nie jemand interessiert hatte.

Ich traf auf hilfsbereite Zeitzeugen und verzweifelte an den zunächst jede Mitarbeit verweigernden Beschäftigten des Internationalen Suchdienstes in Arolsen. Über mehr als sechs Monate hinweg rief ich Hunderte von »Husens« und »Husseins« in ganz Deutschland an, um mögliche Nachkommen zu finden. Ich führte dabei viele nette Gespräche mit interessierten Menschen, die aber leider keine Vorfahren aus Tansania hatten.

Im Laufe eines Jahres gelang es mir, die Biographie Bayume Mohamed Husseins und seiner Familie sowie weiterer Menschen afrikanischer Herkunft, die sich in den 30er und 40er Jahren in Deutschland aufgehalten hatten, zumindest in Ansätzen zu rekonstruieren.

Hussein, so konnte ich schließlich in Erfahrung bringen, hatte das KZ nicht überlebt, sondern war nach gut dreijährigem Aufenthalt in Sachsenhausen gestorben. Hier war zweifellos eine Geschichte, die unbedingt erzählt werden musste, und am 29. November 1995 fasste ich die Ergebnisse der Nachforschungen in meiner Einführungsvorlesung zum Ende des Habilitationsverfahrens zusammen.

Mit der Versendung des Vertrags an einen interessierten Personenkreis und mehr noch mit der Veröffentlichung meiner Forschungsergebnisse in einer wissenschaftlichen Zeitschrift zwei Jahre später setzte ein bemerkenswerter Rezeptions- und Aneignungsprozess der Geschichte Husseins ein.

Als wollte man ein Stückchen dieser vergessenen Geschichte für sich reklamieren, ein Stück Vernachlässigung wiedergutmachen, wurde Husseins Biographie vielfach abgeschrieben und nacherzählt. So sehr ich mich darüber freuen konnte, dass afrikanische Opfer des Terrors nun die Aufmerksamkeit bekamen, die sie verdient hatten, so blieb die Enttäuschung darüber zurück, dass niemand sich die Mühe machte, die Lücken in Husseins Lebensgeschichte zu schließen.

Gerade diese Lücken in Verbindung mit einer ganz unakademischen Betroffenheit in Bezug auf diese grausame Epoche deutscher Geschichte haben dazu geführt, dass mich die Biographie des Bayume Mohamed Hussein niemals mehr losgelassen hat.

Aber es gibt weitere Gründe, warum sie hier erzählt wird. Hussein wurde zwar Opfer des nationalsozialistischen Terrors, hat sich aber bis zu seiner Einlieferung ins Konzentrationslager, vielleicht sogar bis zu seinem Tod, nie mit einer Opferrolle identifiziert, sondern war ein afrikanischer Akteur im Deutschland der 30er Jahre, eine vielschichtige Persönlichkeit, ein von sich und seiner Ausstrahlung überzeugter Lebenskünstler.

Trotz der Bedrohung durch das nationalsozialistische Regime nach 1933 trat er nachdrücklich für die Wahrung seiner Rechte ein. Schon über seinen Vater, Adam Mohamed, der 1889 in die Dienste Hermann von Wissmanns trat, ist Husseins Biographie eng mit der deutschen Kolonialgeschichte verwoben, gehört zur afrikanisch-deutschen Begegnungsgeschichte.

Ebenso ist sie Teil der kolonialen Erinnerungskultur in Deutschland, denn beide, Vater und Sohn, haben den in Deutschland nach wie vor präsenten Mythos vom »treuen Askari« mitgeprägt. Askari waren jene Söldner der ostafrikanischen »Schutztruppe«, die an der Seite des Generals Paul von Lettow-Vorbeck im Ersten Weltkrieg »ungeschlagen« gegen eine feindliche Übermacht alliierter Truppen gekämpft hatten. Sowohl Adam Mohamed als auch sein Sohn Hussein waren Askari im Dienste des Deutschen Reiches.

Ich begann erneut zu recherchieren, um die vielen offenen Fragen zur Biographie Husseins vielleicht doch noch beantworten zu können. In einigen Fällen gelang es mir, anderes musste ungeklärt bleiben. Zu den Überraschungen gehörte zweifellos, zu erfahren, dass noch Verwandte Husseins in Tansania leben, die 50 Jahre in Unwissenheit darüber waren, was eigentlich mit ihm im fernen Deutschland passiert ist.

Viele Informationen über Husseins Leben vor seiner Ankunft in Berlin verdanke ich seinem Neffen Omary Hassan aus Mtwara, der ihn noch als kleiner Junge kennengelernt hatte und der mir bereitwillig zahlreiche Fragen zu seiner Familie beantwortete.

Eines der ersten Rätsel, die Omary Hassan mir zu lösen half, ist das um Husseins richtigen Namen. In einer der ältesten mir vorliegenden deutschen Quellen ist von ihm als »Madjube [d.h. Mahjub;M.B.-G.] bin Adam Mohamed« die Rede, ein Name, der danach nie mehr in Dokumenten auftaucht. Dieselbe Quelle bestätigt nämlich, dass dieser Mahjub sich am 30. Dezember 1929 im Auswärtigen Amt unter »Bayume bin Mohamed«, Sohn des Mohamed Hussein, registrieren ließ.

Später kombinierte er daraus den Namen Bayume Mohamed Hussein, den er meistens sogar zu Husen eindeutschte. Von Omary Hassan erfuhr ich, dass Mahjub (bin) Adam Mohamed der eigentliche Geburtsname war. Was der Grund für die Namensverwirrung ist, konnte jedoch auch mit seiner Hilfe nicht geklärt werden. »Bayume«, so spekulierte er, könnte auf einen Mann namens Ab-dulwahid Bayume zurückgehen, dessen Vater ein Nubi war - also ein Nachfahre der arabischsprachigen Soldaten des Emin Pascha - und dessen Mutter eine Makondefrau. Allerdings sei dieser nicht verwandt, habe aber ein Grab in Mikindani, wo auch die Familie von Adam Mohamed lebte.

Mohamed Hussein war zweifellos ein sehr verbreiteter Name sowohl in der ehemaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika allgemein als auch unter den Askari. Möglicherweise erschien ein solcher Name einem gerade ein Deutschland eingetroffenen, stellungslosen Ostafrikaner nützlich und opportun.

Dass er schließlich das typisch deutsche »Husen« bevorzugte und auch seine Kinder unter diesem Familiennamen anmeldete, passt zu seiner tragischen Lebensgeschichte, wie hoffentlich im Laufe dieses Buches deutlich wird. Für mich stellte sich die Frage, welchen Namen ich für seine Lebensgeschichte verwenden sollte.

Ich entschied mich dafür, ihn unter seinem eigentlichen Namen, Mahjub, in Erscheinung treten zu lassen. Die vertrauliche Verwendung des Vornamens mögen kritische Leserinnen und Leser mir nachsehen - nach einer so langen Zeit der Beschäftigung mit ihm kann ich ihn nicht anders als einen guten Bekannten betrachten.

Geht es jedoch um ihn und seine Familie in Deutschland, so wird der von ihm selbst gewählte Name »Husen« verwandt. Der Wechsel der Namen spiegelt den Wandel in seinen Lebensverhältnissen wider, zeigt aber außerdem, dass er auch diesen Bereich zu kontrollieren versuchte.

Wenngleich in diesem Buch die Geschichte eines Mannes und seiner afrikanischen und deutschen Familien erzählt wird, handelt es sich nicht um eine typische Biographie. Zum einen bleiben die biographischen Lücken trotz intensiver Recherchen beträchtlich.

Zum anderen wird versucht, Mahjubs Geschichte in den Kontext ähnlicher Lebenswege einzuordnen, die größtenteils auch noch nicht beschrieben wurden. Und schließlich handelt es sich zwar um eine individuelle Biographie, die aber als Teil der afrikanisch-deutschen Begegnungsgeschichte anzusehen ist. Dass von dieser komplexen Geschichte nur ein kleiner Ausschnitt wiedergegeben werden kann, versteht sich von selbst.

Dieses Buch ist das Ergebnis historischer Forschungen, richtet sich aber nicht in erster Linie an ein akademisches Fachpublikum, das deshalb eine theoretische Einbettung vermissen mag. Auf eine mittlerweile weitgehend etablierte Konvention wird dennoch nicht verzichtet. Stößt man in diesem Buch auf unerwartete Großschreibungen des Adjektivs »schwarz«, handelt es sich keineswegs um Druckfehler.

Die Großschreibung referiert vielmehr darauf, dass »Schwarzsein« zu allen Zeiten eine politische, soziale und kulturelle Bedeutung gehabt hat, die in ihrer verheerenden Wirkung weit über die einer bloßen biologisch-anthropologischen Kategorisierung hinausging.

Diese verheerende Wirkung bekam Mahjub zu spüren, der sich keiner rassistischen Einordnung unterwerfen wollte. Dementsprechend handelt es sich hier um eine tragische Geschichte, in der es, so viel sei verraten, keine Überlebenden gibt. Aber nun soll diese Geschichte endlich erzählt werden. […]