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Der Prospektor. Eine illustrierte Erzählung rund um den Brandberg in Namibia

Der Prospektor. Eine illustrierte Erzählung rund um den Brandberg in Namibia

Sachverständig und spannend geschriebener Roman über das harte Leben als Schürfer in Namibia
Bauer, Wolfgang
16035
978-3-93685879-2
neu

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Der Prospektor. Eine illustrierte Erzählung rund um den Brandberg in Namibia

Autor: Wolfgang Bauer
Verlag: Benguela Publishers
Windhoek, 2008
ISBN 99916-82-60-0 (Namibia)
ISBN 978-3-93685879-2 (Deutschland)
Broschur, 15x21 cm, 296 Seiten, etliche sw- und Farbfotos


Beschreibung:

Dieses Buch schildert eindrucksvoll das harte Leben eines Prospektors und seiner Familie in der kargen Einsamkeit der namibischen Landschaft.

Es berichtet von großen Hoffnungen auf Reichtum, Enttäuschungen, Liebe, Tod und Verrat.

Der Verfasser erfährt diese ergreifende Geschichte bei einem Krankenhausaufenthalt von Pieter de Bruin, dem Prospektor, und verdichtet sie zu einem Roman.

Der Leser wird sich der Faszination der Landschaft und der menschlichen Schicksale nicht entziehen können, weil es von einer Welt erzählt, die in unserer zivilisierten Gesellschaft unvorstellbar ist.


Auszug:

Vor einigen Jahren wurde ich ins Staatshospital in Windhoek, Abteilung für Innere Medizin, eingewiesen. Nur für ein paar Tage, „zur Untersuchung" hatte der Arzt gesagt.

Man hatte mich in einem Vierbettzimmer der Inneren Abteilung untergebracht. Bei meinem Eintreffen waren zwei Betten belegt, das andere neben dem meinen war noch frei.

Nach Aufnahme der Personalien und Ausfüllen der Formulare wurde mir leichte Bettruhe verordnet. Es war früher Nachmittag.

Gehorsam legte ich mich nieder, steckte mir den Hörschlauch für den Rundfunk ins Ohr und las ein wenig in meinem mitgebrachten Buch.

Die Sonne schien schräg durch die Fenster, als die Schwestern noch einen vierten Patienten ins Zimmer rollten. Er schlief oder schien bewusstlos zu sein, denn er rührte sich nicht. Ein kleines, eingefallenes Gesicht lugte aus dem Decklaken. Es musste einem betagten Manne gehören. Auf meinen fragenden Blick hin sagte mir eine freundliche, junge Schwester, man habe ihn mit dem Flugzeug von Cape Gross gebracht.

Der Arzt dort habe dem Patienten ein Beruhigungsmittel gegeben, damit er den Flug besser überstehe. Daher schlafe er jetzt noch. Später kam ein Arzt und untersuchte den Schlafenden so gut es in dessen Zustand möglich war. Es schien ernst um ihn zu stehen, denn der Mediziner ordnete regelmäßige Fiebermessungen und Kontrollen des Blutdruckes an.

Mein neuer Nachbar schlief bis in den späten Abend hinein. Dann hörte ich ihn wie in Fieberphantasien vor sich hinsprechen, ab und zu nur flüstern, dann wieder seufzen. Spät erst glitt ich selbst hinüber in einen traumlosen Schlaf.

Der Morgen darauf begann unruhig. Schwestern kamen und gingen und bereiteten die beiden uns gegenüber liegenden Patienten für die Operation vor. Man rollte zunächst einen, später den anderen hinaus zum Operationssaal. Das Reinigungspersonal begann unter sorglosem Schwatzen auf dem Flur mit Eimern und Besen zu rumoren.

Nicht lange, so überfiel es auch unser Zimmer und das angenehme Dahindämmern in einen pflichtlosen Morgen endete abrupt. Auch mein Nachbar wurde wach; er hüstelte heiser. Die diensttuende Tagesschwester kam herein. Sie wollte nachschauen, wie es dem neuen Patienten ginge und seine Personalien aufnehmen. Bei den Daten „Pieter de Bruin, Alter 71 Jahre, Beruf Wagenbauer und Prospektor" stutzte ich. Hatte ich recht gehört?

Nachdem die Schwester gegangen war, sprach ich den Alten an, Verzeihung, ob ich seinen Namen richtig gehört hätte, de Bruin? Ein schmales wettergebräuntes Gesicht mit einer Hakennase, wie sie das Alter oft übermäßig betont, wandte sich mir zu. Ja, er heiße de Bruin, warum frage der Nachbar? Eine Erinnerung durchzuckte mein Gedächtnis.

Ob er, de Bruin, vielleicht einmal - warte, das muss Mitte der fünfziger Jahre gewesen sein - auf der Brandberg-West Mine1 gewesen sei? Der Alte sah mich interessiert an, ja, er sei einmal für ein Dreivierteljahr auf der Mine gewesen; wann genau, das wisse er jedoch nicht mehr. Jetzt fixierte er mich scharf. Man sah es ihm an, es wetterleuchtete in seinem Gedächtnis, aber der Blitz des Erkennens kam ihm nicht. Ob der Nachbar ihn denn kenne? Das Gesicht käme ihm wohl bekannt vor, aber er wüsste nicht ...

In diesem Augenblick kamen zwei Schwestern. Sie holten den alten Mann mitsamt seinem Bett zu einer Untersuchung. Ich hatte mich aufgesetzt und sah zu, wie sie ihn hinausrollten. Als die Tür ins Schloss fiel, ließ ich mich zurückfallen, verschränkte die Arme unter dem Kopf und überließ mich Erinnerungen an lang vergangene Zeiten. Pieter de Bruin! Der Prospektor, Schürfer, Schatzsucher!

Wie ein neuzeitlicher Vortrekker war er damals, nach Öffnung der sogenannten „Roten Linie", auf der Brandberg-West Mine erschienen. Nicht mit einem Ochsenwagen, nein, mit einem klapprigen, bis über das Dach beladenen Lastwagen aus alten Armeebeständen. Wie sich später herausstellte, barg dieses Fahrzeug den gesamten Haushalt der de Bruins, die Familie, den Herd, das Zelt, einen Hund und ein paar Hühner, einen Bambusen, Möbel und sonstige Lebensutensilien, kurz, alles zu einem einfachen Leben Notwendige.

De Bruin hatte sich bei der Minenleitung um eine Anstellung bemüht und seinen Beruf zunächst mit „Prospektor" angegeben. Ihm sei zur Zeit das Geld ausgegangen. Als ihm erklärt wurde, man benötige keinen Prospektor, nannte er seinen erlernten Beruf: er sei Wagenbauer.

Nun, eigentlich bestand auch kein Bedarf für einen Wagenbauer, aber: Schütteltische werde er wohl reparieren können, deren Decks ja auch aus Holz und Metall bestünden? Oh ja, das könne er, er wisse allerlei von Schütteltischen. Aber er müsse oft sonntags arbeiten, weil man nur dann die Wartungsarbeiten in der Erzaufbereitung mache. Ob er dazu bereit sei? Natürlich, natürlich, das verstehe er vollkommen. Er sei ja zum Geldverdienen auf die Mine gekommen und nicht zum Feiern.

Jantzen, mein Kollege in der Aufbereitung, hatte sich für de Bruins Anstellung verwendet, sehr zur Freude seines Schlossers. Nun brauchte der nicht länger die Schütteltische zu reparieren, eine ihm unliebsame Arbeit. Seine Freude wurde später noch größer, als er, ein sich den Dreißigern nähernder Junggeselle von freundlichem, aber zähflüssigem Geblüt, erfuhr, dass die de Bruins eine Tochter hatten.

Sie war ein geschmeidiges junges Ding von vielleicht 13 oder 14 Jahren mit kecker Zunge und aufreizenden Bewegungen. Es bestand also selbst hier in der Wüste die Möglichkeit, seinem Junggesellendasein endlich den Garaus zu machen. So schienen sich die Dinge für alle Beteiligten zum Besten zu entwickeln. Da kein Haus zur Verfügung stand, waren die Neukommer zufrieden, in ihrem eigenen Zelt zu leben.

Nachdem sie sich häuslich niedergelassen hatten, gaben sie uns beiden Vorleuten und dem Schlosser ein fürstliches Einstandsessen nach altväterlicher Weise. Wir saßen dabei unter dem Vordach des großen Hauszeltes. Alkoholische Getränke waren tabu. Im de Bruinschen Hause trank man keinen Alkohol. Nach dem Essen und dem Dankgebet, welches de Bruin bedächtig und gläubig gesprochen hatte, wurde Kaffee ausgeschenkt, jedoch nur in Henkeltöpfen.

Der Hausherr zündete sich eine Pfeife an. Es musste starker Tobak sein, den er rauchte. Er roch aufdringlich und knisterte angsteinflößend im Pfeifenkopfe. Nicht lange, da wendete sich das Gespräch der Schürferei und der Mineralsuche zu. Wir hörten heraus, de Bruin lebte in Gedanken und Träumen viel in Feld und Wüste; er war stets auf der Suche nach den Schätzen dieser Erde, die der Herrgott irgendwo für die Suchenden bereit hält. Man müsse nur Ausdauer und Geduld haben; einmal werde man für sein Suchen belohnt.

Mit Resignation in den verhärmten Zügen hörte die Frau den Träumereien ihres Mannes zu. Sie war eine große Person und überragte ihren kleinen, drahtigen Mann um nahezu einen Kopf, hielt sich aber schlecht, wie unter einer Last gebeugt gehend. Die ab- und zugehende Tochter, den Tisch abräumend und den Kaffee einschenkend, konnte sich nicht enthalten, dem Vater zuzurufen, er solle doch nicht schon wieder vom Prospektieren reden und zufrieden sein, hier Arbeit gefunden zu haben.

Erstaunlicherweise rügten beide Elternteile sie scharf, sie als Kind habe sich nicht in die Gespräche Erwachsener einzumischen. Der strenge Verweis hatte uns Gäste verstört. Wir waren bald danach aufgebrochen.

Die beiden Krankenschwestern rollten den Alten wieder ins Zimmer. Er stand noch unter dem Einfluss einer Narkose. An seinem Bett hing ein Plastiksack; man hatte ihm anscheinend einen Katheder eingesetzt. Ich sprach die ältere Schwester an, was denn dem alten Herrn fehle? Sie zögerte, sie durfte mir ja eigentlich nichts sagen. „Die Ärzte vermuten ein großes Aneurysma" flüsterte sie mir zu: „halten Sie aber den Mund darüber" und hielt sich den Zeigefinger über die Lippen.

Ich hob verstehend die Hand und nickte. Die Schwestern gingen. Krampfhaft überlegte ich: Aneurysma, was könnte das sein? Ich hatte das Wort schon einmal gehört, aber trotz allen Nachdenkens fiel mir nicht ein, in was für einem Zusammenhang. Der Vormittag kroch träge dahin. Gegen zehn Uhr brachte man nacheinander die mir gegenüberliegenden Patienten von der Operation zurück. Sie selbst und ihre Betten sahen erschreckend aus; überall Schläuche, Tropfflaschen und Säcke, teilweise mit blutigem Inhalt. Ich bekam Angst, würde es mir, sollte die Untersuchung etwas Unangenehmes zutage fördern, auch so ergehen?

Mein Nachbar erwachte und klagte über Durst. Ich wusste nicht, ob ich ihm etwas zu trinken geben dürfe und klingelte vorsichtshalber nach der Schwester. Sie war in Eile, „Ja, er darf trinken, geben Sie ihm bitte zwei bis drei Schluck Wasser, ja? Nicht mehr auf einmal. Ich bin in Eile, es klingelt von Uberall. Danke!"

De Bruin lächelte schwach, als er mich erkannte und murmelte leise „Dankie, seun", für meine Handreichung und versank wieder in seinen Dämmerzustand. Gebückt sah ich auf ihn hinunter. Vielleicht hatte er noch einen Wunsch. Da schlug er plötzlich hellwach die Augen auf: „Warst du nicht einer von den Vorleuten damals auf der Brandberg-West Mine?" „Ja", bekannte ich.

"Welcher?" - Ich zögerte. Nach einer Weile des Schweigens: „Ach, ist ja auch gleichgültig, ihr mochtet mich alle beide nicht. Heute sehe ich ein, es war meine Schuld, meine eigene Schuld." Ich tätschelte ihm die Hand: „Lass es gut sein, Oom. Diese Zeiten sind vorbei, vergeben und vergessen," tröstete ich.

Er schüttelte erregt den Kopf. „Vorbei, ja - und vergeben auch, von eurer Seite. Was aber sollte ich euch vergeben? Eure Vorwürfe waren ja berechtigt, und vergessen habe ich die Geschichte nicht, sie war nur verschüttet. Jetzt kommt sie mir wieder in den Sinn. Vielleicht wäre mein Leben anders verlaufen, hätte ich damals auf eure und meiner Frau und Kind Mahnungen gehört. Seit ich jetzt krank bin, muss ich oft daran denken".

Seine Augen wurden trübe „... oft daran denken", murmelte er und versank wieder in Schlaf. Ich tapste zurück in mein Bett. Also hatte der alte Mann die Geschichte nicht vergessen. Trotz seines Versprechens war er an Sonntagen oft nicht zur Arbeit erschienen, die Schütteltische und uns im Stich lassend. Heimlicherweise, und spät in der Nacht war er Sonnabendabends in die umliegende Namib aufgebrochen, meist Frau und Tochter im Zelt zurücklassend.

Wenn wir dort vorsprachen, bekamen wir nur ein bedrücktes Kopfschütteln zur Antwort. Die montäglichen Standpauken von uns nahm er zunächst zerknirscht hin, hörte sich unsere Ermahnungen zur Vernunft mit Kopfnicken und mancherlei „Ja" an. Aber wenn es auf das Wochenende zuging, packte ihn das Prospektionsfieber, und er vergaß sein Versprechen und alle Zusagen.

Da man auf der Mine sich auf de Bruins Erscheinen zur notwendigen Sonntagsarbeit nicht verlassen konnte, ging das nicht lange gut. Man hatte jedoch Mitleid mit seiner Familie und stellte ihn an, die neue Rohrleitung vom Ugab herauf zur Mine zu pflegen und, wo notwendig, zu reparieren. Die Arbeit gefiel ihm zwar nicht, er erledigte sie immerhin mit einiger Gewissenhaftigkeit. Allem guten Zuspruch zum Trotz konnte man ihn nicht bewegen, seine Sonntagsaufgaben, die auch an der Rohrleitung anfielen, zur festgesetzten Zeit zu erledigen. [...]