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Gross ist Afrika. Europas dunkle Schwester

Gross ist Afrika. Europas dunkle Schwester

Antiquarischer Titel
Johann, A. E.
08-0082

sofort lieferbar

12,00 €
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Autor: A. E. Johann
Bertelsmann
Gütersloh, 1957
Orignialleineneinband, 16x23 cm, 399 Seiten, zahlreichen sw-Fotos, Zeichnungen und Karten


Zustand:

2 - 3. Einband etwas angestaubt, innen altersbraun aber sauber.


Inhalt:

Der Nordost-Passat jagt seine Wogen hinter uns her. Zuweilen scheint es, als wollten die rollenden Wasserberge das südwärts strebende Schiff überholen. Die schimmernden Seen ziehen eine Weile hoch an der Bordwand dahin; aber dann kämmen sie über und bleiben ermattet zurück. Bis eine ihrer jüngeren Schwestern das gleiche Spiel von neuem beginnt, unermüdlich und doch vergebens.

Wenn ich hoch vom Peildeck des kleinen schwedischen Frachtschiffes nach achtern blicke, so weiden bis zum fernen Horizont tausend silberne Schafe auf tiefblauer Aue: schaumgekrönte Herden des Passats, des herrlichsten und treuesten aller Winde, der nun auch meine Fahrt geleitet.

Im Osten hinter dem messerscharfen Strich der Kimm verborgen ruht die Küste Nordafrikas. Morgen früh werden wir an Dakar vorbeilaufen. Der Kapitän hat mir, dem einzigen Passagier dieses ehrenwerten Bootes aus Göteborg, versprochen, so weit unter Land zu gehen, als ihm die Riffe und Klippen von Kap Verde (an denen schon manches gute Schiff scheiterte) nur irgend gestatten. So werde ich wenigstens im Fernglas die weißen Häuser Dakars, der Hauptstadt Französisch-Westafrikas, ihre stolzen Promenaden und ausgedehnten Hafenanlagen betrachten können.

Denn nach Senegal und Dakar wird mich meine afrikanische Straße diesmal nicht führen. Mein Programm schreibt eine andere Route vor. Groß ist Afrika, und man kann nicht überallhin fahren auf diesem gewaltigen, dunklen Kontinent voll ungeahnter Zukunft. Hinter Dakar im Nordosten dehnen sich die größten Wüsten dieser Erde, wenn man von den Eiswüsten Grönlands und der Antarktis absieht.

Die Sahara hatte ich durchqueren wollen, und wenn alles nach Wunsch und Plan gegangen wäre, dann hätte ich dieses Schiff gar nicht zu besteigen brauchen, wäre zu Lande über Spanien zur Sahara vorgedrungen und hätte mir die Wüste von Oran oder Algier südwärts auf meine bescheidene Weise erobert - jene Weise der geruhsamen und gründlichen Betrachter, die von niemand zu festgesetzter Frist erwartet werden, die hier und dort verweilen, wie es Schicksal oder Zufall wollen, oder die Menschen, die am Wege wohnen.

So hatte ich vor siebzehn Jahren schon einmal den afrikanischen Kontinent durchstreift. Und so hatte meine Reise auch diesmal beginnen sollen. Aber das scheiterte an den übelsten aller Hindernisse: den papierenen. Das Visum für den Belgischen Kongo wollte sich nicht einstellen. Woche für Woche und Monat für Monat ging ins Land, und stets hieß es auf dem belgischen Konsulat: „Wir haben leider noch keine Nachricht."

Die Franzosen aber waren nur dann bereit, mir die - schon bewilligten - Visen für ihre nordafrikanischen Kolonien in den Paß einzutragen, wenn ich das Anschluß-Visum für den Belgischen Kongo bereits vorweisen konnte. Die Katze biß sich also eifrig in den Schwanz.

Im Januar, der besten Zeit für die Sahara, hatte ich abfahren wollen. Es wurde Februar, März und dann April. Die mildherzigen Franzosen trugen mir schließlich die Visen für Algerien, Marokko, Französisch-West- und Französisch-Äquatorial-Afrika in meinen stempelhungrigen Paß, obgleich die Belgier sich noch immer „über mich erkundigten". Aber das nutzte mir alles nichts mehr. Denn im April beginnt südlich der Sahara, in Nigerien zum Beispiel (die nigerische Calabar-Provinz wollte ich aus bestimmten Gründen nicht von meiner Route streichen), die Regenzeit, und dann wird jeder Verkehr auf weitere Entfernungen unmöglich.

Ich mußte also - selbst wenn das belgische Visum nun gekommen wäre - meinen ganzen Reiseplan umbauen und südlich des Äquators mit meiner Afrika-Fahrt beginnen; denn dort bricht im April die trockene Zeit an: der Südwinter. Südlich des Äquators und des Belgischen Kongo liegt Portugiesisch-Westafrika oder Angola. Angola also erhob ich nun zu meinem ersten Ziel.

Der Volkswagen-Bus, den ich mir nach allen meinen australischen und afrikanischen Erfahrungen für die Tropen hatte umbauen und einrichten lassen, wartete längst auf die Abreise, stand scheinbar sehr still und geduldig im Stall; aber ich wußte, daß ihm die Kolben schon eine ganze Weile vor Ungeduld zitterten, die Kerzen knisterten und die Reifen juckten.

Damit das forsche, olivgrüne Tier mir nicht den Stall hinten und vorn zerschlug, beschloß ich, es zunächst nach Lissabon laufen zu lassen und es dort auf einem der schönen, neuen portugiesischen Dampfer nach Angola zu verfrachten - denn bis Lissabon würde sich Wanda (auf diesen Namen hatte ich meinen Bus getauft) schon die ersten Sohlen abgelaufen haben.

Aber dann telegrafierte das portugiesische Wunderschiff im letzten Augenblick ab; es könnte zwar mich nach Angola mitnehmen, aber Wanda nicht; es wäre total voll. Ohne Wanda bin ich in Afrika nur ein halber Mensch. Also ließ ich den Portugiesen ohne mich seine nasse Straße ziehen.

Ich buchte um auf diesen kleinen Schweden, den ich in Bordeaux abfangen sollte. Das erfuhr ich in Basel, 24 Stunden vor seiner Abfahrt. Von Basel nach Bordeaux sind es aber rund 1000 Kilometer, und die Straßen durch das mittelfranzösische Hügelland bestehen nur aus Kurven, steilen Steigungen und ebenso steilen Abfahrten. Nun sollte Wanda zeigen, was sie konnte. 20 Stunden durfte die Fahrt dauern. Wanda kam ein wenig ins Stottern unterwegs; es war so furchtbar dunkel in der Nacht. Aber dann besann sie sich auf ihre gute Abkunft und lief wie ein Wiesel, daß der Staub nur so hinter uns her wölkte.

Und in Bordeaux - verflixter Kram! - fand ich ein Telegramm der Belgier vor, daß die Einreise in den Belgischen Kongo gewährt sei und daß ich das Visum in Matadi, dem Eingangshafen der Kolonie, in Empfang nehmen könnte. Ich hätte mir die Haare raufen mögen: nun war ich nach Angola gebucht! Aber der alte Schwede, der den hübschen 6000-Tonner befehligte, bereitete mich schon in der ersten halben Stunde darauf vor, daß er wahrscheinlich eine ganze Woche in Matadi liegen bleiben müßte; sein Schiff hätte Berge von Ladung in Matadi zu löschen; er müsse obendrein nach Pointe Noire zurücklaufen und könnte erst dann Kurs auf Luanda und Lobito in Angola nehmen.

Eine ganze Woche in dem glutheißen Matadi zu schmoren, verspürte ich nicht die geringste Lust. Make the best of it, sagte ich mir und entschloß mich, in Matadi sofort das Schiff zu verlassen; Wanda sollte allein nach Lobito Weiterreisen. Ich aber würde den ganzen Kongo und den Lualaba aufwärtsgondeln, in Bukama, dem Endpunkt der Schiffahrt, in den Zug steigen und mit der Benguela-Bahn nach Lobito reisen.

Dann hatte ich, während Wanda sich noch ausruhte, den mächtigen Kongo schon befahren, die gewaltigen tropischen Urwälder Zentralafrikas schon in ihrer ganzen Ausdehnung durchquert. Ich mag die Zeit nicht auf den heißen Eisenplanken eines Schiffes im Hafen verdösen. Nein, der Kongo und die dünstenden Wälder lockten mich, die ewige Glut und die große Schwüle des ewigen Sommers am Äquator warteten auf mich.

Ich bin vom Tanganyika-See her dem Lukuga, dem Lualaba und dem Kongo schon einmal stromab gefolgt und habe seitdem davon geträumt, ihn abermals und dann stromauf, also langsamer noch und eindringlicher, zu bereisen. Nun ist es soweit!