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S’ ist ein übles Land hier. Zur Historiographie eines ums...
![]() Autor: Christian Ahrens
Diese Veröffentlichung basiert auf den 1905 in Kleinstauflage erschienenen Manuskript „Ein Lebensbild aus Erinnerungen, Briefen und Tagebuchblättern“. Herausgeberin war Margarete Ahrens, die Schwester von Oberleutnant Christian Ahrens. Dieser war am 3. Januar 1905 als Regiments-Adjutant im 2. Feldregiment der Schutztruppe für Südwestafrika, im Gefecht bei Haruchas gefallen. Akribisch hat Margarete Ahrens den Lebensweg ihres Bruders nachgezeichnet, angefangen von gemeinsamen Kinder- und Jugendjahren, der Trennung von ihrem Bruder nach dem Tod der Eltern und Ahrens’ Werdegang beim Militär. Es folgt die spannende Beschreibung seines Einsatzes mit dem Expeditionskorps in China und schlußendlich der Kampf und Tod in Südwestafrika. Die Vorarbeit zu dieser Neuveröffentlichung gestaltete sich in der Beschaffung von geeignetem Fotomaterial recht schwierig, bis sich im Nationalarchiv von Namibia doch noch außergewöhnliche Stücke fanden. Mit dieser Veröffentlichung fügt der Glanz & Gloria Verlag ein weiteres Mosaiksteinchen an Zeitzeugenliteratur über Geschichte Südwestafrikas in sein Programm ein. Auszug: Sturmfeld, 28. Sept. 1904 Meine lieben Geschwister! Entschuldigt die kleine Schrift, es ist der einzige Bogen, den ich auftreiben kann, ich möchte ihn nach Kräften ausnutzen. Bin in Gedanken oft bei Euch in der lieben Heimat, um so mehr, als ich jetzt mehr als zu viel Zeit zum Träumen habe. In Freitags Kalender steht als Monatsbild beim September die Apfelernte. Was gäbe ich jetzt für einen Apfel! Hoffentlich schmecken sie Euch und Euren Lieben bei bester Gesundheit und fröhlicher Zufriedenheit; darüber freue ich mich denn auch. Mir geht's nach wie vor ganz vorzüglich, besonders Magen und Darm, meine schwache Seite, scheinen in diesem Affenlande das beste Sanatorium gefunden zu haben. Was mir nur fehlt, sind kriegerische Erfolge, ausreichend Essen und Trinken, Post aus der Heimat, eine Zahnbürste und heile Strümpfe. Wie das kommt, will ich Euch zunächst mal erzählen. Heute greift, wie wir aus einem durchgelaufenen Heliogramm wissen, Trotha (General von) Die Kolonnen können nicht herankommen, weil es die überanstrengten Ochsen nicht leisten können. Glücklicherweise habe ich kürzlich von einer 10tägigen Patrouille etwa 30 Stück Beutevieh mitgebracht, wir können also schlachten. Der Patrouillenritt war schön. Ich bekam den Auftrag, eine Meldung an das Hauptquartier nach Opakarane zu bringen, und ferner 2 Proviantwagen, die ein Zahlmeisteraspirant von Othjimbinde heranführte, richtig nach den Standorten unseres Regiments zu dirigieren. Nach 2 Tagen war ich mit meinen 4 Begleitern auch richtig bei Trotha, wo ich eingeladen und von dem alten Herrn famos bewirtet wurde. Leider fehlte von meinem Wagen jede Spur, ich mußte also suchen. 2 schlappe Pferde mußte ich zurücklassen, mit 2 Mann ging es dann auf die Suche, Tage und Nächte durch Busch und Steppe, wo nur Hererospuren das einzige Zeichen menschlicher Nähe waren, hiervon dafür aber um so mehr. Geschlafen habe ich in den Tagen nicht. Fleisch lieferte mein Gewehr, Reis und etwas Mehl hatten wir mit. Wie lernte man bei solchem Ritt den Kompaß schätzen! Am 21. sehe ich von einem Baum aus in weiter Ferne einen Fesselballon. Drauf los, ich bin bei der Kolonne Estorff wo sich am Abend vorher auch meine Wagen eingefunden haben. Es folgen 1 1/2 famose Tage der Ruhe, die ich als Gast des Oberleutnants von Barsewich und von Zülow (eingemachte Stachelbeeren!) großartig genieße. Zu meiner Freude treffe ich hier auch den evang. Feldgeistlichen Schmidt, meinen Freund aus China und Reisegenossen von „Hans Woermann." Daß ich im übrigen unzählige Bekannte begrüßte, wird Euch nicht groß wundern, am wenigsten Tante W. Am 25. bin ich dann glückliche wieder in Sturmfeld bei der Kompagnie eingetroffen, wo man mich vermißte und die Wagen sehnlichst erwartete. Für 3-5 Tage führten sie Verpflegung, wenn auch man kümmerliche. Das Wort „Beutevieh" klingt so hochtrabend, daß es der Erklärung bedarf. Besser würde ich es Fundvieh nennen, ich habe es nämlich in verschiedenen im Busch versteckten Wasserlöchern gefunden, an denen besonders zahlreiche frische Hererospuren waren. Die Kompagnie liegt heute 13 Tage hier an dieser schönen Wasserstelle, wo 2 zerstörte Farmen von gutem Geschmack und Sinn für Naturschönheit - was man hier so nennt - seitens der unglücklichen früheren Ansiedler zeugen. Unsere Leute haben mit Pferdepflege, Wachtdienst, Sachen flicken, Kochen und anderen inneren Dienst vollauf zu tun; wir Offiziere sehr wenig. Ich beaufsichtige mal meine Mannschaften, schreibe eifrig Tagebuch und Briefe, überlege mit meinem unbezahlbaren, tadellosen Burschen, einem Sachsen aus der Gegend von Chemnitz, den Küchenzettel, esse auch manchmal, schlafe die ersten Nachmittagsstunden und trinke die übrige Zeit Kaffee. Dazu kommt die sehr ergiebige Jagd auf Antilopen, Hasen, Perlhühner und Sandhühner in der Hauptsache. Die Pfeife geht den ganzen Tag nicht aus, weil einen sonst die Fliegen fressen. (Schickt mir doch nur etwas türkischen Tabak!) Mein Bursche ist rührend um mich besorgt, fast wie Clara, meine liebe Schwester „Frau Sorge." Eben kommt Hardenberg an mein Zelt und klagt. Er ist furchtbar Afrika-müde, sehnt sich nach Hause, kuckt in meinen Kochtopf (saure Leber mit Reis) und schwelgt dann mit mir in unserem dermaleinstigen gemeinsamen Frühschoppen in der „Krone" in Göttingen. Um bei dem kulinarischen Thema zu bleiben, muß ich noch von einer merkwürdigen Veränderung erzählen, die mit mir vorgegangen: In Deutschland fragte ich doch nichts nach Süßigkeiten. Jetzt würde ich sofort dem 20 M. geben, der mir zum Nachtisch einen Teller mit süßem Kompott, mit Pudding oder dergl. vorgesetzt. Zucker bekommen wir so gut wie gar nicht, habe jetzt ordentlich Bedürfnis danach. Schrecklich ist der Mangel an Post, vorgestern erhielt ich von Dir, liebe Clara, die Karte mit dem neuen Hildesiadenkmal. Die Figur steht in etwas ungünstiger Pose, nach meiner Ansicht, Busch würde sagen: „Autsch, schon wieder hat sie Einen Wahrscheinlich ist aber nur die Ansicht etwas ungünstig. Für die Karte 1000 Dank. Wahrscheinlich ist für mich allerhand Post unterwegs, sie irrt hier nur im Lande herum und findet mich nicht. Das kommt jedenfalls, weil ich erst nachgeschoben bin. Scheußlich ist es aber doch, wenn die anderen Sendungen bekommen, riesige Zeitungspakete etc. und ich höchstens eine Karte, aus der ich allerdings wie schon öfter ersehe, daß Briefe für mich unterwegs. Von Schickeis habe ich noch kein Wort erhalten, geschrieben haben die aber sicher. Die Ochsenwagen reichen ja nicht einmal für den Proviant aus, da müssen die Postsachen zurückstehen. Eben habe ich einen Appell abgehalten mit meinem berittenen Zuge. Nein, wie sehen die Pferde und die Ausrüstungsstücke aus! Ich bin ganz geknickt. Nun kommen die Zahnbürsten und die Strümpfe. Als ich von Okahandja, wie Gretchen richtig vermutet „mit verhängtem Zügel durch den schwarzen Erdteil nach Waterberg sauste," konnte ich natürlich keinen Koffer mitnehmen. Auf einem Packpferde führte ich einen Kleidersack und den Schlafsack, wenig Wäsche, Toilettensachen etc. in den Satteltaschen. Auf das Packpferd mußte ich von Ovikokorero an auch verzichten, bin also seit 13.8. auf den Inhalt meiner Satteltaschen angewiesen. Was habe ich nun also bei mir? 2 Decken, 1 Anzug, 1 P. Stiefel, 2 Hemden, doppeltes Unterzeug, 2 P. Strümpfe, 6 Taschentücher. Meine teure Ausrüstung (etwa für 1400 Mk.) hängt also teils bei Wellhausen in Berlin, (der Melde- und Photographieranzug) andernteils im Koffer in Swakopmund, Karibib und Okahandja. Mit einer Ausrüstung von 400 M. wäre ich bisher ausgekommen, die Sachen, die ich hier habe, sehen allerdings toll aus. Die Dornen hierzulande lassen nichts ungerupft los, was ihnen zu nahe kommt. Dabei muß man sich aber oft tagelang dadurchzwängen. Am schlimmsten trifft es die Strümpfe, weil man eben soviel zu Fuß geht, sein schlappes Pferd mehr führt, als reitet. Meine Strümpfe bestehen denn auch nur noch aus Löchern und Fäden, das wird natürlich anders, wenn wir erst Regenquartiere beziehen. Dann lasse ich mir zunächst meinen Koffer aus Okahandja kommen. Wie lange dauert das aber noch? Letzte Nacht hat es tüchtig gewittert und etwas geregnet, diese Nacht wird es wohl gerade so kommen. Wir sind scheinbar in die kleine Regenzeit eingetreten. Während der Großen müssen wir auf Station, sonst bleibt keiner gesund. Nachdem ich auf der letzten Patrouille meine Zahnbürste verloren, besitze ich hier dies notwendige Hausgerät nicht mehr. Im Koffer liegen noch 2 Stück. Bis dahin scheine ich mal wieder nur geschimpft und geklagt zu haben, will damit diesen Jammerbrief nur schließen. Der versprochene, naturwissenschaftliche Brief, lieber Otto, kommt erst als nächste Nummer. Mich erdrückt noch die undisponierte Menge des Stoffes, fehlt auch das nötige Briefpapier. Außerdem wird das Opus auf die Bezeichnung „naturwissenschaftlich" natürlich keinen Anspruch erheben können, es wird eben nur eine laienhafte Naturschilderung. [...]
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