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Im sanften Licht des Sees

Im sanften Licht des Sees

Große, schicksalhafte Liebesbeziehungen in Botswana und dem südafrikanischen Kapstadt
Ruppert, Sepp
26012
neu

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30,00 €
inkl. 7% MwSt., zzgl. Versandkosten

Autor: Sepp Ruppert
Verlag: Frieling
Berlin, 2001
Broschur, 15x21 cm, 848 Seiten


Verlagsankündigung:

Ein Liebesdrama: Zwei große, schicksalhafte Liebesbeziehungen, von denen die erste im Buschwald von Botswana ihren Anfang nimmt und später im südafrikanischen Kapstadt endet, stehen im Mittelpunkt dieses mitreißenden Romans. Aus der leidenschaftlichen Verbindung zwischen der Tierfotografin Ricarda und dem Solartechniker Gwen geht eine Tochter hervor, doch die nach Unabhängigkeit strebende Ricarda geht eigene Wege und das Kind wächst in Gwens bayerischer Heimat auf. Jahre später lernt Gwen am Bodensee die schöne, intelligente Lynda kennen. Doch auch diese zweite große Liebe wird von einem Schicksalsschlag getroffen, der die von Zärtlichkeit und Reife bestimmte Beziehung auf eine Katastrophe zusteuern lässt …


Kapitel 1:

Er schaut hinaus auf die im Sonnenlicht gleißende Wasserfläche, deren unzählige, blinkende Reflexe wie gehämmertes Silber seine Augen blenden. Doch er nimmt die spiegelnde Weite des Sees, den rechter Hand aufragenden Pulverturm, die Wiese, die Blumen, die Sträucher und Bäume der vor ihm liegenden Parklandschaft, die Bank, auf der er sitzt, kaum wahr. Er ist mit seinen Gedanken an einem weit entfernten Ort. Schmerz ergreift seine Seele, während er von der Vergangenheit träumt, von der Zeit, als er noch jung war:

Er sieht wieder die weite Flusslandschaft vor sich, durch die der Chobe mit seinen weit verzweigten Armen fließt, sieht wieder den niedrigen Buschwald, der das Grasland abgrenzt und das mit dichtem Schilf bestandene Sumpfland, das sich am jenseitigen Ufer im Caprivi-Strip unendlich weit hinzieht. Er spürt wieder die sengende Sonne auf seiner Haut, den feinen, grauen Staub zwischen den Zähnen. Und er wünscht sich, wieder einzutauchen in diese vollkommene Stille, die nur erfüllt ist von den Lauten der Insekten und den Rufen der Tiere, die ungestört seit Urzeiten dort leben. Er wünscht sich zurück in die menschenleeren Grassteppen, Buschwälder, in die Ursprünglichkeit dieser Wildnis.

Doch plötzlich wird er aus seinen Gedanken gerissen, wird er durch ein seltsames, ungewohntes Geräusch in die Gegenwart zurückgeholt. Ein abgehackter Schritt dringt an sein Ohr, so wie der Schritt eines Einbeinigen, der auf Krücken geht. Er schaut auf und dann sieht er sie auf sich zukommen. Die Frau kommt hinkend näher. In ihrer linken Hand hält sie einen ihrer Schuhe, ihr linker Fuß ist nackt. Zuerst nimmt er ihr leuchtend rotes Haar wahr, das der vom See her kommende Wind wie ein Flammenbündel zerweht. Sie hat eine frauliche Gestalt mit festen Brüsten und schmalen Hüften. Ihre Beine sind lang und ihr Gang wirkt, trotz des fehlenden Schuhs, leicht. Dann steht sie vor ihm. Er schaut zu ihr auf und blickt sie fragend an.

„Darf ich mich zu Ihnen setzen", fragt sie mit weicher, melodiöser Stimme.
Er lädt sie mit einer Geste seiner Hand ein, Platz zu nehmen.
„Erst einmal guten Tag" und „entschuldigen Sie, dass ich mich so einfach bei Ihnen niederlasse", spricht sie weiter.
Er erwidert mit kräftiger, dunkler Stimme ihren Gruß und schaut ihr ins Gesicht, während sich sein Mund zu einem kaum sichtbaren Lächeln formt.

„Wie ich sehe, haben Sie ein kleines Malheur gehabt, kann ich Ihnen helfen?" fragt er, während sie aus ihrer Handtasche den abgebrochenen Absatz ihres Schuhs holt.
„Lassen Sie sehen", sagt er und nimmt ihr den lädierten Schuh und den Absatz aus der Hand.

Er versucht herauszufinden, ob eine behelfsmäßige Reparatur des hochmodischen, zerbrechlichen Schuhs möglich ist. Er sucht in seinen Hosentaschen nach dem praktischen Schweizer Messer, das er immer mit sich führt, schaut ihr dabei ins Gesicht, sieht ihre türkisgrünen, mandelförmigen Augen, in denen eine verlegene Hilflosigkeit steht. Sein Blick wandert weiter über ihr porzellanfarbenes Gesicht, das um die hohen Wangenknochen rosafarben ist, über ihren kirschroten, etwas aufgewölbten Mund mit den schön geschwungenen Lippen, ihre sensiblen Augenbrauen und ein seltsam warmes Gefühl erfasst ihn. Geschickt hantiert er mit der breiten Messerklinge, richtet die verbogenen Eisenstifte am Absatz auf und setzt ihn behutsam an den Schuh.

Währenddessen sieht auch sie ihn aufmerksam an: Von seinen sehnigen Händen zu seinem, von der Sonne dunklen Gesicht mit der kräftigen, leicht gebogenen Nase, seinen blaugrauen, tiefliegenden Augen und über sein kurzes, dunkles Haar geht ihr Blick.

Er schmunzelt und beginnt zu lästern: „Ein tolles Produkt unserer Schuhindustrie." Dabei befestigt er den Absatz fachmännisch am Schuh.

„Ja, ich weiß, aber es ist wohl meine Schuld. Er brach ab, als ich vorhin unvorsichtig über die Bahnbrücke ging und ins Stolpern kam." Sie lächelt ihn an und mustert seine saloppe, doch gepflegte Kleidung, bemerkt den leichten Bauchansatz in der Höhe seiner Hüften und seinen breiten Brustkorb, der seinen Körper, selbst im Sitzen, athletisch erscheinen lässt.

„Hier, probieren Sie, ob er hält", sagt er und reicht ihr den Schuh.
„Danke", entgegnet sie und befestigt das schmale Riemchen des Schuhs an ihrem Fußgelenk, während sie sich bückt.
Dabei betrachtet er ihre kleinen, fast zierlichen Füße mit den schmalen Fesseln. Er umfasst mit seinem Blick ihre ganze Erscheinung: ihre dezent auf ihr Haar und ihre Augen abgestimmte modische Kleidung, die rubinrote Kette an ihrem weißen, schlanken Hals und den Silberring mit der weißen Gemme an ihrer rechten Hand.
Sie steht auf und geht vorsichtig ein paar Schritte vor ihm auf und ab.

„Er scheint zu halten - und vielen Dank! Ich habe schon überlegt, ob ich einfach barfuß zur Stadt zurückgehen soll."
„Nun, das wird wohl nicht nötig sein. Wenn es Ihnen recht ist, begleite ich Sie zurück." Er steht auf und weist mit der Hand auf den Weg, der am Seeufer hinüber zum Hafen führt.

Sie nickt ihm zu und geht an seiner linken Seite mit ihm den Schützinger Weg entlang zurück zur Stadt. Draußen am See liegen, wie hingetupft, die winzigen weißen Flecke der Segelboote. Ein Passagierschiff, von Rohrschach herüberkommend, nähert sich, langsam in seinen Umrissen größer und deutlicher sichtbar werdend, der Insel. Am Ufer liegen bunte Fischerkähne friedlich nebeneinander im seichten Wasser. Der leichte Wellengang bewegt dem Lande zu das Röhricht, dessen Halme wie in einem Reigen hin- und hertanzen. Das wechselnde Spiel des Lichtes und der Farben auf der Wasseroberfläche, das rhythmische Schwingen des Sees, die Weite des Wassers und des Himmels, die ineinander zu fließen scheinen, die weiche, föhnige Luft machen die Sinne der Menschen heiter.

„Darf ich Ihnen meinen Arm anbieten?" fragt er und sie willigt ein. Leicht, fast schwebend geht sie neben ihm und er spürt ihren Arm wie einen Hauch auf dem seinen. „Leben Sie hier?" setzt er die Unterhaltung fort.
„Ja, drüben auf dem Festland. Wenn ich zur Stadt herüberkomme, mache ich nach meinen Erledigungen meistens einen Spaziergang am Inselufer entlang, hier oder auf der anderen Seite. Und wenn ich länger hier bleibe, dann wohne ich im Hause meiner Freunde, drüben an der Gerberschanze."
„Ich lebe im Oberbayerischen", entgegnet er. „Aber ich komme so oft ich kann immer wieder hierher in die Stadt. Und dann sitze ich oft lange auf der Bank, an der wir uns getroffen haben, und schaue über den See zur anderen Seite hinüber. Bei gutem, klarem Wetter kann man am jenseitigen Ufer weit in die Berge hineinsehen."
„Das stimmt, auch mich fasziniert dieser See, der so sehr wandlungsfähig ist." Sie bleibt stehen und schaut ihn an.

„Meine Familie lebt schon seit Generationen hier am See und diese Landschaft mit den sanften Hügeln und den Alpen am anderen Ufer ist meine Heimat. Ich möchte nicht fort von hier", sagt sie wie entschuldigend.
„Auch mich zieht der See magisch an, seit ich ihn als kleiner Bub das erste Mal gesehen hatte, und ich kenne viele Orte rundum, doch am liebsten bin ich hier in der Stadt, wo man quirliges Leben und erholsame Ruhe gleichzeitig finden kann. Aber mich zieht es auch immer wieder fort aus dem alten Europa, ich muss ab und zu ausreißen, muss in einsame Gegenden reisen, wo es immer noch echte Natur, unbehelligt vom Menschen, gibt. Mein Traumland war schon in meiner Jugend Afrika. Und seit ich das südliche Afrika bereist und kennen gelernt habe, komme ich von diesem Land nicht mehr los."

Sie schlendern eingehängt weiter am Seeufer entlang; der Absatz am Schuh scheint, zumindest vorerst, zu halten. Sie betrachtet ihn von der Seite, während sie neben ihm geht und die Wärme seines Körpers an ihrem Arm spürt. Auch sie wird von einem seltsam warmen Gefühl erfasst, sie kommt sich wie verwandelt vor. Sie betrachtet den Ring mit schwarzem Stein an seiner rechten Hand, die Kette mit dem Anhänger, das ein Tierkreiszeichen zeigt, auf der leicht behaarten, dunkelbraunen Brust unter seinem offenen Hemd und nimmt seinen schweren erdgebundenen, leicht schwingenden Schritt an ihrer Seite wahr.

Am Seeufer drängen sich die Menschen an den Schiffsstegen und auf der Seepromenade. Ein- und auslaufende Schiffe zwängen sich durch die schmale Hafeneinfahrt. In den Kaffeegärten vor den Hotels sitzen Gäste müßig an den Tischen und schauen hinaus zum Hafen und zum See. Sie stehen nun vor dem alten Wehr- und Leuchtturm und sehen sich unentschlossen um.

„Jetzt muss ich aber gehen", sagt sie zu ihm gewandt. Sie blickt auf ihre Armbanduhr. „Ich habe mich bereits verspätet und nochmals vielen Dank für Ihre Hilfe."
Er will sie zurückhalten. „Darf ich Sie noch schnell zu einem Drink einladen?" fragt er, doch sie schüttelt verneinend den Kopf.
„Ein anderes Mal gerne", sagt sie wie entschuldigend, „ich werde noch einige Tage in der Stadt sein." Sie hat, wie er, das Gefühl, dass diese Begegnung nicht zufällig ist.
„Ich auch", entgegnet er rasch und „können wir uns morgen wiedersehen, wiedertreffen, hier vielleicht?" Er blickt sie fragend und ein wenig hilflos an.
„Ich werde versuchen zu kommen", erwidert sie. „Vielleicht um die gleiche Zeit?" Sie schaut ihn ebenso hilflos an.
„Ja, gerne", sagt er erleichtert. „Ich würde mich sehr freuen."

Er schaut ihr nach, während ihr türkisfarbenes Kleid in der Menschenmenge verschwindet. Ihm ist zumute, als hätte er etwas schon wieder verloren, das er eben erst gefunden hat, etwas offenbar sehr Kostbares. Er schaut vom Hotelfenster aus über den Hafen und hinüber zur weiten Bucht, aus deren Häusergewirr die ersten Lichter aufleuchten. Hoch darüber verzittern die Berge im Abendlicht. Wieder erfasst ihn die Stimmung, die gemischt ist aus Trübsinn und Traurigkeit. Immer wieder wünscht er sich zurück in die südlichen Gefilde, in denen er glaubte Erfüllung, Sinn und Inhalt seines Lebens zu finden.

Er sehnt sich zurück in die karge Hütte, in das aus groben Holzlatten getischlerte Bett, in dem er unterm Strohdach in frischer Luft kampierte. Wieder hört er die ungewohnten, fremden Laute der Nacht, die er nicht deuten konnte. In Gedanken sieht er wieder die Pavianherden, die durch den Busch zogen, die Säbelantilopen, die friedlich am Flussufer grasten, und die massigen Köpfe der Flusspferde, die aus dem klaren Wasser des Chobe tauchten; hört ihre mächtigen Schreie über die Wasserfläche hallen, unter denen er stets zusammenzuckte. Und er sieht wieder die meterhohen Leiber der Elefanten, die herunter vom Buschwald zu den Wasserlöchern und ans Flussufer zogen. Er sehnt sich zurück in die Vergangenheit und weiß doch, dass er sie nicht zurückholen kann.

Sie sitzt nachdenklich, ja fast abwesend im großen, bequem und gemütlich ausgestatteten Wohnzimmer ihrer Freunde und folgt unaufmerksam dem Gespräch, das sich um Alltägliches dreht. Immer wieder muss sie an die Begegnung am Nachmittag denken. Ob sie ihn wiedersehen soll? Eigentlich mochte sie ihn von Anfang an, wegen seiner unkomplizierten Art, wegen seiner Natürlichkeit und seiner Hilfsbereitschaft. Doch sie wollte sich nicht selbst täuschen, nicht voreilig sein. Zuviel Schmerzhaftes hatte sie schon erlebt, zu großes Leid hatte sie schon erfahren in ihrem bisherigen Leben. […]