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Scherz und Ernst . Afrikaner berichten aus ihrem Leben

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Untertitel: Afrikaner berichten aus ihrem Leben
Autorin: Sigrid Schmidt
Reihe: Afrika erzählt, Band 6
Rüdiger Koeppe Verlag
Köln, 1998
Broschur, 15x23 cm, 240 Seiten


Verlagsankündigung:

Mit diesem Band betritt die Autorin Neuland. Nachdem sie in den Bänden l bis 5 dieser Reihe die alten Märchen-, Trickster- und Sagenüberlieferungen aus Namibia dargestellt hat, fügt sie hier nun 50 Berichte aus dem eigenen Leben der Erzähler hinzu.

Der Bogen ist äußerst weit gespannt: vom Schwank aus der Jugend bis zu Berichten über lebensgefährliche Begegnungen mit wilden Tieren oder die Ängste in der Apartheidszeit. Vor uns erstehen Männer verschiedener Altersgruppen und Berufe, auf die Familienehre bedachte Frauen, die sich um der Ehre willen fast töten lassen, aber auch kesse junge Mädchen und Großmütter, die selbst Polizisten in Grund und Boden reden.

Mit den Texten wird der große Wandel, den die Menschen in diesen Jahrzehnten durchmachen, eingefangen. Ältere haben noch Zeremonien wie die Mädchenreifefeier durchgemacht, ihnen wurden böse Träume abgewaschen. Jüngere kennen das kaum vom Hörensagen. So sind die Aussagen Dokumente für die Zeit- und Geistesgeschichte der Jahrhundertwende.
Die Autorin untersucht dann nicht nur die Themen, die hauptsächlich in diesen Berichten behandelt werden, sondern sie zeigt dann mit den Mitteln der modernen Erzählforschung, wie die Berichte gestaltet sind. Sie weist nach, mit welch großem Geschick viele Erzähler ihre Erlebnisse in großartige Form zu einem Hör-und Lesevergnügen zu bringen vermögen.


Aus "Mein Besuch auf der Farm":

Nun, die Geschichte handelt von mir, der ich hier sitze. Ich bin in Windhoek aufgewachsen. Damals hatte ich eine Liebste, deren Eltern auf dem Lande lebten, in den Bergen vom Khomashochland. Dort auf den Farmen gab es viele Tiere. Gefährliche Tiere so wie Leoparden, Löwen und so weiter. Und ich bin ein Bursche, der in der Stadt groß geworden ist, ich bin kein Bauerntölpel.

Nun machten wir Besuch bei ihrer Familie. Die Schwester von meinem Mädchen hatte ein Baby bekommen. Doch hatte sie Brustentzündung und konnte das Baby nicht stillen. Und die Ziegen der Familie sind seit drei Tagen fortgelaufen. Und der Vater der Familie liegt krank im Bett. Es ist niemand da, der die Ziegen im Veld suchen kann. Und ich bin der einzige Schwiegersohn, der im Hause, da auf der Farm, ist. Es war mein erster Besuch dort. Und ich bin Städter. Ich weiß gar nicht, wie ich mich im Veld verhalten soll.

Aber hier ist nun die Schwester von des Mädchens Vater, ihre Tante. Jedesmal, wenn das Baby schreit, dann sagt sie: „Aai, wenn hier doch ein Schwiegersohn wäre oder ein junger Bursche, dann brauchte unser Baby nicht so zu weinen!" Und wenn der alte Mann drinnen vor Schmerzen „ach, ach, ach, ach!" stöhnt, dann sagt die Tante schon: „Aai, wenn mein Bruder nicht so liegen würde, so auf seinem Rücken, dann würde jemand die Ziegen suchen, und das Baby brauchte nicht so zu hungern. Wer soll nur die Ziegen suchen?"

Das geht mir durch und durch. Denn niemand außer mir ist ja da. Ich schaue hinaus. Es ist auch Regenzeit. Und ich kenne die Gegend ganz und gar nicht. Ich kriege Gewissensbisse. Ich bin als Schwiegersohn gekommen, und als Schwiegersohn muß ich was tun. Aber ich bin Städter und keiner vom Lande. Mein Mädchen wußte das. Ihre Mutter wußte das. Ihre Schwester wußte das. Aber die Tante — sowie das Baby schreit, geht es schon: „Aai, kommt denn nicht ein junger Mann, der doch meine Ziegen sucht und bringt! Aai!"

Es sind nur Frauen im Haus. Ich schäme mich. Ich schäme mich so, daß ich schließlich aufstehe und hinauslaufe. Ich gehe zum Wassereimer und trinke ein bißchen. Mir ist klar: Ich bin der einzige Mann im Haus. Aber wenn ich ins Veld gucke, wird mir ganz unheimlich. Doch die Worte von der Frau hier, wenn der alte Mann da drüben „aai! hää!" stöhnt: „Aai, wo kriegen wir nur einen jungen Mann her!" treffen mich bis ins Innerste. Ich schämte mich später so, daß ich beschloß, am nächsten Morgen zu gehen...

Am Morgen fragte ich die Mutter meines Mädchens: „Mama, in welcher Richtung laufen denn die Ziegen?" ... „Ja," sagte die Frau, „sie gehen auf diese Seite hinüber. Jedenfalls kommen sie immer von dort zurück. Willst du dich also aufmachen?" Nun war da ein kleines Bürschchen. So ein kleiner Junge. Da sagten sie: „Du kannst ja den Kleinen mitnehmen. Er kennt sich etwas aus. Der hütet manchmal auch die Ziegen..." Mein Mädchen packte etwas Essen in die Tasche, und dann rief ich: „Komm, Bürschchen, wir wollen los!"...Ich konnte einfach das Gejammer der Tante: „Aai, ist denn hier kein Mann? Wenn doch hier ein Mann wäre!" nicht mehr ertragen.

Ich gehe zunächst hinunter zum Flußbett. Es ist Regenzeit und sehr trübe. Als ich ins Flußbett komme, finde ich einen Stock. Den nehme ich mir. Ich packe ihn mit der rechten Hand so wie jemand, der damit gleich etwas totschlagen will. Das Bürschchen ruft: „Nun komm doch! Nun komm doch!" Wir laufen weiter ins Veld. Ich habe gestöhnt und gestöhnt. Meine rechte Hand wird müde, da muß ich den Stock in die linke nehmen. Dann fasse ich ihn wieder ganz fest. Und wenn ich glaube, etwas zu sehen, dann packe ich ihn wieder mit der rechten. Solche Angst habe ich.

Aber da ist gar nichts... Das Bürschchen läuft einfach weiter. So laufen und laufen und laufen und laufen wir. Da habe ich die Ziegen ganz in der Ferne entdeckt. So weit weg so wie die Häuser dort drüben. Ach, dachte ich da: Ja, nun habe ich doch etwas erreicht!

Zu der Zeit begann es zu regnen. Ja, dachte ich, ich werde nun die Ziegen nach Hause bringen. Und was wird dann die Tante sagen, die ewig jammert: „Hier sind keine Männer im Haus!?" Ich habe die Ziegen entdeckt! Ich habe die Ziegen gefunden! Der Kleine und ich. Nun wurde der Regen immer heftiger. Da sagte der Kleine: „Sieh mal, da drüben ist eine Höhle im Berg. [...]