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Daheim in Südafrika

Daheim in Südafrika

Erfahrungen eines Pendlers zwischen der schwarzen und der weissen Welt
Haberstich, H. Paul
26011

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Autor: H. Paul Haberstich
Verlag: Frieling
Berlin, 2001
Broschur, 15x21 cm, 320 Seiten


Verlagsankündigung:

Was dem Schweizer H. Paul Haberstich mit Eintritt ins ernüchternde Erwachsenenleben abhanden kam, fand er nach Jahren vielseitiger und aktiver Auslandserfahrung in Südafrika wieder: die kindliche Urfreude am Leben und das Gefühl, zu Hause zu sein. Heute lebt er in einem abgelegenen Burenstädtchen, aber auch in der Schweiz. Mit kritischer Aufgeschlossenheit reflektiert er die Wechselbäder zwischen den Welten, deren kulturelle und sozioökonomische Gegensätze in Südafrika aufeinanderprallen.

Persönliche Erfahrungen verschmelzen mit realen Fakten, dabei Widersprüche in der gesellschaftlichen Realität zutage fördernd, die durch Respekt und gegenseitiges Verständnis zwischen Menschen unterschiedlicher Kultur und Hautfarbe lösbar scheinen


Zum Geleit von Hans F. Staub:

AFRIKA - früher Jugendtraum, heute Entwicklungstrauma und morgen Angsttraum, ist durch meinen Freund Paul Haberstich dem geneigten Leser näher zu Europa gebracht worden, ideell zumindest. Die spritzige Mischung aus Politsatire, Psychokabarett, Sozioökonomie. Gesellschaftsironie und Selbstkritik ist durch Leichtbauweise in kantige Pakete geschnürt, von Schilderungen eigener Tiefenerlebnisse durchwirkt und mit köstlichem Humor gewürzt.

Der weltoffene Autor mit seltener Beobachtungsgabe - und dem Mut auch zur Kritik an seiner Schweiz - unterhält, amüsiert, belehrt, und visioniert gleichzeitig, ohne zu dogmatisieren, zu prognostizieren oder gar zu provozieren. Er wägt Polaritäten zwischen den Hautfarben sehr wohl ab, ist aber keinem Rassismus unterworfen, kann auch keines beschuldigt werden. Zwar zeigt er Mut alleine schon mit dem Thema, doch lässt er Objektivität spüren, und solche ist heute gefragter denn je.

Was wir wirklich wissen oder wissen wollten vom afrikanischen Menschen, ist vielleicht etwas aus der Pionierzeit oder von den Schöpfungen der Natur, doch von des Autors Thematisierung wohl gar wenig. Das Buch dürfte breites Interesse finden - liege dieses nun ethnisch oder einfach im Unterhaltungswert begründet.

Ich fühle mich gut, zur Durchsicht auserkoren worden zu sein, ich, der noch nie in Schwarzafrika gewesen ist. Ich danke Paul im Namen aller Leser seines Werkes für seine Initiative, Hingabe und Geduld. Möge ihm das Echo der Lohn für seine Arbeit sein.


Vorwort des Autors:

Vor zehn Tagen sind Claire und ich wieder einmal von einem unserer häufigen Schweizer Aufenthalte nach Südafrika zurückgekommen. Von der nördlichen in die südliche Hemisphäre, vom Winter in den Hochsommer, von einem bedauerlich schiefen und düsteren mittäglichen Sonnenstand unter die senkrecht herabstechende Tropensonne. Zur Zeit zeigt das Thermometer hier so gegen die 38 Grad für die Luft und etwa 28 Grad für das Wasser im Schwimmbad.

Uns selber erstaunt es, dass wir schon in unserem achten Jahr in Südafrika leben. Und dann noch hier in Louis Trichardt, einem gottverlassenen Buren-Städtchen im hohen Norden des Landes, weit weg von der mondänen Szene, abseits der ausgetretenen Touristenpfade; an einem Ort, wo nichts passiert, wo man vor Langeweile sterben müsste. Schweizer (und andere Europäer), die sich am anderen Ende der Welt ein schöneres Leben versprechen, kommen sicher nicht nach Louis Trichardt, die siedeln sich am Kap an, an der >Gardenroute< oder in einem der exclusiven Quartiere Johannesburgs, wo etwas los ist.

Warum sind wir eigentlich hier? Was ist Zufall, was göttliche Vorsehung im Leben? Wie weit haben wir unser Schicksal in unserer eigenen Hand, und wieviele unserer Entscheidungen sind gar nicht die unsrigen, sondern lediglich momentane Sach- oder andere Zwänge? Solche Fragen müssen sich jedem Menschen stellen, wenn er sich Gedanken über sein Leben macht. Jedenfalls hat es Claire, meine Partnerin, Mit- und Gegenstreiterin, die Entscheidungsinstanz in alltäglichen Situationen, die mir legal angetraute Gattin und mich, ihr Schatten, durch eine Folge von Zufällen hierher verschlagen, bereut haben wir es bis jetzt noch (fast) nie.

Eines unserer Hobbys ist zu unserer Hauptbeschäftigung geworden. Vor über vierzehn Jahren hatten wir in Simbabwe die Steinskulpturen des Stammes der Shona entdeckt. Diese Kunst hatte uns gefesselt, zunehmend haben wir uns damit befasst. Auf unseren ausgedehnten Simbabwereisen lernten wir eine Anzahl dieser sonderbaren Bildhauer kennen. So fingen wir an, eine immer umfassendere Sammlung auserlesener Skulpturen in der Schweiz aufzubauen. Damit bestücken wir immer wieder Ausstellungen. Durch Zufall, göttliche Vorsehung oder eigene opportunistische Entscheidungen sind wir zu Kunsthändlern geworden, etwas, das wir eigentlich gar nie suchten.

Diese Tätigkeit zwingt uns, etwa alle vier Monate für zwei Monate in die Schweiz zu reisen. Die modernen Flugreisen, besonders die langen interkontinentalen, müssten eigentlich zum Langweiligsten gehören, das man sich vorstellen kann. Zehn Stunden, meistens nachts, zum Batteriehuhn degradiert, fast ohne Bewegungsfreiheit auf die Landung am anderen Ende der Welt warten, kann es etwas Langweiligeres geben? So sieht es an der Oberfläche aus. Aber vielleicht sind solche Flüge doch nicht so eintönig. Träume über den Wolken, unter den Sternen, in der dreidimensionalen Ungebundenheit, losgelöst von der Erdoberfläche, an welche wir normalerweise durch die Schwerkraft gefesselt sind, dort, wo die Freiheit unendlich sei, wie man sagt (und singt), sollten schon etwas Spezielles sein.

Temperaturbedingte Wechselbäder seien gesund, sie würden die Blutzirkulation anregen. Geographisch/politisch/geistige Wechselbäder müssten eine ähnliche Auswirkung auf den Geist haben?! Damit sollen sich die hier folgenden Betrachtungen befassen. Heute, wo es >in< ist, dass Menschen aus der Ersten Welt unbeschwert um diese >herumjetten<, offensichtlich um sich den oben erwähnten Wechselbädern auszusetzen, müsste das Thema aktuell sein. Was bei den Betroffenen dabei herausschaut, ist dann wohl deren Angelegenheit. Für einen Aufenthalt in einem Fünfsternehotel, die auf der ganzen Welt etwa gleich aussehen, braucht man sich nicht zu deplazieren, dazu kann man ebensogut zu Hause bleiben.

Im Zeitalter der Globalisierung, in dem wir leben, besteht unsere wichtigste Aufgabe darin, unseren geistigen Horizont zu erweitern, ja - diesen der Welt zu öffnen. Die Erste und die Dritte Welt kommen sich infolge der zunehmenden Weltbevölkerung, leistungsfähigeren Kommunikations- und Transportmitteln immer näher, ja sie beginnen, sich geographisch zu überschneiden. Gleichzeitig wird der Unterschied zwischen Arm und Reich immer grösser, die Statistiken scheinen es zu beweisen. Aber wer ist eigentlich arm und wer reich?

Wenn sich dabei noch religiöse Spannungsfelder überlagern, so sind die Voraussetzungen für Konflikte gegeben. Daraus hervorgehende potentielle Krisenherde sind verschiedentlich auszumachen. Zur Zeit sind wir meistens nicht in der Lage, diese zu bewältigen. Unser Verständnis dafür ist noch verschüttet durch Vorurteile, Engstirnigkeit und Dogmen. Diesem entgegenzuwirken, ist auch ein Ziel dieses Buches.

Der Demokratisierungsprozess Südafrikas, in dem letzten auf seine Art >entkolonialisierten< Land, ist ein vorgelebtes Beispiel eines Prozesses, dem in zunehmendem Mass die ganze Welt ausgesetzt ist. Diesen näher zu betrachten, um das Ganze und die Welt besser verstehen zu können, müsste das Anliegen eines jeden sein, der versucht, seine nationalen Scheuklappen abzustreifen, um das wahre Gesicht unserer Welt zu erkennen. Die Länder der Dritten Welt, besonders jene Afrikas, schauen auf diese der Ersten Welt. Sie schreien nach Gerechtigkeit und fordern, dass der wirtschaftliche Wohlstand der Welt gerechter geteilt werden soll. Wie weit sind diese Forderungen berechtigt?

Dieses Buch ist Claire gewidmet. Es soll dazu beitragen, auch uns in schwierigen Situationen besser zu verstehen und näher zu bringen, ähnlich wie Minderheitsgruppen eines Landes, oder die Nationen unseres Raumschiffes Erde überhaupt, die sich ständig zusammenraufen müssen, um miteinander auf dem immer enger werdenden Raum friedlich leben zu können. Gegenseitige Achtung und ein gesundes Mass von Toleranz sind die Medizin gegen den in uns tief verankerten Rassismus. Die beiden Eigenschaften können wir nur pflegen, solange wir uns bemühen, andere Völker mit den ihnen eigenen Kulturen und Bräuchen zu verstehen. Uns, denen die Möglichkeit gegeben ist, weltweite Erfahrungen zu sammeln, ist damit auch die Pflicht auferlegt, diese als einen, wenn auch noch so kleinen Beitrag zu einer besseren Welt zu nutzen.

All meinen unzähligen Gesprächspartnern, die mir auf der Suche der (relativen) Wahrheit geholfen haben, unsere wunderbare Welt, wenn auch immer noch mangelhaft, aber doch etwas besser zu verstehen, möchte ich an dieser Stelle danken. Ohne die Ermutigung derer, die meine vorausgegangenen Publikationen gelesen hatten und mich in der Folge zum Weiterschreiben motivierten, wäre dieses Buch nie zustande gekommen. Nur die für unsere Gespräche geopferte Zeit und die daraus resultierende Wechselwirkung führt zu einer gegenseitigen Bereicherung, ohne welche uns weiterbringende Erkenntnisse undenkbar sind. Das Zuhören, Verstehen, Überdenken und Verarbeiten von Gedanken, die von verschiedenen Seiten und Rassen auf uns einwirken, sollte zu einem besseren Verständnis dieser Welt führen, sofern die dazu notwendige Musse gefunden werden kann.

Doch diese Musse ist etwas, das in unserer westlichen Welt voller materiell verseuchter Individuen, wegrationalisiert wurde, obwohl wir mit der erreichten Supereffizienz in der Herstellung unserer Verbrauchsgüter genau dieses Ziel hätten erreichen sollen. Hier, in einem kleinen, abgelegenen Städtchen Südafrikas habe ich ein Umfeld gefunden, wo ich mir ein Häppchen dieser Müsse leisten kann. Dafür bin ich dankbar. Es liegt nun an mir, das beste daraus zu machen. Dieses Buch sollte ein Schritt in dieser Richtung sein.

Ohne die Aufmunterung, Unterstützung und Beratung meines Freundes Dr. Hans F. Staub und seiner unermüdlichen Hobel-, Biege- und Schleifarbeit am Text, wäre dieses Buch nicht zustande gekommen. Sein selbstloser Einsatz ist der beste Beweis einer bedingungslos gebenden Freundschaft. Nur Worte des Dankens wirkten in diesem Fall beleidigend; das Verdienst des Zustandekommens der >Wechselbäder< gehört tatsächlich ihm. Wenn immer es mir gelang, mit diesem Buch zu einem besseren Verständnis für die verschiedenartigen Menschenwesen, in deren ebenso verschiedenen Umfeldern zu verhelfen, so habe ich mein Ziel erreicht. Nur gegenseitiges Verständnis, Vernunft, Respekt und Toleranz und vor allem Zurückhaltung in der Beherrschung der Schwächeren könnten das Leben aller verbessern.

Soeben lese ich in einem Artikel von Lester B. Thurow, dem amerikanischen Ökonomieprofessor, folgenden Satz: »Wichtigste Voraussetzung für die Schaffung von nationalem Wohlstand ist soziale Ordnung. Ein Blick auf die ärmsten Länder der Welt zeigt, dass sie diese nicht haben.«


Das warme Bad:

Daheim in Südafrika. Es ist sechs Uhr in der Früh, leicht bekleidet trolle ich durch unseren Garten. Das Thermometer zeigt 23 Grad, der Himmel ist leicht bewölkt. Unser Kater, der >Teufel<, streicht mir um die Beine. Während der Nacht hat es etwas geregnet, so wie es sein muss Ende Januar in Louis Trichardt.

Oben an einem Felsabsturz der Soutpansberge, den ich >Schrattenfluh< getauft habe, kleben noch ein paar Nebelfetzen. Bald werden sich diese in der aufgehenden Sonne auflösen. Eigentlich gehört unser hiesiges Heim dem Teufel, er hat einen ausgeprägten Sinn für sein Territorium entwickelt, er bestimmt, wer hier sein darf und wer nicht. Fremden Katzen ist er besonders feindlich gesinnt, diese jagt er mit markdurchdringendem Geschrei zum Teufel, unser Teufel. Kleineres Federvieh und gelegentlich auch Vierbeiner werden für das Vergehen, sich in seinem Territorium aufzuhalten, mit dem Tode bestraft. Mit den Eidechsen, deren es hier viele gibt, geht er gnädiger um, er frisst ihnen lediglich die Schwänze ab. Kürzlich hat er eine Schlange nach Hause gebracht, so gegen einen Meter lang, schlank und schön gezeichnet. Fachmännisch hat er sie beim Kopf gepackt und weiter nichts dabei gedacht. Unser Gärtner, der Samson, hat vor Schreck einen seiner Rasse typischen Laut ausgestossen, so etwas wie »Uhiiiie«, ich habe mich im Haus in Sicherheit gebracht, und Claire hat die Schlange geistesgegenwärtig mit einem Spaten zweigeteilt. Ende der Schlange...

Es war ein Fehler, den Teufel zu uns zu nehmen. Aber, wie es so geht im Leben: nicht wir haben ihn zu uns genommen - nein, er hat uns zu sich genommen. Mit der List eines kleinen Teufels hat er uns in seinen Bann gezogen, und seither beherrscht er uns. Hier seine Geschichte: Vor bald vier Jahren hatte eine streunende Katze, von uns unbemerkt, irgendwo in unserem Garten ihre Jungen zur Welt gebracht. Das hat uns weiter nicht gestört. Eines Tages aber schien die Mutter verschwunden zu sein; das Kleinste der drei war so schwach, dass es kaum stehen konnte. Als wir dieses Leid miterleben mussten, platzte uns beiden heraus: »Schau mal das arme Teufelchen.« Es war schwarz wie ein richtiger Teufel, aber vom auf seinem mageren Hals trug es einen weissen Fleck, was mich an eine geistliche Verkleidung erinnerte. Also, ein richtiges Teufelchen.

Claire hat dann mit allen Tricks versucht, ihm das Fressen beizubringen, aber ohne Erfolg; das arme Teufelchen schien dem Tode geweiht zu sein. In einem letzten Versuch tauchte Claire ihren kleinen Finger in etwas Milch, beugte sich zum Teufelchen hinunter, imitierte ein mütterliches >Miauen<, und siehe da, es näherte sich mit letzter Kraft und leckte das dargebotene Tröpfchen Milch.

Von diesem Moment an hatte uns der Teufel in seinem Bann. Der Veterinär um die Ecke hat später festgestellt, dass er männlichen Geschlechtes sei, wie es sich für einen Teufel gehört. In der Zwischenzeit ist er zum eigensinnigen, lieben und wohlhabenden Teufelskater herangewachsen, der zwei sich um ihn sorgende Menschen, ein Haus mit Garten, Bäumen, verschiedenen Gebüschen und alles, was da so fleucht und kreucht, besitzt. Ich bin sicher, dass er sich uns überlegen fühlt. Er klettert auf die Bäume, rennt auf dem Dach herum, sichtet an den unmöglichsten Orten seine Leckerbissen und stürzt sich mit unvorstellbarer Geschwindigkeit und Zielsicherheit darauf. Er springt auf die höchsten Mauern und wieder herunter, er hört und riecht, was wir nie zu hören und zu riechen bekommen. Er weiss, dass er uns in den meisten Beziehungen so weit überlegen ist, dass er auch ohne Lesen, Schreiben und Rechnen recht gut durchs Leben kommt. Ich bin sicher, dass auch er sich als die Krone der Schöpfung betrachtet.


Wiedergefundene Lebensfreude:

Manchmal glaube ich, hier in Louis Trichardt etwas wiedergefunden zu haben, was mir irgend einmal in meinen Jugendjahren verloren gegangen war. Es handelt sich dabei um dieses wunderbare, kindliche Gefühl einer tiefen, inneren Freude beim allmorgendlichen Erwachen, am Leben erfahren zu dürfen, dieses unbezahlbare Gut, welches zu erhalten offensichtlich nicht leicht ist. Hier, glaube ich, in meiner reiferen Lebensphase, dieses wiedergefunden zu haben. Heute glaube ich auch erkannt zu haben, wo mir diese kindliche Freude am Leben abhanden gekommen war.

Gegen das Ende der obligatorischen Schulzeit, in meinem Fall waren es zwei Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, stellt sich bei jedem die Frage, wie wohl das Leben für ihn weitergehen soll. Damals waren die sich anbietenden Karrieremöglichkeiten eher einfacher Natur, galt es doch, das durch den Krieg zerstörte und verarmte Europa wieder aufzubauen. Sinnvolle und von der Gesellschaft als wertvoll erachtete Tätigkeiten waren solche, die materielle Werte schufen.

Ich glaubte, schulmüde zu sein und hatte keine Lust, mich allzu grossen Strapazen auszusetzen, da ich, wie mir immer wieder gesagt wurde, von Natur aus bequem, faul und überhaupt ohne jeglichen Ehrgeiz sei. Daher entschied ich mich für eine Lehre im mechanisch-technischen Bereich. Sehr wahrscheinlich hätte mir ein guter Berufsberater davon abgeraten, aber die waren damals Mangelware. So fand ich eine >renommierte< Lehrstelle als Maschinenschlosser in den Werkstätten der SBB, in einem Staatsbetrieb, dessen Eigenart als solcher ich vorerst kennenlernen musste.

Irgendeinmal kam dann der erste Tag, und mit diesem begann ein neuer Lebensabschnitt. Darauf war ich in meinem jugendlichen Übermut nicht vorbereitet. Die Arbeit begann mit dem hässlichen Heulen der Fabriksirene, um zehn vor sieben, nicht früher und auf keinen Fall später. Um diese Zeit einhalten zu können, musste ich den Zug an meinem Wohnort um einviertel nach fünf morgens erwischen, dann am Umsteigeort dreiviertel Stunden warten, bis der nächste Zug voller abgestumpfter Arbeitergesichter kam. Am Ziel ergossen sich Zugsladungen düsterer Gestalten auf das Perron, um sich dann, einem Leichenzug gleichend, in die Morgendämmerung hinaus, zwischen grauen Industriegebäuden gegen ihre Arbeitsplätze zu bewegen. Tagaus, tagein, jahraus, jahrein ...

Und ich war jetzt einer von ihnen. Das waren düstere Aussichten, aber es war ja mein Entscheid. »Was man einmal anfängt, muss auch zu Ende geführt werden« (wie bitter dieses auch sein mag), war eine der wohlgemeinten Regeln meiner näheren Umgebung. Ich wurde damit, ohne es damals definieren zu können, ins Schornsteinzeitalter (nach Alvin Tofflers >Machtbeben<), hinein katapultiert. So fanden sich ein Dutzend neugebackener >Stifte<, die unschlüssig und hilflos auf die Ankunft des allmächtigen Lehrmeisters warteten. Von früheren Jahrgängen wurden wir vorgewarnt: wir mussten da schon auf etliches gefasst sein...

Er liess dann auch nicht lange auf sich warten, hinten in der Lehrwerkstätte hiess er uns Platz nehmen. Seine Aufgabe bestand nun darin, uns im ersten Lehrjahr in der Lehrwerkstätte die Grundkenntnisse des Maschinenschlossertums beizubringen, aber auch, und das stand nicht im Lehrprogramm, um uns zu einer manipulierbaren Arbeitermasse zu degradieren. Da standen zwölf hoffnungsvolle Teenager, die ein ganzes Leben vor sich hatten und sich davon viel versprachen, einem absolut verkalkten, griesgrämigen, hoffnungslosen, von Beamtentum durchseuchten und von Enttäuschungen ernüchterten Machthaber gegenüber, dessen Aufgabe es war, diese für die nächsten vier Jahre zu beherrschen und nach seinem Ebenbild und Gutdünken zu formen, abzustumpfen, zu fördern oder zu vernichten.

Er griff nach einer Liste, rief jeden beim Namen und musterte den vor ihm Stehenden. In diesem Moment schien er sich über jeden ein Urteil gebildet zu haben, das für alle Zeiten feststand und wovon alle weiteren Entscheidungen abhingen. Als ich an der Reihe war, hatte ich das Gefühl, dass sich auf seinem Gesicht, besonders in der Nasengegend, horizontale Fältchen bildeten. >Der kann mich nicht riechen<, ging es mir durch den Kopf. Er schaute weg, offensichtlich konnte er meinen Blick nicht ertragen. Am nächsten Tag hat er mir dann mit genau diesen Worten gesagt: »Haberstich, die nächsten vier Jahre werden wir beide nicht gut miteinander auskommen ...«

Jedem neuen Stift wurde dann eine Werkbank mit fein säuberlich geordneten Werkzeugen zugewiesen. Den guten Handwerker erkenne man an der Güte seiner Werkzeuge und an der Ordnung an seinem Arbeitsplatz, an seinem unauffälligen Arbeitskleid und dem konservativen Haarschnitt; mit solchen Weisheiten wurden wir durch den uns vorgesetzten Machthaber in die für uns neue Welt eingeführt.

Das Feilen müsse man beherrschen. Eine perfekte Ebene auf einen Stahlklotz zu feilen, das war nun das höchste Ziel. Obwohl die Flächenschleifmaschine schon vor über hundert Jahren errunden wurde, welche diese Arbeit in Minutenschnelle mit perfekter Präzision ausführen könnte, mussten wir der restlichen Welt beweisen, dass dies eben auch von Hand, von einem >Handwerker< in tagelanger, mühsamer Arbeit, gemacht werden kann. Mir kam das vor wie eine Art von Masochismus. Wenn mich in solchen Momenten meine Mimik verriet, welche sagte, »diesen Quatsch glaubst du ja selber nicht«, wurde das vernichtende Urteil über mich bestätigt und noch verstärkt.

Mit dem Schritt des abgeklärten Meisters seines Faches ging der Allmächtige nun periodisch vom einen zum anderen. Bemerkungen wie »mach nur weiter so, Fritz« oder »wenn du dir etwas mehr Mühe geben würdest, so käme es richtig, Ernst«, waren zu hören. War dann die Reihe an mir, dann rümpfte er seine Nase und sagte: »Haberstich, Kommentar überflüssig!« Leider fehlte mir der Mut, meinen Eltern zu sagen, dass ich mich geirrt hätte und dass ich diese Übung abbrechen möchte, um mich für eine andere Karriere umzuschauen. Aber eines war sicher, die kindliche Urfreude am Leben, dieses wunderbare Gefühl, kam mir damals abhanden. Es wurde in einem grauen Meer von Banalitäten und Ernüchterungen ersäuft. Dass das nun dieses ersehnte Leben der Erwachsenen sein sollte, damit konnte ich mich nicht abfinden. Ich glaubte, das gehöre wohl zum Erwachsenwerden, zum Abschied von der unbeschwerten Kindheit. […]