| Autor: Fritz Metzger Kuiseb-Verlag 6. Auflage, Windhoek 2008 Broschur, 15x21 cm, 111 Seiten, etliche Illustrationen Der Autor, Fritz Metzger, (1911-1999) hat während seines Zusammenlebens mit den Buschmännern auf seiner Farm, ihre Lebensweise, Mythen und Gebräuche beobachtet, erforscht und reiche Erfahrungen gesammelt. Die ältesten Einwohner Namibias werden von ihm mit liebevollem Einfühlungsvermögen und beachtlicher Sachkenntnis geschildert, nicht nur in diesem Buch, sondern auch in seinem Erstlingswerk „Naro und seine Sippe". Es ist bewundernswert, wie Fritz Metzger dieses Wissen lebendig und interessant wiederzugeben vermag, ohne den Spannungsbogen zu verlieren. Dieses Buch, das erstmals 1952 verlegt wurde, ist eine Sammlung von Buschmannsfabeln, die den Leser faszinieren. Man erfährt, warum der Buschmann Tukwa, der ungehorsam und überheblich war, von seinem Schöpfer zur Strafe in eine Hyäne verwandelt wurde, oder warum das Gnu so gerne mit dem Vogel Strauss zusammenläuft und warum der Mond manchmal so traurig dreinschaut, warum das Warzenschwein fast nackt durchs Leben gehen muss, während das Stachelschwein sehr geachtet wird. Dieses und vieles mehr aus der Welt der Tiere und der Buschleute, bescheren dem Leser aller Altersgruppen einen Einblick in eine ihnen unbekannte Welt. In der Urzeit sah es ganz anders aus hier auf Erden. Da gab es noch keine Tiere, und die Buschleute waren gezwungen, sich nur von Wurzeln und Kräutern zu ernähren. Ach, wie einsam war es damals überall, da noch kein Vogel im Kameldornbaum zwitscherte, da noch kein Perlhuhn über das weite Veld huschte, und kein Fisch im Wasser schwamm. Kein Erdmännchen stand zierlich an der Pad., kein Steinböckchen sprang durch den Busch. Den Menschen fiel es recht schwer sich genügend Nahrung zu besorgen. Sie waren müde vom tagelangen Suchen nach Feldkost. Ihr Leben blieb freudlos inmitten der großen Einsamkeit. Dies sah der liebe Gott und beschloß, den Buschleuten zu helfen. "Ich werde Tiere erschaffen", sagte der Allgütige. "Ich werde viele und verschiedenartige Geschöpfe auf die Erde schicken. Dann werde ich den Menschen erlauben, so viele von diesen Tieren zu jagen, wie zu ihrer Nahrung nötig ist. Ja, dies werde ich vollenden!" Der Schöpfer rief bald diesen, bald jenen Buschmann wieder zu sich, um aus ihm ein Tier zu formen. „Du heißt Norre", sagte der Herr zu einem jungen Burschen. „Gut, Norre, mein Junge, du sollst von heute ab ein Kudu sein". Und siehe, Norre, der Buschmannjüngling, verwandelte sich blitzschnell in ein Kudu, das in langen Sätzen davoneilte. „Narri, du bist von jetzt an ein Zebra", sprach der Herr und streckte seine gebietende Hand aus, und Narri, der Buschmann, bekam blitzschnell helle und dunkle Streifen über den ganzen Leib, seine Hände und Fuße wurden zu Hufen, es wuchsen ihm lange Ohren, sein Scheitel verwandelte sich in eine dunkle, harte Bürstenmähne, die bis zum Rücken reichte, und dann galoppierte das neugeschaffene Zebra auf und davon, daB der Sand nur so stiebte. "Nanni, komm mal her!" gebot der Herrgott mit strengem Blich. „Nanni, du hast deinem Vater niemals bei der Feldkostsuche unterstützt, sondern faul im Schatten geruht, während sich die ändern in Sonne und Hitze abmühten. Am liebsten liegst du im Sand. Gut, so werde denn von jetzt an eine Riesenschlange, die immer auf der Erde herumkriecht. Stundenlang magst du zwischen warmen Klippen ruhen". Kaum hatte der Allmächtige dieses ausgesprochen, da wurde Nanni ein langes, kriechendes Wesen mit dunklen Zeichnungen auf dem Hucken, und die neugeschaffene Riesenschlange kroch eilig davon, um den Herrgott mit ihrer Gegenwart nicht noch mehr zu erzürnen. Dann kam Nuisa, die immer recht fleißig gewesen war und ihren Eltern tüchtig bei der Naimmgs suche geholfen hatte. „Nuisa, mein Kind, du wirst von jetzt an als munteres Steinböckchen weiterleben", bestimmte Gott, und Nuisa sprang als junge muntere Steinbockricke mit glattem Fell lustig hinaus in die Weite. Noch viele andere Buschleute wurden verwandelt, sodaß es bald nicht mehr einsam war auf Erden, weil es bald überall Tiere gab, Tiere im Busch, Tiere auf den Felsen, Tiere im Wasser, überall Tiere verschiedener Arten. Der Allmächtige überblickte sein Werk und freute sich über das muntere Treiben der vielen Tiere, und er beschloß nach der Regenzeit den Menschen die Erlaubnis zu erteilen, einige dieser Tiere, zu jagen; sie sollten nicht mehr länger auf die geringe Feldkost angewiesen sein, sondern ihren Hunger mit gutem Fleisch stillen. Die Tiere aber selbst wußten nichts von diesen Plänen, sie ahnten auch nicht, daß der Mensch einmal ihr Feind werden sollte. Deshalb genossen sie fröhlich jeden Tag. Überall fanden sie reichlich Nahrung, viel rascher und müheloser, als sie es früher in Menschengestalt gekonnt hatten. Besonders Nuisa, die jetzt eine muntere Steinbockricke war, lebte in sorgloser Freude. Ihre flinken Beine trugen sie rasch über das Veld, für sie war die Nahrungssuche weiter nichts als ein Spiel; sie äste mühelos im Umherspringen. Da kam eines Tages der Buschmann Tukwa daher. In seiner Hand trug er den Grabstouk, mit dem er nach Wurzeln suchte. Plötzlich erblickte Tukwa die junge, muntere Steinbockricke, die ahnungslos und ohne Scheu bald hier, bald dort ein Gräslein rupfte. Alle ihre Bewegungen waren Schönheit und Anmut. Dafür hatte Tukwa aber keinen Blick, denn in seiner Seele erwachte eine böse Jagdleidenschaft, und in seinem Munde verspürte er eine wilde Gier nach frischem Fleisch. [...] |