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![]() Autorin: Nasrin Siege
Ich weiß noch, wie wir Kinder am Abend Feuerholz gesucht haben, um mit unseren Müttern das 77 Abendessen zu kochen. Danach haben wir dann zusammengesessen, und Großmutter hat uns im Schein des Feuers Geschichten erzählt. Schöne und grausige Geschichten, solche, die unsere Herzen erfreuten und uns lachen ließen, und andere, die uns das Einschlafen schwer machten. Ja, Großmutter kann viele Geschichten erzählen. Viele der von Nasrin Siege gesammelten Märchen handeln vom Hasen Kalulu, der sich mit List und Schläue gegen die größeren und stärkeren Tiere durchsetzt. So sind sie nicht immer lustig, die Kalulu-Märchen, erzählen sie doch von Leben und Tod, Kampf und Unterwerfung, Liebe und Haß, und überraschen uns mit plötzlichen Wendungen und witzigen Bildern, europäischen Einflüssen und afrikanischen Weisheiten.
»Es war einmal...« - mit diesen Worten beginnen viele unserer Märchen. Und schon geht es auf die Reise in ferne Zeiten. Anders afrikanische Märchen. Sie sind nichts Abgeschlossenes wie unsere Volksmärchen, die vor fast zwei Jahrhunderten zu Beginn der Industrialisierung aufgezeichnet wurden. Afrikanische Märchen sind noch etwas Lebendiges. Nasrin Siege hat sie sich erzählen oder aufschreiben lassen. Es sind Märchen, die sich - so wie einst auch bei uns - mit jedem, der sie erzählt, verwandeln. Diese Märchen haben noch einen unmittelbaren Bezug zum Alltag. Sie spiegeln praktische Lebenserfahrungen wider und enthalten Botschaften zur Bewältigung der großen Probleme, vor denen die Menschen in Afrika Tag für Tag stehen. Selten siegt da »der Gute«, erfolgreich ist der Listige, Trickreiche, Durchtriebene, Skrupellose - manchmal sogar der, der im wahrsten Sinne des Wortes »über Leichen geht«. Doch ist das nichts anderes als das, was die Menschen im schwarzen Afrika seit Beginn der kolonialen Unterwerfung des Kontinents tagtäglich erleben. So entführen uns diese Märchen nicht nur wie alle Märchen in das Phantastische, sondern lassen uns auch die rauhe Wirklichkeit Afrikas spüren. Daß diese Märchen von Nasrin Siege gesammelt wurden, die im Iran zur Welt kam, als Kind mit ihren Eltern in die Bundesrepublik zog, als erwachsene Frau lange in Afrika lebte und zur Zeit wieder in Deutschland wohnt, ist in mehrfacher Hinsicht ein Glücksfall. Aufgewachsen in verschiedenen Kulturen ist sie beim Sammeln der Märchen behutsam und einfühlend vorgegangen. Sie erweist sich als äußerst sensibilisiert für das Fremde, das ihr begegnet, und entdeckt darin zugleich Vertrautes: Erinnerungen an ihre Kindheit im Iran werden mit den Märchen ebenso wach, wie sie daran den Bogen von Afrika zu ihrer zweiten Heimat Europa spannt. So begegnen wir beim Lesen dieser Märchen nicht nur einem Stück lebendiger, wenn auch bedrohter und im Wandel begriffener ländlicher afrikanischer Tradition, sondern lernen sie auch als Teil einer Kontinente übergreifenden Kultur von unten kennen. Und das ist wichtig in einer Zeit, in der Kunst und Kultur vielerorts wieder eher als ethnisch exklusiv und damit Grenzen ziehend denn als Grenzen überwindend gesehen werden. Nasrin Sieges Märchensammlung ist ein Lesevergnügen für jung und alt. Sie bietet die Möglichkeit, ein wenig von einer bei uns bislang kaum wahrgenommenen Tradition kennenzulernen. In den Märchen vom Hasen Kalulu und dem Ungeheuer Chikishikishi, von Hippo und Hyäne, Löwe und Leopard lebt noch eine Kultur, die es schon bald nicht mehr geben mag. Vieles an diesen Märchen wird uns zunächst sperrig erscheinen, öffnet sich uns in seinem ganzen Reichtum vielleicht erst beim zweiten Lesen - oder beim Vorlesen oder beim Nacherzählen. So einfach die Erzählweise, so gradlinig und schnörkellos die Handlung, läßt man sich erst einmal darauf ein, findet man sich schnell wieder in einer Welt voll bitterbösem Humor, deftigem Realismus und einer manchmal unterkühlt daherkommenden Phantastik, die sich nahe an den Erfahrungen derer bewegt, die diese Märchen erzählen. Hierin liegt vielleicht ihr subversives Element. Es sind Volksmärchen fern der Tradition des raffinierten Kunstmärchens höfischer oder bürgerlicher Herkunft, Märchen aus Gesellschaften, die noch in ländlichen Traditionen wurzeln und doch schon den Umbruch erkennen lassen. Kleine poetische Kunstwerke sind dabei entstanden, die in ihrer klanglichen Schönheit auf der Zunge zergehen: Chikishikishi, das wohl rhythmisch vollendetste. Andere Kunstwerke sind die Zeichnungen von Barbara Rieder, die sich sensibel in diese Märchen einfühlte und damit viel von Afrika auszudrücken vermochte.
Ich weiß noch, wie wir Kinder am Abend Feuerholz gesucht haben, um mit unseren Müttern das Abendessen zu kochen. Danach haben wir dann zusammen gesessen, und Großmutter hat uns im Schein des Feuers Geschichten erzählt. Schöne und grausige Geschichten, solche, die unsere Herzen erfreuten und uns lachen ließen, und andere, die uns das Einschlafen schwer machten. Ja, Großmutter kannte viele Geschichten. Die Geschichte, die ich euch heute erzähle, stammt auch von ihr, und sie wiederum hat sie von ihrer Großmutter. Es ist eine alte Geschichte, und sie hat sich vor vielen Jahren zugetragen. Zu jener Zeit gab es zwei große Dörfer, in dem die verschiedenen Tiere lebten. In dem einen Dorf wohnten der Elefant, das Nashorn, der Büffel, die Hyäne, die Schildkröte und die Antilope. In dem anderen Dorf wohnten der Hase Kalulu, die Giraffe und das Zebra. Sie lebten in Frieden miteinander, und es gab keine Zwietracht zwischen ihnen. In dem Jahr, in dem das geschah, worüber ich euch erzählen will, aber herrschte Dürre im Land. Die Bewohner beider Dörfer litten große Not. Viele von ihnen waren verdurstet, andere waren dem Tod nahe. So sammelten sie sich alle unter einem schattenspendenden Baum und berieten sich. »Wir müssen uns zusammentun und gemeinsam ein großes Loch graben. Solange, bis wir auf Wasser stoßen«, sagte eines der Tiere. Sie suchten eine geeignete Stelle und fingen sogleich an, das große Loch zu graben. Da sie viele waren, dauerte es nicht lange, und bald hatten sie das Wasser erreicht, das tief unter der Erde begraben liegt. Wir alle kennen den peinigenden Durst der Trockenzeit, und so können wir uns die Freude der Tiere vorstellen, als sie auf das Wasser trafen. Sie lachten und schrieen, tanzten und umarmten sich und wußten, daß sie gerettet waren. Nachdem jedes Tier seinen Durst gelöscht hatte, gingen sie in ihre Dörfer zurück. Am nächsten Morgen jedoch sahen sie, daß jemand das Wasser im Brunnen verschmutzt hatte. Eine große Aufregung breitete sich unter ihnen aus. »Wir müssen den Brunnen bewachen«, sagten sie schließlich, und nachdem die Tiere in ihre Dörfer zurückgegangen waren, blieb der Elefant als Brunnenwächter zurück.
Der Elefant beugte seinen Kopf über den Brunnen und erschrak. Das Wasser war nur noch eine schmutzigbraune, dicke Masse. Voll Zorn wollte sich der Elefant auf Kalulu stürzen.
Als Kalulu das nächste Mal in den Brunnen hineinstieg, trat er mit dem einen Fuß auf die Schildkröte. »Nanu?« rief er, als er bemerkte, daß er festgeklebt war. Doch je mehr er versuchte, sich zu lösen, desto stärker klebte er fest. Inzwischen hatten sich alle Tiere um den Brunnen versammelt und schauten ihm zu. »Dieses Wasser gehört uns allen«, sagte die Antilope. »Du aber hast es jeden Tag beschmutzt.« Das taten sie auch. Doch als der Elefant ihn mit seinem Rüssel packte, um ihn von sich zu schleudern, entglitt ihm der Hase, dessen Schwanz durch die Rasur glatt und glibberig geworden war, und Kalulu rannte davon. Zornig liefen die Tiere in alle Richtungen und suchten ihn. Als sie ihn nicht mehr fänden, schnitzte der Leopard die Gestalt einer schönen Frau aus Holz, und die Tiere bestrichen sie mit Baumgummi. Als Kalulu die Schöne sah, hoppelte er neugierig näher. Er grüßte sie, und als sie nicht antwortete, faßte er sie an ihre eine Brust. Dann streichelte er ihr über die andere Brust. Zu spät bemerkte er, daß er mit allen Vieren an der Figur festgeklebt war. Wieder befreite ihn der Leopard mit seinen scharfen Zähnen, und die Tiere überlegten, wie sie nun den Hasen bestrafen könnten. »Am besten werfen wir ihn auf diese Steine dort«, schlug die Antilope vor.
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