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Das Herz des kleinen Jägers

Das Herz des kleinen Jägers

Eine faszinierende Ergründung der Buschmann-Mythologie
Post, Laurens van der
16029

sofort lieferbar

11,90 €
inkl. 7% MwSt., zzgl. Versandkosten

Autor: Laurens van der Post
Verlag: Diogenes
Zürich, 1995
Broschur, 11x18 cm, 352 Seiten


Verlagsankündigung:

"Das Herz des kleinen Jägers" ist die Fortsetzung jener außergewöhnlichen Reise, die in der "Verlorenen Welt der Kalahari" begann. Noch einmal beschwört Laurens van der Post die Wüste und ihre Kinder herauf, nun aber bereichert um die Dimension ihrer geistigen Welt.

In den Erzählungen der Buschmänner, ihren Sagen, ihren Legenden findet Laurens van der Post die uralten Schöpfungsmythen wieder. Das Tier besitzt in der Anschauung des Buschmanns mythische Kräfte, es ist eine "Person des frühen Geschlechts", und er selbst hat am Tierleben innigen Anteil.

Die ganze Schöpfungsgeschichte konzentriert sich in dem geheimnisvollen Insektengott Mantis und seiner erstaunlichen Familie, die vom Regenbogen bis zum Alles-Verzehrer, dem Titan einer neuen Götterwelt, reicht. Laurens van der Post weiß die großartige Bilderwelt behutsam zu deuten.

So findet er auch den Schlüssel zum Geist der Landschaft in den Mythen der Buschmänner: Sonne, Wind und Regen sind nichts als Verwandlungen der menschlichen Seele, und so wird begreiflich, daß ein Buschmannkind einen Stern zum Paten haben kann. Was aber das Buch bedeutend macht, ist der ständige Bezug auf die Situation des modernen Menschen, ist die Konfrontation des ungeborenen Ichs mit einem ursprungsnahen Menschenbild von unversehrter Heilkraft, die Konfrontation zweier Kulturen.

Geboren am 13.12.1906 in Philippoles (Südafrika), gestorben am 15.12.1996. Mit 21 Jahren kam der aus einer reichen Anwaltsfamilie stammende Südafrikaner nach London, wo ihn seine Verleger Virginia und Leonard Woolf in den Bloomsbury-Zirkel einführten. Während des Zweiten Weltkriegs leitete er im Pazifik gefährliche Einsätze hinter feindlichen Linien und überstand vier Jahre japanischer Gefangenschaft, nicht zuletzt, weil er selber Japanisch sprach.

Die afrikanischen Idiome, die er als Kind von seiner Nurse gelernt hatte, waren ihm nach dem Krieg bei zahlreichen Expeditionen in Afrika von großem Nutzen. Die bekannteste war jene in "die verlorene Welt der Kalahari" zu den letzten Buschmännern. Der Zusammenprall einer in magisch-mythischen Bezügen ruhenden Welt mit unserer Zivilisation wurde zum Thema, das sein ganzes Werk durchzieht. 1981 wurde der Vertraute der englischen Königsfamilie geadelt.


Aus "Unerwartete Begegnung"

Auf dem Rückweg aus der zentralen Wüste hatten wir eine unerwartete Begegnung, die, so kurz sie auch war, für mich schwerwiegende Folgen hatte. Sie fand am achten Tage statt, nachdem wir die Saugquellen verlassen hatten.

Wir waren noch tief im Innern der Kalahari und kamen auf einer unwegsamen Landstrecke, bis zu welcher der Regen noch nicht vorgedrungen war, nur langsam voran. Da es schon spät im Jahre war, befand sich die Wüste in einem erschreckenden Zustand. Fast alles Gras war verdorrt, und nur die struppigen Stoppeln einer vergangenen Jahreszeit waren hier und da stehengeblieben, so kümmerlich, verblichen und durchsichtig, daß ihr Schatten wenig mehr als eine dunklere Tönung des Sonnenscheins war.

Die meisten Bäume standen blattlos da und hoben sich von dem blendenden Licht, ab wie Knochen auf Röntgenplatten. Das wenige, noch vorhandene Laub sah so verbrannt aus, als würde es bei der geringsten Berührung zu Asche zerfallen. Unter einer so dürftigen Schutzdecke trat der tiefe Sand deutlicher denn je zutage, bei Morgen und Abenddämmerung safranfarben und in der Zwischenzeit schwefelgelb. Nirgends war der Schatten dicht genug, um die Oberfläche zu kühlen. Die wenigen dünnen Schattenstriche schienen von den spitzen Dornen auf den Sand gekritzelt zu sein wie die Zeichen auf den Schriftrollen vom Toten Meer.

Es war kein Wild zu sehen. Raubtiere waren jedoch über diesen Weg gezogen und hatten das Wild offensichtlich vermißt; denn allenthalben hatten sie auf der Erdoberfläche mit Hufen und Klauen nach den Wurzeln und Knollen gegraben, auf die sie zum Leben angewiesen sind, bis der Regen einsetzt. Sie hatten große Löcher und Gräben hinterlassen.

Weite Gebiete sahen so aus, als hätte auf ihnen eine erbitterte Schlacht stattgefunden, und immer kam in der heißesten Tagesstunde ein Augenblick, in dem die Sonnenglut die Erde derart veränderte, daß man der Halluzination verfiel, man bewege sich auf der pockennarbigen Oberfläche einer öden gelben Mondwüste. Sogar Vögel waren selten und kaum zu sehen, nur ein Geier schwebte ständig über diesem Sterbebett der Natur wie eine Spinne, die an einem Faden seidener Luft im Himmelsblau hängt. Die wenigen Vögel, die wir sahen, sangen nicht mehr und schwirrten mit verzweifeltem Blick Nahrung suchend hin und her.

Wir sahen jedoch Schlangen in Mengen. In all den Jahren, seitdem ich die Kalahari kenne, habe ich niemals so viele und auch nicht so herrliche Exemplare gesehen. Ich nehme an, sie kamen deshalb besonders zur Geltung, weil so wenig Gras oder Laub vorhanden war, das sie hätte verbergen können. Je heißer und dürrer die Wüste wurde, um so mehr Schlangen entdeckten wir.

Wie gut paßten sie in diese verödete Szenerie hinein! Wir sahen gekrümmte kleine Nattern, still wie versteinertes Holz und vor der untergehenden Sonne wie buntes Glas leuchtend. Da lagen schwere Puffottern, zusammengerollt wie Reifen aus mattschimmerndem Metall an den Hand und Fußgelenken von Sklaven. Große goldene Kobras zogen schimmernde Fadenstiche durch ihre zerrissene Sanddecke. Vor allem sahen wir schwarze Mambas, die alarmbereit, glänzend und unerschrocken aufrecht in der Sonne saßen.

Eine von ihnen hatte offensichtlich Vogelnester zu plündern versucht und baumelte unschuldig über unseren Köpfen, mit dem Schwanz an einen Baumzweig geknüpft. Schließlich schoß noch eine andere Schlange mit glitzerndem Hieroglyphen-Auge unter meinem Land-Rover hervor, als ich zwischen ihr und ihrem Loch hindurchfuhr. Sie bewegte sich so schnell, daß der Kopf, als ich den Schwanz links neben mir verschwinden sah, schon rechts neben meinem Fenster erschien. Ich hielt sofort, aber da war sie auch schon verschwunden.

Je weiter wir auf diesem Wege fuhren, um so mehr wurden wir selber von der verzweifelten Stimmung des Landes erfaßt. Obwohl wir genug Nahrungsmittel und Wasser für unseren Bedarf mitführten, wurden wir doch genau so wie die Erde durstig, hungrig und furchtsam. Am schlimmsten war, daß die gewaltigen Gewitterwolken, die an den frühen Nachmittagen über den Horizont herangestürmt kamen, keine Macht zu besitzen schienen, den eisernen Ring der Dürre um uns herum zu sprengen.

Oft sahen wir zu, wie sie sich auftürmten, bis sie über uns standen wie Atompilze in der Südsee. Ihre Schatten rollten in purpurnen Falten von einem fernen silbernen Gebirgskamm herab und über unsere schmerzenden Sinne hinweg. In den dunklen Fernen glitzerten die Pfeile ihrer Blitze, die Erde erdröhnte vom Donner, und die weite Wüste lag zusammengeschrumpft in unterwürfiger Pose zu ihren Füßen. Nichts, so meinten wir, könnte jetzt den Regen aufhalten. Einmal sahen wir sogar die Regentropfen aus dem unteren Rande des größten all dieser Wolkengebirge herabstürzen.

Sie schwärmten aus wie aufgestörte Bienen aus einem Bienenstock und kamen auf uns zu, aber ehe sie uns erreichen konnten, verdunsteten sie bereits in der Hitze, die von der Erde aufstieg. Dann erhob sich wie immer der Wind. Er kreiselte gewaltig in dem wie ein Derwisch tanzenden Staub, ehe er emporschoß, um die großen Wolkengebilde auseinanderzureißen.

Wir sahen sie kleiner werden, zerfetzt und verloren im Rot eines apokalyptischen Sonnenuntergangs, und krochen, die Verzweiflung der Erde im Herzen, in unsere Betten auf dem Sand. Vorm Einschlafen mußte ich oft daran denken, daß meine Landsleute, von denen viele bei dem Versuch, die Wüste zu durchqueren, umkamen, ihr den rechten Namen gegeben hatten, wenn sie sie einfach „Das Große Durstland" nannten. [...]