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Untertitel: Afrikaner berichten aus ihrem Leben
Mit diesem Band betritt die Autorin Neuland. Nachdem sie in den Bänden l bis 5 dieser Reihe die alten Märchen-, Trickster- und Sagenüberlieferungen aus Namibia dargestellt hat, fügt sie hier nun 50 Berichte aus dem eigenen Leben der Erzähler hinzu. Der Bogen ist äußerst weit gespannt: vom Schwank aus der Jugend bis zu Berichten über lebensgefährliche Begegnungen mit wilden Tieren oder die Ängste in der Apartheidszeit. Vor uns erstehen Männer verschiedener Altersgruppen und Berufe, auf die Familienehre bedachte Frauen, die sich um der Ehre willen fast töten lassen, aber auch kesse junge Mädchen und Großmütter, die selbst Polizisten in Grund und Boden reden. Mit den Texten wird der große Wandel, den die Menschen in diesen Jahrzehnten durchmachen, eingefangen. Ältere haben noch Zeremonien wie die Mädchenreifefeier durchgemacht, ihnen wurden böse Träume abgewaschen. Jüngere kennen das kaum vom Hörensagen. So sind die Aussagen Dokumente für die Zeit- und Geistesgeschichte der Jahrhundertwende.
Nun, die Geschichte handelt von mir, der ich hier sitze. Ich bin in Windhoek aufgewachsen. Damals hatte ich eine Liebste, deren Eltern auf dem Lande lebten, in den Bergen vom Khomashochland. Dort auf den Farmen gab es viele Tiere. Gefährliche Tiere so wie Leoparden, Löwen und so weiter. Und ich bin ein Bursche, der in der Stadt groß geworden ist, ich bin kein Bauerntölpel. Nun machten wir Besuch bei ihrer Familie. Die Schwester von meinem Mädchen hatte ein Baby bekommen. Doch hatte sie Brustentzündung und konnte das Baby nicht stillen. Und die Ziegen der Familie sind seit drei Tagen fortgelaufen. Und der Vater der Familie liegt krank im Bett. Es ist niemand da, der die Ziegen im Veld suchen kann. Und ich bin der einzige Schwiegersohn, der im Hause, da auf der Farm, ist. Es war mein erster Besuch dort. Und ich bin Städter. Ich weiß gar nicht, wie ich mich im Veld verhalten soll. Das geht mir durch und durch. Denn niemand außer mir ist ja da. Ich schaue hinaus. Es ist auch Regenzeit. Und ich kenne die Gegend ganz und gar nicht. Ich kriege Gewissensbisse. Ich bin als Schwiegersohn gekommen, und als Schwiegersohn muß ich was tun. Aber ich bin Städter und keiner vom Lande. Mein Mädchen wußte das. Ihre Mutter wußte das. Ihre Schwester wußte das. Aber die Tante — sowie das Baby schreit, geht es schon: „Aai, kommt denn nicht ein junger Mann, der doch meine Ziegen sucht und bringt! Aai!" Es sind nur Frauen im Haus. Ich schäme mich. Ich schäme mich so, daß ich schließlich aufstehe und hinauslaufe. Ich gehe zum Wassereimer und trinke ein bißchen. Mir ist klar: Ich bin der einzige Mann im Haus. Aber wenn ich ins Veld gucke, wird mir ganz unheimlich. Doch die Worte von der Frau hier, wenn der alte Mann da drüben „aai! hää!" stöhnt: „Aai, wo kriegen wir nur einen jungen Mann her!" treffen mich bis ins Innerste. Ich schämte mich später so, daß ich beschloß, am nächsten Morgen zu gehen... Aber da ist gar nichts... Das Bürschchen läuft einfach weiter. So laufen und laufen und laufen und laufen wir. Da habe ich die Ziegen ganz in der Ferne entdeckt. So weit weg so wie die Häuser dort drüben. Ach, dachte ich da: Ja, nun habe ich doch etwas erreicht! |

