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Die Goldene Spur

Die Goldene Spur

'Die Goldene Spur' ist eine Sammlung von Gedichte und Kurzgeschichten aus den letzten Jahrzehnten Südwestafrikas.
LangHeinrich, H.M.
05-0628
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Autor: H.M. LangHeinrich
Selbstverlag
windhoek, o.J.
Broschur, 15x21 cm, 144 Seiten, 2 sw-Fotos, zahlreiche Textillustrationen


"Um Mitternacht":

Südwestafrika. Es war noch in jener Zeit, als die Straßen im Urzustand waren, Schlaglöcher hatten und das gefürchtete „Wellblech", Sandbetten und steinige Stellen, an denen der gewachsene Fels höckerig hervorschaute. Ich war mit meiner zehnjährigen Tochter nach Windhoek gefahren, hatte alles rascher erledigt als vorgesehen war und war einen Tag früher auf der Heimfahrt.

„Großmutti wird ja staunen, wenn wir schon wiederkommen," sagte ich zur Tochter, und wir beide malten uns die Überraschung aus. Wir fuhren und fuhren. Es wurde Abend. Es wurde Nacht. „Schlaf ruhig ein, mein Kind," sagte ich zur Tochter, „ich fahre und passe auf." Doch die Kleine schlief nur mit Unterbrechungen.

Und dann geschah es. Mitternacht. Wir fuhren auf krummen, ewig sandigen Farmpads zwischen dornigem Dickbusch hindurch. Der Busch lichtete sich rechts, und vor uns glühten sechs orangenrote, riesengroße Augen auf. Ich erschrak furchtbar: Löwen! Auf der Pad! Und sie wichen nicht! „Mutti...!" sagte das Kind leise.

„Dreh die Fenster hoch, rasch!" es war schon dabei. Wir kamen näher, leuchteten grell die Löwen an — sie wichen nicht. Ich hupte. Zwei Löwinnen verzogen sich langsam zur Seite, der Mähnenlöwe aber hielt bis zum letzten Augenblick aus. Dann wich er nur wenige Schritte zurück, und ich fuhr hart an ihm vorbei. Und jetzt kam der Schreck erst richtig nach. Und hielt an.

„Wenn... wenn... was hätte alles passieren können! Wäre der Mähnenlöwe stehengeblieben, wäre ein Ausweichen in den dornigen Dickbusch unmöglich gewesen, und dann ...? Hätte sich das Auto im Sande verbuddelt — drei Löwen — Und das Kind war in Gefahr gewesen! Das Kind!" Schweigend fuhren wir durch die schwarze Nacht.

Zwei Stunden später kamen wir an ein Farmtor. „Bleib drinnen, mein Kind," sagte ich, „ich steige aus, mache das Tor auf, fahre hindurch und schließe es wieder. Du aber halte die Türen geschlossen, daß dir nichts passiert." „Mutti," antwortete die Kleine, „es ist einfacher, wenn ich das Tor aufmache." „Nein, nein, es könnte dir etwas geschehen, die Löwen.. ." „Die sind schon weit fort." „Es könnten hier welche sein, und du .. ." „Mutti," sagte sie, „du hast ja Angst. Aber ich habe keine."

Schon hatte sie ihre Tür aufgemacht und war hinausgesprungen. Ich fuhr mit offenen Türen dicht hinter dem Kind her, bis das Tor zu und die Kleine wieder im Wagen war. Und da nahm ich mir vor: Das Kind muß fahren lernen. Es könnte mir etwas passieren. Großmutti aber muß nach Hause gebracht werden. Die Kleine lernte wunderbar fahren. Es war ein Genuß, sich von ihr fahren zu lassen, später. Schweigend fuhren wir durch die finstere Nacht. Um drei Uhr nachts kamen wir heim.

„Wir wollen Großmutti nichts sagen, damit sie die Nacht über noch gut schlafen kann," sagte ich zu der Kleinen. Doch als wir ins Grundstück einfuhren, war das ganze Haus strahlend hell erleuchtet. Großmutti stand sonntäglich gekleidet in der offenen Tür und empfing uns ohne Gruß mit einem fröhlichen: „Schön, daß ihr da seid. Das Teewasser kocht gerade, der Tisch ist festlich gedeckt, und ich trage die warme Mahlzeit auf, während ihr euch zu Tisch fertig macht."

Das Kind und ich sagten nichts. Es war alles so selbstverständlich. Wir genossen die ausgezeichnete Mahlzeit, während Großmutti ganz gegen ihre Gewohnheit unablässig und leichthin von allem Alltäglichen plauderte, das sich in der Zwischenzeit zugetragen hatte. Als ich nachher das Geschirr abtragen wollte, sagte Großmutti: „Laß alles stehen. Das kann der Boy morgen tun. Du aber bring nur das Kind zu Bett und dann schlafe selber gut." Da erst fiel mir das Ungewöhnliche der Situation auf. Bis dahin hatte ich noch unter der Schockwirkung gestanden.

Nun aber fragte ich: „Woher, Mutter, hast du das gewußt, daß wir einen Tag früher und dann noch mitten in der Nacht heimkommen würden?" Und da erzählte die Mutter: „Ich schlief. Doch um Mitternacht fuhr ich plötzlich hoch und wußte, du hattest einen furchtbaren Schrecken erlebt. Du warst auf dem Heimweg, aber der Schock war so gewaltig, daß du ihn nicht verwinden konntest. Da dachte ich: Ich will sie fröhlich und harmlos empfangen und ihnen nach der langen Fahrt eine gute warme Mahlzeit vorsetzen. Doch fragen werde ich nichts. Vielleicht gibt sich dann der Schock." „Um Mitternacht wachtest du auf, Mutter? Um Mitternacht?" „Da trafen wir die Löwen, Großmutti!" rief das Kind wichtig.

Und da bekam Großmutti ihren Schock.