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Wind der Apokalypse

Wind der Apokalypse

Roman aus der Zeit des Bürgerkrieges in Mosambik
Chiziane, Paulina
36007
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Autorin: Paulina Chiziane
Übersetzung: Claudia Stein; Michael Kegler
Verlag: Brandes & Apsel
Frankfurt, 1997
Kartoneinband, 14x21 cm, 264 Seiten


Verlagsankündigung:

Mosambik zur Zeit des Bürgerkrieges. Die Hoffnungen, die die Menschen mit der Unabhängigkeit verknüpften, haben sich nicht erfüllt. Das Land leidet unter Trockenheit, und Traditionen werden wiederbelebt, um Regen zu erflehen. Doch über die alten, nur von Frauen auszuführenden Rituale des Mbelele festigen Männer ihre Macht, wird das Dorf Mananga in den Untergang getrieben.

Wind der Apokalypse erzählt von der Vernichtung des Dorfes, der Flucht der Überlebenden und ihren Hoffnungen, nach den entsetzlichen Entbehrungen des Elendstrecks einen sicheren Zufluchtsort gefunden zu haben. Doch eines Tages landen auch dort die apokalyptischen Reiter. Paulina Chiziane, eine der wenigen Schriftstellerinnen Mosambiks, schreibt aus weiblicher Perspektive - einfühlsam und dicht. Sie schreibt von Greueln, die Nachbarn, Freunde und Familienangehörige einander zufügen, erzählt aber auch von denen, die inmitten des Schreckens ihre Würde und Menschlichkeit zu bewahren versuchen.

Chiziane, Paulina: Geboren 1955 in Manjacaze in der Provinz Gaza, zog mit sechs Jahren mit ihren Eltern in der Hauptstadt Lourenco Marques (heute: Maputo). Besuch der Handelsschule, Sekretärin; Linguistikstudium an der Universität Maputo; arbeitete beim mosambikanischen Roten Kreuz. Neben Kurzgeschichten Veröffentlichungen der Roman Balada de Amor ao Vento (1990) und Ventos do Apocalipse (1993).


Aus dem ersten Teil:

Maxwela ku hanya! U ta sala u psi vona.
Du bist spät geboren! Du wirst sehen, was ich nicht sah.

Tsonga-Sprichwort

Alles schläft. Nicht einmal die zarten Äste der mageren Bäume schaukeln, sie sind schläfrig. Ein Umriß zeichnet sich in der Dunkelheit ab, verdorrt, müde, schwärzer als Kohle. Sianga fühlt einen Druck auf der Brust, die Luft fehlt ihm. Er verläßt das behagliche Bett und sucht die Kühle des frühen Morgens. Er leidet nicht an einer Lungenkrankheit, nein, wenn's um Krankheiten geht, ist er ein starker Mann. Er schaut in alle Richtungen. Am Horizont zieht sich die schwarze Decke zurück. Die frische Luft kühlt seine von Schlaflosigkeit und Alpträumen geschwollenen Augen. Den Körper an den Stamm des großen Feigenbaums gelehnt, öffnet Sianga den Mund und stößt einen Fluch der Mutlosigkeit aus.

»Was für eine Nacht! Welch schlimme Alpträume! Diese verfluchten Träume künden bittere Tage an, das ist sicher. Es stirbt das Feuer, es stirbt der Rauch, das Leben ist nur noch Asche, und es fehlt nicht viel, bis nur noch ein bißchen Staub übrigbleibt. Was für Nächte muß ich erleben!«

Minosse wacht auf, und instinktiv sucht ihre Hand den Partner neben sich. Er ist nicht da. Wohin er wohl gegangen ist? Er war nie ein Frühaufsteher, er ist ein chronischer Faulenzer, ein Nichtsnutz. Schwach ist hinter dem Haus eine schimpfende Stimme zu hören. Sianga ist wirklich unvorsichtig. Man öffnet die Türe des Hauses nicht für einen Fremden, solange der Boden noch kalt ist, die Verwünschungen gedeihen am besten im Bauch des frühen Morgens. Plötzlich wird sie unruhig. Vielleicht ist jemand gekommen, um über ein großes Unglück zu berichten, wer weiß? Sie verläßt das Bett und nähert sich der Türe. Sie spitzt die Ohren. Sie legt das Auge an die Fensterluke und versucht zu beobachten. Da draußen ist der Himmel heller, es wird Morgen. Die Stimme Siangas ist nun laut zu hören, in einem verzweifelten Gebet.
»Gugudja, gugudja Mambo, ndmkuza«

Sianga spricht mit den Verstorbenen. Er bietet ihnen Geschenke an, um ihren Zorn zu besänftigen. Während er spricht, streut er Mais, Mapira, eine große Portion Tabak und Schnaps auf den Boden. Die Stimme gerät zunehmend in Ekstase.

»Hört, ihr Verstorbenen, schützt uns, ihr Ahnen, öffnet eure Türen für den leidenden Sohn, sagt mir etwas, ich warte auf eure Botschaft, gugudja, ndirikuza Mambo ndirikuza«

Minosse macht sich Sorgen. Ein Gebet an die Verstorbenen am Ende des Morgengrauens ist eine sehr ernste Sache. Die Neugier treibt sie dazu, sich ihrem Mann zu nähern, um den Grund für dieses morgendliche Gebet zu erfahren. Sie macht einige Schritte. Weicht zurück. Die Launen ihres Mannes sind saurer als alle Zitronen der Welt. Sie jammert vor sich hin, geht besorgt ins Bett zurück und schläft schließlich wieder ein.

Sianga sucht mit den Augen den heller werdenden Himmel ab. Er träumt, schweift umher. Die zittrigen Hände suchen nach dem Tabakfläschchen, das mit einer Sisalschnur am Gürtel festgebunden ist. Er öffnet es, schüttet den Inhalt auf seine Handfläche, eins nach dem ändern, die Körner des göttlichen Pulvers. Ein Esel schreit, und ein anderer antwortet ihm. Plötzlich erwachen die Vögel in einem erstickenden Geschrei. Die Mutterhenne schleift gackernd ihre Neugeborenen auf den Marsch des Tages. Ein Lichtstrahl durchquert den Himmel, und plötzlich löst sich die Nacht im Tag auf.

Während Sianga den köstlichen Schnupftabak genießt, stürzt sich der verrückte Hahn auf die Gaben für die Verstorbenen und pickt die Mais- und Mapirakörner auf. »Ffft, ffft, hau ab, shit«, flucht Sianga. Hähne sind töricht, man kann ihnen verzeihen, aber daß so etwas in einem so feierlichen Augenblick geschieht, hat eine Bedeutung. Die Verstorbenen nehmen das Geschenk nicht an und noch viel weniger die Wünsche. Der Frust Chiangas wächst und explodiert:

»Minosse, Minosse, he?«

Sie wacht auf. Der Ruf wiederholt sich, und sie hält sich die Ohren zu. Sie verläßt das Bett und beobachtet ihren Mann durch die Ritzen der verfallenden Wände. In der Nähe sieht sie eine Bande von Jungen, die sich mit zum Himmel gereckten Köpfen schnell vorwärts bewegen und mit ihren Schleudern auf einen vorbeifliegenden Schwärm Vögel zielen. Die Schreie der kämpfenden Jungen vermischen sich mit dem Krächzen der Krähen. Einer der Vögel beschreibt unter dem Hurrageschrei der Sieger eine sinkende Spirale. Heute gibt's einen Leckerbissen, sagen sie. Aber man sagt doch, daß man Krähen nicht essen soll, weil sie schlecht riechen und Unglück bringen. Vorurteile aus Zeiten des Überflusses. Jetzt lautet das Motto: Friß, was dich nicht frißt. Sianga entfernt sich von der Bewegung des Lebens, verschließt sich in seine eigene Welt, denkt, überlegt und kaut seine Unzufriedenheit wieder.

»Minosse, he, hat dich der Hunger taub gemacht?«
Sie tritt aus der Hütte, schnelle Schritte vortäuschend. Als Ehefrau alter Schule hält sie noch an den Traditionen und dem Respekt vor den Alten fest. Sie nähert sich ihrem Mann, macht eine Verbeugung und kniet feierlich nieder, die Augen auf den Boden gerichtet.
»Ja, Vater.«
»Ja, Vater ist die Ziege, die dich geboren hat. Minosse, ich habe deinen Brautpreis mit rotem Geld bezahlt, und du schuldest mir Gehorsam.«
»Ja, Vater, hier bin ich, um dir zu dienen.«
»Bereite mir etwas zu, um den Hunger zu stillen, schnell.«
»Du willst essen?«
»Ja, meine Ziege, und zwar schnell.«
»Oh Sianga, Vater von Manuna, es ist die Zeit gekommen, wo wir den Schorf unseres Aussatzes essen müssen. Gestern haben wir die letzten Maiskörner gegessen, ich schwöre es.«
»Ich hab dich um Essen gebeten, Mutter von Manuna, nicht um Klagelieder. Komm, bring mir etwas, um die Eingeweide zu täuschen und den Magen zu wärmen, meine Ziege.«

Sianga spuckt aus, und der Speichel landet direkt vor den Knien seiner Frau. Es juckt ihn am Rücken, und er reibt sich am Stamm des Feigenbaums wie ein Vierbeiner. Er öffnet nochmals sein Tabakfläschchen.
»Es ist nichts mehr übrig, Vater von Manuna, nicht einmal ein Körnchen Mapira, ich schwöre es.«
»Ah, Verfluchte. Ich habe meine Kühe vergeudet, um dich zu kaufen, faule, respektlose Frau.«

Die Bitterkeit der Worte bringt Minosse dazu, sich auf den Hintern zu setzen, die Kräfte verlassen sie. Mit den Augen setzt sie Bannstrahlen des Feuers in Bewegung, die sie gegen ihren Mann schleudert. Zwecklos. Er ist unverwundbar. Minosse senkt den Kopf und streichelt mit der Handfläche den Rücken des Bodens. Die Erde ist trocken und verstockt wie eine Eselin, so daß sie sich sogar weigert, ein Staubwölklein herzugeben. Die trüben Augen schweifen über die verlassene Ebene und suchen eine Zuflucht für die Seele. Die verstreuten Hütten des Dorfes haben ihre spanischen Wände aus Gräsern verloren, welche die Intimität jeder Familie wahrten. Im Himmel das unnütze Grün der Baumkronen. Minosses Geist arbeitet an der Entdeckung neuer Formeln des Überlebens. Die Blätter des Cashewbaums, des Feigen- und des Man- gobaums sind nicht eßbar. Ob jene des Avocadobaums eßbar sind? Alle sagen nein, aber wer hat's schon versucht? Wenn wir die Früchte dieser Bäume essen, warum sollten wir nicht auch die Blätter essen können? Es ist wahr, ich sage es, Gott ist nicht gut - sagt sie zu sich selbst -, schaut nur die Menge Sand, die er auf der Erde plaziert hat. Wozu dient er?

Glück lich die Ziegen, die Steine auf den Hügeln abnagen. Die Ratten haben überall etwas zu beißen und werden dick auf unsere Kosten, warum fressen sie nicht auch das Unglück der Menschen? Die Ratte ist eine Dame, heutzutage, wie kann sie den Menschen überlegen sein, liebe Leute? Deshalb sage ich, Gott ist nicht gut. Aber wenn ich Gott wäre, wüßten alle, was das Leben ist!
»Minosse, hörst du mich nicht?«
»Ah, Verfluchter!«
»Beleidige mich nicht. Lehn dich nicht gegen mich auf, meine Gemahlin. Das Glück ist mit euch Frauen. Ihr bewahrt in eurer Welt das Geheimnis des langen Lebens. Ihr seid mit Mais im Bauch zur Welt gekommen, und ihr wollt ihn nicht herausgeben, verfluchte Ziegen. Minosse, du hast Nahrungsmittel in dir, warum gibst du mir nichts?

Sie erhebt sich mit einem Sprung. Die Lanze ist scharf in sie eingedrungen.
»Wessen beschuldigst du mich, alter Dummkopf?«
»Warum erschrickst du? Einen alten Affen wie mich wirst du nicht von deiner Einfalt überzeugen, süßes Weib. Dein Mörser kann Maiskörner hervorzaubern und singen, wenn der Speicher leer ist. Bring mir Nahrung aus deiner Quelle. Ich werde noch deutlicher, ich habe dein Kommen und Gehen beobachtet. Der Mais, den wir gegessen haben, kam aus dem Speicher eines anderen Mannes, hab ich nicht recht? Ich verurteile dich nicht, es ist das Gesetz des Überlebens. Besorg dir noch einen Liebhaber, der dich gut bezahlt, du bist noch nicht so alt, wie du denkst.«

Minosse bietet ihrem Mann die Stirn mit der Wut eines Weibes. Ihre Augen, das ist der ganze Himmel, der unter den Wogen der Wut einstürzt. Sie flucht in schweigender Revolte, welches Unrecht hab ich getan, mein Gott? Was für einen Ehemann habe ich? Ich bekenne, mein Gott, und bitte um Verzeihung. Du weißt es nur zu gut, du hast mir einen Nichtnutz als Mann gegeben. Ich habe meine Liebe jemandem verkauft, und nur dir werde ich sagen wem, gegen Nahrungsmittel für den Unterhalt meiner Familie. Oh Gott, ein Mann, der sich achtet, stirbt an Hunger und bewahrt seine Ehre, aber meiner verkauft mich, um sich den Bauch vollzuschlagen. Ah, verfluchter Hunger, verfluchtes Leben. [...]