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Hyänen im hohen Gras. Spuren in der Serengeti

Hyänen im hohen Gras. Spuren in der Serengeti

Erzählung, die die Wahrnehmung der Hyäne und ihre Rolle in der Natur veränderhn soll
Siege, Nasrin
46001
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Autorin: Nasrin Siege
Verlag: Brandes & Apsel
Frankfurt, 2004
Broschur, 14x21 cm, 118 Seiten


Verlagsankündigung:

Nasrin Siege nimmt uns mit auf eine Reise in die Weiten der Serengeti, des größten Nationalparks Tansanias. Mit der jugendlichen Hauptperson Sabine betreten wir die Welt der Hyänenforscherin Stefanie. Leidenschaftlich kämpft diese für den Schutz der Hyänen. Mit Sabine erleben wir die Natur der Serengeti, setzen uns mit dem Bild der Hyäne auseinander und lernen - fast unmerklich - dieses Tier mit neuen Augen zu sehen.

Siege, Nasrin: Geboren 1950 im Iran, kam in ihrem neunten Lebensjahr in die Bundesrepublik, studierte Psychologie und arbeitete als Psychotherapeutin in einer Suchtklinik. 1983 bis 1991 lebte sie mit ihrer Familie in Tansania und Sambia, danach einige Jahre als freie Schriftstellerin in Frankfurt a.M. 1994 erhielt sie den Kinderbuchpreis der Ausländerbeauftragten des Senats von Berlin. Seit Ende 1994 lebt sie mit ihrer Familie wieder in Tansania und arbeitet in Straßenkinderprojekten in Dar-es-Salaam mit. Über das Leben tansanischer Straßenkinder schrieb sie das Jugendbuch Juma. 1996 gründete sie mit Freunden den Verein »Hilfe für Afrika e.V.« mit Sitz in Gießen, der insbesondere Straßenkinderprojekte in Tansania unterstützt.


Aus dem ersten Kapitel:

Ich öffne meinen Koffer. Obendrauf liegt das Heft mit dem hellblauen Einband und zwischen den Kleidern leuchtet buntes Geschenkpapier. Ich nehme das Heft in die Hand und schlage es auf. Leere Seiten. Vater hat es mir am Abend vor dem Abflugtag gegeben.

»Immer wenn du etwas zu erzählen hast und es ist gerade niemand da, schreibst du's darein«, hatte er gemeint. »Ich helfe dir nachher beim Auspacken.« Tante Stefanie, die eine Kiste mit Gemüse ins Haus trägt, bleibt kurz stehen und beugt sich über mich: »Oh, so viele Päckchen!«
»Unsere Weihnachtsgeschenke.«
»Schade, dass ich bis Heiligabend warten muss!«, bedauert sie und lacht dabei. »Na gut! Bleibt mir ja nichts anderes übrig ... Und du legst dich am besten erst einmal hin und ruhst dich von der Reise aus.«
»Ich kann doch jetzt nicht schlafen!«, protestiere ich.
»Denk an die Klimaumstellung und an den Zeitunterschied. Du kannst dich auf mein Bett legen und ich werde uns inzwischen was Leckeres kochen.«
»Ich bin aber irgendwie so aufgedreht!«
»Du bist auch ganz rot im Gesicht.« Stefanie legt ihre Hand auf meine Stirn.
»Und du fühlst dich heiß an. Komm, ich gebe dir erst einmal etwas zu trinken.«

Ich stehe auf und folge ihr in die Küche. Die ist ganz winzig und total vollgestopft mit Geschirr, Plastikeimem, Schüsseln, einem Gasherd mit riesiger Gasflasche und einem kleinen Kühlschrank. Stefanie reicht mir ein Glas Wasser und ich gehe zurück zum Koffer. Beim Kramen fallen mir der Käse und all die anderen Leckereien, die ich aus Deutschland mitgebracht habe, entgegen. »Mama hat gesagt, dass ich sie dir gleich geben soll.«
»Da hat sie Recht! Ich muss immer alles kühl lagern. In der Hitze verderben die Lebensmittel sonst zu schnell und die Ameisen machen sich an alles Essbare ran.«

Stefanie freut sich wie ein Kind über das Schwarzbrot, den in der Hitze bereits weich werdenden Gouda, den Stollen, das Weihnachtsgebäck, die Gemüsebrühe aus dem Reformhaus und die roten Baumkerzen. »Das wird ein schönes Weihnachten.« Sie packt alles - bis auf die Kerzen - in den kleinen Kühlschrank, der schon vollgestopft ist mit Gemüse, Obst, Brot und Marmelade. Meine Tante lebt seit zehn Jahren, immer für sechs Monate, in der Serengeti. Das restliche halbe Jahr wohnt sie in Hamburg, wo sie im Institut für Wildtierforschung arbeitet. Ihr Mann Rainer ist Lehrer und besucht sie in fast all seinen Schulferien in Tansania. Diese Weihnachtsferien hat er Pech gehabt, denn er hat sich im Sportunterricht den Knöchel gebrochen und muss in Deutschland bleiben.

Während Stefanie in der Küche hantiert, schaue ich mich im übrigen Haus um. Im Schlafzimmer mit dem großen Bett stapeln sich Bücher in Regalen und auf dem Boden; in einer Ecke befindet sich ein mit Papieren und einem Computer beladener Tisch. Das Bad besteht fast nur aus einer großen Badewanne. »Zum Duschen füllen wir den Sack hier mit Regenwasser aus dem Tank draußen.«

Stefanie, die dazugekommen ist, zeigt mir einen Plastiksack, an dessen Ende ein Duschkopf angebracht ist. »Wir legen den Sack zwei Stunden in die Sonne und schon haben wir heißes Wasser!« Überall an den Wänden hängen Fotos von Tieren, die meisten von Hyänen.
»Warum erforschst du ausgerechnet Hyänen?«, frage ich Stefanie. »Warum nicht Elefanten oder Löwen? Die sind so süß und Hyänen sind so hässlich!«
»Ich mag eben Hyänen«, bekomme ich als Antwort. »Leider bist du nicht die Einzige, die so über Hyänen denkt.«

Ich betrachte genauer das Foto von zwei Welpen, die nebeneinander im Gras liegen. »Na ja«, gebe ich zu. »Alle Tiere sind niedlich ... als Babys.« Ich lasse mich auf das Bett fallen und spüre etwas Hartes in meinem Rücken. Es ist ein Buch über Wildtiere und in Englisch. Ich schiebe es zur Seite und schließe die Augen.
Von draußen dringt Vogelgezwitscher herein und ich höre das Rauschen der Blätter im Wind. Ich mag Vögel. Ich könnte ja Vogelforscherin werden und so wie Stefanie leben. In der Serengeti soll es über fünfhundert verschiedene Vogelarten geben und ich hätte dann genug zu tun, sie alle zu beobachten. Und wäre weit weg von meinen Eltern und dem ganzen Stress Zuhause.

Es ist schwer zu glauben, dass Stefanie und meine Mutter Geschwister sind. Meine Tante sieht überhaupt nicht aus wie ihre Schwester, lebt total anders als sie und hat keine Kinder. Das kann ich gar nicht verstehen, weil ich weiß, dass Stefanie Kinder mag. Ich weiß nicht, ob ich das noch von meiner Mutter sagen kann. In den letzten Monaten hatte ich mich oft mit ihr gestritten. Und dann konnte ich sie nicht mehr ausstehen.

Sie hatte sich so verändert. Oder war sie immer so gewesen und ich hatte das früher nur nicht wahrgenommen? Solange Kinder klein sind, kann man ihnen viel vormachen. Aber sie werden älter und irgendwann klappt das nicht mehr mit dem Vormachen, nur kriegen das die Erwachsenen nicht so schnell auf die Reihe, machen weiter wie bisher und merken nicht, dass ihre Kinder mehr mitkriegen als ihnen lieb ist. Und dann kann es passieren, dass ihre Kinder ihnen nicht mehr vertrauen. Jedenfalls ist das bei mir so gewesen. Vor allem mit meiner Mutter. Nur hat es lange gedauert, bis sie gemerkt hat, dass ich sie durchschaut hatte. Ich drehe mich auf die Seite, decke mich aber nicht zu. Hier ist es zwar kühler als heute morgen in Dar-es-Salaam, aber immer noch zu heiß für mich.

Als ich heute Morgen aus dem Flugzeug gestiegen bin, habe ich gedacht, ich bin in der Sauna! Zum Glück mussten wir nicht lange in Dar-es-Salaam bleiben. Stefanie hatte mich abgeholt und wir sind ein paar Stunden später in ein kleines Flugzeug gestiegen und hierher in die Serengeti geflogen. Ich bin von Frankfurt bis in die Serengeti insgesamt zwanzig Stunden unterwegs gewesen. In Deutschland war es saukalt und die letzten Tage hatte es geschneit. Mama hatte für mich eine Sondergenehmigung von der Schule besorgt und so habe ich vier Tage vor den Weihnachtsferien freibekommen. Die anderen aus meiner Klasse waren ganz schön neidisch auf mich. Vor allem, weil sie die letzte Mathearbeit vor den Zeugnissen ohne mich schreiben werden. In Mathe bin ich nicht so gut und deswegen hatte ich einen Grund mehr, mich auf die Reise zu freuen. Auf der Fahrt vom kleinen Flugplatz in Seronera habe ich meine ersten Elefanten in Freiheit gesehen. Drei weibliche Tiere mit einem Jungen, die dabei waren, die Straße zu überqueren.

Stefanie hat in einem großen Abstand zu ihnen den Wagen angehalten und so lange gewartet, bis die Tiere auf der anderen Seite weit weg von der Straße waren. Ich hatte sie durch das Fernglas betrachtet: »Irgendwie sehen sie aus, als hätten sie viel zu große Schlafanzüge an.«
Früher hatte ich gedacht, dass alle Elefanten so sind wie Benjamin Blümchen. Aber da war ich ja noch ganz klein. Im Zoo gibt es immer einen Graben oder irgendein anderes Hindernis zwischen den Elefanten und den Menschen. Ich weiß noch, dass ich da immer rüber wollte und meine Eltern mich festhalten mussten.

Meine Eltern ... die sind nicht mehr zusammen und deshalb bin ich jetzt hier, bei meiner Tante Stefanie in Afrika. Jetzt, wo wir keine richtige Familie mehr sind, haben sie mich über Weihnachten zu ihr in die Serengeti reisen lassen. Früher hatten sie immer Bedenken, mich alleine zu ihr zu schicken. Stefanie hatte mich schon öfter eingeladen und als vor zwei Jahren die Sommerferien in Hamburg und Hessen gleichzeitig stattfanden, hätte ich mit Rainer fliegen können. Doch Mama wollte mir das nicht erlauben. Sie hatte angeblich Angst, dass ich in Tansania krank werden könnte. […]