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Die Afrikawissenschaften in der DDR

Die Afrikawissenschaften in der DDR

Eine akademische Disziplin zwischen Exotik und Exempel
Heyden, Ulrich van der
24028
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Untertitel: Eine akademische Disziplin zwischen Exotik und Exempel. Eine Wissenschaftliche Untersuchung
Autor: Ulrich van der Heyden
Die DDR und die Dritte Welt, Band 5
Lit Verlag
Münster, 1999
Broschur, 15x21 cm, 622 Seiten


Beschreibung:

Eine umfassende Analyse der Entwicklung, der Strukturen, sich wandelnder Paradigmen, von Leistungen und Fehlleistungen der ostdeutschen Afrikawissenschaften von ihrer Entstehung als sogenannte Regionalwissenschaft Ende der 50er Jahre bis zu ihrer politisch gewollten Abwicklung zu Beginn der 90er Jahre legt der Afrika- und Kolonialhistoriker Ulrich van der Heyden vor.

Unter Heranziehung einer breiten Quellenbasis wird dargelegt, wie die interdisziplinären Ansprüchen verpflichtet fühlenden Afrikawissenschaften in der DDR ihren Weg zwischen einerseits originärer Forschungen mit zum Teil international beachteten Ergebnissen und andererseits parteikonformen Verhalten herausgebildet hat. Zugleich wird an Hand einer oftmals als exotisch betrachteten Wissenschaftsdisziplin das Schicksal der Geisteswissenschaften der DDR exemplifiziert.

Die wissenschaftshistorische Studie stellt die wichtigsten afrikarelevanten Institutionsgeschichten der DDR chronologisch vor und behandelt auch einige Querschnittsfragen, wie die Rolle des Marxismus/ Uninismus und der "Auseinandersetzung mit der bürgerlichen Wissenschaft" sowie den Einfluß der Sowjetwissenschaften und der Solidarität auf die Profilierung der Afrikawissenschaften in der DDR.

Die Arbeit zeigt, eingebettet in wissenschaftshistorische Reminiszenzen, heute kaum noch relevante Veröffentlichungsmöglichkeiten und -praktiken von DDR-Wissenschaftlern auf und dokumentiert sie teilweise. Die Beziehungen zwischen Regionalwissenschaft und Außenpolitik im "anderen" deutschen Staat werden beleuchtet. Erstmalig wird die gesamte Ent- und Abwicklung der Afrikawissenschaften in der DDR detailliert dargestellt und hierzu nicht nur die zeitgenössische publizierte Literatur herangezogen, sondern auch umfangreiches Aktenmaterial und Interviews ausgewertet.

Die Studie belegt analysierend die fast vollständige Beseitigung der ehemaligen Akteure der Afrikawissenschaften in der DDR und diskutiert die These von der strukturellen Kolonisierung der DDR am Beispiel der Eliminierung der ehemaligen Akteure der ostdeutschen Afrikawissenschaften.


Geleitwort von Franz Ansprenger (Prof. Freie Universität Berlin):

Als am 9. November 1989 die Berliner Mauer fiel, war ich in Namibia, um die ersten freien Wahlen dort zu studieren. Ich wußte, daß schon seit dem Frühjahr deutsche Beamte des Bundesgrenzschutzes und deutsche Volkspolizisten aus der DDR nebeneinander in der Polizeitruppe der Vereinten Nationen dort im alten Deutsch-Südwestafrika dienten, und man erzählte mir, daß sie sogar irgendwo im Norden (wo ich nie hinkam) gemeinsam Streife fuhren.

Wie dem auch war, in vielen Gesprächen mit SWAPO-Aktivisten, die sich auf den Wahlsieg ihrer Befreiungsbewegung und die Übernahme der Regierung vorbereiteten, wurde mir bestätigt, was ich auch schon wußte und später in Südafrika beim ANC erneut zu hören bekam: daß für politisch engagierte Menschen im südlichen Afrika das Deutschland der Gegenwart nicht nur aus dem einen Staat bestand, dessen Hauptstadt Bonn war, und daß der zweite deutsche Staat - die DDR - ihre Hochachtung genoß, weil er ihnen im Kampf gegen die Herrschaft der weißen Minderheiten beigestanden hatte.

So bildeten sich bei mir das Gefühl und die Meinung, es sollte doch möglich und künftiger afrikanisch-deutscher Zusammenarbeit dienlich sein, nicht nur auf dem einen Eckstein guter Erfahrungen von Afrikanern mit der Bundesrepublik Deutschland weiterzubauen, sondern auch anzuerkennen, daß es da im Erbe der DDR einen zweiten tragfähigen Eckstein gibt. Auf mein eigenes Tätigkeitsfeld in den Sozialwissenschaften angewandt, hieß das, einer Wiedervereinigung der deutschen Afrikawissenschaft das Wort zu reden. Das zu tun versuchte ich in einem 1991 veröffentlichten Aufsatz.

Damals schrieb ich als Fazit:

Es gibt kein Schema, nach dem irgendwer Afrikawissenschaftler aufgrund früherer Taten in der alten DDR heute ehrlich und gerecht qualifizieren, übernehmen, abwickeln, in eine Warteschleife schicken könnte. In jedem Einzelfall wird die Berufungskommission (oder wer auch immer etwas zu entscheiden hat) sich ein Bild vom Charakter und Auftreten des Menschen heute, von seinem jetzt erkennbaren Zugriff auf wissenschaftliches Arbeiten machen müssen - ganz einfach genauso, wie sie das bei jedem Bewerber aus Stuttgart oder Cambridge oder Kapstadt auch tun müßte.

Das wird mühsam sein, auch wenn die Zahl der verfügbaren Planstellen im "Beitrittsgebiet" dramatisch schrumpfen wird gegenüber der Ausstattung in der DDR, ganz unabhängig von jeder Evaluierung...

Schön wäre es schon, in Zukunft mit Kollegen zusammenarbeiten zu können, die Afrika aus dem Blickwinkel der alten DDR kennengelernt haben. Sie bringen einiges mit, was nach meiner Überzeugung fast so wichtig werden könnte, wie die Null-Promille-Regelung für die künftige deutsche Verkehrspolitik ...

Nun, wir haben die Null-Promille-Regelung nicht übernommen und die meisten Afrikawissenschaftler ebensowenig. Ausgleichende Gerechtigkeit wurde höchstens dadurch anvisiert, daß "wer auch immer etwas zu entscheiden hatte..." (letzten Endes die Finanzminister der Bundesländer) auch im Westen kräftig Planstellen strich, so daß zum Beispiel in Berlin die von mir bis zu meiner Entpflichtung 1992 geleitete Arbeitsstelle Politik Afrikas an der Freien Universität abgewickelt wurde.

Immerhin findet jetzt Zusammenarbeit zwischen Afrikawissenschaftlern westdeutscher, ostdeutscher (und in diesem Falle Schweizer) Prägung an der Humboldt-Universität statt - wie ich höre, in angenehmem Betriebsklima. Entsprechendes gilt für die Universität Leipzig.

Aber wieviele Wissenschaftler aus der alten DDR es unterm Strich geschafft haben, wissenschaftlich weiterarbeiten zu dürfen, das entzieht sich meiner Kenntnis. Einige aus der alten Generation - Walter Markov, Helmuth Stoecker -, die ich noch kennenlernen durfte, vor denen ich als Forschern und als politischen Menschen Respekt habe (letzteres, weil sie schon vor 1945 Kommunisten waren, als das lebensgefährlich war), sind verstorben.

Andere, die auch in einer weiterbestehenden DDR inzwischen pensioniert wären, haben wohl Anlaß, über die Zumessung ihrer Rente durch die neue Staatsgewalt verbittert zu sein. Wieder andere, etwas jüngere, die nicht "übernommen" wurden, schweigen seit Jahren, und nun müßte man wieder jeden Einzelfall aufgreifen, um sich ein Urteil zu bilden, ob ihnen Fairneß, Bürokratismus -oder Unrecht widerfahren ist.

Ulrich van der Heyden habe ich seit 1990 als einen Kollegen kennengelernt, der alles andere tut, als sich grollend zurückzuziehen. Er ist mit voller Energie in das heutige deutsche Wissenschaftsgeschäft eingestiegen, dessen Unbeständigkeit nicht nur den gelernten DDR-Bürger verwirren muß, sondern auch mir unheimlich ist. Ich kann mir nicht vorstellen, daß es gut für die Wissenschaft (egal welche) sein soll, wenn qualifizierte Wissenschaftler, die nach und nach gar nicht mehr jung sind, in einen "Wettbewerb" gezwungen werden, der im wesentlichen darin besteht, sich kurzfristig von Forschungsprojekt zu Lehrauftrag und zum nächsten Forschungsprojekt weiterzuhangeln.

Wieviel Zeit drauf geht für das Beraten und Entwerfen, für das Schreiben und dann für das Durchdrücken von Anträgen an noch so wohlwollende Stiftungen oder andere Wissenschaftsverwaltungen, das weiß ich gut aus meiner Zeit als lebenslänglich beamteter aktiver Professor, und es hat mich immer geärgert, nicht nur im Interesse der eigenen Forschung und Lehre, denen diese Zeit verloren ging, sondern auch damals schon vor allem im Hinblick auf die Assistenten und andere junge Kollegen, die sich von den Projekten wieder einmal auf drei oder vier Jahre das Geld zum Lebensunterhalt erhofften.

Es war nicht mein Vorschlag, sondern Ulrich van der Heydens Entschluß, seine formale Qualifikation durch eine zweite Promotion an der FU Berlin zu verstärken. Als Dissertation legte er die jetzt in überarbeiteter Form gedruckte Studie vor. Sie reflektiert kritisch einen Abschnitt deutscher Wissenschaftsgeschichte, der gleichzeitig ein Lebensabschnitt des Verfassers ist.

Das ist ein riskantes Unterfangen. Grundsätzlich halte ich aber solche Bewältigung der Vergangenheit für wichtiger als Anklageschriften aus der Feder von Zeitgenossen, die nicht dabei waren, vielmehr das Privileg genossen, auf der anderen Seite der Barrikade (hier: der Berliner Mauer, die gleiche Überlegung gilt aber für die Nazizeit und andere finstere Geschichtsperioden) gelebt zu haben.

Hier, mit diesem Buch liegt meines Erachtens ein positiver Beitrag vor sowohl zur Aufklärung wissenschaftshistorischer Zusammenhänge wie zur psycho-politischen Stabilisierung eines individuellen und des kollektiven deutschen akademischen Selbstbewußtsein. Vielleicht wird doch noch etwas aus dem Zusammenführen deutscher Afrikawissenschaft. Am guten Willen von Afrikawissenschaftlern, älteren und jüngeren, aus West und Ost mangelt es jedenfalls nicht. [...]