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Die verlorene Welt der Kalahari

Die verlorene Welt der Kalahari

Empfindsame Geschichte über eine Expedition in die Kalahari, getrieben von Kindheitserinnerungen
26021

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Autor: Laurens van der Post
Übersetzung: Leonharda Gescher
Verlag: Diogenes
Zürich, 1995
ISBN 978-3-257-22804-5
Broschur, 11x18 cm, 352 Seiten


Beschreibung:

Es sind Kindheitserinnerungen, Geschichten aus dem Munde der Eltern und lückenhafte Berichte von Jägern, die im jungen van der Post den Plan legen, eine abgeschieden lebende Gruppe der Buschmänner aufzuspüren.

Doch erst als Erwachsener findet er Muße und Mittel, den Jugendtraum zu verwirklichen. Begleitet von eingeborenen Helfern, dringt er in die südafrikanische Wüstensteppe der Kalahari ein.


Über den Autoren:

Laurens van der Post wurde 1906 in Philippoles (Südafrika) geboren, er starb 1996. Er war Offizier, Forschungsreisender, Völkerkundler, Filmproduzent, doch vor allem Schriftsteller. Er diente mit Auszeichnung für die britische Armee im Zweiten Weltkrieg in Abessinien, Nordafrika und Indonesien, wo er vier Jahre in japanischer Kriegsgefangenschaft verbrachte.

Seit 1949 nahm er an zahlreichen Expeditionen in unbekannte Gebiete Afrikas teil. Seine Reise in die Kalahari-Wüste bildete dabei die Grundlage zu seinem wohl bekanntesten Film und Buch ›Die verlorene Welt der Kalahari‹.

Als Südafrikas Präsident De Klerk das Ende der Apartheidpolitik verkündete, meinte ein Mitglied der Regierungsdelegation: »Wir stünden heute nicht hier, wenn hinter der Bühne nicht 40 Jahre lang ein Dialog zwischen Laurens van der Post und den besten unserer Führer stattgefunden hätte.« Van der Post war der erste südafrikanische Schriftsteller, der den Rassismus attackierte.


Pressestimmen:

Die Zeit:
»Die Werke von Laurens van der Post eröffnen dem Leser Einblicke, die kaum ein anderer Autor vermitteln kann. Seine Romane und Reiseberichte sind äußerst interessant, unterhaltsam und auch spannend.«

Neue Zürcher Zeitung:
»Im Zeichen ungewisser Prognosen über den afrikanischen Kontinent kommt einer Stimme Bedeutung zu, welche vom 'ursprünglichen' Afrika auf Grund persönlicher Kenntnis berichtet: Laurens van der Post. [..] Schon seine ersten Bücher schlagen das Thema an, welches sein gesamtes Werk durchzieht: der Zusammenprall einer in magisch-mythischen Bezügen ruhenden Welt mit unserer Zivilisation im Zeichen von Industrialisierung und Ratio.«

Süddeutsche Zeitung:
»Laurens van der Posts Sprache ist klar und unprätentiös, nie auf billigen Effekt oder Pathos aus. Erfahrungen, pädagogische Aktivität, Engagement: Zeitlebens wollte Laurens van der Post das nicht trennen von der Mystik, vom Abenteuer des Lebens. In diesem Sinne war er einer der gelehrten Naiven des Jahrhunderts.«


Inhalt:

Das verschwundene Volk
Wie sie untergingen
Der Pakt und die Wanderjahre
Der Durchbruch
Drohende Schatten
Versuch vom Norden her
Im Sumpf der Verzweiflung
Die Geister der Tsodilo-Berge
Der Jäger an der Quelle
Das Lied vom Regen


Aus dem ersten Kapitel "Das verschwundene Volk":

Schwinde dahin, o Welt!
Ich hin der Träumer, der übrigbleibt
und sich scharf vor dem Horizont abhebt.
Roy Campbell

Das ist die Geschichte einer Reise in ein großes, wüstes Land, die Geschichte einer Suche nach ein paar rein erhaltenen Überresten der einzigen und fast gänzlich verschollenen Urbewohner meines Geburtslandes, der Buschmänner Afrikas. Die Reise als solche wurde erst vor kurzem durchgeführt, aber in einem tieferen Sinn hatte sie schon viel früher begonnen. Sie reicht in Wirklichkeit in eine so ferne Zeit zurück, daß ich nicht genau angeben kann, wann sie begann.

Eines nur kann ich mit Gewißheit sagen: kaum war ich mir als Kind meiner selbst bewußt geworden, da versank meine Einbildungskraft auch schon tief in Grübeleien über den kleinen Buschmann und sein schreckliches Geschick.

Ich wurde in der Nähe des Großen Flusses geboren, im Innern jenes Gebiets, das jahrtausendelang das große Land des Buschmanns gewesen war. Der Buschmann selber als Volksganzes war schon verschwunden, aber von Geburt an war ich von so vielen rührenden Überbleibseln seiner Rasse und Kultur umgeben, daß er mir außerordentlich nahe war.

Ich begegnete ihm immer wieder von neuem. In kalten Winternächten neben dem Kamin auf der Farm meiner Mutter in Wolwekop („Berg der Wölfe", so nennen meine Landsleute die großen gestreiften Hyänen), oder am Lagerfeuer, wenn die Schakale kläglich kläfften und einem Mutterschaf, das gerade im nahegelegenen Kral gelammt hatte, ein furchtsames Blöken entlockten, während der nächtliche Regenpfeifer über der schwarzen Ebene klagte wie die Pfeife eines Bosuns, - dann stand der verschollene Buschmann lebendig im Mittelpunkt einer verwegenen Geschichte aus der Pionierzeit: ein fröhlicher, tapferer, mutwilliger, unberechenbarer und immer reueloser und trotziger Buschmann.

Obwohl er das Land längst verlassen hatte, schlich er sich in dem gemischten Blut der farbigen Völker noch so verstohlen durch Leben und Wirklichkeit, wie er einstmals das mannigfaltige Wild Afrikas beschlichen hatte. Er lebte in den Augen einer der ersten Frauen, von denen ich aufgezogen wurde; ihr Blick schimmerte noch im Abglanz des ersten Lichtes eines unglaublich alten afrikanischen Tages

Ein Tropfen Buschmannblut verlieh einem sonst reinen Bantugesicht einen wunderlichen mongolischen Zug; ein reines mittelafrikanisches Schwarz wandelte sich zu Aprikosengelb, oder in der wohlklingenden Sprache eines Eroberers war ein onomatopoetischer Klang zu hören, den der Buschmann ihr aufgezwungen hatte.

Je älter ich wurde, um so bekümmerter war ich, daß ich zu spät gekommen war, um ihn noch in seinem Urzustand zu erleben. Jahrelang konnte ich mich nicht damit abfinden. Immer wieder wollte ich Neues und Aufschlußreiches über ihn erfahren, als wartete ich nur auf den Augenblick, in dem er wieder in unserer Mitte erscheinen würde. Ich glaube wahrhaftig, die erste objektive Frage, die ich je im Leben gestellt habe, lautete: „Wer war eigentlich der Buschmann?"

Ich fragte Menschen aller Rassen und Farben, die mit ihm in Berührung gekommen sein konnten, ich fragte so hartnäckig, daß es manchem geduldigen Gemüt schwergefallen sein muß, die unverständliche Beharrlichkeit eines Kindes zu ertragen. Man erzählte mir viel. Aber was man erzählte, machte mich nur noch begieriger, mehr zu erfahren.

Man sagte mir, er sei ein kleiner Mensch gewesen, kein Zwerg oder Pygmäe, sondern eben nur ein kleiner
Mensch, ungefähr 1,60 Meter groß. Er war gut gebaut, von kräftigem und natürlichem Wuchs. Seine Schultern waren breit, Hände und Füße jedoch außerordentlich klein und fein modelliert. Der älteste unserer Suto-Leute sagte, wenn man erst einmal seine kleinen, fest umrissenen Fußabdrücke im Sande gesehen habe, könne man sie niemals wieder vergessen. Seine Fesseln waren schmal wie die eines Rennpferdes, die Beine gelenkig, die Muskeln locker, und er lief wie der Wind, schnell und ausdauernd.

Er eilte in leichtem Trab dahin, wie der Springbock oder der Wildhund. Es hat wohl vor ihm kaum einen Menschen gegeben, der wie er über das Veld und über Geröll laufen konnte. Die Gebeine manches einsamen Basuto und Koranna bleichten in der Sonne als Beweis dafür, wie vergeblich ihr Versuch gewesen war, ihn zu überholen. Seine Haut saß locker, sie fältelte sich früh und wurde unglaublich runzelig. Wenn er lachte, und er lachte gern, erschienen in seinem Gesicht sogleich unzählige Fältchen und Runzeln, die ein feines und reizvolles Kreuz-und-Quer-Muster bildeten.

Mein frommer alter Großvater erklärte, diese lockere, plastische Haut sei „ein weises Walten der Allmächtigen Vorsehung", die es dem Buschmann ermöglichte, bei einem Festmahl mehr zu essen, als ein menschliches Wesen in der Geschichte der Menschheit je zuvor gegessen hat. Infolgedessen wurde nach dem Essen sein Bauch so dick, daß selbst ein Mann wie eine schwangere Frau aussah.

In guten Jagdzeiten hatte er eine Figur wie ein Cupido von Rubens; vorn wölbte sich der Bauch vor, und das Hinterteil reichte sogar beinahe noch weiter nach hinten. Ja, das war noch eines der vielen besonderen Merkmale dieser echten kleinen Buschmannfigur. [...]