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Kirchlich vereint - Gesellschaftlich getrennt?

Kirchlich vereint - Gesellschaftlich getrennt?

Befunde und Berichte zur Deutschen Kolonialgeschichte, Band 7
Steffan, A.W, (Hg.)
13006
neu

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Kirchlich vereint - Gesellschaftlich getrennt?

Untertitel: Zum Bedeutungswandel eines Begriffes
Herausgeber: A.W. Steffan
Befunde und Berichte zur Deutschen Kolonialgeschichte, 4. Jg; Band 7/2004
Schriftenreihe zur Förderung geschichts-, kultur- und naturwissenschaftlicher Forschung im Bereich der ehemaligen deutschen Einfluß- und Schutzgebiete in Übersee
ISBN-99916-793-2-4 (Namibia)
Windhoek; Gelnhausen, 2004
Broschur, 16x23 cm, 122 Seiten, einige sw-Abbildungen


Inhalt:

Steffan, A. Wilhelm:
Vom soziopolitischen Spannungsfeld zwischen kulturellem Erbe und kirchlicher Verkündigung in der ehemals deutschen Kolonie Südwestafrika

Kirschnereit, Kurt:
Kirchlich vereint - Gesellschaftlich getrennt?
Vom Antirassistischen Rassismus und vom rassistischen Antirassismus


Einführung von Kurt Kirschnereit:

Erlauben Sie bitte, verehrte Leser, daß ich Ihnen zunächst etwas aus meinem Leben schildere und eigene Erlebnisse anführe, ohne deren Kenntnis das nachfolgend zum Thema ‚Schwarz und Weiß in Afrika' Dargebotene schwer verständlich bliebe. Aber auf diese Weise erklärt sich manches leichter. Ich bin nämlich in das Stückchen Geschichte, das ich hier darzustellen versuche, persönlich so sehr hineingezogen worden, daß ich zwar sachlich berichten will, als stünde ich wie ein Historiker nicht in, sondern außerhalb des Geschehens. Dennoch kann ich das persönliche Fürwort ,ich' oft nicht vermeiden, besonders dann nicht, wenn es um Feststellungen geht, für deren Wahrheitsgehalt ich mich verbürge und selber die ganze Verantwortung zu übernehmen bereit bin.

Ursprünglich hatte ich Naturwissenschaften studieren wollen, mußte dieses Studium aber im 3. Semester abbrechen, da ich am 5. Februar 1941 zur Wehrmacht eingezogen wurde. Während der Offiziersausbildung kam ich mit Kameraden und Ausbildern zusammen, die von der nationalsozialistischen Weltanschauung absolut überzeugt waren. Sie meinten, daß man als aufgeklärter Mensch mit der Zeit gehen und darum den ‚überholten jüdisch-christlichen' Glauben abwerfen müsse. - Damals wurde viel diskutiert, und oft fühlte ich mich den vorgebrachten Argumenten nicht gewachsen. Um meinen christlichen Glauben besser und gewinnender vertreten zu können, reifte in mir langsam der Entschluß, Theologie zu studieren. Von der Liste der Offiziersbewerber wurde ich daraufhin allerdings gestrichen.


1.1 Was tue ich in Afrika?

Nachdem ich schon 22 Jahre im kirchlichen Dienst gestanden hatte, zuletzt 8 Jahre als Landesjugendpastor für die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Schleswig-Holsteins, hielt ich am 12. Dezember 1971 die Antrittspredigt in Windhoek/Namibia. Dort war ich also Pfarrer der dortigen deutschen Gemeinde. Ende September 1972 wurde ich zum Leiter der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Landeskirche in Südwest-Afrika gewählt (Bild 3).

Sofort geriet ich in unvermeidbare Zwänge, mit denen schon mein Vorgänger leben mußte. Es war nämlich so: Nur ein einziges Thema gab es, das der Behandlung in der Kirche, deren Leiter ich nun war, wert schien, daß nämlich die beiden schwarzen und die weiße Kirche zusammengeführt werden und eine Einheit bilden müßten. Diese Aufgabe schien in der Welt und in Südwestafrika im besonderen die wichtigste zu sein und sollte speziell in der Deutschen Kirche verwirklicht werden. Warum eine Vereinigung der Kirchen in so großer Eile und warum ausgerechnet in Südwest-Afrika/Namibia? Süd-Afrika stand mit seiner Apartheidspolitik im Mittelpunkt der gesellschaftlichen und kirchlichen Kritik. Nur ein Jahrzehnt vorher, nämlich 1957 und 1960/61 waren die lutherischen Kirchen des Landes als selbständige, also als eigenständige und darum getrennte Kirchen gegründet worden.

Folglich bestimmte das Thema ‚Vereinigung der lutherischen Kirchen' das ganze kirchliche Leben, insbesondere das der Deutschen Gemeinden. Was bedeutete daneben schon Seelsorge? Sie war absolut notwendig; aber wer fragte schon danach? Da war die Frage „ Wie weit sind Sie eigentlich mit der Vereinigung der Kirchen? „ doch wesentlich aktueller und besonders für Besucher interessanter. Kirchlicher Unterricht? Ich hatte, als ich nach Südwestafrika kam, 160 (in Worten: einhundertsechzig) Konfirmanden in mehreren Gruppen zu unterrichten. Wie das zu schaffen war? Solche innerkirchlichen Alltagsfragen interessierten wenig. Immerhin ist aus der ganzen Unterrichterei mein Buch entstanden „Ich weiß, woran ich glaube“.

Die Einheit von Schwarz und Weiß war jedenfalls wichtiger. Und die Verkündigung? Über schlechten Gottesdienstbesuch hatte ich eigentlich nie zu klagen gehabt. Und in Südwestafrika war der prozentuale Gottesdienstbesuch noch höher als in Deutschland.

Aber wen interessierte schon der Gottesdienstbesuch? Das Thema ,Vereinigung von Schwarz und Weiß' verdrängte alles andere. Den fremden Besucher oder Beobachter interessierte höchstens die Frage: „Warum besuchen die Schwarzen euren Gottesdienst nicht?“ Die Antwort: „ Weil sie lieber ihren eigenen Gottesdienst in ihrer Muttersprache besuchen, wurde meist als unbefriedigend empfunden, da ein Eingeständnis rassistischer Tendenzen der Weißen aus dieser Antwort nicht herausgelesen werden konnte. Und weil man in Südwestafrika den Eindruck hatte, als beobachte die ganze Welt allein die Verwirklichung der Vereinigung von Schwarz und Weiß und erwarte möglichst sofortige Vollzugsmeldung, blieb nur übrig, atemlos diese wie vom Himmel gefallene Aufgabe zu übernehmen, seine Pflicht zu erfüllen, und Schwarz und Weiß wenigstens in den Kirchen zu vereinigen.

Fragte sich bloß. warum und wie und wozu. Warum? Die Weltmeinung, um nicht zu sagen die Allerweltsmeinung, war darauf fixiert, mit der Überwindung des Kolonialismus unseligen Angedenkens fortfahren zu müssen und zumindest (oder wenigstens oder zunächst) die Kirchen schon zu entscheidenden ‚Schritten nach vorn' zu bewegen. Diese Schritte mußten gewagt werden, weil es kirchlich und theologisch gesehen keinen Grund gibt, Kirchen gleichen Bekenntnisses getrennt zu halten. Also ging es an die Arbeit, alle Gemeindeglieder von Notwendigkeit, Sinn und Zweck einer solchen Vereinigung zu überzeugen. Wie? Ich führ also durchs Land, an alle Orte, an denen deutsche Gemeindeglieder wohnten. Etwa 100.000 km bin ich wohl über Sandsfraßen gefahren. Meist waren es die nicht enden wollenden Gespräche nach den Gottesdiensten, in denen das Für und Wider erörtert wurde. Wozu? In diesen Gesprächen war zu spüren, daß es Widerstände gegen eine kirchliche Vereinigung gab. Der Hauptgrund zum Widerstand war die Furcht, mit der kirchlichen Vereinigung sei eine politische Absicht verbunden, nämlich einen Staat zu gründen, in dem es vielleicht „keinen Platz für die Weißen“ mehr gäbe. Es galt also, Ängste abzubauen und Widerstände zu überwinden.

An dieser Stelle setzten die theologischen und kirchlichen Auseinandersetzungen ein. Auf der einen Seite standen diejenigen, welche die Apartheid für ein so großes Übel hielten, daß sie deren unbedingte Beseitigung forderten und sich darum gegen die Regierung stellten, die die Apartheidspolitik vertrat. Das Ziel der kirchlichen Vereinigung war also gleichzeitig die Abschaffung der als falsch deklarierten Politik der Getrennten Entwicklung. Die Vertreter der schwarzen Kirchen und auch die Pastoren der Deutschen Kirche nahmen diesen Standpunkt ein. Er führte zur Abwendung von der bestehenden Regierung und Hinwendung zu den Befreiungsbewegungen, in Südwestafrika zur SWAPO (South West Africa People's Organisation).

Demgegenüber vertrat ich - warum als einziger Theologe, wird noch ausführlich geschildert - den Standpunkt, daß der Zusammenschluß der Kirchen allein aus kirchlichen Gründen erfolgen müsse und darum nur ein kirchliches Ziel haben könne. Daß dann auch Auswirkungen auf das gesellschaftliche Zusammenleben erfolgen oder sogar erwünscht sein und sie sogar zur Abschaffung der Apartheidspolitik führen könnten, wäre durchaus möglich. [...]


Inhaltsverzeichnis:

1 Einführung
1.1 Was tue ich in Afrika?
1.2 Was tue ich nach Afrika?
1.3 Kann und darf ich als ,Rassist' überhaupt etwas tun?
2 Kurze Darstellung der Geschichte der drei lutherischen Kirchen in Namibia (bis 1978 Südwestafrika, bis 1990 Südwestafrika/Namibia, ab 1990 Namibia)
2.1 Erläuterungen und Abkürzungen
2.2 Warum drei Kirchen gleichen Bekenntnisses?
2.3 Die Gründung der schwarzen Kirchen
2.4 Die Gründung der weißen Kirche
2.5 Die »Konferenz der drei Lutherischen Kirchen und der Wunsch nach Vereinigung
3 Die Vereinigung von Kirchen
3.1 Kirchliche Gemeinschaft und Gemeinschaften
3.2 Weltliche Gemeinschaft und Gemeinschaften
3.3 Zum Verhältnis von kirchlicher und weltlicher Gemeinschaft ..
3.4 Probleme bei der Vereinigung von Kirchen
3.5 Die Gründung der VELKSWA
4 Das Ringen der deutschen Kirche um Beitritt zur VELKSWA
4.1 Die Anfänge
4.2 Die Notwendigkeit der Überzeugungsarbeit
4.2. l Die Furcht vor politischer Überfremdung
4.2.2 Die ungeklärte Finanzfrage
4.2.3 Das Problem der Sprache
4.2.4 Probleme unterschiedlicher Rasse, Kultur und Tradition
4.3 Schwierigkeiten der Überzeugungsarbeit
4.3. l Unterschiedliche Auffassungen zu einer kirchlichen Vereinigung
4.3.2 Die Auffassung der schwarzen Kirchen
4.3.3 Die Auffassung der weißen Kirche
4.3.4 Die Realität: Verschiedene politische Auffassungen
5 Hinternisse auf dem Weg zur Vereinigung der Kirchen
5.1 Geht die Deutsche Kirche den ,Weg des Judas'?
5.2 Reaktionen in der eigenen Kirche
5.3 Von praktischen Bemühungen, den Kirchen -Zusammenschluß zu fordern .
5.3.1 Driehoekooreenkoms (Dreiecksvertrag)
5.3.2 Gemeinsame Pfarrkonferenzen
5.3.3 Gemeinsame Veranstaltungen
5.3.4 Gemeinsamer Frauenkreis
5.3.5 Bau eines Waisenhauses?
5.3.6 Gemischtrassige Singwoche und Jugendfreizeit
5.3.7 Zukunftsplanungen
5.4 Exkurs: ,Kosmetik' als Ausdruck für unterschiedliche Beurteilung der Bemühungen um einen Zusammenschluß
5.4.1 Die schillernde Bedeutung des Begriffes „Kosmetik'
5.4.2 Das Übergewicht der negativen Bedeutung der ‚Kosmetik' im kirchlichen Sprachgebrauch
5.4.3 Die von der Kirche nicht erkannte Fehlerhaftigkeit dieses Sprachgebrauchs
5.4.4 Die sich ergebende falsche und somit kontraproduktive Unterstützung kirchlicher Einigungsbemühungen im Südlichen Afrika
5.4.5 Ein historischer Vergleich, gewagt und notwendig zugleich
6 Der Beitritt der Deutschen Kirche zur VELKSWA
6.1 Die Vorbereitungen
6. l. l Die Standorterklärung der DELK
6.1.2 Das Wort vom 5. Mai 1973
6. l .2. l Seine Entstehung
6.1.2.2 Rechtsradikale Stimmen in der DELK?
6. l .2.3 Ein weiterer historischer Vergleich, gewagt und notwendig zugleich
6. l .2.4 Die positiven und negativen Auswirkungen des Wortes vom 5. Mai 73
6.1.2.5 Beurteilung
6.1.3 Der Swakopmund-Appeal
6.1.3. l Der nachträglich eingebrachte Tagesordnungspunkt
6.1.3.2 Schon wieder: Der soziopolitische Auftrag der Kirche
6.1.3.3 Die Problematik
6.2 Der Beschluß, in die VELKSWA einzutreten
6.2. l Neue Hindernisse während der Synode der DELK
6.2.2 Der Beschluß
6.3 Die Geduldsprobe
6.3.1 Die Gespräche in Johannesburg vom 2. bis 4. Mai 1975
6.3.2 Die .klärenden Gespräche' vom 16. bis 17. September 1976
6.3.3 Das Entgegenkommen der DELK
6.3.4 Die .Aufnahme' in die VELKSWA
7 Kirchenpolitische Konsequenzen der kirchlichen Vereinigung zur VELKSWA
7.1 Die Tagung des Lutherischen Weltbundes in Daressalam
7. l. l Die Vorbereitungstagung in Gaborone /Botswana
7. l .2 Die Vollversammlung in Daressalam
7. l .2. l Der Status confessionis allein für Südafrika
7. l .2.2 Unheilvolle Zukunftsaussichten
7.2 Ausschluß der weißen Kirchen aus dem Lutherischen Weltbund
7.2. l Planung und Durchrührung des Ausschlusses: Die Vollversammlung in Budapest 1984
7.2.2 Unterschiedliches Verständnis für die Suspendierung der weißen Kirchen
7.2.3 Auswirkungen der Suspendierung der weißen Kirchen
7.3 Das Ende der VELKSWA
7.3.1 Die Gründung des Namibischen Kirchenrates (CCN)
7.3.2 Der Austritt der Deutschen Kirche aus dem CCN
7.3.3 Die Folgen des Austrittes der Deutschen Kirche aus dem CCN
7.3.4 Das Ende alter und der Anfang neuer Hoffnungen?
8 Ein neuer Anfang mit offenem Ausgang
8.1 Neue oder alte Zielsetzung zur Vereinigung der Kirchen?
8.2 Möglichkeiten zur Erlangung einer Vereinigung der Kirchen?
8.2. l Bischöfliche oder presbyteriale Verfassung?
8.2.2 Neuregelung der Aufteilung der Diözesen?
8.2.2. l Selbständige Kirchen als Diözesen?
8.2.2.2 Geographische Bezirke als Diözesen?
8.2.2.3 Folgerungen
8.2.3 Rechtliche und finanzielle Autonomie der Gemeinden
8.2.4 Unterschiedliche Gehälter
8.2.5 Weitere Hinweise
8.2.5.1 Die Gefahr der Vereinsamung kleiner Gemeinden
8.2.5.2 „Mit einer Stimme reden?“
8.2.5.3 Keine Auflagen von außen
8.2.5.4 Die Behandlung anderer als kirchlich-theologischer Gründe
8.2.5.5 Von Bescheidenheit und Zurückhaltung
9 Schlußbetrachtung
10 Anmerkungen
11 Begebenheiten
12 Fotografische Dokumente
13 Angaben und Hinweise vom Verfasser