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Liebeslied an den Wind

Liebeslied an den Wind

Roman: turbulente und bedrückende Lebensgeschichte einer jungen Frau in Mosambik:
Chiziane, Paulina
36006
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Autorin: Paulina Chiziane
Übersetzung: Claudia Stein; Michael Kegler
Verlag: Brandes & Apsel
Frankfurt, 2003
Kartoneinband, 14x21 cm, 144 Seiten


Verlagsankündigung:

Die turbulente wie bedrückende Lebensgeschichte einer jungen Frau, die in die Hauptstadt verschlagen wird. Ein Roman über die Liebe in dichten, poetischen Bildern von bestechender Schönheit: Die junge Sarnau stürzt sich voller Begeisterung ins Leben, wird aber immer wieder von den Männern, mit denen sie eine Liebesbeziehung eingeht, enttäuscht und hintergangen.

Sarnaus Schicksal zeugt von den Schwierigkeiten, mit denen Frauen in polygamen Beziehungen zu kämpfen haben. Aber auch die christlich-monogame Ehe erweist sich als gegen die Interessen der Frauen gewandt und bietet keine Absicherung. Frauen werden erniedrigt und verstoßen, zahllose nichteheliche Kinder kommen zur Welt, für die allein die Frauen zuständig sind. Zugleich verstärken Frauen ihre Unterdrückung, indem sie sich gegeneinander ausspielen lassen. Nicht anders ergeht es auch Sarnau, der es schließlich gelingt, sich eine Existenz als Gemüsehändlerin aufzubauen, um sich mit ihren Kindern durchzuschlagen. Bis einer ihrer Männer zu ihr zurückkehren will, sie ihn aber nicht mit offenen Armen empfängt, sondern fordert, er solle den Preis ihrer Ehre bezahlen...

Chiziane, Paulina: Geboren 1955 in Manjacaze in der Provinz Gaza, zog mit sechs Jahren mit ihren Eltern in der Hauptstadt Lourenco Marques (heute: Maputo). Besuch der Handelsschule, Sekretärin; Linguistikstudium an der Universität Maputo; arbeitete beim mosambikanischen Roten Kreuz. Neben Kurzgeschichten Veröffentlichungen der Romane Balada de Amor ao Vento (1990) und Ventos do Apocalipse (1993).


Aus dem ersten Kapitel:

Ich habe Sehnsucht nach meinem Save, nach den grünblauen Wassern des Flusses. Ich habe Sehnsucht nach dem grünen Zuckerrohr, das sich im Wind wiegt, nach den Feldern in ihren tausend harmonischen Farben, nach den Mangobäumen, den Cajubäumen und den endlosen Palmenhainen. Ach, könnte ich doch zurückkehren zu den Wäldern meiner Kindheit, auf die jahrhundertealten Bäume klettern wie die Gala-Galas und wilde Früchte essen in der Kühle und Freiheit der grünen Ebene. Ich bin alt geworden und fühle, wie sich das Ende meiner Tage nähert, doch jeden Tag, der vergeht, brennt es in meiner Brust wie eine Kerze im Monat Marias, die Vergangenheit läuft vor meinen Augen ab wie ein Rosenkranz der Erinnerungen, die längst keine Erinnerungen mehr sind, sondern Erfahrungen, die wiederkehren in dem Moment, in dem ich die Augen schließe und die Grenzen der Zeit überwinde.

Es war in Mambone, gesegnetes Land an den Ufern des Save, wo ich lernte, das Leben und die Menschen zu lieben. Für diese Liebe verlor ich mich, um mich hier wiederzufinden in diesem Mafalala der traurigen Häuser, diesem Elendsparadies, wo die Menschen sich in Eimer entleeren vor aller Leute Augen und die Fliegen im Überfluß leben im Glück des gelobten Landes.

Sollte ich jemals geliebt haben? Ist es wahr, daß es eine Liebe gibt? Nichts weiß ich über die Wahrheit der Liebe, doch etwas ist mir widerfahren, sage ich Euch. Es war eine Art Zauber, ein Mysterium, Wahnsinn. Das war es.

Ich habe eine Tochter, die schon groß ist und immer noch zur Schule geht, obwohl sie schon viel gelernt hat. Eines Tages sagte sie mir, daß die Erde rund ist. Von außen ist sie ganz grün und tief, in ihrem Inneren hat sie einen roten Kern. Wie eine Melone. Daß die Erde die Mutter der Natur ist und alles erträgt, um das Leben auf die Welt zu bringen. Wie die Frau. Die Schläge des Lebens erträgt die Frau still wie die Erde. In sanfter Bitterkeit sondert sie eine traurige, zähe Flüssigkeit ab, wie eine Melone. Wer hat sie schon je bereist, die Welt der Frau? Wer noch nicht dort war, sollte es tun. Es genügt ein tiefer Schnitt, tief, und aus dem roten Inneren wird ein Feuer explodieren, wie der Ausbruch eines Vulkans.

Aber was für traurige Gedanken bewegen mich heute; ich phantasiere nur, nehmt es mir nicht übel. Ich erinnere mich nur, erinnere mich. Ich bin gespalten: Ein Teil von mir ist im Save geblieben, ein anderer ist hier in diesem schmutzigen, traurigen Mafalala, ein anderer schwebt in den Lüften und wartet auf Überraschungen, die das Leben für mich bereithält. Wozu die Vergangenheit heraufbeschwören, wenn die Gegenwart gegenwärtig ist und die Zukunft eine Hoffnung? Ich hoffe, ihr glaubt mir, doch die Vergangenheit macht die Gegenwart und die Gegenwart die Zukunft. Die Vergangenheit verfolgt uns und lebt mit uns in jeder Gegenwart. Ich habe eine Vergangenheit, diese Geschichte, die ich erzählen will.

Ob es eine spannende Geschichte ist? Ich habe so meine Zweifel, denn schließlich ist es nichts Neues. Es gibt viele Frauen, die so leben. Ich phantasiere. Das Leben hat das Innere meiner Welt durcheinandergeworfen. Mein verweintes Gesicht ist geschmeidig wie eine Melone. Ich explodiere wütend wie ein ausbrechender Vulkan.

Alles beginnt am schönsten Tag der Welt, typische Schönheit des Tages, an dem man die erste Liebe entdeckt. Alle Tiere kleideten sich im Überfluß, die Erde war über die Maße großzügig. Im Dorf feierte man die Beschneidung der Jungen, die zu Männern geworden waren. Junge Leute aus den entferntesten Gegenden waren da, denn es gibt nichts besseres als ein Fest, um sich zu vergnügen, sich zu zeigen und sich zu verlieben. Ich sah hübsch aus in meiner limonenfarbenen Bluse, einer dazu passenden Capulana, herausgeputzt mit Ketten aus Elfenbein und Glasperlen. Ich begab mich ins Netz, um gefangen zu werden, und warum auch nicht? Ich war schon erwachsen und hatte alle Rituale durchlaufen.

Die Frauen wirbelten geschäftig umher und bereiteten das große Festmahl vor. Der Duft des Fleisches umspielte die Nasen und ließ Bäche von Speichel in allen Mündern zusammenlaufen, reizte die Mägen, und selbst die zahnlosen Kiefer träumten bereits von einem Happen Fleisch, fett, zart und ohne Knochen, nach allen Regeln der Kunst heruntergespült mit einem guten Schluck Schnaps. Einige Männer halfen hier und da mit, während andere im Schatten der Cajubäume Sitzgelegenheiten aufbauten.

Die Trommeln dröhnten auf das Zeichen des alten Mwalo, es erhoben sich Gesänge und Jubel. Die Tür der Hütte öffnete sich, und an die zwanzig Jungen kamen heraus. Sie sahen blaß und kränklich aus nach den harten Prüfungen der Initiationsriten.

Die Jungen, die nun zu Männern geworden waren, gingen am Spalier der Menschen vorbei wie Helden. Die alten Frauen jubelten und streuten Blumen, Geld und Maiskörner, die die Hühner eilig aufpickten. Begeistert sah ich dem Schauspiel zu, und da entdeckte ich unter den Jungen ein neues Gesicht.

»Wer ist das, Rindau, kennst du den?«
»Der Sohn von Rungo, der in der Priesterschule lebt.«
»Ah!«

Meine Zweifel waren verflogen. Es war wirklich der Junge, von dem die Alten gestern Nacht gesprochen hatten. Neugierig hatte ich alles mitgehört. Wenn sie merkten, daß ich gelauscht hatte, würden sie mich hart bestrafen, denn in die Angelegenheiten der Männer haben Frauen sich nicht einzumischen. Sie hatten davon gesprochen, daß er besonders gut gewesen war, daß er sich vorbildlich verhalten hätte, selbst in den allerschwierigsten Prüfungen.

Diese Vorstellung begeisterte mich. Schon auf den ersten Blick erbebte mein jungfräuliches Herz. Ich war wie hypnotisiert, meine Augen folgten den Schritten dieses Unbekannten. Eine Stimme riß mich aus meinen Träumen.

»Sarnau, Rindau, was sitzt ihr da herum, ihr alten Tanten?«
Ich warf Eni einen wütenden Blick zu und antwortete gereizt: »Ist sitzen etwa verboten?«
»Weißt du, Sarnau, Eier ausbrüten, das ist was für Glucken. Heb deinen Hintern da weg, ich muß dir ein Geheimnis erzählen.«
»Ich stehe nicht auf. Das sind Enteneier, die ich ausbrüte. Spuck's schon aus, das Geheimnis, und verschwinde.«

Ich wußte schon, um was es ging. Ich weiß nicht, wer Khelu weisgemacht hat, daß er ein toller Kerl sei, aber er will mit allen anbändeln. Eni kniete sich hin, hielt meinen Hals mit beiden Händen fest, berührte mit ihren Lippen mein Ohr und flüsterte. Ich brüllte ziemlich laut, sie solle verschwinden. Eni stob davon, und ich konnte mich endlich meiner Verzückung hingeben. Doch nur für kurze Zeit. Gleich darauf riß mich eine Gruppe Mädchen vom Boden weg und schleifte mich hinters Haus.

»Sarnau, heute ist der Tag, sich einen Liebsten zu angeln. Statt hier herumzubrüten, solltest du dich zeigen. Beweg' dich Mädchen, wackle mit dem Hintern, daß die Fliegen deinen Kurven folgen. Ich jedenfalls habe mir schon einen geschnappt. Und was für einen!«

»Na dann herzlichen Glückwunsch!«
»Und du, auf was wartest du? Ich wette, du hast diesem rotznäsigen Sohn von Rungo nachgeschaut. Wie heißt er nochmal? Ah, Mwando. Also ich sag dir, Mädchen, du verschwendest deine Zeit, der soll doch Pfarrer werden.«

Ich wurde wütend. Eni hatte meine Gedanken erraten, und die Art, wie sie von diesem ganz besonderen Jungen redete, verletzte mich. Ich stemmte die Hände in die Hüften und spuckte einen beleidigten Redeschwall aus, der meine Gegnerin wütend machen sollte, doch sie murmelte nur mit spöttischem Blick:
»Weißt du, Samau, das ganze Trara lohnt sich doch gar nicht. Heute ist ein Festtag, und mir ist nicht nach Streit zumute. Ich habe ein neues Kleid, das ich nicht unbedingt kaputtmachen möchte.«

Die Umstehenden feuerten uns zum Kampf an, doch als sie sahen, daß es keine Vorstellung geben würde und Eni sich nicht aus der Ruhe bringen ließ, wendeten sich alle gegen mich. Die ganze Bande umringte mich und spottete.
»Habt ihr denn noch nicht gesehen? Samau ist eine Bohnenstange. Nix vor der Brust und keinen Hintern. Ein Eukalyptusstengel ist sie, eine Frau ganz bestimmt nicht, bä bä bä!«

Ich wurde wütend. Dann endlich ließen sie mich in Ruhe, und ich konnte weiter meinen Angebeteten bewundern und Pläne schmieden, wie ich an ihn herankommen konnte. Dieser Mwando interessierte mich, und wie. Ich ging zu ihm hin, sprach ihn freundlich an, und er antwortete ziemlich gleichgültig auf meine Fragen. Nach diesem mißlungenen Versuch ging ich traurig nach Hause.

Zum ersten Mal konnte ich nicht einschlafen. Mein Geist ergötzte sich an dem Bild, das er soeben entdeckt hatte. Dieser entrückte und durchdringende Blick, diese ruhige Stimme, ... und dieses kluge Gesicht. Schön war er nicht, verglichen mit Khelu, diesem Draufgänger und Frauenheld, der immer ve-suchte, irgend einen Streit vom Zaun zu brechen und allen eine reinzuhauen. Mwando ist anders, er spricht gut, kann sich unterhalten und hat Manieren! ... War ich etwa verliebt? Ich lachte über mich selbst und drehte mich auf meiner Matte um. Mir gefiel das alles, denn nie zuvor war mir so etwas passiert. Lächelnd schlief ich ein. […]